Was hat wohl der Esel gedacht

Gottesdienst zur Christvesper II am Heiligabend, Montag, dem 24.12.2018

Thema: Was hat wohl der Esel gedacht

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 2,1-20 und Jesaja 1,13; Matth. 21,1ff

Liebe Gemeinde,

“du Esel!” – Wenn man den Kollegen, den Nachbarn oder sogar den Ehepartner mit “Du Esel!” anschnauzt, wird das von uns nicht unbedingt als Kompliment aufgefasst. (Aber für den Esel ist dies womöglich auch kein Kompliment…) Esel haben es also wirklich nicht leicht! Vor einigen Monaten etwa war ein Esel die Hauptperson in einem Gerichtsprozess vor dem Landgericht Gießen, wohlgemerkt ein vierbeiniger Esel! Er hatte nämlich zuvor in die Karosserie eines orangefarbenen Sportwagens gebissen, der an seiner Weide geparkt war. Der Esel wurde verurteilt, der Wagenbesitzer bekam Schadenersatz. Es ist Eseln offensichtlich nicht gestattet, parkende Sportwagen anzuknabbern, selbst wenn sie an eine übergroße Karotte erinnern.

Und in Amerika, wo es in den einzelnen Bundesstaaten oder Kommunen ja die seltsamsten Gesetze gibt, deren Anlass man heute meist gar nicht mehr kennt, die aber offiziell immer noch in Kraft sind und nie aufgehoben wurden, haben es Esel besonders schwer. In Brooklyn ist es nämlich gesetzlich verboten, dass Esel in Badewannen schlafen!

Und wie ist es dem Esel in der Weihnachtsgeschichte ergangen? Für ihn war es ja auch nicht sonderlich erfreulich, dass da plötzlich Fremde in seinen Stall eindrangen und am Ende sogar seine Futterkrippe in Beschlag nahmen. Ochs und Esel gehören zu unserer Vorstellung der Weihnachtsgeschichte wie das Amen zur Kirche. Können Sie sich eine Weihnachtskrippe ohne Ochs und Esel vorstellen? Schon Martin Luther dichtete in dem Weihnachtslied “Vom Himmel hoch”, das wir eben gesungen haben: “Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß.” (EG 24).

Doch lesen wir die Weihnachtsgeschichte in der Bibel nach, entdecken wir eine Überraschung: Ochs und Esel kommen darin überhaupt nicht vor! Wohl ist von der Krippe die Rede, aber nicht von Ochs und Esel!

Ja, denken jetzt vielleicht manche, warum dann dieses Thema “Was hat wohl der Esel gedacht?”? Was hat das denn mit mir zu tun? Und vielleicht denkt der eine oder andere jetzt an den Pastor, was hat sich dieser Esel wohl dabei gedacht?

Ich bin der Meinung: Der Esel der Weihnachtskrippe hat eine Menge mit unserem Leben zu tun.

1) Kennst du den Herrn der Krippe?

Fragen wir zunächst einmal: Wie ist der Esel überhaupt in die Weihnachtskrippe gekommen? Nun, schon sehr früh haben die Christen eine Stelle aus dem Jesajabuch mit der Weihnachtsgeschichte in Verbindung gebracht. Gleich am Beginn dieses großen Prophetenbuchs heißt es: Gott spricht:

Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.

Hier werden Ochs und Esel als Vorbild für Gottes Volk vor Augen gemalt! Und die Christen in alter Zeit haben das so interpretiert: Selbst Stalltiere kennen ihren Herrn und wissen, wo sie Futter bekommen. Und sind dankbar dafür und wissen, zu wem sie gehören. Und darum müssen logischerweise an der Krippe,  in der Gottes Sohn zur Welt gekommen ist, auch Ochs und Esel sein. Aber wir Menschen? Wir kennen unseren Ursprung nicht! Das ist die erschütternde Feststellung bei Jesaja! “Mein Volk versteht’s nicht,” klagt Gott. Und das ist doch eine Botschaft mitten hinein in unsere Zeit, in unser Leben.

