Man lebt nur zweimal

Gottesdienst am Sonntag, dem 17.11.2019

Thema: Man lebt nur zweimal

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Römer 14,7-13

Liebe Gemeinde,

vor über 50 Jahren wurde er gedreht, dieser James-Bond-Film mit diesem sehr tiefsinnigen Titel: “You only live twice” – “Man lebt nur zweimal”. In diesem Film mit Sean Connery bezieht sich der Titel auf einen Trick des Meisterspions. In Hongkong täuscht er seinen eigenen Tod vor, um auf diese Weise mit einer anderen Identität, sozusagen mit einem neuen Leben unerkannt weiter die Bösewichte und Schurken dieser Welt jagen zu können.

Das wäre es doch! Wenn unser Tod sich am Ende nur als Täuschung herausstellen würde. Wenn es einfach weiter geht. Mit einem neuen Leben. Vielleicht sogar mit einem besseren Leben. Unzählige Fantasien gibt es dazu, religiöse und esoterische, Vorstellungen von Wiedergeburten, Reinkarnation.

Nach hinduistischer Vorstellung etwa ist der Mensch in seinem innersten Wesen eine unsterbliche Seele, die sich nach dem Tod des Körpers in einem neuen Wesen wieder verkörpert. Der irdische Körper sei so etwas wie ein Gewand, das im Tod abgelegt wird, bevor sich die Seele wieder in einem neuen Körper “inkarniert”, d.h. einen neuen irdischen Körper annimmt. Ob du als Königin oder Sklave, als zum Hunger verurteiltes Kind in Somalia oder als Wohlstandswonneproppen-Baby, als Kuh oder Regenwurm wieder zur Welt kommst, das hängt davon ab, wie gut du in deinem vorigen Leben warst. Daraus resultiert dein Karma: „Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er.”

Die Bibel sagt etwas völlig anderes. Glasklar steht da diese Aussage: Dem Menschen ist es bestimmt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht.” (Hebräer 9,27)

Der Tod ist nicht wie bei James Bond nur eine Täuschung. Er ist für jeden von uns unumstößliche Tatsache. Er ist todsicher, und somit auch todernst. Aber zugleich sagt die Bibel auch: Er ist nicht das Ende! Es gibt ein neues Leben! Aber eben nicht als irgendeine irdische Reinkarnation, sondern völlig neu, ein neues Leben. Und so gilt tatsächlich: Man lebt nur zweimal! Doch was bedeutet das für unser Leben hier und heute? Welche Konsequenzen hat das für uns? Hören wir Gottes Wort, bezeugt durch den Apostel Paulus in seinem Römerbrief 14:

7Denn keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
11 Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«

Ich möchte diesen Worten vier Impulse entnehmen. Und wie das Gesamtthema “Man lebt nur zweimal” bieten sich auch hierfür – zugegeben etwas ungewöhnlich – Filmtitel dieses nicht wirklich christlichen Helden James Bond an.

1) Die Welt ist nicht genug

Dieser Filmtitel von 1999 beinhaltet eigentlich eine echt starke Aussage: Diese Welt – und alles, was sie zu bieten hat an Reichtum, Vergnügen, Glück, vielleicht sogar Luxus, Vergnügen… diese Welt und dieses Leben hier – so schön es auch ist – es ist letztlich nicht genug. Es macht uns nicht im Tiefsten satt. Es muss noch mehr geben.

Paulus sagt es so: “Keiner von uns lebt sich selber.” Keiner von uns lebt für sich selbst. Lebt um seiner selbst willen. Anders gesagt: Keiner von uns findet nur in seinem eigenen Ich Erfüllung, Sinn und Zufriedenheit. Der Mensch lebt eben nicht nur für sich. Er braucht mehr, den Mitmenschen, und vor allem Gott! Es muss etwas Höheres geben als den vergänglichen Menschen. Schon im Prediger Salomo steht: “Gott hat die Ewigkeit den Menschen ins Herz gelegt.” (Prediger  3,11). Da ist tief in uns allen verwurzelt die Sehnsucht, die Ahnung: Es muss noch mehr geben als diese paar Jahre hier auf der Erde.

