Wie ausgewechselt

Gottesdienst am Sonntag, dem 12.08.2018

Thema: Wie ausgewechselt

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Galater 2, 16-21

 

Liebe Gemeinde,

“Christiane, wir wechselst du eigentlich Reifen?” so meine Frage, als ich vor Jahren einigermaßen bedröppelt vor ihr stand – wir waren frisch verlobt, Christiane wohnte noch in Ohndorf, und ich war gerade zu Besuch. – Nun muss man wissen: Meine liebe Frau Christiane hatte mir in manchen praktischen Dingen des Lebens einiges voraus. Zum Beispiel hatte sie schon jahrelang ein eigenes Auto gehabt. Während ich mich zugegebenermaßen mit Autos noch nicht besonders gut auskannte. Ich wollte ihr eine Freude machen und die Reifen ihres Renault 5 wechseln. Allerdings war die Durchführung dieses hehren Vorhabens nicht besonders gut gelungen. Denn in völliger Unerfahrenheit löste ich zunächst mal voller Tatendrang sämtliche Schrauben von allen vier Rädern, bevor ich das Auto mit dem Wagenheber hochhiefen wollte. Dazu kam es nicht mehr. Denn plötzlich schepperte es laut, die Räder klappten alle gleichzeitig nach außen und schwupps – das Auto lag tiefer. Dieser Reifenwechsel war gründlich schief gegangen.

Na ja – was man kaum verstehen kann: Christiane hat mich trotzdem geheiratet! Inzwischen habe ich auch schon ein paar Mal erfolgreich Reifen gewechselt. Es ist ja eine wichtige Sache: Nicht nur von Sommer- und Winterreifen, sondern vor allem ist der Reifenwechsel dringend nötig, wenn das Profil abgefahren ist. Sonst wird’s gefährlich! So viel muss immer wieder ausgewechselt werden: der Zahnriemen, sonst geht der Motor Schrott, eine alte Batterie, sonst springt nix mehr an, oder das Schwungrad der Kupplung (hatten wir auch schon, teurer Spaß, über 1.000 Euro!).

Dinge auswechseln, das gehört zu unserm Alltagsleben dazu! Heute kann man ja sogar im Körper so manches auswechseln. Da wird schon mal ein neues Kniegelenk eingebaut. Oder eine neue Hüfte. Oder was auch immer. Und dann klappt manches besser.

Paulus spricht in unserm heutigen Predigttext davon, dass auch durch den Glauben an Jesus Christus bei uns etwas ausgewechselt wird. Aber nicht nur ein bisschen was, da geht es nicht nur um ein paar Ersatzteile, da wird etwas völlig neu! Da werden nicht nur Reifen gewechselt, sondern der Motor unseres Lebens wird völlig neu!

Hören wir noch einmal den zentralen Satz aus dem Predigttext:

20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

Liebe Gemeinde, hier geht es darum, was Glaube heißt: Ein neuer Motor unseres Lebens. Was heißt das konkret?

Ich möchte zunächst mal ein Missverständnis schildern, was wir Menschen sehr oft unter Glauben verstehen. Ich bin überzeugt, dass wir – und da ging es den Gemeinden in Galatien, an die Paulus seinen Galaterbrief schrieb – nicht anders, den Glauben oft so verstehen, dass Gott uns die Karosserie unseres Lebens aufpoliert. Wie meine ich das?

Wir merken, je älter wir werden, dass das Auto unseres Lebens ja im Laufe der Zeit immer mehr Beulen bekommt, hier mal ein kleiner Crash, der Lack ist ab. Hier eine Schramme, das hat sich Rost angesetzt. Wir machen Fehler, merken, dass in unseren Beziehungen nicht alles gut gelaufen ist, oder manch einer erlebt sogar, wie er den Wagen seines Lebens auch mal komplett vor die Wand fährt. Und dann erkennen wir: Es wäre gut, einen Meister zu haben, der unser Leben aufpoliert, der uns hilft, das Leben in den Griff zu bekommen, der hier und dort ein paar Dinge repariert, einen Reifenwechsel oder so was. Und das kann der Glaube tatsächlich bieten.

So ging es den Galatern auch. Sie waren eigentlich mit sich und ihrem Leben ganz zufrieden, sie waren sehr gesetzestreu und fromm. Viele von ihnen waren jüdischer Herkunft.

