Lass mich deine Herrlichkeit sehen

Gottesdienst am Sonntag, dem 20.01.2019

Thema: Lass mich deine Herrlichkeit sehen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 2. Mose 33,17-23

Liebe Gemeinde,

was sind deine größten Lebenswünsche? Der Spiegel hat eine Umfrage mit dem Klassiker gemacht: Stell dir vor, eine gute Fee kommt, und du hast einen Wunsch frei. Die Antworten sind nicht sehr überraschend: Was meinen Sie, was steht an 1. Stelle? Gesundheit! Klar! danach – das fand ich schon erstaunlich – kommt der Wunsch nach guten Finanzen, noch vor dem 3. Wunsch, nämlich nach Glück in der Familie. Bei Kindern steht übrigens ganz oben: ein Haustier!

Das sitzt ein Ehepaar am Frühstückstisch, beide um die 60. Kommt eine Fee, fragt den Mann: “Du hast einen Wunsch frei: Was wünschst du dir?” Der Mann sofort: “Ah, eine Frau, die 30 Jahre jünger ist!” – “Kein Problem, kannste haben”, sagt die Fee. Und schwupps: Der Mann ist 90.

Gut, dass es solche Wunschfeen nicht gibt!

Manche Wünsche allerdings wären durchaus leicht zu erfüllen. Das hat mich berührt, was ein Mädchen geantwortet hat auf die Frage nach ihrem größten Wunsch: Dass meine “Mutter mich mal in den Arm nimmt und mir sagt, dass sie mich liebt.”

Was sind deine Wünsche? Was wären deine Wünsche an Gott? Unser Predigttext zeigt uns auch einen Wunsch. Einen Herzenswunsch einer biblischen Person, die sehr bekannt ist: Mose. Und er hatte einen großen Wunsch:

“Lass mich sehen deine Herrlichkeit!”

Hören wir dazu einige Verse aus dem 2. Mose 33:

17 Der HERR sprach zu Mose: […] Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.
20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.
21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.
22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.
23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

“Lass mich deine Herrlichkeit sehen” – oder wie es eigentlich wörtlich heißt, in etwas andrer Anordnung: “Lass mich sehen deine Herrlichkeit!” Diese Überschrift über den Gottesdienst soll uns auch in den folgenden Überlegungen leiten. Drei Impulse dazu:

1) Lass mich… Was ist dein Wunsch an Gott?

2) … sehen… Vom Sehen zum Glauben

3) …deine Herrlichkeit! Das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes

1) “Lass mich…” – Was ist dein Wunsch an Gott?

Was ist dein größter Wunsch an Gott? Ist es auch Gesundheit und ein langes Leben, gute Finanzen und Glück in der Familie? Oder sind es im Moment ganz andere, vielleicht kleinere, aber dafür auch ganz konkrete Wünsche? Eins können wir schon mal von Mose lernen: Er sagt seine Wünsche Gott. Er vertraut, dass Gott ihn hört.  Ein paar Verse vorher lesen wir: Mose redete mit Gott, “wie Freunde miteinander reden”. (V.11). Und aufgrund dieser engen Freundschaft sagt Mose Gott seinen Wunsch: Er wollte vor allem eins: dass seine Beziehung zu Gott gestärkt würde. Und dazu möchte er etwas Greifbares, Sichtbares, Mose will Gott sehen.