Und warum erinnert Paulus die Römer nun daran, dass man eben nicht nur für sich selbst, für dieses Leben lebt? Nun, weil die Gemeinde in Rom in der Gefahr stand, genau das zu vergessen. Das eigene Ich, die eigene Sicht der Dinge, die eigenen Standpunkte wurden auf einmal viel zu wichtig genommen. Es gab Streit. Man verurteilte sich gegenseitig. Und darum musste Paulus klar machen: Hey, es geht doch nicht um euch selbst! Dreht euch doch nicht nur um euch selbst und eure eigenen Meinungen und Bedürfnisse. Keiner lebt sich selbst! Leben wir, so leben wir dem Herrn! Das ist seine Botschaft. Denn das Leben ist ohnehin ein Geschenk des Höchsten. Und du hast es doch eh nicht in der Hand. Wenn du dein Leben ohnehin von Gott bekommst, was spricht dagegen, es auch ganz Gott zu überlassen? Ihn zu fragen, womit du es füllen sollst und darfst. Vielleicht ergibt sich dann auch eine Neuausrichtung der Prioritäten. Vielleicht beruflich eine komplette Neuorientierung? Vielleicht eine Gewohnheit aufgeben, die uns zwar Spaß macht, aber letztlich gefangen nimmt und kaputt macht? Das, was uns über die Maßen ausfüllt, unsere Kräfte, unsere Zeit beansprucht, verliert im Glauben an Bedeutung, und der Einsatz für die Sache Jesu wird uns wichtiger, hören, hingehen, helfen. Botschafter der Liebe Gottes sein. Leben in Perspektive Ewigkeit. Und wie ist es dann mit dem Sterben und dem Tod für uns Christen?

2) Ein Quantum Trost
Wieder so ein Filmtitel. Ein “Quantum” – was ist das denn? Es ist die “passende Menge”. Ein Quantum Trost möchte Gott seinen Kindern geben. Die passende und nötige Menge Trost, die wir brauchen. Sicher, wir haben auch als Christen Angst. Ich erinnere mich, wie mich mal ein älterer Mann eingeladen hatte zu einem Gespräch. “Herr Pastor, ich muss mal mit Ihnen reden.”- “Okay, gerne.” Termin ausgemacht. Besuch. Ich war gespannt, um was es wohl gehen wird. Und dann fing er an und sagte: “Ich bin gläubig,” so begann er, “darum habe ich keine Angst vor dem Tod. Aber eins muss ich sagen: Ich habe Angst vor dem Sterben!” Das konnte ich gut verstehen. Ich sagte: “Ich auch.” Man hat damit ja nicht wirklich schon Erfahrung. Ich habe es zwar schon bei manchen Menschen ein wenig miterlebt, und das kann sehr unterschiedlich sein das Sterben, manche sterben leicht, andere schwer. (Übrigens auch gläubige Menschen sterben nicht immer leichter als andere!), aber wie wird das bei einem selbst sein? Jesus sagt: “In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” Das bedeutet doch, Angst gehört zu unserem Leben dazu. Aber Jesus ist stärker als alles, wovor wir Angst haben können. Auch stärker als Sterben und Tod. Paulus sagt das so: “Und keiner stirbt sich selber.” Das bedeutet: So wie du im Leben nicht auf dich selbst fixiert zu sein brauchst, sondern auf Jesus, so auch im Sterben. Er ist dann bei dir! Ob es ein leichtes Sterben, oder ein schweres Sterben wird, eins gilt: Er ist dann bei dir! Er trägt dich durch!  8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

Was für eine starke Aussage! Was für ein gewaltiges Quantum Trost! Und es geht noch weiter: Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Also: Wir gehören dem Herrn Jesus Christus! Dazu ist der Glaube da. Wenn wir Gottes Kinder sind, sind wir sein Eigentum. Im Leben und im Sterben. Und wenn wir sehen, wie schon wir Menschen für unsere Kinder sorgen, wie wir für sie kämpfen können, wie wir sie lieben, wie viel mehr erst Gott! Kennen Sie den Heidelberger Katechismus? Ähnlich wie für uns Lutheraner Martin Luthers kleiner Katechismus eine kompakte Zusammenfassung der Kernpunkte des Glaubens ist, ist es der Heidelberger Katechismus für unsere reformierten Geschwister (EG 807). Und gleich der Anfang bringt es auf den Punkt:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
– Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,

sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre.

