Schlangenbrut und Feuertaufe

Gottesdienst am dritten Sonntag im Advent, dem 15.12.2019

Thema: Schlangenbrut und Feuertaufe

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 3,1-20

Liebe Gemeinde,

“Johannes ist der Star!” so sagte es – tja, man höre und staune – so sagte es eine Palme. Nun ja, nicht irgendeine Palme, sondern eine echte Plapperpalme. In unserem Musical “Johannes der Täufer”, das vor kurzem hier mit fast 50 Kindern und Jugendlichen aufgeführt wurde. Und hier ist er, Johannes der Täufer.

“Johannes ist der Star!” sagt also Palmi, die Plapperpalme. “Der erste Prophet seit was weiß ich wie vielen hundert Jahren! Johannes kennt jeder. Du weißt schon: 90 Millionen Likes auf Facebook und 125 Millionen Klicks bei YouTube, so einer ist er!”

Die Palmenkollegin Palma ergänzt: “Ein Prophet mit seltsamen Ernährungsgewohnheiten. Er isst Heuschrecken und Honig.” – “Schon, aber die Leute kommen in Scharen hierher. Sie hören ihm zu und lassen sich von ihm im Jordan taufen.”

Eine beeindruckende Persönlichkeit war er schon, dieser Johannes! Bekannt auch aus außerbiblischen historischen Quellen, so etwa berichtet der jüdische Geschichtsschreiben Flavius Josephus, der auch im 1. Jahrhundert lebte, von ihm und erwähnt sogar den Namen der Burg, wo Johannes hingerichtet wurde, nämlich die Festung Machaerus. Fremd, seltsam, in seiner Verkündigung prophetisch hart und kompromisslos, wenn er seine Zuhörer etwa mit “Schlangenbrut” anredet.

Was wollte er? Was soll das mit “Schlangenbrut” und “Feuertaufe”? Wenn wir den Predigttext, den wir vorhin gehört haben, etwas näher betrachten, dann möchte ich heute Morgen drei Beschreibungen für Johannes wählen. Er war
1) Der Wegbereiter
2) Der Tieferblicker
3) Der Weiterschauer

1) Der Wegbereiter

Die Geschichte dieses seltsamen Burschen Johannes beginnt auch seltsam. Nicht nur seine äußert merkwürdige Geburtsgeschichte, sondern auch die Einleitung seines Wirkens: 1 Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, 2 als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias.

Man fragt den Evangelisten Lukas: Wer?? Lukas würde uns vielleicht erklären wollen, wer Tiberius — Nein. Wer das wissen will? Das ist unsere Frage. Was soll das? Warum diese ausführliche Beschreibung von Tiberius, Pontius Pilatus, Herodes usw.? Das sind allesamt gottlose Gesellen und was haben die mit uns zu tun? Und dann noch “Trachonitis”! Ist das eine Magenverstimmung, oder was? Nein, eine Landschaft. Okay, aber was hat das mit uns zu tun? Hohnhorst, Advent 2019.

Nun, ich denke, eine ganze Menge. Denn es ist eben genau das Gegenteil von einem Beginn, der so heißen würde: “Es war einmal…” Oder “Hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen…” – So beginnen Märchen. Unbestimmt im Irgendwann und Irgendwo, das wär ein Nirgendwo. Doch Gottes Handeln ist ganz anders. Gott kommt in die Geschichte. Gott kommt in Raum und Zeit. Er kommt in konkrete Situationen. Darum kommt er auch zu uns. Da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Das ist spannend: In der Wüste passiert das. Johannes ist gerade in der Wüste, als Gott ihm begegnet, als er Gottes Stimme in seinem Herzen spürt. Das ist so typisch für Gott. Er kommt zu uns oft gerade in Wüstenzeiten. In Zeiten, wo wir uns einsam fühlen, wo wir verzweifelt sind. Wo wir denken: Gott ist gar nicht mehr da. Vielleicht bist du gerade in so einer Wüstenzeit. Beruflich oder privat. Du siehst keinen Weg mehr. Gib nicht auf! Gerade dann kann Gottes Stunde kommen. “Bereitet den Weg des Herrn!” So spricht Johannes, wie hunderte Jahre zuvor schon Jesaja. Wegbereiter ist Johannes, Wegbereiter für Gott und für seinen Messias, seinen Retter: Jesus, den Sohn Gottes. “Bahnt einen Weg unserm Gott” haben wir vorhin gesungen. Aber wie können wir Jesus den Weg bereiten in unserm Leben? Wir müssen vielleicht nicht in die Wüste gehen, aber die Stille einer Wüste, mal heraus aus dem Alltagstrott, mal innehalten, das wäre schon ein Anfang. Wir sind so mit unserm täglichen Kleinklein beschäftigt – und oftmals gerade in der Vorweihnachtszeit! – dass Gott oft keine Rolle spielt in unserm Leben. So ist es eben. Hören wir dazu einen kleinen Ausschnitt aus dem Musical.