Nein, eigentlich will er nur Gottes Herrlichkeit sehen. Er weiß sehr wohl, dass Gott auch dunkle, für uns Menschen fremden Seiten hat. Er hat erlebt, wie die Soldaten des Pharaos mit Ross und Reiter im Meer ertranken. Und gerade eben hat er sich durch Gott beauftragt gefühlt, ein furchtbares Strafgericht auch unter den Israeliten zu vollziehen – nach dem Tanz um das Goldene Kalb und den damit verbundenden Götzendienst. Durch dieses Strafgericht mussten viele Menschen sterben. Darum will Mose eigentlich nur das Schöne an Gott sehen, seine Herrlichkeit. Das ist eigentlich sehr verständlich. Mir geht das ehrlich gesagt auch so: Ich wünsche mir manchmal viel, viel mehr sichtbare, fühlbare, spürbare Beweise von Gottes Gegenwart. Ich würde auch so gern Gottes Herrlichkeit sehen, und ich leide darunter, dass Gott so oft so verborgen ist. Ich leide daran, dass Gebete nicht immer erhört werden, dass Gott so viel Leid zulässt. Dietrich Bonhoeffer kennt diese Gefühle auch. Er sagt: “Die Unsichtbarkeit (Gottes) macht uns kaputt.” Mose will Gottes Herrlichkeit sehen.

Für Mose war dies offensichtlich kein vermessener, völlig unrealistischer Wunsch. Sondern er rechnete mit Gottes Gegenwart, er rechnete damit – ja, er erlebte es, dass man mit Gott ganz real kommunizieren kann, dass Gott uns nicht nur hört, sondern dass Gott auch antwortet. Für uns heute im 21. Jahrhundert ist diese Vorstellung oft ziemlich fremd. Es gibt schon noch ziemlich viele Menschen, die glauben, dass es irgendwie einen Gott geben muss, der hinter allem steht. Aber dass man ihn erleben, erfahren, ihm begegnen kann, das ist für viele ein etwas abstruser Gedanke. In der amerikanischen Arztserie Dr. House bringt es die Hauptperson auf den Punkt: “When you talk to God, you are religious. When God talks to you, it’s Psychosis.” – “Wenn du zu Gott sprichst, bist du religiös; wenn Gott zu dir spricht, dann hast du eine Psychose.” Das trifft wohl die heutige Sicht ganz gut. Wer sagt, dass Gott mit ihm geredet hat, oder dass er gar Gott gesehen hat, der würde zum Arzt geschickt, zum Psychiater, in die Klinik. Der hat wohl ‘ne Meise… Mose würde wohl eingewiesen werden. Doch es ist trotzdem so: Gott ist da. Er ist nicht nur ein Gedanke, eine Einbildung, eine Idee. Er ist da, und er zeigt sich – wenn auch oft anders als wir es uns wünschen.

Lass mich sehen deine Herrlichkeit!

2) “…sehen…” – Vom Sehen zum Glauben

Mose möchte sehen. Und darin ist er uns modernen Menschen auf einmal ganz, ganz nahe. Denn unser ganzes Leben ist aufs Sehen ausgerichtet. Wir sind Augenmenschen. Wir neigen dazu, nur das zu glauben, was wir selbst gesehen (und am besten überdies noch fotografiert oder gefilmt) haben. Was wäre die schönste Taufe – ohne Fotos und Film? Was wäre der beeindruckendste Urlaub ohne die entsprechenden Selfies? Wir haben die tiefsitzende Vermutung, dass Bilder Beweise sind. Aber natürlich wissen wir auch, dass wir durch bearbeitete Bilder auch gewaltig in die Irre geführt werden können. Und gerade unsere bildorientierten Medien können uns mächtig täuschen. Ein Medienfachmann hat mal gesagt: Nichts ist so subjektiv wie das Objektiv einer Kamera. Weil man immer auswählt, weglässt. Deswegen werden wir durch die Bildberichterstattung nur vermeintlich gut und seriös informiert, in Wirklichkeit oftmals getäuscht und manipuliert. Offensichtlich können wir unsern Augen doch nicht so trauen, wie wir meinen. Dennoch: Mose will sehen – und ist uns modernen Menschen darin erstaunlich nahe. So wie Thomas, der zweifelnde Jünger, der nach der Auferstehung Jesu gesagt hat: Wenn ich nicht selber sehe und fühle, kann ich nicht glauben. Doch was sagt Jesus zu ihm? “Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.” (Johannes 20,29) Offensichtlich meint Gott: Es kommt doch nicht so sehr auf das Sehen an, wie wir meinen. Auch Moses Wunsch, Gottes Herrlichkeit direkt zu sehen, wird ihm verwehrt. Gott sagt “Nein”. Aber die Begründung verwundert. Er sagt nicht einfach: “Ich bin unsichtbar”, sondern: “Das würdest du nicht überleben.” Vers 20: “Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.” Warum nur? Die Bibel sagt uns, dass Gott voller Liebe ist, zugleich ist er aber unglaublich rein und heilig, dass wir Menschen in unserer Unvollkommenheit, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit diesen Anblick nicht aushalten könnten. Schon Jesaja zitterte, als er in einer Vision nur den Thron Gottes erblickte: “Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen…”, also: ich bin ein sündiger Mensch (Jesaja 6,5).

