Wer Durst hat

Ökumenischer Gottesdienst am Neujahrstag, Montag, dem 01.01.2018

Thema: Wer Durst hat

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Offenbarung 21,6 (Jahreslosung 2018)

Liebe Gemeinde,

richtig Durst haben – ein Gefühl, das wir ja in unseren Breitengraden nicht allzu oft verspüren. Aber ich erinnere mich an eine Situation vor über 20 Jahren in der Wüste Sinai. Die Sonne knallte erbarmungslos auf die ausgetrocknete karge Landschaft. Mit einigen Studenten war ich dabei, bei der 14tägigen Sinai-Exkursion während meines Israel-Studienjahres. Im August. Ich glaube, da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig gespürt, was Durst heißt. Wir hatten viel Wasser mitgenommen. Aber bei Temperaturen von über 40°C im Schatten (den es eh kaum gab), musste jeder von uns 6 Liter Wasser am Tag zu sich nehmen. Da gingen die Vorräte schnell zur Neige. Und dann kam er, der Durst! Den Durst stillen – das war in der Wüste kein Luxus, sondern lebensnotwendig! Unser Leiter berichtete von einer Studentengruppe ein paar Jahre vor uns, bei der ein Mädchen zu wenig getrunken hatte und dann tatsächlich in einer Art Trancezustand um einen Akazienbaum tanzte und dabei ständig ausrief: „Ich bin ein Delphin!“ – Hört sich lustig an. Doch sie hätte es beinahe das Leben gekostet. Für sechs Wochen musste sie ins Krankenhaus und ist nie wieder richtig gesund geworden. Wir müssen unsern Durst ernstnehmen, ihn stillen, um zu leben!

Das gilt auch für den inneren Durst, den jeder Mensch hat. Diesen Durst nach Leben. Diese Sehnsucht nach Leben, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Wertschätzung, nach Angenommensein, nach Sinn. Durst. Die Jahreslosung 2018 will uns zeigen wie unser Durst gestillt werden kann: “Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.” (Offenbarung 21,6)

Es hat mir viel Freude gemacht, zusammen mit Carsten Groß ein Lied zu dieser erfrischenden Jahreslosung zu schreiben. Und dabei haben wir verschiedenen Durstgeschichten der Bibel nachgespürt. Weil sie Erfahrungen widerspiegeln, die wir auch heute machen. Kommen Sie mit. Begleiten Sie uns dabei, wie wir in vier verschiedenen Geschichten Menschen kennenlernen, die Durst hatten, und dabei entdecken, wie Gott ihren Durst gestillt hat und wie er unseren Durst stillt.

1) In der Wüste
Die erste Geschichte führt uns zum Volk Israel in der Wüste. Das Volk Israel irrt herum. Auf der Flucht vor den ägyptischen Unterdrückern, verfolgt und gejagt. Gerade haben sie die großartigen Wunder Gottes erlebt, haben erfahren, wie er in ausweglosen Situationen neue Wege eröffnet, wie sich das Meer der Angst teilt und es doch noch weitergeht. Und doch! Wie schnell sind diese Erfahrungen vergessen! Bald schon kommen neue Nöte, Fragen und Zweifel. Und vor allem Durst: “Was sollen wir trinken?” Kennen wir das? Da haben wir erlebt, wie Gott uns durch schwierige Situationen hindurch geholfen hat, wie er uns Kraft gegeben und bewahrt hat, und dann kommt eine neue Herausforderung – und wie schnell sind wir wieder neu verzweifelt! Die vergangene Hilfe vergessen. Sorgenvolles Fragen und Zweifeln: Wie soll es weitergehen. Und dann – nach 3 Tagen ohne Wasser! – schreit da plötzlich jemand: “Da vorne! Da ist Wasser! He Leute, könnt ihr es sehen?” Nichts wie hin! Was für eine Hoffnung! – Und was für eine Enttäuschung! Denn das Wasser von Mara, hält nicht, was es verspricht. Es ist bitter! Ungenießbar! Ich denke daran, dass viele Menschen heute ihren Durst an Wassern stillen wollen, die letztlich den Durst nicht löschen können. Wie viele verlockende Wasserstellen gibt es in unserer Welt, die sich hinterher als falsche Versprechungen erweisen! Da ist eine, die stürzt sich von einer Beziehung in die nächste. Hoffnung, wieder Enttäuschung… Der andere sieht den Job als die Quelle, die seinen Durst nach Anerkennung und Erfolg stillt. Der dritte meint, in immer neuen Computerspielen und immer mehr virtueller Realität seinen Durst stillen zu können. Wieder andere suchen spirituellen Erfahrungen bei fernöstlichen Heilkünsten, betreiben Reiki oder vertrauen ihren Sternen. Doch oft genug stellt sich heraus: Dieses Wasser ist nicht gut. Es hält nicht, was es verspricht! So wie die Israeliten beim Wasser von Mara erlebt haben: Ungenießbar! Doch Gott lässt sie nicht im Stich. Durch ein echtes Wunder wird dieses Wasser gesund, genießbar, erfrischend. Mose bekommt von Gott ein besonderes Holz gezeigt, das er hineinwirft, und dadurch wird das Wasser zu Trinkwasser! Mich erinnert das Holz an das Holz des Kreuzes Jesu! Er ist es, der uns gutes Wasser schenkt! Mitten in der Wüste des Alltags. Lernen wir die 1. Strophe kennen.