In unserem Leben, so ist es eben,
ist wirklich ziemlich viel zu tun,
dass es uns gut geht, dass es an nichts fehlt.
Der Alltag lässt uns wirklich keine Ruh.
Es gibt noch eine andre Wirklichkeit:
Das Himmelreich, die Ewigkeit ist nah!
Lauft los, brecht aus aus eurem Trott.
Kehrt um und wendet euch zu Gott!
Macht euch bereit für die neue Zeit.
Macht euch bereit!

Wie geht das: Macht euch bereit!

Johannes sagt: 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.

Dies ist keine Geografiekunde. Sondern hier geht es um Menschenherzen. Berge und Hügel sollen erniedrigt werden: Das, was hoch steht. Das ist unser menschlicher Stolz und Hochmut. Dass der Mensch meint: Wir schaffen alles! Wir haben unser Leben im Griff. Ärmel hochkrempeln, ich krieg das hin. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied… Nein, sagt Johannes. Legt euren Stolz ab. Erkennt, dass ihr Hilfe braucht, Vergebung, Erlösung, Jesus.

Und: Alle Täler sollen erhöht werden. Was könnte das meinen? Es gibt auch tiefe Täler bei uns Menschen. Verzweiflung und Niedergeschlagenheit, Depressionen und Angst. Selbstzweifel und Traurigkeit. Vielleicht bist du in solch einem Tal. Dann gilt dir dieses Wort als Ermutigung! Wenn Jesus kommt, dann werden Täler erhöht, er richtet dich auf, er hilft dir auf. Weil er dich liebt! Weil du wertvoll für ihn bist. Weil er sich für dich auf den Weg gemacht hat in unsere Welt. Für dich!

2) Der Tieferblicker

7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.

“Schlangenbrut” ist keine charmante Anrede. Aber er will seine Zuhörer nicht beleidigen. Und dann – weil ihm vielleicht “Vollpfosten” gerade nicht eingefallen ist, wählt er “Schlangenbrut”. Nein, so ist es nicht. Sondern es ist vielmehr eine tiefblickende Diagnose. Er sieht bei allem Bösen in dieser Welt und auch bei dem Bösen in uns, dass man nicht einfach so abstellen kann. Als ob man einen Schalter umlegt. So, nun werdet einfach mal gut! So geht es nicht. Er sieht tiefer. Mit “Schlange” erinnert er an den Teufel und die Geschichte vom Sündenfall (1. Mose 3). Johannes weiß: Es gibt nicht nur das Böse, es gibt auch den Bösen. Und Schlangenbrut, also Nachkommen der Schlage – wenn er so die Menschen bezeichnet, wie übrigens Jesus ebenfalls es auch einmal sehr hart sagt: “Ihr habt den Teufel zum Vater.” (Johannes 8,44) – dann meint das: Ihr seid gefangen. Da gibt es die Macht des Bösen, die uns bestimmt. Der Teufel, griechisch: Diabolos, heißt auf Deutsch: Durcheinanderbringer. Das ist die treffende Bezeichnung! Es gibt also eine böse Macht, die alles durcheinanderbringt. Die unsere Beziehungen kaputt macht, und auch unsere Beziehung zu Gott. Von selbst kommen wir da nicht raus aus der Schlangenbrut. Wir müssen neu geboren werden. Wir brauchen ein ganz neues Leben. Das will Johannes den Menschen klar machen. Die haben gedacht: Wir sind doch Abrahams Nachkommen, also Kinder dieses großen Glaubensvaters. Damit sind wir doch automatisch alle Kinder Gottes. Nach dem Motto: Ein bisschen fromme Tradition, das reicht uns schon! Nein, sagt Johannes. Das ist selbstgerecht und scheinheilig. Wir brauchen Glauben, um neu geboren zu werden. Er sagt: Der echte Glaube wird an der Liebe erkennbar sein.  Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.

Die Liebe ist die Frucht des Glaubens. Und da können wir uns alle an die eigene Nase fassen. Wie viel Raum hat die Liebe in unserem Herzen, in unserem Leben. Und ich möchte mal gerade diejenigen unter uns fragen, und dazu zähle ich mich selber auch, die von Herzen und bewusst Christen sein wollen, die die Bibel als Gottes Wort ansehen, die sich schon einmal bewusst für Jesus entschieden haben. Wie echt ist unser Glaube? Ist es ein Glaube der Worte oder der Taten? Wo ist die Liebe in unserem Leben, in unserer Gemeinde? Wir wollen, dass die Bibel die Grundlage ist, aber Bibel allein reicht nicht. Bibel ohne Liebe ist Betrug. Da brauchen wir Buße. Johannes ist der Tieferblicker, der durch die frommen Fassaden hindurchschaut. Durchleuchte mein Herz, das könnte unser Gebet sein.