Der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi erzählte mal die Geschichte vom König, der Gott sehen wollte. Er ließ die Besten aller Weisen, Gelehrten und Priester zusammenrufen und sagte: “Zeigt mir Gott!” Aber keiner konnte es tun. Da kam ein einfacher Hirte zum König und sagte: “Ich will dir deinen Wunsch erfüllen.” Dann führte er den König auf einen freien Platz und zeigte ihm die Sonne. “Sieh genau hinein in die Sonne”, sagte er. Der König hob seine Augen und wollte hineinsehen. Er schrie auf: “Ich werde ja ganz geblendet! Willst du mich umbringen?” – “Aber König”, sagte der Hirte, “das ist doch nur ein kleines Ding der Schöpfung. Wie ein kleiner Funke eines großen Feuers. Der Schöpfer ist noch viel größer und heller! Wie willst du mit deinen schwachen Augen Gott sehen? Suche ihn mit den Augen des Herzens!”

Eine weise Antwort. Wir werden das wohl aushalten müssen, dass Gott in diesem Leben hier auf der Erde unsichtbar für uns bleibt – und manchmal auch weit weg scheint. Aber im Himmel, wenn wir in ewiger Gemeinschaft mit Gott sind, dann sieht die Sache anders aus. Paulus sagt: “Jetzt sehen wir nur ein unklares Bild wie in einem trüben Spiegel; dann aber schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht.” (1. Korinther 13,12).

Darauf freu ich mich jetzt schon. Und doch: Auch wenn es dem Mose verwehrt wurde, Gottes Herrlichkeit direkt anzuschauen, so hat Gott ihm doch auf andere Weise seine Herrlichkeit sehen lassen.

3) “…deine Herrlichkeit!” Das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes

Lass mich sehen deine Herrlichkeit! Das war der Wunsch des Mose. Interessant ist, dass ganz ähnliche Worte im Johannesevangelium zu finden sind. Aber nicht als Wunsch, sondern als Erfahrung: “Und das Wort ward Fleisch (damit ist gemeint: Gottes Sohn, Jesus, kam zu uns, wurde Mensch, ein Mensch aus Fleisch und Blut), und wir sahen seine Herrlichkeit.” Damit ist gemeint: Als Jesus Christus zu uns gekommen ist, in diese Welt, da konnte man tatsächlich Gottes Herrlichkeit sehen. Aber eine ganz andere Herrlichkeit, als wir Menschen es uns gedacht hatten. Kein strahlender, hellgleißender Himmelsglanz. Sondern eine Herrlichkeit der Liebe. Eine Herrlichkeit des Dienens. Einer Liebe, die bereit war, bis ans Kreuz in den Tod zu gehen für uns. Das ist Gottes ganz andere Herrlichkeit. Und von dieser Liebe können wir lernen und selber anderen Liebe zeigen, wie es der Taufspruch von Jonah Elias sagt.