Sie merkten: Wir geben uns Mühe, Gott zu gefallen. Aber so ganz 100%ig klappt es nicht. Da gibt’s im Glanz der Karosse immer mal nen Kratzer, ne Schramme, ne Beule.

Und dann haben sie durch Paulus von Jesus gehört – Jeshua – und erkannt: das ist unser verheißener Messias, er ist der Retter und Helfer, er bringt in Ordnung, was schiefläuft! Er ist der KFZ-Meister meines Lebens. Er biegt wieder zurecht, was ich verbeult habe. Oder was andere an mir verbeult haben.
Und so haben sie ihre Glaubensfahrt begonnen.

Oh, Gott, jetzt hat’s gerummst. Total in Lügen verfranst. ich hab einfach Mist gebaut. Danke, dass du mir vergibst, bring das bitte wieder zurecht.

Hm, Jesus, jetzt fühle ich mich total allein und einsam. Mein Freund hat Schluss gemacht. Ich fühle mich total aus der Spur gekommen, als ob ein Reifen geplatzt ist. Kannst du das reparieren? Es ist großartig, wenn wir die Kraft des Gebetes entdecken! Wenn wir erleben, wir Jesus uns wirklich auch in den Krisen zur Seite steht! Dass er in den Alltagsproblemen des Lebens hilft.

Oder: Gott, ich bin so traurig, das war so lieblos von meinen erwachsenen Kindern. Sie können immer nur die Geburtstagsgeschenke einkassieren, aber wenn ich länger als zwei Tage bleibe, wollen sie mich wieder loswerden. Ich bin zu alt. Das fühlt sich so dunkel an. Mein Licht ist schwach geworden. Gut, dass du an meiner Seite bist und mich tröstest. Danke, dass du mir wieder eine neue Birne in den Scheinwerfer meines Lebens einsetzt.

Oder: Unsere Beziehung hat so viel Rost angesetzt. Kannst du uns helfen, das wieder in Ordnung bringen?
Ich glaube schon: Jesus kann, Jesus wird uns helfen.

Liebe Gemeinde, das ist so viel Wert, wenn wir in den Problemen, Sorgen und Nöten des Lebens zum KFZ-Meister Jesus gehen! Ich möchte Sie und auch mich selbst immer wieder ermutigen, das doch zu tun! Die Kraft des Gebets zu erleben. Nicht alles selber reparieren wollen. Und nicht erst ganz am Schluss, wenn es schon zu spät ist. Sondern rechtzeitig Hilfe bei Gott zu suchen, vielleicht auch über die Seelsorge. Und manch einer kann wirklich berichten, wie Gott ihm geholfen hat.

So ist Glaube. Hilfe zum Leben.

Aber ich habe doch gesagt: Es geht um ein Missverständnis. Nun, es ist kein Missverständnis Glaube so zu sehen und zu erleben. Aber das Missverständnis wäre, wenn wir sagen: Das reicht. Es reicht mir, wenn Gott mir in den Notlagen meines Lebens zur Hilfe kommt. Wenn Gott der ADAC meines Lebenswagens ist. Bei jeder Lebenspanne ein Stoßgebet, eine Hilfe, eine Kraftquelle ist. Ein Notnagel, an den wir uns klammern.

Und das reicht uns an Glaube! Es reicht uns, wenn Gott hier und da eingreift, uns hilft. Das Eigentliche unseres Lebens, der Motor, das, was uns in Bewegung setzt, das sind und bleiben wir selbst.
Damals in der Zeit des Paulus sagten Galater: Es ist ja toll, dass Christus so viel für uns getan hat, der Glaube ist ja auch sehr hilfreich, aber etwas muss man doch auch selber tun: wir müssen doch auch die Werke tun, die das jüdische Gesetz fordert, um in den Himmel zu kommen. Mir kommt diese Einstellung leicht abgewandelt bekannt vor: Der Glaube ist ja schön und gut, aber wir müssen doch auch selber etwas leisten. Manch einer stellt – ohne dass er es merkt – neue Gesetze für das Christsein auf: Zum Glauben gehört, dass du täglich in der Bibel liest, dass du möglichst jeden Sonntag zum Gottesdienst gehst, einen festen Gemeindekreis besuchst, immer freundlich bist und mindestens einmal wöchentlich einem anderen von deinem Glauben erzählst, dass du dich für die Armen einsetzt und für die Umwelt und für die Flüchtlinge. Ist das denn falsch? Nein, es ist gut und richtig, aber doch nicht als Gesetz! Da kommst du zum Glauben, du erlebst Befreiung, Freiheit von Schuld und Zwängen, aber auf einmal kommt dann wieder neuer Druck in dein Glaubensleben: Du musst, du musst, du musst…

