Ist das gerecht?

Gottesdienst am Sonntag, dem 28.01.2018

Thema: Ist das gerecht?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Matthäus 20,1-16

 

Liebe Gemeinde,

nächste Woche ist der große Tag! Es gibt Zeugnisse! Da ist ein Lehrer am Gymnasium, ziemlich streng ist er, der möchte also – wie es heute halt so üblich ist – vorher seiner Klasse die Noten mitteilen. Und da hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Er fängt mit Robin an. Er ist der schlechteste Schüler, das weiß jeder in der Klasse. Die ersten beiden Arbeiten hatte er völlig versemmelt, 5 und 6. Hausaufgaben nie gemacht. Erst vor ein paar Wochen ist er aufgewacht, hat sich auf den Hosenboden gesetzt, sich immerhin ein paar Mal gemeldet, und sogar eine 4 geschrieben. Alles sind gespannt, kriegt der ne 5 oder gar ne 6 – auf’s Halbjahr gesehen, wäre das plausibel. Alle sind gespannt. Der Lehrer sagt: “Robin, das gibt: eine 2.” Den andern klappt die Kinnlade runter. Hä??? Was ist jetzt los? Dann geht’s weiter zu Max, auch so’n Experte mit lauter 5en. “Max – kriegt eine … 2”! Blankes Erstaunen, vielmehr Entsetzen! So geht’s die Klasse durch. Eine 2 nach der andern. Schließlich kommt er zu den Besten. Sandra, die hatte in den Klausuren zwei 2en und eine 1, mündlich 2+. Sie reibt sich innerlich die Hände. Wenn die andern Pfeifen schon ne 2 kriegen, dann werd ich ja auf jeden Fall ne 1 kriegen, keine Frage! Der Lehrer: “Kommen wir nun noch zu Sandra: eine … 2!”
Na, ihr Konfis – wie findet ihr das?

Das ist doch ungerecht! Sandra protestiert: “He, ich bin aber viel besser als Robin! Das ist fies!” Der Lehrer: “Moment, deine Ergebnisse zusammengerechnet sind doch ganz klar eine gute 2, oder? Sei ehrlich, damit hattest du doch selber gerechnet, oder?” – “Ja, schon, aber, aber das ist doch ungerecht!!“

Ich finde, Sandra hat Recht! Übrigens: Ich hatte so was selber mal erlebt, im Gymnasium, 11. Klasse, eine Lateinlehrerin, die danach in den Ruhestand ging. Und da hat sie einfach dem ganzen Kurs quasi als Abschiedsgeschenk jeweils eine 2 gegeben, allerdings den Besseren auch ein paar 1en. Dolle Sache. Hm, aber irgendwie komisch war es schon… Eben ungerecht.

Jesus hat eine ganz ähnliche Geschichte erzählt. Wir haben sie vorhin gehört. Da war es nicht ein Lehrer, sondern ein Weinbergbesitzer, ein Arbeitgeber, ein Chef, der allen Arbeitern in seinem Weinberg kurzerhand den gleichen Lohn auszahlte, für völlig ungleiche Arbeit! Die Typen die am Ende nur 1 Stunde geschuftet bekamen das gleiche wie die, die den ganzen Tag, auch in der glühenden Mittagshitze gerackert und geschuftet hatten! Dabei wissen wir doch alle: Gerecht ist “gleicher Lohn für gleiche Arbeit”. Was hier passiert, ist ein Skandal! Ein Fall für die Gewerkschaft! Es ist ungerecht! Doch der Hammer ist: Das Ganze ist ein Gleichnis. Dieser ungerechte Boss ist Gott! Ja, was sagt Jesus damit? Gott ist ungerecht! Ja, richtig gehört! Ich wiederhole es noch mal: Gott ist ungerecht! Nach menschlichem Maßstab ist Gott ungerecht. Genauso wie so ein Chef und auch so ein Lehrer wirklich ungerecht sind. Fies kann man ruhig sagen. Denn menschlich gesehen ist gerecht: Jeder kriegt das, was er verdient. Jesus schockt uns hier. Denn er zeigt auf: Gott hat einen andern Maßstab für Gerechtigkeit. Gott gibt nicht jedem das, was er verdient. Gott ist gerecht – auf seine Weise.
Nun, um Gottes Gerechtigkeit zu verstehen, schauen wir mal etwas genauer hinein in dieses Gleichnis.