Johannes 13,34: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

Das ist die Herrlichkeit Gottes, die er in Jesus gezeigt hat, die wir im Glauben erkennen können: Dass er uns liebt! Dass er als Freund mit uns durchs Leben geht, dass er auch dann noch zu uns hält, wenn wir am Boden sind, wenn so gar nichts Liebenswertes an uns ist, wenn niemand sonst noch zu uns hält. Diese Liebe und Freundschaft und Vergebung von Jesus – das ist Gottes Herrlichkeit! Und diese Liebe ist ansteckend. Sie hilft uns, auch andere zu lieben. Und diese Liebe öffnet uns die Augen, dass wir erkennen, wo in unserem Leben wir Gottes Herrlichkeit erlebt haben, wo wir Spuren Gottes in unserem Leben entdecken können, wo er uns in Liebe und Güte begegnet ist… Wie war es noch bei Mose?

19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen.

Gott schützt Mose ganz liebevoll, indem er die Hand über ihn hält, und dann sagt er etwas Großartiges: “Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen.” Das bedeutet doch: Ja, du kannst ja doch meine Herrlichkeit sehen. Aber erst im Rückblick! Du kannst hinter mir her sehen, die Spuren meiner Liebe und Güte in deinem Leben. Schau mal genau hin. Schau mal genauer hin! Wie oft hast du schon etwas geahnt von Gottes Nähe, Gottes Gegenwart! Dass Gott da war. Oftmals merken wir das erst im Rückblick.

All die guten Dinge, die Gott uns getan hat, die wir so oft vergessen oder etwa als selbstverständlich annehmen, das sind Zeichen seiner Liebe, Zeichen seiner Herrlichkeit!

Ich habe den Eindruck, dass wir viel öfter fragen: Wo bist du Gott?, wenn etwas schief geht, wenn wir in Not sind, wenn wir Gott nicht verstehen. Und dann klagen wir und können Gott nicht verstehen. Gott, warum lässt du das zu? Wo bist du Gott? Auch das dürfen wir: fragen und klagen.

Doch wie wäre es, wenn wir mal schauen, wo überall etwas gut ging im Leben, und wenn wir dann fragen: Wo warst du, Gott? Und erkennen: Du warst da! Mit deiner Herrlichkeit! Im Rückblick kann ich es dankbar entdecken und staunen.

Wo warst du, Gott, an meinem allerersten Tag,

Wo warst du, Gott, an meinem allerersten Tag,
als ich gesund im Arme meiner Mutter lag?
Wo, als ich einfach spielend diese Welt vergaß?
Wo, als ich stolz auf meinem ersten Fahrrad saß?
Wo warst du, als ich meine Prüfungen bestand?
Wo, als ich unerwartet meine Liebste fand
und als die Welt sich nur noch drehte um uns zwei?
Wo warst du, Gott? Ich glaub, du warst dabei!

Wo warst du, Gott, bei jenem Sonnenuntergang,
als ich im Farbenmeer nur noch nach Atem rang?
Wo warst du, als Musik die Sprache mir verschlug
und aus dem Trübsinn mich zurück ins Helle trug?
Wo warst du, Gott, wenn ich ein Fest gefeiert hab
und es um mich nur lachende Gesichter gab
und wenn wir fanden, dass das Essen köstlich war?
Du warst dabei. Das wird mir langsam klar.

Wo warst du, als mein Arzt von glatter Heilung sprach?

Wo warst du, als mein Arzt von glatter Heilung sprach?
Wo, als ich mir beim Treppensturz das Bein nicht brach?
Wo, als ich bremsend schon den Abgrund vor mir sah?
Wo warst du, Gott? Ich denke heute: Du warst da!
(Manfred Siebald)

Ich denke heute: Du warst da! Mit deiner Herrlichkeit. Mit deinem Glanz. Mit deiner Nähe. Lass mich sehen deine Herrlichkeit! Immer mehr! In meinem Leben.

Amen.