Keine Angst vorm Beelzebub!

Gottesdienst am Sonntag, dem 12.11.2017

Thema: Keine Angst vorm Beelzebub!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 11,14-23

Liebe Gemeinde,

“Dämonen in Zimmer 433” – so lautete die Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung, als sie über einen der seltsamsten Prozesse der letzten Jahre berichtete. Da schreibt die SZ: “Grausam – und ziemlich rätselhaft: Fünf Südkoreaner sollen eine Verwandte in einem Frankfurter Hotel zu Tode gequält haben.” In der Nacht zum 5. Dezember 2015 kam es zu einem – wie man sagte – “Exorzismus”, einer “Teufelsaustreibung”, die das Opfer, eine 41jährige Frau, die ihren Verwandten zuvor als “besessen” vorkam, nicht überlebte. Weil man ihr die bösen Geister mit Gewalt – auf Teufel komm raus – austreiben wollte. Grausam! Und so etwas im 21. Jahrhundert, mitten in Deutschland! Wie kann das sein?

Ist am Ende die Bibel schuld? Berichtet sie nicht auch von Dämonen, Besessenheit und Teufelsaustreibungen? In der Tat: Wir lesen in der Bibel von solchen Phänomenen. Allerdings: Wenn Jesus Dämonen austreibt, sterben die Menschen nicht daran, sondern werden geheilt, bekommen ein neues Leben geschenkt! Doch wie ist das für uns heute zu verstehen? Hören wir auf den Predigttext aus Lukas 11,14-23:

14 Und Jesu trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.
15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.
16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.
17 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre.
18 Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul.
19 Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.
20 Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.
21 Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden.
22 Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.
23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Was mir zunächst auffällt: Bei dieser Begebenheit geht es gar nicht so sehr um eine Dämonenaustreibung, sondern vielmehr um die Diskussion, die sich daraus entwickelt. Da werden Fragen gestellt, da gibt es Einwände, Jesus antwortet. Ruhig, sachlich, logisch. Das finde ich klasse an der Bibel: Ihr geht es nicht um spektakuläre Wunderberichte, um Sensationen und Schlagzeilen! Das ganze Wunder, dass ein Mensch geheilt wird, in seiner Seele und seinem Körper, dass ein Stummer wieder reden kann, das wird gerade mal in einem einzigen Vers erzählt:

14 Und Jesu trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.

Fertig. Da wird nichts ausgeschmückt, da wird nichts dramatisiert. Einfach nur mit äußerst nüchternen und spärlichen Worten beschrieben, was Jesus tat, noch nicht einmal, wie er es tat. Und das die Leute sich darüber wunderten. Punkt. Unsere Neugier: Was ist da los?, wie geht so was?, wie kann man das erklären? usw. wird in keiner Weise befriedigt. Es ging Jesus darum, diesem einen Menschen zu helfen. Sonst nichts.
Doch diese kleine Szene wird zum Anlass zu einem Gespräch, zu einer Diskussion über das Wirken Jesu. Und Jesus lässt sich darauf ein. Er nimmt die Zweifel und Fragen ernst. Und so bin ich überzeugt, dass er auch unsere rationalen Einwände und Anfragen des 21. Jahrhunderts ernst nimmt. Und eins wird ganz deutlich: Letztlich steht hier nicht der Teufel, der Satan, der Beelzebul oder irgendwelche Dämonen im Mittelpunkt, sondern es geht hier um Jesus selbst und seine Macht! Darum geht’s.

 

1) Das Wirken des Starken

Obwohl es letztlich um die Macht Jesu geht, fordert uns diese Begebenheit heraus, auch über die Macht und das Wirken der anderen Seite nachzudenken. Und zwar gerade in unserer modernen aufgeklärten Welt, wo uns das Gerede von Dämonen mächtig gegen den Strich läuft. Klingt das nicht mittelalterlich, überholt, irrational? Ist das nicht ein Relikt aus der Zeit archaischer, mythologischer Vorstellungen und ein Kennzeichen extremistischer oder skurriler Sekten – wie eben bei jenen teufelsaustreibenden Koreanern von Frankfurt? Haben uns nicht die Erkenntnisse der Aufklärung schon viel weitergebracht: Den Teufel gibt’s doch gar nicht! Auch eine Art “Teufelsaustreibung”, wie es etwa in einem Gesangbuch aus der Epoche der Aufklärung heißt: „Gott sei Lob und Preis und Ehr, es gibt nun keinen Teufel mehr. Ja, wo ist er denn geblieben? Die Vernunft hat ihn vertrieben.“

Wenn das so einfach wär! Oder wenn es doch nach Mehrheit ginge, dann wär die Sache klar: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2012 glauben fast 80% der Deutschen glauben nicht an die Existenz des Teufels. Und unter Theologen ist das nicht viel anders. Schon vor einigen Jahrzehnten hat der Theologieprofessor Rudolf Bultmann behauptet: “Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.”

