Ich wünsch dir Gottes Segen

Gottesdienst am Altjahresabend, Montag, dem 31.12.2018

Thema: Ich wünsch dir Gottes Segen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 65

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen zum Jahreswechsel einen guten Rutsch! Kein schlechter Wunsch. Zum Glück ist heut kein Glatteis, sonst könnte man diesen Wunsch missverstehen. So aber können wir ihn in seinem ursprünglichen Sinn wünschen: Rutsch ist die jiddische Form des hebräischen “rosch” – und das heißt Anfang. Einen guten Rutsch heißt: Ein guter Anfang im neuen Jahr! Und den kann man am besten erleben mit Gottes Segen.

Und dann passt es vielleicht ganz gut, wenn ich noch anfüge: Liebe Gemeinde, Hals- und Beinbruch!

Komisch, wenn ein Pastor so etwas wünscht. Am besten noch, wenn welche in den Ski-Urlaub fahren. Doch auch hier hilft der jiddische Ursprung weiter. Wenn Juden sich auf Hebräisch bzw. Jiddisch Glück und Segen wünschen, heißt es: „Hazloche un broche”, Glück und Segen. Daraus ist früher der im Deutschen sonst nicht erklärbare Wunsch „Hals- und Beinbruch” geworden. Niemand würde jemandem wünschen, dass er sich den Hals und ein Bein bricht. Aber „hazloche un broche”, also Glück und Segen – das kann man sich gerne wünschen. Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, so singen wir ja nicht nur zum Geburtstag, sondern man kann es auch gut zum neuen Jahr wünschen! „An Gottes Segen ist alles gelegen!“

Aber was ist der Segen Gottes?

Wir ahnen, dass es etwas ganz Wertvolles und Wesentliches ist, aber wir können eigentlich nicht richtig beschreiben, was es ist. Im Alltagssprachgebrauch redet man vom “Kindersegen”, oder man sagt: „Ach, wissen Sie: Meine neue Haushaltshilfe ist ein wahrer Segen!“ – „Ohne den Segen vom Direktor läuft hier nichts.“ – Oder wie in diesem Jahr manche sagen konnten: „Der ganze Baum hängt voller Pflaumen; ich weiß gar nicht, wohin mit dem ganzen Segen.“ Dieses Wort Segen umschreibt ein bisschen diffus so etwas wie „Glück, Gedeihen, Gnade und Schutz“; etwas für das man selbst nichts kann, sondern was einem irgendwie „von oben“ gewährt wird. Eine Kinderantwort kann uns weiterhelfen.

Es war vor einigen Jahren in der Grundschule Haste. Eine Religionslehrerin fragte die Kinder in ihrer Klasse: Wie stellt ihr euch den Segen Gottes vor? Verschiedene Antworten wurden genannt, etwas Schönes, etwas Gutes usw. Da meldete sich ein Mädchen und gab eine Antwort, wie sie besser kaum vorstellbar ist: „Segen ist wie meine Kuscheldecke!“ – Ja, das trifft die Sache auf den Punkt!

Hier habe ich mal die Kuscheldecke von einem unsrer Kinder mitgebracht. Die „Bärendecke“, “Bärenli” genannt, die es jede Nacht bei sich hat, seit es 1 Jahr alt war, schon über 10 Jahre. Und früher wurde die auch tagsüber überall mit rumgeschleppt. Aber noch heute: Kein Urlaub ohne Bärenli!

Segen ist wie meine Kuscheldecke. Also, etwas was mich immer begleitet, etwas, ohne das nichts geht. Etwas, das mich von allen Seiten umgibt, etwas, in das mich einhüllen kann, reinkuscheln kann…

Psalm 65 ist ein Segenspsalm, der gerade heute zum Abschluss eines Jahres besonders gut passt. Er ist in meiner Lutherbibel überschrieben mit “Danklied für geistlichen und leiblichen Segen”.

Ich finde großartig, wie umfassend in diesem Danklied der Segen Gottes beschrieben wird: geistliche Dinge und leibliche Dinge werden benannt! Beides gehört zu unserm Menschsein dazu, den wir sind ja Bürger zweier Welten: Die Erde ist unser Zuhause, der Himmel ist unsere Heimat. Leib und Seele gehören zusammen. Und so ist auch Gottes Segen umfassend.  Manch einer denkt nur an irdischen Segen, an Gesundheit, Reichtum, Wohlergehen und vergisst, wie vergänglich all das ist! Und manch einer denkt nur an himmlischen Segen, an das ewige Leben, und vergisst, dass es auch ein Leben vor dem Tod gibt! Nicht so bei jenem Beter, dessen Gebet ich auf einem T-Shirt eines unserer Israelreiseteilnehmer letztes Jahr entdeckt hatte. Daraus ließe sich sicher ein ganz schönes Gebet zum Jahreswechsel machen:

“Lieber Gott, ich wünsche mir für das neue Jahr ein fettes Bankkonto und eine schlanke Figur! – Und bitte, verwechsel nicht wieder beides wie beim letzten Mal!”

