Schöne Bescherung!

Gottesdienst am Sonntag, dem 17.12.2017

Thema: Schöne Bescherung!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Römer 15,4-13

Liebe Gemeinde,

Schöne Bescherung! Das muss nicht immer wirklich was Schönes sein! Ich erinnere mich noch gut an jenen Heiligabend, als ich noch so im Teeniealter war und wir als Familie gerade an der festlich mit dem Festtagsgeschirr gedeckten Tafel zum festlichen Abendessen zusammen saßen. Ich wollte jemandem die Schüssel mit der Bratensoße reichen, und irgendwie war ich ein Schüssel schusselig: Ich griff nicht richtig zu, die kostbare Schüssel entglitt meinen Händen und sauste in die Tiefe, zerbrach klirrend in Scherben und ergoss ihren leckeren sahnig-braunen Inhalt auf die Tischdecke und – wenn schon, denn schon – auch auf den ganzen Teppichboden. Meine Eltern: blankes Entsetzen, ein Aufschrei! Und ich glaub, es war mein Bruder, der lakonisch kommentierte: Schöne Bescherung! Es trug auch nicht wirklich zur Entspannung bei, als ich dann noch sagte: “Oh, schade, die leckere Soße!” So kann sie also aussehen – eine schöne Bescherung!

Wie anders aber, wenn es eine wirklich schöne Bescherung gibt! Besonders, wenn die Kinder am Weihnachtsbaum ganz gespannt und erwartungsvoll die Geschenke auspacken, die Kinderaugen leuchten, voller Freude und Begeisterung. Da hab ich unsern Daniel vor Augen, wie er 3 Jahre alt war und sich nichts sehnlicher wünschte als ein Weißkopfseeadlerkuscheltier, weil er mal so einen kleinen Adler verloren hatte. Und dann bekam er ihn:  dieses wunderschöne Prachtexemplar hier! Er hat daraufhin einen unglaublichen Freudentanz aufgeführt: Juhuu, juhuu! Das war eine wirklich schöne Bescherung!

Was wäre Weihnachten ohne Geschenke?! Immerhin: 88% der Deutschen lieben es, an Weihnachten Geschenke zu bekommen. Übrigens: 2/3 hassen es dagegen, Geschenke einzukaufen!

Der Apostel Paulus scheint heute so etwas wie ein Weihnachtsmann zu sein. Er bringt uns mit dem Predigttext einen ganzen Sack voller Geschenke mit. Geschenke von Gott, Geschenke für uns, Geschenke für unser Leben.  Wie es im Lied eben schon angeklungen ist:

Der König will bedenken
die, welch er herzlich liebt,
mit köstlichen Geschenken,
als der sich selbst uns gibt
(EG 536,7)

Eine wirklich schöne Bescherung! Als ich in diesen großen Sack reingeschaut habe, habe ich einen Schreck bekommen! Paulus, das ist zu viel für eine Predigt! In diesen wenigen Zeilen, die wir vorhin schon gehört haben, stecken große Geschenke! Jedes einzelne ist eine ganze Predigt wert! Und wir werden nicht alle gleichermaßen betrachten. Es sind große Namen und für uns auch bekannte, wohlvertraute Geschenke. Aber das ermöglicht es, vielleicht jeweils einen kleinen neuen Gedanken zu entdecken. Und ich ermutige Sie, sich eins von diesen Geschenken herauszusuchen, was Ihnen heute besonders wichtig ist, und diese Gedanken mitzunehmen.

 4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

Hier ist erst mal ein sehr großes Geschenk:

 

Das Geschenk der Bibel

“Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben…” Damit meint Paulus die Bibel. Zu seiner Zeit war es ja erst nur das Alte Testament. Der ganze Römerbrief – und wir sind hier gerade fast am Ende, im 15. Kapitel -, ist voll von Zitaten aus der Bibel. Direkt im Vers zuvor hat Paulus gerade aus Psalm 69 zitiert. Und in den 9 Versen, die wir vorhin gehört haben, sind 6 (!) weitere Verse aus dem Alten Testament zitiert. Damit macht Paulus eins deutlich: Die Bibel ist nicht ein altes Buch einer fernen Zeit, sondern es ist für uns da, es ist das Wort Gottes. Für die Menschen seiner Zeit und für die Menschen unserer Zeit. Und die ganze Bibel hat ein großes, zentrales Thema: Sie weist auf Jesus Christus. Christus ist das große Thema der Bibel.

