Lachen und weinen

Gottesdienst am Sonntag, dem 24.11.2019

Thema: Weinen und Lachen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 126

Liebe Gemeinde,

“Horas non numero nisi serenas” – so steht es auf dieser uralten Sonnenuhr. “Ich zähle nur die heiteren Stunden”. Daraus ist so ein nettes Sprüchlein abgeleitet, das man gelegentlich auf Kalenderblättchen oder in Poesiealben lesen kann: “Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die schönen Stunden nur!” – Eine schlichte, volkstümliche Rede. Und wenn man gerade an einem  Tag wie heute an das Sterben und den Tod denkt, dann merkt man schnell: So einfach ist es mit dem Leben nicht. Es gibt eben nicht nur Glück und Lachen, heitere Stunden. Es gibt auch die finsteren Momenten des Lebens, die uns erstarren lassen, die uns fassungslos machen, die wehtun, die uns zum Weinen bringen. Lachen und Weinen, Weinen und Lachen, beides prägt unser Leben. Die Bibel ist da ganz realistisch. Im Prediger Salomo lesen wir (Pred. 3): 1Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.

Eben haben wir 56 Namen gehört. Dahinter verbergen sich 56 Biografien, 56  mal haben wir auf ein Leben zurückgeschaut. Nicht selten waren es über 90 Jahre, manchmal aber auch viel weniger. Viel zu wenig Jahre… Aber immer wieder konnten wir erkennen: In jedem Blick zurück gab es ein lachendes und ein weinendes Auge. Glück und Leid, Frohes, Helles, Trauriges und Dunkles. Lachen und Weinen, beides gehörte dazu zum Leben.

In einem uralten Psalmgebet ist ebenfalls vom Lachen und Weinen die Rede. Allerdings: Mit einer besonderen Perspektive, die überraschenderweise umgekehrt ist zu unseren Erfahrungen. Bei uns ist es ja oft so im Leben: Dass erst, in den jungen und gesunden Jahren viel Lachen ist, und dann gegen Ende, wenn’s an Krankheit, Leid und Sterben geht,  kommt das Weinen. Doch es kann auch anders sein: Aus dem Weinen wird Lachen werden. So ist es diesen Menschen ergangen. Den Israeliten, die brutal in die Gefangenschaft Babylons entführt wurden. Weit weg von der Heimat, voller Trauer und Leid. Und die bekommen eine Perspektive der Erlösung. Hören wir als Predigttext den Psalm 126:

Ein Wallfahrtslied. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Die Menschen, die hier dieses Gebet sprechen, haben ein furchtbares Schicksal erlitten. Aber sie haben noch Träume. “Wir werden sein wie die Träumenden.” Aber es ist mehr als nur Träume… “Träume sind Schäume”, sagt der Volksmund. Doch hier steht nicht: “Wir werden Träumer sein.” Sondern: “wie Träumende”. Menschen, die sich vom bitteren Augenblick nicht gefangen nehmen lassen. Was diese Menschen haben, sind nicht nur Träume, es ist echte Hoffnung. Hoffnung, die einen Grund hat: Sie gründet in der Erfahrung, dass Gott da ist. Dass sie schon viel Gutes von Gott erfahren haben. Sie denken daran zurück, dass Gott ihnen schon Großes getan hat, dass es schon viel Lachen und Fröhlichkeit gegeben hat.

1) Lachen hat seine Zeit

Ich habe hier ein Bild mitgebracht. Mit einem fröhlichen, lachenden Gesicht. Mit lauter bunten Farben. Gemalt von einem Jungen, wohl in der 3. Klasse.

Ein Junge, der die Farben liebt. Ist das Leben nicht bunt? Wenn wir zurückblicken auf 56 Leben. Dann gibt es wirklich viele helle, frohe, bunte Farben.

Da ist eine, die liebte Wildblumen und kannte sie alle mit Namen.

Da ist einer, der konnte bauen. Ob Häuser oder Kaninchenställe oder das Baumhaus für die Enkel.

Da ist eine, die war Weltmeisterin im Kochen. Und Weihnachten, da gab es nicht nur eine Weihnachtsgans, sondern immer gleich zwei, damit auch wirklich alle satt würden…

Da ist eine, die liebte die sonnigen Strände Spaniens.

Da ist einer, der hatte den Schalk im Nacken, und bei den Feiern gab’s immer was zu lachen.

Da ist eine, die liebte Nähen, Sticken, Stricken, Bilder knüpfen. Da ist einer, der liebte die Bahn, ein Leben lang.

Da ist einer, der liebte es zu beten. Lange und intensiv und mit kindlichem Vertrauen.

Da ist eine, die freute sich so, wenn der Enkel mit ihr zu Aldi fuhr.

Und und und… Wie viele bunte Farben! Und was kommt uns selbst in unserem Leben in den Sinn?

Ich frage mich manchmal: Wie oft nehmen wir das Glück so selbstverständlich, bemerken es kaum, übersehen es am Wegesrand unseres Lebenswegs. Dieses Glücksmomente sind Leben.

Jemand sagte mal sehr zutreffend: Es kommt nicht drauf an, wie viel Jahre dein Leben hat, sondern wie viel Leben deine Jahre haben.

Lachen hat seine Zeit. Sind wir Gott dankbar für das Lachen, für das Glück? Mir scheint es oft so zu sein: Gott spielt für viele eigentlich gar keine Rolle, solange das Leben gut geht. Aber wenn dann mal Unglück kommt, dann auf einmal die Frage: Gott, warum lässt du das zu? Oder aber, was eigentlich auch besser wäre: Gott, ich brauche dich jetzt. Du warst mir im Guten nahe, auf den grünen Auen meines Lebens, geh jetzt auch mit mir mit durchs finstere Tal.