Der Psalm zeigt uns: Gottes Segen wirkt sich in geistlichen und leiblichen Dingen aus.

Schauen wir, wie David den Segen Gottes erlebt.

Es beginnt mit der geistlichen Dimension. Offensichtlich ist dies der wichtigere Teil. So wie auch für Jesus das ewige Heil immer wichtiger ist als irdische Heilung.

Am Anfang steht der Segen der Stille:

2 Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion.

Offensichtlich braucht es Stille, um Gottes Segen zu erkennen. Und ihn dann loben zu können. Und gerade heute, bevor es nachher so richtig laut wird, beim Feiern, bei all den Böllern, bei allem Lachen, ist es gut, innezuhalten, zur Stille zu kommen, und Rückschau zu halten auf Gottes Segen im vergangenen Jahr. [Stille]

Das nächste ist der Segen des Gebets.

3 Du erhörst Gebet; darum kommen alle Menschen zu dir.

Was ist das für ein Segen! Dass wir beten dürfen und das Gebet nicht an der Zimmerdecke hängenbleibt, wie es uns vielleicht manchmal vorkommen mag. Sondern, dass Gott wirklich Gebet erhört! Ja, David ist sogar so vermessen zu behaupten: alle Menschen, bei Luther steht da: “alles Fleisch” (aber das lenkt ab, da denkt man vielleicht schon an das Fondue heute Abend…), also gemeint ist: alle Menschen. Aber es beten doch gar nicht alle Menschen? Stimmt, es gibt sicher viele Menschen, die nicht bewusst von Herzen beten. Aber ich glaube: In großen Notsituationen, wo man wirklich nicht mehr weiter weiß, gibt es wohl kaum einen Menschen, der nicht einen Stoßseufzer oder einen Hilfeschrei aussendet – selbst wenn er gar nicht an Gott glaubt. Aber in der tiefen Ahnung: Da muss doch jemand da sei, der mich hört… Als die hartgesottenen Matrosen in der Geschichte des Jona im Orkan auf dem Meer am Untergehen waren – und das waren sicher nicht alles religiöse Menschen – da heißt es: “Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott.” (Jona 1,5). Und wie gut hat es dann ein Mensch, der in einer Gebetserhörung auch wirklich den Segen Gottes sieht und nicht einfach einen blinden Zufall, ein “Schwein gehabt”! In jeder Gebetserhörung sehe ich einen liebenden Vater, der immer ein offenes Ohr für mich hat. Und diese Erfahrung hilft mir auch auszuhalten, wenn Gebete nicht erhört werden.

Der Segen der Vergebung:

4 Unsre Missetat drückt uns hart; du wollest unsre Sünde vergeben.

Ja, auch die Vergebung unserer Sünden ist ein großer Segen. Darum gehört das Kreuzeszeichen zum Segen dazu.

Segen ist ein Lehnwort des lateinischen “signare” zeichnen, signieren, als Eigentum bezeichnen (mit einem Kreuz versehen). Signare: “das Kreuzzeichen machen“. Sich Jesus anvertrauen. Zu wissen, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist. Das ist Segen! Zu Jesus gehören. Sein Eigentum sein. Wenn man das nicht will, den Segen der Vergebung ablehnt, zurückgibt, heißt das re-signare –zu deutsch resignieren. Wo brauche ich im Rückblick auf das vergangene Jahr  Vergebung? Wo habe ich Menschen verletzt, enttäuscht? Jesus schenkt den Segen der Vergebung!

Der Segen des Trostes:

“der hat reichen Trost von deinem Hause”.

Auch ein ganz wichtiger Bestandteil des Segens. Für manch einen geht ein Jahr zu Ende, an das er sich nicht gerne zurückerinnert. Vielleicht ist ein lieber Angehöriger oder Freund gestorben. Trauer erfüllt das Herz. Und gerade heute ist es besonders schwer. Doch gerade in diese Dunkelheit hinein reicht der Segen Gottes. Durch seinen Trost. Er sagt dir: Ich bin bei dir. In deiner Einsamkeit. Ich habe dich lieb. Ich geh mit dir in die Zukunft. Vertrau!

Der Segen der Zuversicht:

der du bist die Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer;

[…] 8 der du stillst das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen und das Toben der Völker.