Lesen wir mal ganz genau, was Paulus sagt: “Was zuvor geschrieben ist…”, man kann übersetzen: “Was [da in der Bibel] vor-geschrieben ist…” – “vorgeschrieben”, das klingt nach “Vorschrift”. Und das hat keinen guten Klang für uns! Vorschrift? Das klingt nach Einengung, nach Druck, nach Gesetzlichkeit. Aber Paulus sieht die Bibel als Geschenk! Man kann “vorgeschrieben” nämlich ganz neu verstehen – als Geschenk: Lange bevor es mich gab, bevor ich geboren bin, lange bevor ich zu glauben beginne, ist da zuvor etwas geschrieben für mich, etwas vor-geschrieben, etwas extra für mich!

Ist das nicht genial?! Gott kommt uns in seinem Wort zuvor! Es ist ein großes Geschenk für uns. Ich gebe zu: Vieles an diesem Geschenk ist uns fremd. Und die Verpackung ist oft nicht attraktiv, die Botschaft ist eingepackt in Geschichten, wo ich selber Gott mitunter nicht verstehe, die mir auch wehtun. Und manche Kapitel wirken auf mich trocken und langweilig, ja, das ist so! Aber ich habe es auch schon oft erlebt, wie mich dann plötzlich ein Wort, ein Satz direkt angesprungen hat und ich entdeckt habe: Ja, das gilt jetzt mir!

Manchmal kann die Bibel wirklich sehr direkt zu einem Menschen sprechen, wie vor vielen Jahren in Paris: Dort hatte die französische Bibelgesellschaft in der Fußgängerzone einen Stand aufgebaut und den Passanten Bibeln angeboten. Eine Clique junger Leute kommt heran, die den Mitarbeiter am Bibelstand verspotten: “Bau deinen Laden ab, Alter! Das alte Buch ist längst überholt. Das liest doch heute niemand mehr!” Der Bibelmissionar nimmt sich den Anführer vor und sagt ganz freundlich zu ihm: “Das will ich dir sagen: In diesem Buch redet Gott persönlich mit dir.” “Was, mit mir? Das ist ja zum Lachen! Gib her, dein Buch, das will ich sehen!” Der junge Spötter mit Namen Philippe greift sich eine Bibel, schlägt wahllos auf, liest ein paar Sätze, wird kreidebleich und legt die Bibel aufgeschlagen schweigend zurück. “Was ist, Philippe?” rufen die Kameraden. Er hatte Johannes 14,9 gelesen. “Jesus spricht: So lange bin ich bei euch gewesen, und du kennst mich nicht, Philippe?” Da stand sein Name, in der französischen Bibel steht “Philippe” für Philippus, den Jünger Jesu. Vielleicht hat er da gedacht: Schöne Bescherung! Vielleicht hat er kapiert:

Die Bibel kann ganz schön persönlich werden. Gott will mit mir reden. Was für ein Geschenk! Wäre das nicht ein guter Vorsatz für das neue Jahr: Dies Geschenk auszupacken und öfter in der Bibel zu lesen? Vielleicht mit Erklärungen etwa vom Neukirchner Kalender. Oder mit anderen in einem Hauskreis oder im Bibelkreis, Gemeindetreff, Alpha-Ekk… Und wenn wir anfangen, dieses große Geschenk mehr und mehr auszupacken, dann entdecken wir, was da drin steckt.

