Zuhause

Zeltgottesdienst am Sonntag, dem 18.08.2019

Thema: Zuhause

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Johannes 14,2, Lukas 15,20-32

Liebe Gemeinde und heute Morgen mal besonders liebe Helsinghäuser!

Die Ferien sind vorbei. Als wir letzte Woche am Ende unseres Urlaubs wieder hier eintrafen und wir am Abend auf unserer Terrasse saßen, meinte meine Frau: “Ach, ist das schön, wieder zu Hause zu sein!” Für sie – im Gegensatz zu mir – braucht ein Urlaub gar nicht lang zu sein. Denn sonst kriegt sie dann schnell Heimweh. Denn “zu Hause” ist es doch am schönsten! Wie viele hängen sich so ein kleines Schildchen in die Wohnung: “Home sweet home”.  Zuhause ist unser Thema heute.

Es ist sehr schön, nach drei Jahren wieder einmal hier in Helsinghausen Zeltgottesdienst zu feiern. Als ich mir im Vorfeld Gedanken über das Thema heute Morgen gemacht habe, da spielte euer Ort hier eine große Rolle. Zuhause? Wieso das? Der Grund ist die Bedeutung eures Ortsnamens “Helsinghausen”. Ich habe mal in eure kleine Chronik von 2007 geschaut. Und da liest man einiges Interessante. Zum einen, dass der Ort Helsinghausen im 13. Jahrhundert seinen Ursprung hat. Vor ein paar Jahren haben wir hier ja 777 Jahre Helsinghausen gefeiert. Aber dann liest man da auch: “Diejenigen Ortsnamen, welche auf ‘hausen’ ausgehen, weisen auf Wohnplätze von freien, ja edlen Leuten hin. Denn ‘hus’ heißt das Haus des Freien oder Ritters.”

Wohnplätze von freien, ja edlen Leuten!

Als ich das gelesen habe, wurde ich an ein Wort Jesu erinnert, wo er auch von Wohnplätzen redet. Wohnplätze für freie und edle Leute. Für Kinder Gottes. Man könnte sagen: Er redet von “Kinder-Gottes-Hausen”. Im Johannesevangelium heißt es: ” “Jesus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?”

Darum geht es heute: Wir haben ein Zuhause bei Gott! Großartig! Bei Gott zuhause! Was bedeutet das für uns?

Dem wollen wir heute nachspüren. Und dabei beginnen wir so, dass wir erst mal die beiden Bestandteile des Wortes vertauschen. Denn auch das gibt es. Aus “Zuhaus” wird dann “Haus zu”.

1) Haus zu

Das ist ein blödes Gefühl! Wenn das eigene Haus verschlossen ist, und der Schlüssel liegt drin. Ist Ihnen das mal passiert? Da steht man vorm eigenen Haus und kommt nicht rein! Mir ist das mal als Jugendlicher in meinem Elternhaus passiert. Das war richtig blöd. Und es war mitten in der Nacht. Da konnte man auch sonst nirgends klingeln. Zum Glück gab es da irgendwo ein kleines, gekipptes Kellerfenster. Und mit etwas Tüftelei gelang es mir, das irgendwie aufzubekommen. Da hab ich mich zum 1. Mal in meinem Leben als Einbrecher betätigt. Also, wenn es mit dem Pastorsein nicht geklappt hätte, hätte ich schon noch eine Berufsalternative gehabt…

