Wenn Masken fallen

Gottesdienst am Sonntag, dem 03.03.2019

Thema: Jetzt mal ehrlich (Teil II) – Wenn Masken fallen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 7,36-50

Liebe Gemeinde,

Masken. Sein wahres Gesicht nicht zeigen. Dafür steht in besonderer Weise die Karnevalszeit. Für viele ist jetzt gerade die Karnevalszeit so eine Gelegenheit, das, was man eigentlich ziemlich oft irgendwie unbewusst macht, nämlich sich hinter einer Maske zu verstecken, sein wahres Ich nicht zu zeigen, nun mal so richtig offiziell zu tun. Die Psychologin Gerhild von Müller  – übrigens aus Köln! – sagt: Die tollen Tage im Straßenkarneval dienen den meisten Jecken als “Urlaub vom Ich”. Mal ein ganz anderer sein.

Und wie ist es für uns Nordlichter, unter denen es ja genügend Karnevalsmuffel gibt? Und wie ist es überhaupt außerhalb der närrischen Zeit? Ich glaube, auch bei uns werden Masken getragen. Vielleicht eher unsichtbare Masken. In unserer Welt geht es oft sehr nach dem Motto: Mehr Schein als Sein! Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) bemerkte ein wenig bissig: „Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade.“ Mehr Schein als Sein. Wie die leichten Fältchen des Gesichts hinter der Gurken- oder Quarkmaske verschwinden, so versteckt man die Falten der Seele hinter einer Maske aus gut gespielter Selbstsicherheit. Und wenn es mir nicht gut geht – ist es nicht viel leichter, sein wahres Gesicht hinter einer Maske aus sonnigem Lächeln oder coolen Sprüchen zu verbergen?

“Wenn jeder hätte vor der Stirn
aus hellem Glas ein Fensterlein,
dahinter die Gedanken schwirrn,
und jeder könnte sehn hinein,
was gäb das für ein Laufen,
um matte Scheiben einzukaufen!”

So sagt es dieses pfiffige kleine Gedicht voller Menschenkenntnis. Unsere Gedanken, die soll am besten keiner kennen. Unser wahres Ich verstecken wir nicht selten.

Und es ist ja auch gut so, dass nicht jeder unsere Gedanken lesen kann! Das ist ein guter Schutz. Und doch, mal ehrlich: Sehnen wir uns nicht tief in unserm Innern danach, auch mal alle Masken fallen lassen zu können? Ehrlich zu sein, echt zu sein. Uns nicht mehr verstecken, weil andre erschrecken, wenn sie entdecken, wer wir sind oder wer wir auch sind. Aber vor wem können wir denn unsere Masken fallen lassen, ohne das Gesicht zu verlieren? Vielleicht vor dem Ehepartner – aber sicher auch nicht immer und bei allen Gedanken… Vielleicht vor einem guten Freund oder Freundin? Wohl dem, der solch einen Menschen hat!

Die Begebenheit aus dem Lukasevangelium (Lukas 7,36-50), die wir vorhin als Predigttext gehört haben, sie lädt uns ein, zunächst einmal vor Jesus und vor uns selbst unsere Masken fallen zu lassen:

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.
39 Da aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn mehr lieben?
43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er mehr geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt?
50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Zwei Menschen werden uns hier vorgestellt, sehr unterschiedlich. Einer hat Mühe, seine Maske fallen zu lassen, aus Angst sein Gesicht zu verlieren, eine andere hat es gewagt, die Maske fallen zu lassen und der Wahrheit ins Gesicht gesehen.

1) Nur nicht das Gesicht verlieren!

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.

“Einer der Pharisäer” – Der Begriff Pharisäer löst bei uns in der Regel ziemlich negative Assoziationen aus. Wir verbinden damit fromme Heuchelei, Hochmut, Gesetzlichkeit, Doppelmoral, Scheinheiligkeit. So wie bei jenem jungen Pastor, der zum ersten Mal eine Pfarrkonferenz besuchte. Das Frühstück stand an. Etwas unsicher fragte er einen Kollegen: “Sag mal, wie macht ihr das hier mit dem Tischgebet?”  Der antwortete: “Och, die meisten machen es so wie ich. Wir neigen andächtig unsere Köpfe und zählen im Stillen bis 10. Fertig. – Nur ein paar, die zählen bis 20. Aber das find ich ein bisschen scheinheilig!” Scheinheiligkeit – vielleicht verbinden wir das mit Pharisäern?