Hören wir noch ein passendes Lied dazu aus unserem Musical.

Es gibt niemand, der mich kennt wie du.
Du  weißt alles, was ich denk und tu.
Du weißt, dass ich nur das Gute will.
Du kennst meine Grenzen und mein Ziel.

Durchleuchte mein Herz und prüfe mich!
Durchleuchte mein Herz, verschon mich nicht.
Zeig mir meine Schuld, ich will neu von deiner Gnade leben.
Durchleuchte mein Herz, ich will deine Liebe neu verstehen.

Es gibt niemand, der mich kennt wie du.
Du siehst in mein Herz und hörst mir zu.
Du siehst meine Zweifel, meine Schuld.
Du hast so unfassbar viel Geduld.
Durchleuchte mein Herz!

Darum geht es Johannes, dass wir uns selbst erkennen, dass wir ehrlich werden vor Gott und uns selbst. Umkehren.

Und dann macht uns Johannes Hoffnung.

Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken, das bedeutet doch nicht, dass Gott irgendwelche Steine der Wüste beleben will. Nein, es geht um die Steine unsrer Herzen. Gott kann Glauben wirken, wo Herzen hart und kalt sind wie Stein. Er kann und will unsere Herzen beleben. Dass wir sie öffnen für ihn und für die Liebe zu unseren Mitmenschen. Und Johannes ist nicht nur der Tieferblicker. Er weiß auch, dass es noch jemanden braucht. Den wahren Erlöser, den Christus, den Messias. Er ahnt ihn, er sieht ihn, denn er ist der Weiterschauer.

3) Der Weiterschauer

Er schaut weiter, er schaut über seinen eigenen Horizont. Als alle ihn anhimmelten und ihm zujubelten und tuschelten, dass er vielleicht der verheißene Messias sein könnte, da weist er weg von sich, er schaut weiter, dieser Weiterschauer.

16 Da  antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

Johannes sieht den Messias. Er weiß: Nach mir kommt einer, der größer und stärker ist als ich. Einer, der ist beides. Er ist Richter, und er ist zugleich Retter in einer Person. Hören wir nochmals aus dem Musical:

Nach mir kommt einer, der größer, stärker ist als ich.
Unvergleichlich, unbeschreiblich, keiner ist wie er!
1. Er ist der Richter, der das Gute vom Bösen trennt,
der alles Schlechte im ewigen Feuer verbrennt.
2. Er ist der Retter, der uns von unsrer Schuld befreit,
der nicht mit Wasser tauft, sondern mit heiligem Geist.

Jesus ist der, der nicht mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist und mit Feuer tauft. Was soll das bedeuten? Mit Heiligem Geist taufen, das meint: Wir können nicht aus eigener Kraft zum Glauben finden, sondern wir brauchen dazu den Heiligen Geist, den Jesus mitbringt, den er uns schenkt. Nur Gottes Geist kann den Glauben in uns bewirken. Darum – selbst wenn wir uns schwer tun mit dem Glauben – er kann und will ihn uns schenken. Er gibt uns diesen heiligen Geist als Kraft Gottes, als Kraft der Liebe, die uns verändern und zur Liebe bewegen will.

Und darum auch Feuer. Feuer hat Kraft! Feuer kann in der Bibel für zwei verschiedene Dinge ein Bild sein. Zum das verzehrende Feuer, das alles verbrennt, was schlecht und böse ist, was uns von Gott trennt, ein Bild für das Gericht über alles, was keinen Bestand hat vor Gott. So verstanden ist das Gericht mit Feuer, die “Feuertaufe” eigentlich eine Wohltat, eine Gnade! Weil es das zerstört, was uns zerstört.

Zum anderen aber steht Feuer in der Bibel auch für die Energie, das Licht, die Wärme und Orientierung. Als das Volk Israel viele Jahrhunderte vor Johannes selber in der Wüste war, da hat Gott seine Gegenwart durch eine Feuersäule gezeigt, die den Israeliten des Nachts den Weg gezeigt hat. Ein Bild für Wegweisung, für Licht – auch in unserem Leben. Gottes Geist will uns den Weg zeigen durch die Nacht und durch die Wüste unseres Lebens. Dafür steht die “Taufe mit Feuer” auch. Johannes weist hin auf Jesus, der für uns das Licht ist uns Orientierung gibt, den Weg zeigt, das Heil schenkt. So ist Johannes der Wegbereiter, der Tieferblicker und der Weiterschauer. Mögen auch wir Jesus den Weg bereiten in unserem Herzen. Tiefer blicken durch unsere Fassaden aus Selbstgerechtigkeit hindurch. Und weiter schauen über unseren eigenen engen Horizont hin auf Jesus.

Amen.