2) Ausgebrannt
Eine andere Durstgeschichte der Bibel. In der Negev-Wüste.

Der große Prophet Elia hat “Burnout”.

Gerade hatte er seinen größten Erfolg gehabt! Auf dem Berg Karmel hat er erlebt, wie Gott vor dem ganzen Volk ein Wunder getan hat und auf sein Gebet hin Feuer vom Himmel gesandt hat. Das Volk hat gesehen, dass die falschen Götzen wie Baal tote Götter sind. Doch dann wollte Elia noch mehr. Im Eifer für den Herrn ließ er die Baalspropheten ergreifen und tötete sie. Und nun war er auf der Flucht vor der Rache des Königs. Und da rennt er in die Wüste bei Beerscheba. Hat Angst um sein Leben, aber vor allem ist er enttäuscht von sich und vielleicht auch von Gott. Er fragt sich: Was bringt eigentlich all mein Einsatz, meine Mühe, mein Kampf, mein Glaube? Ist nicht am Ende doch alles vergeblich? Und so fällt er in ein tiefes Loch. Er ist frustriert. Sein Herz, das eben noch für Gottes Sache gebrannt hat, ist auf einmal leer. Seine Hände sind leer. Weil alles nichts bringt! Das Volk giert nur nach spektakulären Wundern, und von einer echten Hinwendung zu Gott ist nichts zu spüren. Frust! Kennen wir auch Frusterfahrungen? Frust kommt vom lateinischen “frustra” – das heißt “vergeblich, umsonst”. Da rackert sich die Mutter jahrelang ab, gibt alles für die Familie, verzichtet selber auf vieles, auf ihre Karriere, auf eigene Interessen, alles aus Liebe für die andern. Doch der Dank bleibt aus. Nun ist sie alt, die Kinder melden sich kaum. Sie haben ja auch so viel zu tun! Aber irgendwie scheint alles so vergeblich, so umsonst.

Elia hat keine Lust mehr. In der Wüste legt er sich unter einen Strauch. Er will nur noch sterben.

Doch Gott lässt ihn nicht im Stich. Voller Liebe schickt er ihm einen Engel, der ihm Brot und einen Krug mit Wasser bringt. Erst mal ganz leibliche Gaben! Gott lässt Elia neu auftanken, essen, trinken, ausruhen. Elia trinkt, schöpft neue Kraft. Gott gibt ihm lebendiges Wasser ganz umsonst, ganz umsonst. Aber das ist ein anderes “umsonst”! Nicht ein “Frust-Umsonst”, vergeblich, sondern “umsonst”, weil er nichts dafür tun muss! Gratis! Aus Gnade. Elia hat so viel getan und geschuftet. Und jetzt merkt er: Gott beschenkt mich! Es kommt nicht auf mein Tun an! Und das erhebt ihn aus dem Staub. Nach der Ruhe ist er ganz neu beschwingt, er steht auf und wird weit vorwärtsgebracht. Er kriegt neue Kraft! Es geht weiter. Auch bei dir. Auch bei mir.