Vielleicht denken wir aber auch an jene andere Geschichte aus dem Lukasevangelium vom Pharisäer und Zöllner, die zum Beten in den Tempel gingen. Und dort listet der Pharisäer alle seine frommen Leistungen auf. Und was er doch für ein toller Hecht ist, und wir erinnern uns, wie er voller Verachtung für andere betet: “Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.” (Lukas 18,11) Und auf einmal denken wir selber mit Verachtung: Was ist das für ein Heuchler! Und schwupps sind wir selber in der pharisäischen Denkweise. Wie Eugen Roth es wunderbar auf den Punkt bringt:

Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Sind wir womöglich in unserm Denken mitunter pharisäerhafter als es uns bewusst ist? Viele Pharisäer hatten einen Wunsch, den wir doch auch kennen: Sie wollten gut da stehen – vor den andern Leuten, vor Gott und vor sich selbst. Das war ihre Maske. Vielleicht auch unsere? Und wir wollen heute versuchen, ein bisschen hinter die Maske schauen. Und wir finden da einen Menschen, der durchaus – wie ich finde – einige sehr lobenswerte Züge hat:

Da ist zunächst mal die Tatsache, dass er Jesus einlädt! Das ist doch großartig! Der Pharisäer wollte Jesus ehrlich näher kennen lernen. Denn im Orient war und ist ein gemeinsames Essen nicht nur so eine Small-Talk-Gelegenheit, sondern da spielt die Tischgemeinschaft eine große Rolle! Der Pharisäer will Gemeinschaft mit diesem Jesus. Warum? Weil er wissen wollte, was an diesem Jesus wirklich dran ist. Er war auf der Suche. Wer ist dieser Jesus nur? Ist das ein Prophet? Oder noch mehr?  Er war durchaus skeptisch, zweifelnd, aber noch fragend, suchend, offen. Und Jesus lässt sich gerne einladen! Er kommt gerne! Das ist großartig! Jesus ist nicht parteiisch. Manchmal geistert ein Jesusbild durch unsere Köpfe, nach dem Jesus nur zu den Armen, Ausgestoßenen, Unterdrückten kommt. Nur sie liebhat. Das ist Unsinn! Nein, er kommt auch zu den Reichen, Hohen, Klugen, wenn sie ihn denn nur wollen. Er liebt sie auch. Auch die Skeptischen, Zweifelnden, Fragenden.

Also, es ist alles vorbereitet für eine hochinteressante Mahlzeit mit angeregten Diskussionen.

Doch dann kommt alles anders. Da platzt doch ungefragt diese Frau, diese stadtbekannte Sünderin rein, vermutlich eine Prostituierte, ziemlich reich, also auch erfolgreich. Sie salbt Jesus die Füße. Ein Schock für den Pharisäer! Wie peinlich ist das denn! Was werden die Leute denken, wenn sich das rumspricht! Oh, wie oft höre ich diese Worte – auch in unseren Dörfern: Was werden die Leute denken! Und dann schwirren Gedanken durch den Kopf, die er aber nicht ausspricht.

39 Da aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

In diesen Gedanken zeigt sich, was sein Problem ist. Indem er denkt: Sie ist eine Sünderin!, denkt er zugleich: …und ich nicht! Er blickt auf sie herab. Und dabei übersieht er das, was bei ihm selber nicht in Ordnung ist. Denn das macht Jesus ja dann in seinem Gleichnis von den beiden verschuldeten Leuten deutlich: Auch er hat Schulden vor Gott! Vielleicht nach menschlichem Maß von der Quantität her weniger als die Frau, aber von der Qualität her bleibt Schuld gleich Schuld:

41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Beide konnten nicht bezahlen.

Und das wollte dieser Mensch nicht wahrhaben, das versuchte er zu verbergen. Hinter seiner Maske der heilen Welt. Ich glaube, dass wir es oft genauso machen. Dass wir denken, andere sind doch viel schlimmer als ich. Ich bin doch eigentlich ganz in Ordnung.

