Verzahnt wie im Uhrwerk

Gottesdienst am Sonntag, dem 23.06.2019

Thema: Verzahnt wie im Uhrwerk

Predigt: Pastor Jürgen Wiegel

Text: Johannes 5,39-47

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

ich lese uns den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Johannes 5, 39 – 47. Ich lade Sie ein, zur Ehre Gottes noch einmal aufzustehen.

39 „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt;
40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.
41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen;
42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.
43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.
44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?
45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.
46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.
47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“

Bitte nehmen Sie wieder Platz.

Liebe Gemeinde,

es ist schon eine Weile her, da hatten wir eine Kirchenkreiskonferenz. Als Gast war eine Referentin eingeladen, die zu diesem Thema referierte und ich gebe das verkürzt wieder, „ob wir heute denn wirklich noch das Alte Testament bräuchten.“ „Kann man den Menschen von heute tatsächlich noch mit dem Alten Testament kommen. Ist das nicht viel zu verwirrend und wird uns da nicht ein Gottesbild gezeigt, das heute nicht mehr vertreten werden kann?“ In diese Richtung ging ihre Argumentation. Ich habe mich in der Diskussionsrunde vehement dagegen ausgesprochen. Der christliche Glaube ist so was von verwurzelt im Alten Testament, dass man mit solch einer theologischen Auffassung ihm die Wurzeln entreißen würde. Deshalb heißt unser Thema: „Verzahnt wie im Uhrwerk.“ Ohne diese Verzahnung mit dem Alten Testament würde der christliche Glaube „sich gar nicht drehen,“ um im Bild zu sprechen. Ohne das Alte Testament und ohne das Judentum würde es nicht einmal unsern Herrn Jesus Christus geben. Ich weiß gar nicht, wie man so kurzsichtig denken kann.

Unser Predigttext von heute leitet diesen Gedanken ein, dass Jesus Christus das Alte Testament sehr ernst genommen hat. Viel mehr noch, er hat danach gelebt! Das war seine Basis. Und: Er hat den Menschen damals schon aufgezeigt, dass das Alte Testament von IHM, von Jesus Christus, an vielen Stellen spricht.

Jesus befand sich in der Auseinandersetzung mit den Juden, genauer gesagt mit den Anführern des jüdischen Glaubens, mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Sie standen Jesus äußerst kritisch gegenüber. Und sie haben immerhin auch dafür gesorgt, dass Jesus zum Tode verurteilt wurde. Doch das ereignete sich später. Bleiben wir beim Predigttext, Vers 39: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt.“

Die Hoffnung für alle übersetzt das so: „Ihr lest die Heilige Schrift gründlich, um ewiges Leben zu finden. Und tatsächlich weist sie auf mich hin.“

Ihr Lieben, ich möchte anhand unserer größten christlichen Feste im Ablauf des Kirchenjahres als erstes darauf hinweisen, dass sie schon alle im Alten Testament angedeutet sind.