Das eigene Haus zu. Vielen Menschen geht das so im Leben, dass sie den Eindruck haben, sie haben kein Zuhause. Nur verschlossene Türen. Ich meine jetzt nicht nur die unzähligen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, auf der Suche nach einem neuen Zuhause, nach einer neuen Heimat. Sondern ich meine auch Menschen in unserm Land, die innerlich heimatlos sind. Die dieses Gefühl von Geborgenheit, von Wertschätzung, von Angekommensein nicht haben, die innerlich rastlos und ruhelos umherirren, immer auf der Suche nach der offenen Tür zum Glück. Die von einem Freizeit-Adrenalin-Kick zum nächsten hasten, von einem Job zum nächsten eilen, von einer Beziehung in die nächste stolpern, die unzufrieden und innerlich obdachlos, heimatlos sind. Menschen, die in ihrem Leben viel Ablehnung, mitunter tiefe Verletzungen erlebt haben. Ich denke an jene alte Frau, die mir bei einem Geburtstagsbesuch mal erzählte: “Meine Eltern haben mich nie gewollt. Und das haben sie mir auch gesagt. ‘Wir wollten einen Jungen haben, der sollte mal den Hof übernehmen, und du bist nur ein Mädchen!’  Und mein ganzes Leben hab ich das zu spüren bekommen. Ich bin gar nicht gewollt.” Schrecklich so was. Da lebt man zuhaus und hat kein Zuhaus. Stattdessen Haus zu. Das Haus der Liebe. Das hat mir so leid getan! Vielleicht geht es dir ähnlich? Das Gefühl, nicht gewollt, nicht geliebt zu sein?

Jemand hat mal gesagt: Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Nietzsche, der Philosoph und Dichter, hat es in seinem Gedicht “Vereinsamt” so gesagt, ja, geradezu geschrien:

“Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst,
macht nirgends Halt.
Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Und nun sagt Jesus: Es gibt Heimat! Und so das 2., aus “Haus zu” wird nun “Zuhaus”.

2) Zuhause

Jesus sagt: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Es gibt also ein Zuhause, es gibt Wohnungen in meines Vaters Haus. Es gibt ein “Kinder-Gottes-Hausen”. Denn einer hat dich gewollt: Gott, der dir das Leben gab! Beim ihm darfst du Zuhaus sein. Sein Haus ist offen, hat offene Türen.

Allerdings – wie kommt es, dass wir trotzdem, obwohl wir das vielleicht wissen, uns oftmals so unstet und heimatlos fühlen? Die Geschichte, die Jesus erzählt hat, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, die zeigt uns zwei Menschen, die eigentlich ein Zuhause haben, ein wunderbares Zuhause. Das ist ja ein Gleichnis für das Zuhause bei Gott. Aber trotzdem haben sie den Eindruck, dass das Haus zu ist. Der eine meint: Wenn er zuhause beim Vater bleibt, dann verpasst er was vom Leben. Dann kommt er zu kurz. Man will selbstbestimmt sein Glück in die eigene Hand nehmen. Und so schlägt er selbst die Tür zum Vaterhaus hinter sich zu.

Das ist doch ein Denken, was heute so verbreitet ist! Der Mensch muss selbst definieren, was sein Glück ist. Er will frei sein. Frei auch von allen einschränkenden Geboten und Maßstäben, frei von dem, was die Bibel sagt. Ich weiß doch selbst, was mir gut tut. Ob das im Umgang mit dem Geld ist, im Bereich von Ehe und Sexualität, in der Wissenschaft, wo man meint, alles, was möglich ist, ist auch gut und erlaubt – und jetzt fängt man an, Mischwesen aus Mensch und Tier zu produzieren, weil man damit ja so viel Gutes tun kann. Wir wissen doch selbst, was gut ist: Ob ein Mensch leben darf oder nicht bestimmen wir auch selbst, sei es vor der Geburt oder am Ende des Lebens. Genau wie dieser verlorene Sohn, der nicht mehr auf seinen Vater hören will, der seine Freiheit sucht, abhaut. Doch er findet nicht wirklich dauerhafte Freiheit, sondern verliert sein Zuhause!