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

Aha, hier ist schon mal klar: Es geht hier also um das Himmelreich! Anders übersetzt: Es geht um Gottes Reich oder auch Gottes Herrschaft. Damit ist ganz klar: Leute, das kann man nicht 1:1 auf unser Wirtschaftssystem oder unser Schulsystem übertragen, dann würde alles zusammenbrechen. Dass in unsern weltlichen Dingen Leistung belohnt werden muss und darf, daran will Jesus nicht rütteln. Er will hier nicht Tipps für die Gewerkschaften für die Tarifverhandlungen geben: Hey, fordert doch mal zur Abwechslung nur 1 Stunde Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich!

Nein, es geht hier vorrangig um geistliche Dinge, es geht um Gottes Reich.
Und nun – was können wir lernen über das dieses Gottesreich? Zwei wichtige Gedanken:

1) Gott ist gerecht: Es gibt Arbeit für jeden!

Ja, Arbeit gibt es wirklich genug in dem großen Weinberg Gottes. Der Weinberg – in der Bibel ursprünglich ein Bild für Israel, aber dann durchaus ausweitbar auf die ganze Erde. Da gibt es genug Arbeit für jeden, der zum Reich Gottes gehört. Weiß nicht, ob das für euch Konfis verlockend klingt? Arbeit?

Für manch einen ist Arbeit eher ein Grund, die Flucht zu ergreifen. Man will ja lieber chillen.

Da kommt ein Besucher in einen großen Betrieb und fragt den Abteilungsleiter: “Wie viel Menschen arbeiten hier eigentlich?” Antwort: “Hm, ich schätze so etwa die Hälfte!”

Aber, wie wertvoll Arbeit ist, weiß man wohl erst, wenn man keine hat. Sogar im Paradies gab es Arbeit! Gott gab dem Menschen eine Aufgabe, nämlich den Tieren Namen zu geben. Das bedeutet eine hohe Wertschätzung, Vertrauen. Gott zeigt dem Menschen: Ich traue dir etwas zu, ich gebe dir Verantwortung, ich kann dich gebrauchen! Und Paulus sagt im 1. Korintherbrief: “Wir sind Gottes Mitarbeiter!” (1. Kor. 3,9) Was für eine Ehre, die uns von Gott zugesprochen wird. Er, der Schöpfer des Universums, dem alle Engel dienen, der kann uns gebrauchen. Der kann dich gebrauchen, der kann mich gebrauchen! Der hat Arbeit für uns! Es gibt Menschen, die schon lange ohne Job in dieser Welt sind, und irgendwann beginnt man zu zweifeln und zu verzweifeln: Kann mich denn keiner gebrauchen?! Aber eins lass dir gesagt sein: Gott kann und will dich gebrauchen! Du bist wertvoll für seinen Weinberg! Ich staune über diesen Chef! Der geht auch am späten Nachmittag noch mal hin, um die aufzulesen, die sonst keiner haben will:

6 Um die elfte Stunde (das ist gegen 17 Uhr) aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

Dieser Chef, Gott, kann tatsächlich alle gebrauchen. Er hat Arbeit für jeden!

Keiner ist da zu unbegabt, zu unfähig, zu nichtsnutzig, zu alt, zu krank oder zu jung und zu klein. Gott hat eine Arbeit für dich! In seinem großen Weinberg dieser Welt. Manfred Siebald dichtet:

Kannst du trösten und beraten,
hören, wenn ein andrer klagt?
Oft will Gott nicht große Taten,
Liebe ist gefragt.
Willst du das mit andern teilen,
was dir Gott gegeben hat?
Willst du reden, helfen, heilen,
so wie er es tat?
Irgendeinen Platz hat Gott, an dem will er dich haben,
irgendetwas kann kein andrer Mensch wie du.
Irgendwo wirst du von ihm gebraucht mit deinen Gaben,
und wenn du ihn fragst, dann weist er dir die Arbeit zu.

Und jeder hat da seine Gaben. Und, lieber Thomas, heute, wo wir an deine fast 30 Jahre Organistentätigkeit denken und dich aus dem Orgeldienst verabschieden, da kann man das schon mal festhalten: Auch das Orgelspielen im Gottesdienst ist ein Teil der Arbeit im Weinberg Gottes! Genauso wie das Mitwirken im Posaunenchor, im Begrüßungsteam, im Kindergottesdienst, im Kirchkaffee, im Technikteam… Und genauso wenn du daheim die Hände faltest und betest! Auch das ist Arbeit im Weinberg!

Also, im Reich Gottes, in seinem Weinberg, da gibt es genug Arbeit. Aber noch eins können wir lernen:

2) Gott ist gerecht: Es gibt Lohn genug!