  1. Die drei großen christlichen Feste im Alten Testament
  • Weihnachten: Als die Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, um das Jesus-Kind anzubeten, fragte der König Herodes die Schriftgelehrten, wo der Christus geboren werden sollte. Er wusste es nicht, und es fing an, peinlich zu werden gegenüber den Weisen aus dem Morgenland, die diese Kenntnis von dem neugeborenen König der Juden hatten und er nicht. Und was fanden die Schriftgelehrten heraus und antworteten ihm? Ich lese aus Matthäus 2, 5+6: „Und sie sagten ihm: In Bethelehm in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten ( und das ist jetzt A.T. In Micha 5,1): „Und du Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.“ Das war also die Prophezeiung des Propheten Micha auf Jesus hin, wo er geboren werden sollte. Der Evangelienschreiber Lukas berichtet von der Jungfrauengeburt, was im Propheten Jesaja bereits angedeutet wurde in Jesaja Kap. 7, 14: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger, und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“ (d.h. Gott mit uns).
  • Karfreitag: Als Jesus schon am Kreuz hing, haben die Soldaten die Kleider von ihm unter sich aufgeteilt und darum gewürfelt. Ich lese aus Johannes 19, 24: „Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ In Psalm 22 – Altes Testament also, finden wir diesen Vers!
  • Ostern: Die zwei Jünger werden von Jesus überrascht, der plötzlich auf dem Weg nach Emmaus neben ihnen ging. Sie waren noch voller Trauer über den Verlust ihres Meisters und klagen Jesus ihr Leid über das Geschehene. Und dann sagte Jesus zu ihnen in Lukas 24, 25 – 27: „Darauf sagte Jesus zu ihnen: »Wie wenig versteht ihr doch! Warum fällt es euch nur so schwer, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste der von Gott erwählte Retter nicht all dies erleiden, bevor ihn Gott zum höchsten Herrn einsetzte? Dann erklärte ihnen Jesus, was durch die ganze Schrift hindurch über ihn gesagt wird – von den Büchern Mose angefangen bis zu den Propheten.“ Eine Schriftstelle aus den 5 Büchern Mose, die auf Jesus Christus hin gedeutet wird, ist diese aus 5. Mose 18, 15: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ Jesus Christus angedeutet und bezeugt im 5. Buch Mose.
  • Pfingsten: Bleibt uns noch das Pfingstfest. Das haben wir doch vor 14 Tagen erst gefeiert. Mit dem Pfingstfest können ja die wenigsten etwas anfangen, und doch ist an Pfingsten der Motor der ganzen Christenheit, der Heilige Geist Gottes, über die Jünger gekommen und kommt heute noch über solche, die sich für Gott öffnen. Ich zitiere aus der Pfingstpredigt des Apostels Petrus, der in seiner Predigt das Alte Testament zitiert, und zwar aus dem Propheten Joel 3, ab Vers 1: „ »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen“ Usw. (Apg. 2, 17+18).

Wir merken bereits jetzt, wie tief der christliche Glaube auch mit dem Alten Testament verwurzelt ist und ohne es gar nicht richtig verstanden werden kann. „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt,“ hat Jesus gesagt. Wer das Alte Testament ausblendet, der blendet die Messiasverheißungen aus. Und wer die Messiasverheißungen ausblendet, der ist nicht weit davon, den Messias selbst auch auszublenden. Das passt in das moderne Konzept von Theologie, Jesus zu einem Religionsstifter zu degradieren. Und das ist viel zu kurz gedacht. Damit soll nur beteuert werden, dass Jesus nur ein Mensch sei und nicht Gottes Sohn. Hier muss man höllisch aufpassen.

Kommen wir noch zu einem weiteren Aspekt.

  1. Jesus war Jude

Wer sich die Anfänge der Evangelien anschaut, der wird sehr schnell auf die Stammbäume von Jesus stoßen. Das war für die Juden sehr sehr wichtig, ihre Herkunft zu kennen. Und es wurde zu einer Mode, ja geradezu zu einer Identitätsfindung, seine Vorfahren zu kennen und sie bestimmen zu können. Der Evangelienschreiber Matthäus schrieb sein Evangelium für Judenchristen, also an Christen, die ihre Wurzeln im Judentum hatten. In Kapitel 1 fängt er so an: „Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte …… usw. usw. Und am Ende des Stammbaums steht: „Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.“ Wir sehen also eindeutig, dass Jesus Christus Jude war und er hat Juden und Heiden, also Menschen nicht jüdischen Glaubens in seine Nachfolge gerufen. „Ein Glück,“ kann ich da nur sagen. Und doch bleibt Jesus damit ein Jude. Und ich bin stolz auf ihn. Übrigens möchte ich bei dieser Gelegenheit kurz erwähnen, dass ich hier überhaupt nicht „kontra Judentum rede“, im Gegenteil. Ohne das Judentum hätte es das Christentum nicht gegeben. Und wo Juden heute bei uns in Deutschland beschimpft oder gar bedrängt werden, da sollten wir nicht schweigen und zusehen, sondern für sie sprechen und Solidarität zeigen. Was in Deutschland und von den Deutschen den Juden angetan wurde, ist beschämend und erdrückend und widerspricht zutiefst dem christlichen Selbstverständnis.