Und der andere Sohn? Er bleibt Zuhause, aber er hat auch kein Zuhause. Denn es ist für ihn kein Zuhause, weil er sich eher als Sklave und nicht als Kind des Vaters fühlt. Das wird in dem Gespräch mit dem Vater sehr deutlich. Denn als das große Fest für den verlorenen und nun heimgekommenen Sohn gefeiert wird, da ist er wütend, neidisch, sauer:

28 Der ältere Bruder wurde wütend und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam sein Vater zu ihm heraus und redete ihm gut zu: ›Komm und freu dich mit uns!‹
29 Doch er entgegnete ihm bitter: ›All diese Jahre habe ich mich für dich abgerackert. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden einmal richtig hätte feiern können.

Wisst ihr, was hier deutlich wird? Der Typ war die ganze Zeit zuhause, und war doch nicht zuhause! Er sah sich nur als der der sich abgerackert hat! Während der jüngere Sohn für Menschen steht, die sich vom Zuhause bei Gott abwenden, die selbstbestimmt die Freiheit von Gott suchen, steht der ältere Sohn für einen anderen Irrweg: Für Menschen, die meinen, dass sie bei Gott sind, aber deren Glaube nur aus frommer Pflichterfüllung besteht. Man betet, geht zur Kirche, versucht, ein anständiges Leben zu führen, aber all das nur, weil man denkt: Es ist meine Pflicht. Ich muss das alles tun, um in den Himmel zu kommen. Aber man fühlt sich bei Gott nicht wirklich zuhause. Obwohl der da wohnt, heißt es in V. 28: “er wollte nicht ins Haus gehen.” Menschen, die zu Gott gehören wollen und doch nicht bei Gott zu Hause sind! Und wenn dann was schief geht im eigenen Leben, dann kommen die Vorwürfe an Gott: Ich war immer für dich da, habe dir gedient, und dann so was? Was soll das, Gott? Oder es kommen Neid und Missgunst auf: Gott, schau dir mal diese gottlosen Menschen an, die sich einen Dreck um deine Gebote scheren, wie gut geht’s denen! Die  leben in Saus und Braus, die haben Erfolg im Beruf und auch ihre Kinder geraten gut, die sind glücklich! Was soll das???

So etwa schimpft dieser Sohn. Immerhin, es kommt mal raus! Warum hat er nicht längst schon mal mit seinem Vater darüber gesprochen?

Und ich find es klasse, wie liebevoll sich der Vater auch um diesen Sohn kümmert. Da kam sein Vater zu ihm heraus und redete ihm gut zu: ›Komm und freu dich mit uns!‹

Er redete ihm gut zu! Komm, und freu dich mit uns! Du bist doch hier zuhause! Nun lebe auch in diesem Zuhause! Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

Hast du denn noch nicht verstanden, dass du mein Kind bist? Was mir gehört, das gehört doch auch dir! Schau mal den Reichtum der Gaben, die ich dir geschenkt habe, die Schönheit der Schöpfung, all das Gute in deinem Leben, ist alles ein Geschenk von mir, weil du bei mir zuhause bist! Glaube ist doch nicht “Regelion”, das Einhalten von irgendwelchen Regeln und Pflichten. Du bist ein Kind Gottes, also lebe so, dass man das auch spürt! Bei Gott zuhause sein, heißt: in Gottes Herz wohnen, in seiner Liebe wohnen. Der Friedrich Nietzsche, den wir vorhin schon hatten, der sagte ja auch: “Die Christen müssten schon erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte!” Merkt man das eigentlich, dass wir ein Zuhause haben? Dass wir bei Gott zuhause sind und dass er uns so viel gibt, schon hier in diesem Leben, aber eben dann auch nach diesem Leben ein ewiges Zuhause in seiner Gegenwart! Dass befreit doch, so ein Zuhause zu haben.  Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein! Das sagt der Vater noch. Das ist doch eine Aufforderung an alle Christen, an alle Bewohner von Kinder-Gottes-Hausen. Und da erinnern wir uns wieder an diese alte Bedeutung der Ortsnamen, die auf “-hausen” enden: Wohnplätze von freien, ja edlen Leuten.

Das sind Kinder Gottes: freie und edle Leute!

Amen.