Wer die Bibel als Gottes Wort ernstnimmt, wird nicht drum rumkommen, davon auszugehen, dass es den Teufel gibt. Ich vertraue darauf, dass Jesus sich mit den Dingen, die sich unserer sinnlichen und naturwissenschaftlichen Wahrnehmung entziehen, besser auskennt als ein Herr Bultmann oder die Mehrheit der Deutschen. Und ich glaube sogar, dass der Teufel zwei unterschiedliche Strategien hat, Menschen zu beherrschen:

Die eine ist, den Menschen Angst einzujagen und seine Macht massiv zur Schau zu stellen. Das ist die Masche, die er bei den Naturvölkern, bei den afrikanischen Stämmen oder wo auch sonst auf der Welt praktiziert, wo Menschen bis heute in Angst und Schrecken vor den Geistern und Dämonen leben, wo man Schamanen und Medizinmänner aufsucht, um irgendwie Hilfe zu finden.

Der andere Trick ist aber vermutlich weitaus gefährlicher. Den wendet er im aufgeklärten, modernen Westen an. Er macht den Leuten weiß: „He, mich gibt’s doch gar nicht!“ Und hat auf diese Weise die Menschen im Griff.

Für Jesus war es keine Frage: Der Teufel ist eine Realität. und er hat auch Macht. Jesus nennt ihn sogar “den Starken”. Und er hat auch unsichtbare Wesen, die ihm dienen, die man Dämonen nennt. So wie Gottes Reich auch unzählige Heerscharen von Geistwesen hat, die wir als Engel kennen, die ihm dienen und die ihn anbeten.

Die Namen des Bösen sind unterschiedlich, so wie sein Wirken unterschiedlich ist. In unserem Text ist von Satan die Rede. Satan heißt: Ankläger oder Widersacher. Teufel kommt von Diabolos, das ist der “Durcheinanderbringer”, der alles kaputtmacht, durcheinanderbringt, vor allem die Beziehung zu Gott und auch die Beziehungen zwischen Menschen. Und dann ist da noch die Bezeichnung Beelzebub oder Beelzebul. Was ist das denn Komisches? Im alten Israel gab es einen kanaanäischer Fruchtbarkeitsgott, der den Namen hatte: Baal-Zebub (2. Könige 1,2ff). Man opfert ihm das, was den Boden besonders fruchtbar macht: Mist. Und weil demzufolge über seinem Altar jede Menge Fliegen kreisen, nennt man ihn “Baal-Zebub”, das heißt: “Herr der Fliegen”. Später haben die Rabbiner dann den Namen abgewandelt und aus Baal-Zebub wurde Baal-Zelul oder Beelzebul. Und das heißt: “Herr des Mists”. “Mistgott”. Und das haben sie dann als Bezeichnung für den obersten aller bösen Geister, also für den Teufel selbst genommen. Was für eine treffende Bezeichnung: “Mistherr”, oder etwas deftiger ausgedrückt: “Scheißherr”!

Das passt! Wie viel Elend, wie viel Mist, ja, ich sag’s mal derb, wie viel “Scheiß” in dieser Welt geht auf das Konto dieser Macht des Bösen, der Menschen als seine Werkzeuge missbraucht! “Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist”, dichtet Luther. Jesus spricht vom “gewappneten Starken”, also vom “gerüsteten” Starken.

Und denken wir dabei nicht nur an die offensichtlich teuflischen Taten wie Terror oder auch die grauenvollen Untaten in der Zeit des Nationalsozialismus, wo jüdische Kinder lebendig wie Müll auf Lastwagen geschleudert wurden, aus Menschenhaut Lampenschirme gestaltet wurden und und und. Wer Zweifel an der Existenz des Teufels hat, dem empfehle ich mal einen Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad-VaShem in Jerusalem.

Sondern denken wir auch an den viel unscheinbareren und dennoch teuflischen Einfluss im Alltag, wo wir selber Dinge tun, die wir nicht wollen, wo wir gefangen sind in einem “Teufelskreis” aus Abhängigkeiten und Zwängen, die wir alleine nicht abschütteln können. Ja, der Böse ist ein Starker! Keine Frage. Doch wichtiger ist:

 

2) Der Sieg des Stärkeren

Was für eine Unterstellung! Jesus treibt den Teufel durch den Beelzebub aus! Das bedeutet doch: Diese Leute machen Jesus zum Oberteufel. Er ist der Allerschlimmste, so sagen sie. Aber was erkennen sie damit indirekt an? Zumindest erkennen sie damit an, das Jesus eine große Macht hat! Die größer ist als die Macht des Bösen. Nur unterstellen sie, dass es selbst eine böse Macht ist.

Doch wie reagiert Jesus auf diese Anschuldigungen? Er bleibt ganz ruhig. Und das möchte ich von Jesus lernen. Denn das kann uns ja auch passieren, dass man uns angreift, dass man uns missversteht, und Dinge unterstellt, die wir nie so gesagt oder gemeint haben. Bleiben wir doch ruhig und gelassen. Und dann zeigt er seine Macht darin, dass er ihre Gedanken kennt und benennt. Ja, wer kann denn Gedanken lesen? Das kann doch keiner! Das kann doch nur der Schöpfer des Menschen selbst, der hinter die Fassade schauen kann. Er sieht auch unsere Gedanken. Auch unsere Fragen und Zweifel. Die Mühe, die wir manchmal mit diesem alten Bibelbuch haben, wo so viel ist, was wir nicht verstehen und was uns schwerfällt. Und Jesus sieht das, und er verurteilt uns nicht dafür. Sondern er lässt sich ein auf ein Gespräch. Auch mit uns.