2) Weinen hat seine Zeit

Dieses Bild fasziniert mich. Es lässt sich drehen. Und auf einmal sehen wir: Dieser Junge malt keine bunte, heile Welt!

Nein, hier ist auch ein trauriges Gesicht zu erkennen. Es scheint fast so, als ob es weint. Selbst die Farbgebung verändert sich: Waren um den lachenden Mund herum die hellen, kräftigen bunten Farben: gelb, orange und hellblau, sind nun mehr gedeckte Farben am traurigen Mund: braun, violett, grün, sogar schwarze und braune Linien, die eine Art Netz oder Gitter bilden. Ja, an diesem Totensonntag denken wir daran, dass Menschen großes Leid erfahren. Auch in unserer Gemeinde. Manche sind viel zu früh verstorben. Und die Trauer der Angehörigen ist groß. Und die Lücke, die bleibt, auch. Dieses Bild hat Janik Bruns gemalt. Er verstarb vor 6 Jahren nur wenige Tage vor seinem 11. Geburtstag. Er liebte das Leben, die Farben, das Licht. Da können wir Gott nicht verstehen, dass er das zugelassen hat. Da gibt es keine Antwort. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass auch hier gilt: Gott ist da. Gott sieht unsre Tränen, wie wir eben gesungen haben. Er fühlt unsern Schmerz. Gott weiß wie das ist, seinen eigenen Sohn zu verlieren. Jesus, der Sohn Gottes, starb den bitteren, qualvollen Tod am Kreuz. So kann Gott mit uns mitweinen. Und dieser Jesus ist der Grund, warum wir Hoffnung haben über den Tod hinaus. Weil Jesus nicht im Tod geblieben ist, brauchen wir es auch nicht, wenn wir uns an ihn klammern. Ich kann mich noch erinnern: Was für eine mutige, beinahe trotzige Antwort auf den Tod war es, dass in die Innenseite des weißen Sargs Janiks Taufspruch geschrieben wurde: „Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben!“  (Joh. 8,12)

“Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur!”

Aber die Sonne ist oft hinter den Wolken versteckt, manchmal hinter dunklen Wolken. Doch sie ist dennoch da! Das Licht kämpft sich seinen Weg zu uns. Ja, es ist wahr: Auch Gott scheint uns oft fern, verborgen hinter Wolken des Leids. Aber sein Licht ist trotzdem da, sein Licht hat den einen Namen JESUS. In einer der dunkelsten Stunden der Menschheit, im Warschauer Ghetto, da hat jemand mitten im Leid gebetet: “Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.” Denn:

3) Gott wird abwischen alle Tränen

Noch einmal ein Blick in unseren Psalm:

Ein Wallfahrtslied. So ist es überschrieben. Eigentlich steht da im Hebräischen: „Shir Hammaljoth“ = „ein Lied für das Hinaufgehen“ Und es ist das Hinaufgehen der Pilger nach Jerusalem, nach Zion gemeint. Wenn die Pilger zum Tempel nach Jerusalem wollten, mussten sie aus dem tiefen Jordangraben weit über 1000 Meter steil ansteigen. Das war sehr anstrengend, oft in glühender Wüstenhitze. Ja, unser Leben hier ist auch mitunter solch ein mühsamer Anstieg. Doch das Ziel ist es wert: Das himmlische Jerusalem! Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

Hier ist von Erlösung die Rede. Erlösung ist mehr als nach einer Krankheit wieder zu genesen. Erlösung ist: ewiges Leben! Erlöst von allem Leid und auch von aller Schuld unseres Lebens. Das geschieht durch den Glauben an Jesus Christus. Und dieser Ausblick macht aus dem Weinen wieder ein Lachen. Drehen wir doch das Bild noch einmal rum.

 2 Dann wird unser Mund voll Lachens sein… 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

Und dann wird in unserem Psalm an die Ernte erinnert. Was für ein Fest ist es, wenn nach der beschwerlichen, mühsamen Arbeit des Pflügens, Säens, Jätens, Erntens dann endlich die Ernte eingefahren ist und man die Früchte unbeschwert genießen darf. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Denn Gott wird abwischen alle unsere Tränen. Und sehen sie die Augen! Wie sie leuchten. Da spiegeln sich auch bunte Farben wieder, und da leuchtet ein helles Grün. Die Farbe der Hoffnung! Dann kann man auch trotz Tränen im Leben wieder lachen. Ich denke an eine so fröhliche Frau mit einem unglaublich herzhaften Lachen. Eine waschechte Schwäbin.  Christiane und ich haben sie in Tübingen kennen gelernt. Und Christiane sagte mir heute Morgen noch einmal: Wenn die mich gedrückt hat, dann hatte ich immer Ohrenschmerzen, weil sie fröhlich und kräftig in mein Ohr gelacht hat! Eine tolle Frau! Und wenn man sie so erlebt, denkt man vielleicht: Na ja, das ist eine, da ist alles im Leben glatt gelaufen. Aber von wegen. Wir wussten: Da war ganz viel Leid, vielleicht sogar das schlimmste Leid, was es für Eltern geben kann:  Eins ihrer Kinder hat sich als Jugendlicher das Leben genommen. Und wir wussten: Da waren auch viele Tränen und viel Weinen. Aber diese Tränen haben nicht das Lachen ertränken und ersticken können. Sie konnte trotz allem wieder Lebensfreude finden. Warum? Weil sie diese Aussicht auf den Himmel hatte. Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird… Ich glaube, dass es wirklich ein anderes Leben ist, wenn wir Jesus haben. Dann wird aus dem Totensonntag ein Ewigkeitssonntag. Auf das Weinen folgt das Lachen.

Amen.