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

Das erste, was der Chef mit den Arbeitern beredet, ist der Lohn. Hier ist vom Lohn die Rede! Moment mal, wenn es um das Reich Gottes geht, spielt denn da Lohn eine Rolle? Es ist doch eine zutiefst verständliche Frage im Reich Gottes: Lohnt es sich, da mitzumachen? Lohnt sich der Glaube, lohnt es sich, sich im Reich Gottes einzusetzen? Diese Frage darf man nicht als ungeistlich oder als ungehörig abbügeln und sagen: es geht doch bei Gott nur um Liebe, nicht um Lohn. Nein! Es geht auch um Lohn. Direkt bevor Jesus das Gleichnis erzählt, lesen wir von Petrus, der Jesus fragt: “Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?” Was kriegen wir dafür? Was ist der Lohn? Die Frage ist berechtigt! Was hab ich denn davon, Christ zu sein? Wir wollen wissen: Was springt dabei raus für uns? Sonst springen wir gar nicht erst an! Die Bibel ist da ganz offen: Ja, es lohnt sich! Ja, du kriegst was, wenn du glaubst, wenn du Jesus nachfolgst. Und was? Jesus sagt es ja direkt vorher dem Petrus als Antwort: “Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“

Im Gleichnis wird den Arbeitern als Lohn einen Silbergroschen, ein Denar angeboten. Das ist der damals übliche Tageslohn. Von diesem Lohn kann man leben. Und darum geht es im Reich Gottes: Gott lässt uns leben. Und zwar in Ewigkeit. Gott gibt uns ewiges Leben! Und wenn das der Lohn ist, dann wird doch auch ganz schnell klar, warum der dann bei allen Arbeitern in Gottes Reich gleich sein muss: Ewiges Leben kann man doch nicht teilen! In mehr oder weniger ewiges Leben. Und wer in der letzten Stunde, kurz vor knapp, noch kurz vor Feierabend einsteigt beim Reich Gottes, vielleicht in hohem Alter, der kriegt genauso seinen Lohn, sein ewiges Leben, wie der, der vom frühen Morgen an, von Kindesbeinen an im Glauben steht und geht.

Aber es bleibt ja nun trotzdem die Frage: Wieso gibt es bei den Arbeitern der ersten Stunde so ein Murren? Weil sie noch gar nicht begriffen haben, was für ein Lohn, nein, vielmehr was für ein Geschenk es ist, überhaupt im Weinberg arbeiten zu dürfen! Was gibt das für einen Sinn im Leben! Ich werde gebraucht! Ich bin wertvoll. Wollte so ein Arbeiter im Weinberg denn ernsthaft tauschen mit denen, die den ganzen Tag da rumhängen, sich überflüssig fühlen, nutzlos, wertlos, sinnlos, ziellos, … gottlos?

In Jerusalem gibt es bis heute so eine Ecke, wo die Menschen den Tag über warten als Tagelöhner angestellt zu werden. Am Damaskustor. Ich habe sie manchmal beobachtet, wie sie da rumgammeln. Frustriert, resigniert, sich die Zeit vertreiben mit irgendwelchen Späßen und Spielchen. In der Hoffnung, dass irgendjemand kommt und doch noch was mit ihnen anfangen kann. Wie arm! Wie leer! Und wie kann denn nun ein Arbeiter, der den ganzen Tag im Weinberg arbeiten durfte, sich ernsthaft beschweren und meinen: die da hatten es besser! Sicher, die Arbeit ist anstrengend und hart. Aber es lohnt sich!

Und im Reich Gottes? Ja, der Glaube ist kein Ponyhof. Es ist auch oft hart und schwer, und wir verstehen unsern obersten Chef nicht. Und es gibt auch im Glauben des Tages Last und Hitze. Aber es ist dennoch gut, in Gottes Dienst zu stehen. Von Gott gebraucht zu werden, den Glauben an Jesus Christus zu haben. Je früher, desto besser! Und wer vielleicht noch manchmal klammheimlich und ein bisschen neidisch auf die schaut, denen Gott egal ist, und denkt: Was haben die es gut, die können tun und lassen, was sie wollen, leben nur für sich und ihren Spaß, der hat vielleicht noch gar nicht entdeckt: Was ist das für eine Freude, mitzumachen in Gottes Weinberg! Was ist das für eine Freude, dass Gott so gütig ist! Was ist das für eine Freude, wenn andre noch dazukommen, denn Arbeit ist für jeden da, und der Lohn ist mehr als genug, mehr als wir verdient haben – für jeden, der dabei ist! Der Lohn ist ein Geschenk. Denn dann, am Ende unsres Tages, sagt er: Auch wenn deine Leistungen manchmal auch ungenügend waren, du kriegst die Note 1! Versetzt! – In den Himmel.

Das ist Gottes Art, gerecht zu sein.

Amen.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

 

 

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