Und dann fängt Jesus an zu argumentieren, sachlich und logisch. Er sagt: Ich kann doch gar nicht Teil des Bösen sein oder zum Reich des Bösen gehören, wenn ich das Böse bekämpfe! Denn dann wäre doch das Reich des Bösen mit sich uneins und gespalten und könnte gar nicht bestehen. Aber ihr seht doch – und wir sehen es auch täglich -, dass das Reich des Bösen noch existiert und besteht. Und eure Söhne, sagt Jesus und meint damit die Anhänger und Schüler der Schriftgelehrten, die machen das doch auch, die kämpfen doch auch gegen das Böse und versuchen, Dämonen auszutreiben. Und ihr würdet sie doch auch nicht als “böse” bezeichnen. Das ist in sich logisch. Denn wie ist das mit einem Reich, das mit sich selbst im Streit ist? Da gibt es Bürgerkrieg. Ein Haus fällt über das andere her. Einer kämpft gegen den anderen. So ein Reich kann nicht bestehen!

Und so sagt Jesus: Ich bin nicht der Beelzebul, wie ihr denkt, nein, ich komme von der anderen Seite. Als der, der den Bösen bekämpft. Und da komme ich als der Stärkere, als der Größere, als der, der alles im Griff hat.

22 Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.

Und die Beute ist das, was der Teufel zuvor besessen hat. Das sind die Menschenseelen, die Jesus befreit! Jesus hat eine Macht, die stärker ist als alle Macht der Finsternis. Und darauf können auch wir vertrauen.
Und wie ist das heute? Können wir vertrauen? Ich denke an einen jungen Mann in Krelingen, der wirklich sehr angstbesetzt war. Und der war zugleich stumm. Der hat kein Wort gesagt. Wie dieser Mann in der Bibel. Als er mit einer psychischen Erkrankung nach Krelingen kam, lief er immer gebückt, ganz gekrümmt und hat mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Das ging so monatelang. Man konnte grüßen, freundlich „Hallo“ sagen. Nix. Keine Reaktion. Aber er hat gehört! Er hat von Jesus gehört. Doch dann hat er zu Jesus gefunden und erlebt, dass da ein Stärkerer war, der die Macht hatte, ihn zu verändern, ihn aufzurichten. Und was für ein großer Augenblick war es für ihn und alle, die ihn kannten, als er dann auf einmal im Gottesdienst vor ein paar hundert Leuten ans Pult ging und das Evangelium lesen konnte. Das war für mich, der ich ihn kannte, unglaublich!

Jesus ist stärker als das Böse, stärker als der Böse. Jesus heilt. Er gibt dem Sprachlosen Sprache. Er öffnet dem Stummen den Mund. Möge er auch uns den Mund öffnen, die wir oft so sprachlos sind, wenn es darum geht, Botschafter Jesu zu sein. Wo ist unser Platz?

 

3) Unser Platz: An der Seite des Stärkeren

Jesus sagt es klar und deutlich: Wo ist Dein Platz? Ihr müsst es doch erkennen: 20 Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns, wenn wir uns an Jesus halten. Das Reich Gottes ist nicht irgendwas für den Sankt Nimmerleinstag, war irgendwann mal kommt. Nein, es ist schon da – sicher, es wird irgendwann einmal vollendet; den Zeitpunkt kennt alleine Gott – aber es ist schon jetzt da. In Jesus ist es angebrochen! Natürlich ist das Reich Gottes noch nicht für alle Welt sichtbar. Natürlich ist es immer wieder bedroht und angefochten. Es gibt noch viele Kämpfe, Rückzugsgefechte des Bösen, noch viel Schmerz und Leid und Krankheit und Not. Aber mittendrin ist Jesus da, wie die Sonne durchbricht durch trüben Novembernebel. Wenn wir auf Jesus sehen, dann leuchtet das Reich Gottes auf. Schon jetzt und hier. Und das gibt uns Kraft und Mut, auch gegen den Bösen anzukämpfen in unserm Leben. Und wenn wir doch noch mal auf die Nase fallen, dann hilft uns Jesus wieder auf. Und wie ist das so schön beschrieben: “mit dem Finger Gottes” – das ist eigentlich sehr nett formuliert, fast ironisch soll das zum Ausdruck bringen: die ganze geballte Macht des Bösen ist gegenüber der Macht Gottes so gering, dass ein einziger Finger reicht, um sie zu besiegen. Sozusagen mit dem kleinen Finger macht Jesus den Bösen fertig!

Da gibt es doch für uns keinen besseren Platz als an der Seite Jesu, oder? An der Seite des Stärkeren. Jesus sagt: Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Darum wähle: nimm Jesus! Geh an die Seite des Stärkeren.

Amen.

 

 

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