Und nun geht die Sache weiter.  Wenn Jesus auferstanden ist, und er hat gesagt: “Ich bin die Auferstehung und das Leben”, und wenn ich zu ihm gehöre, dann bedeutet das doch: Auch ich werde die Auferstehung und das Leben haben, wenn ich Jesus habe! Ich denke da an den Missionar Jim Elliot, der 1956 von den Auca-Indianern in Ecuador ermordet wurde, denen er doch eigentlich das Evangelium des Lebens bringen wollte. Er hatte zuvor einen Satz gesagt, der sich mir tief eingeprägt hat. Ich war noch Kind, und da hatte mir jemand das ins Poesiealbum geschrieben: “Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu empfangen, was er nicht verlieren kann.”  Dieses Leben hier können wir nicht behalten, aber das Leben, was uns erwartet, können wir nicht verlieren.

Es gibt also nach der Nacht des Todes noch einen Morgen. Ein neues Leben. Einen Morgen, der nie stirbt.

3) Der Morgen stirbt nie
Auch dieser Bond-Filmtitel ist eine tolle Formulierung, eine tolle Botschaft! Paulus sagt es etwas weniger lyrisch:

9Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Das ist eine starke Aussage! Schon, dass Jesus über Lebende der Herr ist, ist überwältigend, bedeutet es ja, dass er alles in seiner Hand hat und dass er allein regiert, hinter den Kulissen zwar, im Verborgenen und oftmals gegen allen Augenschein. Aber dass er auch über Tote der Herr ist, das übertrifft alles! Denn das kann ja nur heißen, dass die Toten leben. Man lebt nur zweimal: Vor dem Tod und nach dem Tod. Die Frage ist nur, wie. Und auch da redet Paulus nicht um den heißen Brei herum. Es gibt ein Gericht. Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.

“Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind.” – Das mag ein Schlager sein, aber in der Bibel sucht man diesen Liedtext vergeblich. Es ist zwar so, dass einmal alle vor Jesus ihre Knie beugen werden und alle Zungen Gott bekennen werden. So sagt Paulus ja weiter: 11Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«Aber das heißt nicht, dass alle, alle in den Himmel kommen. Entscheidend für das Urteil Gottes, für Himmel oder Hölle ist, ob dieser Herr dir nur als Richter oder zugleich als Retter begegnet. Und da hilft nur eins, und Jesus sagt das unmissverständlich: “Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen.” (Johannes 5,24) Wer Jesus hat, hat nach der Todesnacht einen Morgen. Der Morgen stirbt nie.

Und nun bringt Paulus noch die Konsequenzen dieser Lebensperspektive für das Leben hier zur Sprache.

4) Liebesgrüße aus Rom
Der Filmtitel heißt zwar “Liebesgrüße aus Moskau”, aber da es hier um die Gemeinde in Rom geht, möchte ich – mit künstlerischer Freiheit – das einmal so benennen: Liebesgrüße aus Rom.Das ist der Wunsch des Paulus an diese Gemeinde, dass er demnächst Liebesgrüße von dort bekommt, dass er erfährt, wie die Menschen in der Gemeinde sich mit gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Liebe begegnen. Es war dort viel Streit zwischen unterschiedlichen Glaubensprägungen und Sichtweisen. Die einen haben die andern verurteilt.  Man hielt den anderen für viel zu locker und liberal – und umgekehrt: diese hielten wiederum die anderen für viel zu gesetzlich und engstirnig. Und nun sagt Paulus: Halt! Vergesst doch nicht: Wenn wir alle einmal vor Gottes Richterstuhl stehen, dann wird er das Urteil fällen. Dann müssen wir doch nicht vorab den andern verurteilen. 12So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. 13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Das find ich wirklich spannend! Der Blick aufs Jenseits lenkt nicht ab vom Diesseits. Der Blick auf eine gesunde, lebendige Beziehung zu Gott lenkt nicht ab, sondern im Gegenteil: ermöglicht eine gesunde Beziehung zum Bruder, zur Schwester, zum Mitmenschen. In der Evangeliumslesung heute sagt Jesus: “Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” (Matthäus 25,40)

Darum: “Man lebt nur zweimal.” Manch einer vergisst, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Was für ein Fehler! Aber genauso falsch ist es, wenn manch ein frommer Christ vergisst, dass es auch ein Leben vor dem Tod gibt. Ein Leben, das Gott uns geschenkt hat, in dem wir in Liebe zu Gott, zu unserm Nächsten und zu uns selbst leben dürfen.

Amen.