All diese Dinge, die ich da eben aufgezählt habe, die irgendwie zum Glauben gehören, sind ja wirklich gut und richtig. Nur, wenn ich daraus ein Gesetz mache, das ich stolz erfülle oder an dem ich niedergeschlagen scheitere, dann will ich letztlich selber der Motor sein. Ich bin der, der sich den Himmel wenigstens ein Stück durch eigene Leistung mitverdienen will.

Ständig kommt die Stimme im Hinterkopf, die mir Vorschriften machen will. Du musst dieses und jenes tun oder lassen. Dich so oder so verhalten. Und am Ende will ich mir selber den Himmel verdienen, weil ich ein guter und frommer Christ sein will.

Doch dann merke ich: Es klappt so gar nicht, weil ich an diesen mir selbst gemachten Gesetzen immer wieder scheitere. Ich merke: Ich bin eben doch nicht der tolle Kerl, der ich gerne wäre. Ich merke: Ich werde an meinen Kindern immer wieder schuldig, weil ich ihnen nicht die Zeit und Liebe schenken kann, die ich möchte. Und auf einmal wird der Glaube zur Last. Von der Lust zur Last. Von der Lust zum Frust.
Und nun sagt Paulus: Es gibt etwas Besseres! Geh in die Werkstatt Gottes, und lass das entscheidende auswechseln: der Motor! Der alte, stotternde Motor muss raus. Der Ich-Motor! Der neue Motor heißt Jesus. Lass dein Herz auswechseln! Jesus will der Motor deines Lebens sein.

Wollen wir noch mal in den Text schauen.

16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes [d.h. durch den eigenen Motor, die eigene Leistung] nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus. [Also, damit unser Leben sein Ziel erreicht, durch den Motor Jesus]
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. [Ich fahre, aber nun nicht mehr aufgrund meiner eigenen Anstrengung, sondern Christus ist der Motor in mir]

Denn was ich jetzt lebe in diesem vergänglichen Leben, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.

So sind diese auf den ersten Eindruck doch so fremd und schwer wirkenden Worte vielleicht etwas besser zu verstehen.

Hier steckt ein wunderbares Geheimnis für ein unverkrampftes, fröhliches Christsein darin: das Geheimnis des Motorwechsels. Wenn Paulus sagt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ meint das nicht: Paulus hält sich für den perfekten Christen. Den gibt es gar nicht. Die Bibel kennt gar keine perfekten Christen. Es gibt keinen perfekten Christen außer Christus selbst.

Sondern das heißt: Natürlich kenne ich auch Versagen und Niederlagen, dass ich mich ertappe in Gefühlen der Selbstgerechtigkeit, oder dass ich in Sünde falle. Dass ich auch Verzweiflung kenne und Zweifel. Aber ich weiß, das alles macht nicht mehr meine Existenz aus. Aus Gottes Sicht sind all diese Negativerfahrungen nicht mehr der Kern, das Innerste meines Lebens, meiner Person. Sondern das sind eher Begleiterscheinung meines Lebens. Das sind die Löcher und der Rost in der Karosse, der Defekt hier oder da. Der Kern meines Lebens, der Motor ist Jesus. Dieser Motor ist unkaputtbar. Der fährt und fährt und fährt. Der hält in Ewigkeit. Denn das Schlimmste, was man ihm antun konnte – der Tod, der jeden anderen zum Totalschaden geführt hätte – den hat er überwunden, überstanden, auferstanden, dann kann ihn nichts mehr kaputt machen. Und der steckt in mir. Dann brauch ich doch nur auf ihn zu schauen. Ich kenne Momente, in denen ich auch traurig bin. Aber dann will ich mich erinnern: Er ist in mir! Er hilft mir auf, gibt mir neue Kraft. In dir ist Freude in allem Leide. Ich weiß, dass ich selber auch schwach bin. Und dann will ich mich an die Worte Gottes erinnern: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft, mein Motor, ist in den Schwachen mächtig.