Unsere Krippe, unser Fressen sozusagen, alles Gute unseres Lebens, unser Wohlstand, wir nehmen all das als selbstverständlich.

So viel Geld wie nie geben die Deutschen in diesem Jahr für Weihnachtsgeschenke: Laut einer aktuellen Analyse werden dieses Jahr im Schnitt 472 Euro für Weihnachtsgeschenke ausgegeben – Rekord! Konsumforscher stellen fest: Bei vielen ist das Portemonnaie derzeit voll und die Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft eher gering. Das steigert die Bereitschaft zum Konsumieren und Schenken. Beliebt sind in diesem Jahr vor allem Erlebnisgeschenke und Gutscheine: Ein Fallschirmsprung statt Socken! Also, letzte Chance: Nachher vor der Bescherung schnell noch ein Gutschein für einen Fallschirmsprung in die Socken stecken… Oder nach diesem Gottesdienst vielleicht einen Gutschein für einen Eselsritt.

Wie dem auch sei: Die Futterkrippe ist bei den meisten von uns gut gefüllt! Und wenn man an den Weihnachtsbraten oder die üppigen “bunten Teller” denkt, sowieso. Sicher, ich weiß auch, dass es in unserem Land auch manche Armut gibt. Aber selbst die, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, sind doch froh, hier in einem reichen und sicheren Land zu leben und nicht irgendwo da draußen in Afghanistan, Syrien oder Somalia.

Unsere Futterkrippe ist also in jedem Fall relativ reich gefüllt. Vielleicht denken manche: Wir haben uns den Wohlstand aber auch verdient! Aber was können wir dafür, dass wir hier geboren sind? Ist es nicht Gnade? Ist es nicht ein unverdientes Geschenk? Jeder Atemzug, den wir atmen, jeder Tag, den wir gesund sind? Kennen wir den Herrn der Krippe, von dem wir alles Gute haben? Oder sind wir am Ende dümmer als der Esel? Der kennt seinen Herrn – kennen wir unseren? Unseren Schöpfer, von dem wir alles haben? Sind wir ihm dankbar und fragen nach seinem Willen für unser Leben?

2) Hat Jesus Platz in der Krippe?

Nun also ist der Esel aus dem uralten Jesajabuch an die Weihnachtskrippe gewandert. Doch was wird er da wohl gedacht haben, als diese Fremden da in seinen Stall kamen? Haben wir eben noch gesagt, dass der Esel uns ein Vorbild sein kann, weil er seinen Herrn und die Krippe seines Herrn kennt, so sieht die Sache noch ganz anders und herausfordernder aus, wenn es konkret ums eigene Leben geht, wenn es persönlich wird.

Hören wir ein Lied über die Gedanken des Esels.

Was hat wohl der Esel gedacht,
in der heiligen Nacht,
als er plötzlich die Fremden sah im Stall?
Vielleicht hat er Mitleid verspürt,
hat das Bild ihn gerührt,
und er rückte zur Seite, sehr sozial?

Vielleicht aber packte ihn die Empörung,
welch eine nächtliche Ruhestörung!
“Kaum schlaf ich Esel mal ein,
schon kommen hier Leute herein”.

Und dann lag da vor ihm das Kind,
und er dachte jetzt sind

es schon drei, was ist das für eine Nacht?!
Da hält mir das Kind doch zuletzt
meine Krippe besetzt,
und er polterte völlig aufgebracht:

“Ich lass ja so manches mit mir geschehen,
doch wenn sie mir an mein Futter gehen,
dann ist’s mit der Liebe vorbei!”
Und er dachte an Stallmeuterei.

Er wusste ja nicht, wer das war,
den die Frau dort gebar,
hatte niemals gehört von Gottes Sohn!
Doch wir wissen alle Bescheid
und benehmen uns heut

noch genau wie der Esel damals schon:

Denn Jesus darf uns nicht vom Schlaf abhalten,
nicht unsern liebsten Besitz verwalten!
Doch wer ihm die Türe auf macht,
der hat jeden Tag heilige Nacht!