 

Die Geschenke Geduld, Trost und Hoffnung

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

Paulus sagt: Wenn wir das Geschenk der Bibel recht nutzen, dann werden wir darin weitere Geschenke entdecken: Geduld Trost und Hoffnung. Wunderbare Worte. Vielleicht denkst du: Jetzt hat der schon so lange über die Bibel geredet, hätte er nicht vielmehr über diese Geschenke, über Trost und Hoffnung reden können? Das ist doch viel schöner! Eine noch schönere Bescherung! Sicher, das sind schöne Worte. Und manch ein psychologischer Vortrag könnte dazu auch wertvolle Impulse und Lebenshilfe geben. Doch Paulus geht es eben nicht um irgendeinen Trost, um irgendeine Hoffnung, sondern um den “Trost der Schrift”, um den Trost aus Gottes Wort, um Trost und Hoffnung und Geduld, die nur Gott uns schenken kann. Schauen wir sie uns an, diese göttlichen Geschenke:

Geduld: Hier steht ein sehr interessantes Wort in der griechischen Sprache: hypomonae. Und das meint wörtlich: hypo = “drunter” und monae = “bleiben”. Geduld heißt hier: Drunterbleiben. Ja, worunter denn bleiben? Gemeint ist nicht: willenlos unter einer Last irgendeines Schicksals bleiben, sich einfach still und klaglos ergeben. Nein, wir dürfen auch klagen, wenn wir Gott nicht verstehen, wir dürfen mit ihm ringen, schreien. Was meint dann “Drunterbleiben”?  Bei allen Fragen, bei allem Ringen unter Gottes Regie bleiben, unter Gottes Hand bleiben! Nicht ausbrechen und weglaufen – in der Meinung: ich krieg das selber, ohne Gott, besser hin! Sondern: im Vertrauen bleiben, unter Gott bleiben. Darauf warten, dass Gott es am Ende gut machen wird. Das ist biblisch gesehen Geduld. “Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn (- das heißt: warte geduldig auf ihn), er wird’s wohl machen!” (Psalm 37,5). Drunterbleiben, das können wir bei Paul Gerhardt lernen: “Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente, und führet alles wohl.” (EG 361,7)

Trost: Was tröstet uns in Leid und Traurigkeit? Das ist sicher in jeder Situation und bei jedem Menschen unterschiedlich. Ich bin überzeugt, dass Gott uns guten Trost durch andere Menschen schenken kann. Durch die Familie, durch enge Freunde. Doch hier an unserer Stelle verwendet Paulus ein ganz besonderes Wort für “Trost”, ein Wort, was für menschlichen Trost nicht so üblich ist, nämlich “paráklaesis” und das ist dasselbe Wort, was Jesus für den Heiligen Geist als Tröster (“paráklaetos”) wählt. Johannes 14,26: “Aber der Tröster, der Heilige Geist, den wird mein Vater senden in meinem Namen…”. Es gibt also einen Trost, der noch tiefer geht als menschlicher Trost. Ein Trost, der durch die Bibel und den Heiligen Geist kommt. Ein Trost, der verbunden ist mit dem Geschenk “Hoffnung“. Dass Jesus uns vorausgegangen ist durch den Tod ins Leben. Dass er am andern Ufer auf uns wartet. Mit weit offenen Armen. Dass er uns nach Hause liebt: “Mein Kind, komm in meine Welt!”

 