Stadtdekan a.D. Hans Dieter Strack hat in seinem Vortrag am 3. Juli 2013 bei einem Symposion der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem zu Ehren von Schalom Ben-Chorin folgendes gesagt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ Schalom Ben-Chorin war ein deutsch-israelischer Journalist und Religionswissenschaftler und hat sich für den jüdisch-christlichen Dialog eingesetzt. „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ Diese Worte bringen es auf den Punkt. 

  1. Jesus stand zutiefst im jüdischen Glauben

Was wir bei uns hier in Hohnhorst als Konfirmandenunterricht haben und Vorstellung und Einführung in den christlichen Glauben vermitteln und was in der Kinder- und Jugendarbeit weitergegeben wird, das kann man durchaus als Entsprechung sehen zur jüdischen Erziehung von Jesus Christus. Zum Glück hat der Evangelienschreiber Lukas darauf hingewiesen. Er berichtet nach der sogenannten Weihnachtsgeschichte davon, dass Jesus im Tempel in Jerusalem acht Tage nach der Geburt beschnitten wurde und er den Namen Jesus erhielt. Dabei treffen Maria und Josef mit dem Jesus-Baby auf Simeon und Hanna, die beide prophetisch über Jesus reden und Gott für Jesus preisen. Und dann fügt Lukas an, ich zitiere Lukas 2, 39+40: „39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. 40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.“

Dann berichtet Lukas vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Ich zitiere Lukas 2, 41+42: „Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.“ Ab dem 12. Lebensjahr durften die Jungen beim Passahfest in Jerusalem mit dabei sein, so auch Jesus. Und ihr kennt die Geschichte, dass seine Eltern auf der Rückreise ihn bei seinen Freunden geglaubt haben und ihn nach drei Tagen Suchens im Tempel bei den Schriftgelehrten fanden. Und dann berichtet Lukas:  46b „Da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“ Jesus ist also als Jugendlicher schon fest verwurzelt im jüdischen Glauben und im Alten Testament.

„Verzahnt wie im Uhrwerk“, heißt unser Thema. Jesus Christus praktizierte den jüdischen Gottesdienst. Er war zutiefst Jude. Und so auch alle Schreiber des Neuen Testamentes: Sie waren alle Juden, die allerdings in Jesus den Messias, der Christus genannt wird, gefunden haben, wie wir heute auch. Ich freue mich über diese Verzahnung. Ohne Gott im Alten Testament gäbe es auch keinen Gott im Neuen Testament. Und keinen Sohn Gottes, den das Alte Testament bestens kennt. Und darum freue ich mich sehr über den Taufspruch von Thalia Kapust aus dem Alten Testament, nämlich aus Psalm 121, 7:

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.“ Das ist ein starker Spruch. Er verweist uns auf Gott, den HERRN. Er ist nämlich im Stande, diese Obhut, diesen Schutz zu gewährleisten. Er wird in diesem Psalm auch der Hüter Israels genannt. Und er ist ein Hüter aller, die ihm vertrauen. In Vers 4 heißt es: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.” Und in Vers 2 versichert der Psalmbeter: „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Er wacht über uns alle. Und er ist ein starker Helfer. Er wacht auch über Thalia. Und ihm wollen wir Thalia in der Taufe anbefehlen.

Verzahnt wie im Uhrwerk. Wir als Christen miteinander, mit dem Wort Gottes, mit dem Alten Testament und nicht zuletzt mit den Menschen, die auch Gott anbeten, woimmer sie auch herkommen und die ihn lieben, weil er sie alle liebt in seinem Sohn Jesus Christus uns seine große Liebe versichert. Jesus ist die Brücke zwischen Altem und Neuem Testament.

Amen