Ich finde, dieses Lied von Manfred Siebald lädt auf humorvolle, tiefgründige Weise zum Nachdenken ein. Die Weihnachtsgeschichte ist uns ja so bekannt, aber wenn wir mal eine ganz neue, ungewohnte Perspektive einnehmen, die des Esels, dann fordert uns diese alte und altbekannte Geschichte neu heraus:

Wie ist das, wenn uns jemand stört? Wenn Fremde in unsern Stall kommen, die in Not sind, die ohne Heimat sind? Oder wenn wir meinen, dass wir zu kurz kommen, dass andere uns was wegnehmen? Wie reagieren wir? “Vielleicht aber packte ihn die Empörung, welch eine nächtliche Ruhestörung!”

Bin ich offen für Menschen in Not? Oder verschließe ich meine Stalltür, behalte meine Futterkrippe für mich?

Doch es geht ja nicht nur um unser Verhältnis zu andern Menschen, es geht ja letztlich auch um unser Verhältnis zu Gott, zu Jesus. “Denn Jesus darf uns nicht vom Schlaf abhalten, nicht unsern liebsten Besitz verwalten!”  Sind wir bereit, Gott einzulassen? Unser Leben von ihm stören zu lassen? Das ist schon dreist von Jesus: Er legt sich mitten in die Krippe. Mitten rein in das, was dem Esel am Wichtigsten ist: sein Fressen. So als wollte er dem Esel und uns Menschen sagen: Du bist auf der Suche nach dem, was deinen Lebenshunger stillt, aber alles Materielle, alles Irdische, Geld, Arbeit, Karriere, Reisen machen dich letztlich nicht auf Dauer satt! Sei doch nicht so ein Esel wie der aus Gießen, der meint, ein orangener Sportwagen würde ihn satt machen! Nicht mal deine Partnerschaft, deine Familie, deine Hobbies – so schön das alles ist, können im Tiefsten den Lebenshunger unserer Seele stillen… All das ist doch zerbrechlich, vergänglich. Ist letztlich wie Stroh in deiner Krippe. Aber, so sagt Jesus, ich bin gekommen, um dich wirklich satt zu machen. Später wird dieser Jesus sagen: “Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern.” (Joh. 6,35). Was meint das? Lass dich auf mich ein, sagt Jesus, ich bin wirklich da. Unsichtbar, doch wahrnehmbar, wenn du mich als wahr nimmst. Unbegreiflich, aber doch zum Greifen nah. Ich hab dich lieb, von Herzen lieb. Auch wenn du kein Goldesel bist. Und wenn andere in dir nur den dummen Esel sehen. Oder den störrischen Esel. Ich bin bei dir, wenn es im Stall deines Lebens nach Mist stinkt. Ich komme, um bei dir auszumisten. Bei mir darfst du sogar einsteigen in die Badewanne! In die Badewanne der Vergebung nämlich. Und ich geb dir Kraft, die Lasten des Alltags zu tragen. Was hat ein Esel als Lasttier alles zu tragen! Und was haben auch wir Menschen oft für schwere Lasten zu tragen! Was für ein Trost, was für eine Kraftquelle zu wissen: Jesus trägt mit, hilft uns.

Ja, und stell dir vor, sagt Jesus, ich kann dich gebrauchen! Vergiss nicht, dass es ein Esel war, der mich einst nach Jerusalem getragen hat. Wie schon Sacharja prophezeit hatte:

“Du, Tochter Zion, freue dich sehr […]! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.” (Sach. 9,9).

Solch ein Esel will ich gerne sein, ein Esel, bei dem Jesus in der Krippe seines Lebens liegt, und ein Esel, der Jesus weiterträgt zu anderen.

Fehlt eigentlich zum Schluss nur noch eine Eselsbrücke, um sich das zu merken. Vielleicht wenn wir nach her “O du fröhliche” singen… Dann heißt es ja – etwas verkürzt: “O du fröhliche selige Weihnachtszeit.” Und wer genau hinschaut, der entdeckt ihn da auch! Mitten drin, da ist der Esel: O DU FRÖHLICHE SELIGE WEIHNACHTSZEIT!.

Amen