Und dann ist es so, als ob eine riesige Last von meinen Schultern fällt, im Auto-Bild gesprochen: als ob die Bremse gelöst wird. Aus dem Krampf wird ein fröhlicher Glaubenskampf. Das ist ein Unterschied: Mit Gottes Motor in mir, kann ich Gas geben, kann nach vorne schauen und fahren auf das Ziel meines Lebens zu, Gottes Herrlichkeit. Und unterwegs will ich auch anhalten, will andere mitnehmen, die am Wegesrand stehen. Und wenn ich dann doch mal – viel zu oft – dran vorbeifahre, darf ich Gott um Vergebung bitten, umkehren.

Manchmal höre ich, wie der Motor in meinem Herzen klopft, nicht weil er kaputt ist, sondern weil er mich erinnert: klopf, klopf, poch, poch: schau mal, diesen Menschen da, willst du ihm nicht helfen?
Und all diese Dinge, die das Christsein konkret werden lassen, die ich vorhin aufgezählt habe, sie sind mir dann nicht mehr ein Gesetz, eine Christenpflicht, sondern es gibt eine ganz neue Motivation. Das Wort Motor und Motivation hat dieselbe Wurzel: bewegt! Wir werden bewegt. Doch eben nicht mehr von uns selbst, vom Druck, den wir uns machen, sondern von Jesus, dem Motor in uns.

Wie mir eine Frau mal erzählte: “Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Früher hätten mich keine 10 Pferde in die Kirche gebracht, der Gottesdienst hat mich überhaupt nicht interessiert. Und nun, seit ich Jesus wirklich kenne, nun kann ich gar nicht mehr ohne. Mein Auto fährt am Sonntagmorgen beinahe ganz von selbst zur Kirche!”

Tja, das ist der neue Motor!

Ich glaube, es ist beides gut und wichtig beim Glauben: Dass wir die Karosse, die Probleme und Sorgen des Alltags, zum KFZ-Meister Gott bringen, immer wieder reparieren lassen, was es zu reparieren geht. Aber dass wir vor allem auch den Motor wechseln lassen. Dass wir den Motor Jesus uns haben.

Übrigens: Beim Motor braucht es auch Motoröl, damit der Motor immer gut läuft. In der Bibel wird Öl oft als Bild für den Heiligen Geist benutzt. So sollten wir den Heiligen Geist in unser Leben einladen, dass der Motor geschmiert wird. Der Heilige Geist hilft uns, dass der Glaube an den Motor Jesus Christus immer rundläuft, nicht ins Stocken gerät. Und ihn können wir immer wieder neu einladen im Gebet. Wie wir es vorhin gesungen haben: “Herr, komm in mir wohnen…” Das ist nicht eine einmalige Sache. Manche kennen ein Datum ihrer Bekehrung. Ja, schön! Aber wir müssen täglich den Glaubensmotor pflegen, ihn immer wieder neu ölen.

Zum Schluss noch zwei kurze Gedanken für die Autofahrt unseres Lebens, wenn Jesus der Motor ist. Und da helfen uns die beiden Namen unsrer Segnungskinder heute: Noa und Noah!

Noa kommt aus dem Hebräischen und heißt “die Bewegende” oder “Bewegung”. Das passt doch super zu Jesus als Motor! Wir können uns von Noa erinnern lassen, dass Jesus uns in Bewegung setzt. Er gibt uns eine Dynamik, einen Schwung, eine Kraft. Er bewegt uns zu Gott und zum Nächsten. Und gerade wenn wir mal schlapp sind, ist es gut zu wissen: Der Motor kann uns wieder neuen Schwung geben. Noa!

Und nun kommt noch der andere Noah dazu. Auch ein hebräisches Wort, und das bedeutet so viel wie “Trost, Ruhe schaffen”: Auch das gehört zur Lebensfahrt dazu. Manchmal brauchen wir es auch, dass wir zur Ruhe kommen, dass wir mal anhalten, ruhig werden, vielleicht auch mal eine Motorinspektion vornehmen lassen. Dass wir Trost finden, wenn wir am Ende sind.

Beides will Gott uns schenken: Er will in uns in Bewegung setzen und uns Ruhe schenken.
Ich möchte meinen Lebenswagen nicht mehr ohne den Motor Jesus fahren.

Was Paulus sagt: “Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir” – das möchte ich auch immer wieder erfahren. Oder sagen wir ganz wörtlich: er-fahren.

Amen.

 

 

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