Doch Jesus schaut tiefer. Er sieht die Gedanken!

40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!

Jesus spricht ihn mit Namen an. Schon darin bringt er zum Ausdruck: Ich kenne dich! Und ich habe dir etwas zu sagen! Ich bin der Meinung: Er hat jedem von uns was zu sagen. Auch heute Morgen.

Und so spricht Jesus auch zu dir. Und zu mir: “Gero – und du darfst da gerne deinen eigenen Namen einsetzen – ich kenne dich, ich habe dir etwas zu sagen!” Du brauchst mir nichts vorzuspielen, um gut da zu stehen. Ich kenne dich doch ohnehin. Besser als du dich selber kennst. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an (1. Samuel 16,7). Weißt du nicht was David betet: “Herr, du erforschst mich und du kennst mich. Du verstehst meinen Gedanken von ferne.” (Psalm 139,1f) Darum hör doch auf, dich mit andern zu vergleichen. Ob du besser oder schlechter bist als andere, spielt für mich doch keine Rolle. Ich hab dich lieb! Ich vergebe dir. Lass deine Maske fallen, du wirst nicht dein Gesicht verlieren! Im Gegenteil, nur so kommt dein Gesicht ans Licht! Dein Gesicht, das ich wunderbar geschaffen habe. Als mein Ebenbild. So sagt Gott zu uns. Er schaut uns an mit den Augen Jesu. Und das sind Augen der Liebe. Und dann kommt das zweite:

2) Der Wahrheit ins Gesicht sehen

Das ist eine Erfahrung, die diese Frau gemacht hat. Sie hat der Wahrheit ins Gesicht gesehen. Sie hat schon zuvor ihre Maske fallen lassen. Die Frau muss Jesus schon zuvor begegnet sein. Schon zuvor muss sie Vergebung erlebt haben. Denn das Gleichnis, das Jesus erzählt zeigt, dass ihre Liebe zu Jesus eine Reaktion ist auf die Vergebung ist. Darauf, dass ihr all ihre Schulden, also das, was in ihrem Leben schief gelaufen ist, ihr Scheitern, ihre Enttäuschungen, ihre Verletzungen, ihre Sünde vergeben wurde. Und so ist sie über die Maßen dankbar.

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl

Sie bekommt einen Mut, der alle Schranken menschlicher Konventionen und Sitten durchbricht. Weil sie erfahren hat, dass Jesus sie geliebt und angenommen hat! Das macht sie so glücklich. Und auf einmal spielen rationale Überlegungen keine Rolle mehr. Denn ob es rational sinnvoll war, so ein Alabastergefäß mit Salböl zu nehmen, das um die 300 bis 400 Denare kosten konnte – der Jahresverdienst eines einfachen Arbeiters in Israel! – das stand nicht mehr zur Debatte. Es war einfach Ausdruck ihrer Liebe. Denn sie hatte der Wahrheit ins Gesicht geschaut und gemerkt, dass sie dabei nicht ihr Gesicht verliert, sondern nur ihre Masken. Sie hat auf einmal entdeckt, dass die Wahrheit einen Namen hat: Jesus. Er sagt ja: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Und sie entdeckt, dass die Wahrheit ein Gesicht hat. Ein Gesicht voller Liebe.

48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt?
50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Der Wahrheit ins Gesicht schauen, heißt: Ich erkenne, dass ich Vergebung brauche, Erlösung brauche. Und ich entdecke, dass Jesus mich annimmt wie ich bin. Das macht mich gut. So kann ich vor Gott und mir selbst gut dastehen. Und vielleicht auch vor den Mitmenschen, wenn ich lerne, auch ihnen gegenüber Fehler zuzugeben.

Der große französische Mathematiker Blaise Pascal, der selber zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden hat, hat einmal folgendes gesagt:

«Es gibt eigentlich nur zwei Arten von Menschen: die Gerechten, die sich für Sünder halten, und die Sünder, die sich für Gerechte halten.»

Lassen wir doch unsere Masken fallen und werden wir echt! Vor Gott, uns selbst und vor anderen.

Amen.