Ich weiß nicht, ob Sie persönlich mit Zuversicht ins neue Jahr blicken. Aber eins weiß ich: Wenn Gott regiert, wenn er alles in seiner Hand hat, das Brausen des Meeres und das Toben der Völker, was sollte uns da eigentlich noch Angst machen? Selbst Krisen, Kriege, Katastrophen, Krankheiten – ja, sie geschehen und können uns beunruhigen. Aber wenn wir wissen, dass Gott größer als alles ist, dann schenkt uns das Geborgenheit, eingehüllt in die Kuscheldecke seines Segens können wir dem Grauen begegnen, weil er uns umgibt und unser Leben festhält! Das ist der Segen der Zuversicht.

Daraus erwächst der Segen der Freude:

9  Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.

Es gibt so viel Grund zum Fröhlich sein! Und gerade heute an Silvester, da wird allerorts fröhlich gefeiert. Interessant, wie hier steht: “was da lebt im Osten wie im Westen.” Da ist zum einen der weltweite Horizont gegeben. Dass wir nicht uns nur sehn. Sondern auch an die anderen Menschen. Weltweit. Aber warum wird hier Osten und Westen besonders hervorgehoben? Im Hebräischen steht für die Himmelsrichtungen noch etwas anderes: Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Das heißt: den ganzen langen Tageslauf, vom Morgen bis zum Abend schenkt er uns Freude in unserem Alltag. In allem Stress lässt er uns fröhlich sein. Gibt immer wieder Augenblicke, in denen die Freude in uns aufleuchtet. Das ist Segen der Freude.

Wir haben nun viel vom geistlichen Segen gehört. Doch es gibt eben auch den leiblichen Segen. Auch darum dürfen wir bitten und ihn empfangen.

Der Segen des Gelingens

10 Du suchst das Land heim und bewässerst es / und machst es sehr reich; Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle. Du lässt ihr Getreide gut geraten; denn so baust du das Land.

“Du lässt ihr Getreide gut geraten.” Hier geht es in der bäuerlichen Kultur des alten Israel um Gelingen der täglichen Arbeit. Auch um Erfolg und Wachstum und Gedeihen. Gerade die Menschen des Alten Testaments, die Jesus noch nicht kannten und nur eine recht vage Auferstehungshoffnung hatten, wussten, dass auch ihr irdisches Leben und sein Gelingen, Saat und Ernte, dass alles ganz vom Segen Gottes abhängt.  Und so ist es bis heute geblieben. Gerade in diesem Jahr der Dürren und Trockenheit ist es vielen neu bewusst geworden: Wir haben auch in diesem Leben nicht alles in der Hand. “Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.”

Vieles kann man kaufen, aber das Wesentliche unseres Lebens ist und bleibt Geschenk. Ist Segen.

Man kann sich ein Haus kaufen, aber nicht das Gefühl, daheim zu sein.
Man kann sich ein Bett kaufen, aber keinen ruhigen Schlaf. Tabletten, aber keine Gesundheit,
Sex, aber keine Liebe
Fans, aber keine Freunde.
Schöne Dinge, aber kein Glück.

Der Segen ist nicht käuflich. Er ist ein Geschenk. Er wird uns zugesprochen. In jedem Gottesdienst, aber auch im Alltag können wir ihn einander zusprechen, einander segnen, unsere Kinder segnen vor dem Schulweg, unsern Ehepartner segnen auf dem Weg zur Arbeit. Und darauf vertrauen: Der Segen ist eine Kraftquelle. Das hebräische Wort für segnen heißt so viel wie: Mit heilvoller Kraft begaben. Aber passiert da wirklich was? Viele Konfirmanden werden bei der Konfirmation gesegnet – und manch einer hat dabei und hinterher mit Gott und Glauben nichts am Hut. So viele Ehepaare empfangen den Trausegen – von Gott und vor Gott. Doch für manche spielt das später keine Rolle mehr. Gibt es einen Unterschied, ob man gesegnet wird oder nicht? Oder sind es doch nur schöne Worte ohne Kraft und Inhalt, fromme Wünsche? Ich glaube: Wenn einem Menschen Gottes Segen zugesprochen wird, wird er damit in den Bereich der Kraftquelle von Gottes Gegenwart gestellt. So wie du ein leeres Gefäß in einen Wasserfall halten kannst. Die Kraft und die Fülle des Wasserfalls ist immer da. Aber wichtig ist, dass das Gefäß offen ist. Man kann auch einen Deckel drauf machen. Dann wird auch der kraftvollste Wasserfall es nicht füllen. So wollen wir uns immer wieder öffnen für Gottes Segen. Für seine Gegenwart, für seine Kraft.

Ein alter Mann ist fast vollständig taub. Aber er geht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Als der Pastor ihn fragt, warum er in die Kirche geht, obwohl er doch kaum ein Wort versteht, antwortet er ganz schlicht: „Der Segen!”

Amen.