3) Durst nach Liebe
Eine dritte Durstgeschichte. Vielleicht die persönlichste. Wir haben sie vorhin gehört. Da ist jene Frau aus Samaria. Sie hat einen unbändigen Durst nach Liebe. Sie ist so ein Beispiel für enttäuschende Beziehungen. Fünf Männer hat sie schon gehabt. Und der neue war auch nicht der richtige. Und nun schämt sie sich. Sie geht zum Brunnen vor der Stadt, um Wasser zu holen, sie geht in der größten Mittagshitze, damit sie niemandem begegnet. Sie ist einsam. Aber sie hat auch Angst vor den anderen. Vor diesen verurteilenden Blicken. Sie fürchtet das Getratsche. Deshalb geht sie ganz allein. Wer stillt ihren Durst?

Da begegnet ihr Jesus, schaut sie liebevoll an, spricht mit ihr. Schenkt ihr Wertschätzung. Er tut etwas Undenkbares: Er als Jude und als Mann bittet sie, die Samariterin und Frau um einen Gefallen. Er sagt: Gib mir zu trinken! Wie? Dieser Jesus kann mich gebrauchen? Hat für mich eine Aufgabe? Für mich? Mit der sonst keiner etwas anfangen kann? Das ist unglaublich! Jesus begibt sich auf Augenhöhe mit ihr. Er zeigt ihr: Ja, ich weiß auch, was Durst ist! Später – und das ist die vierte Durstgeschichte – am Kreuz, da schreit er laut: “Mich dürstet!” Damit zeigt er: Ihr Menschen, gerade ihr, die ihr verzweifelt seid in Leid, Trauer, Einsamkeit – ich kenne das, hab es selbst durchlebt in meiner Passion. Ich kenne euren Durst. Darin bin ich euch ganz nah. Vertraut euch mir an!

Und das sagt er auch dieser samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen. Er beginnt mit ihr – vielleicht auch heute mir dir? – ein Gespräch. Er erkennt ihre tiefsten Bedürfnisse und dann schenkt er ihr Lebenswasser (Johannes 4,14). Denn sie spürt durch dieses Gespräch mit Jesus: Gott nimmt mich an. Er gibt mir Vergebung. Einen Neustart. Einen Neubeginn! Wie wenn ein neues Jahr beginnt. Willkommen Neuanfang! Und das kann sie nicht für sich behalten. Das Wasser der Liebe Jesu, was sich in ihre Seele ergießt, fließt durch sie weiter zu andern. Sie erzählt es allen, die sie sieht. Überwunden sind Menschenfurcht und Scham.

Sie wird eine Botin von dem, was Gottes Liebe in ihr bewirkt hat. Und andere Bewohner von Samaria erkennen es durch ihr Zeugnis: “Dieser Jesus ist wahrlich der Heiland.” (Joh. 4,42) Man kann sagen: der tote Wüstensand von Verachtung und Lieblosigkeit verwandelt sich durch dieses lebendige Wasser in einen blühenden Garten.

Ich wünsche mir das, mich selber bei Jesus immer wieder satt zu trinken, aber dann auch etwas weiterzugeben von diesem lebendigen Wasser.
Damals, als wir in der Sinai-Wüste unterwegs waren, als der Durst unerträglich wurde, da führt uns ein Beduine zu einem versteckten Brunnen, den wir nie gefunden hätten. Gefiltert durch unsere Kopftücher, herrlich frisch und belebend, dieses Wasser! Komm, zeig auch andern diesen Brunnen! Trink und gib auch andern von der Quelle des lebendigen Wassers.

Amen

Das Lied von Carsten Groß und Gero Cochlovius zur Jahreslosung:

(C) bei den Urhebern! Anfragen über https://www.praisemusic.de

 

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