Die Geschenke Einheit, Annahme und Lobpreis

5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

“Einträchtig gesinnt sein untereinander”, das ist was für die Gemeinde, auch für unsere! Was meint Paulus mit diesem Geschenk? Einträchtig oder einmütig – das heißt nicht gleichförmig! Das heißt nicht, dass alle in allem einer Meinung sind! Sondern es meint Einheit, und Einheit meint, dieselbe Denkrichtung zu haben! Dasselbe Ziel vor Augen zu haben! Und dieses Ziel benennt Paulus klipp und klar: Jesus Christus! So entsteht Einheit, wenn wir in der Gemeinde alle auf Jesus Christus hin ausgerichtet sind! Er ist das Zentrum der Gemeinde. Alles andere – Fragen des Stils, der Formen, des Geschmacks, all das ist wirklich zweitrangig. Nicht unwichtig, aber zweitrangig! Wenn wir alle auf Christus schauen, dann haben wir automatisch dieselbe Blickrichtung. Und dann kann uns auch die gegenseitige Annahme geschenkt werden. Das kann schon wirklich schwierig werden, einander anzunehmen. Die Leute damals hatten auch riesige Probleme, sich gegenseitig anzunehmen in ihrer ganz unterschiedlichen Glaubensbiografie und Glaubensprägung: Die einen kamen aus dem strengen Judentum, mit vielen Geboten und Gesetzen. Die anderen waren freizügige Heiden gewesen. Und nun sagt Paulus: Nehmt einander an! Lernt voneinander. Wachst und reift aneinander. Sich annehmen – kann auch heute schwer sein. Da, wo wir uns über den andern ärgern, wo uns was nervt, wo wir Dinge absolut konträr sehen… Doch dieses Geschenk will Gott uns machen: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat! Annahme heißt nicht, alles gut finden, was der andere tut. Christus findet auch nicht alles gut, was wir tun. Aber Annahme heißt, den andern liebhaben, wie er ist. Bedingungslos. So liebt Christus mich: bedingungslos. Okay, wir sind nicht Christus. Aber wir wollen von ihm lernen. Mir fällt das mitunter schwer. Aber ich will es.

“Nehmt einander an – zu Gottes Lob.”

Auch das ein Geschenk Gottes für uns: Dass wir ihn loben können. Mit unserm Leben, mit unseren Liedern. Für manch einen ist gerade die Musik, der Lobpreis, gute Lieder eine wertvolle Form, um Gott ganz nahe zu sein, Gott zu begegnen. Auch ein Geschenk aus der schönen Bescherung Gottes.

 

Die Geschenke Freude, Friede und Kraft

13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Auch diese Geschenke gehören zu Gottes schöner Bescherung. Freude, gerade jetzt in der Weihnachtszeit ein sehr passendes Geschenk. Wie sehr sehnen wir uns nach so einer echten tiefen Weihnachtsfreude. Freude, die nicht ein paar Tage nach Weihnachten vorbei ist. Manfred Siebald dichtet über diese echte Weihnachtsfreude:

Die Weihnachtsfreude, die pustet keiner aus!
Die Weihnachtsfreude hängt nicht am Baum zu Haus.
Gott kam zu uns auf die Welt, wurde so wie wir.
Wir wolln uns freuen, denn Jesus ist jetzt hier.

Die Gewissheit, dass Jesus bei uns ist, gibt uns diese Freude und zugleich Frieden. Tiefen Frieden im Herzen. Es ist ja schon spannend, dass Freude und Frieden oft in einem Atemzug genannt werden. Friede, Freude, gelegentlich noch Eierkuchen. Ob mit oder ohne Eierkuchen: Es wird deutlich: Echte Freude gibt es nur mit Frieden. Wer im Unfrieden mit dem Mitmenschen, mit Gott oder auch mit sich selbst lebt, wird keine tiefe Freude empfinden. Aber wer sich beides von Gott schenken lässt, Freude und Frieden, der bekommt auch Kraft. Kraft für den Alltag. Kraft auch für schwere Wege. Ich erinnere mich beim Geschenk “Kraft” an die schöne Bescherung bei unserm Daniel. Denn bei Jesaja lesen wir: Die auf den Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. (Jesaja 40,31).

All diese Geschenke fallen nicht einfach vom Himmel. Sie sind in dem großen Geschenk Bibel eingepackt. Und wir sollten schon richtig zupacken. Nicht so wie ich damals bei der Soßenschüssel. Damit uns diese kostbaren Geschenke nicht entgleiten! Nein, wir müssen sie annehmen, zupacken! Aber wie gut, dass uns jemand hilft, diese Geschenke anzunehmen. Denn wenn wir dieses Geschenk hier vorne auf dem Gabentisch einmal von der anderen Seite betrachten, sehen wir auch diesen Namen: “Heiliger Geist”.

Es ist letztlich Gottes guter, heiliger Geist, der durch die Bibel zu uns spricht und der diese Geschenke in unser Leben bringt, “dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.” – Eine schöne Bescherung!

Amen.

 

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