Ich war’s nicht

Gottesdienst am Sonntag, dem 24.02.2019

Thema: Jetzt mal ehrlich (Teil I) – Ich war’s nicht

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Mose 3,1-19

Liebe Gemeinde!

Wer kennt das nicht! Wenn einem etwas Blödes passiert ist, wenn man einen Termin verschwitzt hat, wenn man zu spät zum Unterricht kommt, wenn man die Hausaufgaben vergessen hat, dann braucht man sie: Ausreden! Ausreden, um das eigene Versagen ein wenig zu verschleiern.

Sportler sind da oft ganz besonders gewieft, wenn es um gute Ausreden für schlechte Leistung geht. Besonders beeindruckend fand ich die Erklärung der Österreichischen Ruderer, die bei den Olympischen Spiele 1980 in Moskau wohl sehr schlecht abgeschnitten haben. Ihre Erklärung: Ein Orchester habe an der Ruderstrecke Wiener Melodien gespielt, deshalb seien sie aus dem Rhythmus gekommen und hätten versehentlich im Walzertakt gerudert. Fazit: Wir können nix dafür! Schuld sind eigentlich immer andere.

Und bei manchem Missgeschick gibt es erstaunlicherweise offenbar überhaupt keinen Schuldigen.

So gehört für mich zu den bislang ungelösten großen Rätseln der Menschheit, wer eigentlich unsere Dachbodentür aus den Angeln gehoben hat. Vor kurzem lehnte die Tür – rabiat aus den Angeln gerissen – lose am Türrahmen. Wie so was passieren kann, ist schon erstaunlich. Noch erstaunlicher aber, dass es offensichtlich ganz von selbst passiert sein muss. Denn alle Hausbewohner verkündeten unisono: “Ich war’s nicht!” Auch unsere Praktikantin kam nicht in Frage, und unseren Hühnern traue ich diese Gewalttat nicht unbedingt zu. “Ich war’s nicht!” Aber wer dann?

“Ich war’s nicht!” – ist so ein Satz, der so alt ist wie die Menschheit. Warum fällt es uns so schwer, Fehler einzugestehen? Warum suchen wir nach Ausflüchten, Auswegen, Ausreden?

Schon auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir von diesem Prinzip: “Ich war’s nicht!” Diese Verse aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 3 sind heute unser Predigttext.

9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

 Und in Ergänzung dazu noch einmal einen Satz aus der Evangeliumslesung Johannes 8:  Jesus sagt: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (V.31f)

Adam und Eva im Paradies. Der Sündenfall. Schuld. Und das erste Mal: Ich war’s nicht! Das hat mit Freiheit nichts zu tun. Es ist unehrlich, und Unehrlichkeit ist ein Zeichen von Unfreiheit. Versuchen wir, den Ursachen von Unehrlichkeit und Ausreden auf die Spur zu kommen. Und zu echter Freiheit und damit zur Ehrlichkeit zu finden. Nur wer wirklich frei ist, kann auch wirklich ehrlich sein.

Die Situation: Gott hat dem Menschen das Paradies geschenkt. Den Garten Eden. All diese Fülle an Schönheit, an Glück, Früchte und Freude im Übermaß. Und jenes eine Gebot: Von allem darfst du essen, nur diese eine Frucht nicht! Dann die Schlange, die Verführung, die Versuchung, so verlockend. “Ihr werdet sein wie Gott” – der verlockende Traum des Menschen: Sich selbst zum Gott machen. Man setzt sich an die Stelle Gottes. Das Geschöpf an die Stelle des Schöpfers. Man will Gott los sein und wird gottlos. Doch Gott will den Menschen nicht los sein. Nicht menschenlos. Er sucht ihn: Adam, wo bist du? Mensch, wo bist du? Bis heute. Er sucht auch hier. Unter uns. Und wie oft verstecken wir uns. Und dann kommen die Ausreden. Adam spricht: “Ich war’s nicht! Die Frau ist schuld.” Und Eva sagt: “Ich war’s auch nicht! Die Schlange ist schuld.”

Warum diese Ausreden? Schauen wir genau hin:

1) Ausreden aus Angst

Und Adam sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich.

Darin wird das ganze Elend deutlich. Adam fürchtet sich. Er hat Angst. Angst vor seinem Schöpfer, der ihn doch aus lauter Liebe gemacht hat, aus lauter Liebe erdacht hat. Wie wunderbar ist der Mensch erschaffen! Als Gottes Ebenbild. Und selbst, dass der Mensch fähig war zur Schuld, zeichnet ihn aus! Ist Zeichen seiner Würde. Ein Tier kennt keine Schuld. Nur der Mensch ist dazu in der Lage. Denn Schuld setzt Verantwortung und Freiheit voraus. Und beides hat Gott den Menschen geschenkt. Ein Privileg des Menschen. Und der Mensch wird tatsächlich schuldig. Dadurch wird die Beziehung zu Gott gestört. Und auf einmal  kommt Angst ins Spiel. Und die Angst führt zum Versteckspiel vor Gott. Man will sich verstecken nicht nur hinter Feigenbäumen, sondern auch hinter andern Menschen, die ja zum Glück noch viel schlimmer sind. Man will versuchen, besser da zu stehen als andere. Und, liebe Gemeinde, dasselbe Spiel wiederholt sich immer wieder, wenn wir unehrlich werden, nicht nur vor Gott, sondern auch vor unsern Mitmenschen. Wir haben Angst, ehrlich zu sein. Angst vor den Konsequenzen, Angst davor, das Gesicht zu verlieren, Angst vor Ablehnung. Aber Angst ist Unfreiheit.  “Lege deine Ängste nieder”, haben wir vorhin gesungen. Wie befreiend ist es, ehrlich zu werden! Denn wovor haben wir eigentlich Angst? Vor Gott brauchen wir keine Angst mehr zu haben, weil wir wissen, dass er barmherzig und vergebend ist. Und vor unseren Mitmenschen? Wenn wir wissen, dass keiner ohne Fehler ist, was haben wir eigentlich zu verlieren?

Doch  ein anderer Grund ist noch die Scham.

2) Ausreden aus Scham

Adam sagt noch etwas sehr Merkwürdiges: denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

Nackt war er vor dem Sündenfall auch schon. Aber da hat es ihn nicht gestört. Doch auf einmal wird es ihm bewusst, dass er nichts hat, in das er sich einhüllen kann. Er steht da, wie Gott ihn schuf. Aber damit wird deutlich: Er hat nichts, was er sich selbst zu verdanken hat. Und wenn man Mist gebaut hat, wenn man einen Fehler gemacht hat, wenn man Schuld auf sich geladen hat, dann wird uns das neu bewusst: der schöne Schein, mit dem wir uns gern umgeben, ist durchsichtig, und sei es ein Heiligenschein. Der Mantel unserer Selbstgerechtigkeit gleicht des Kaisers neuen Kleidern, die gar nicht da sind. Und dann steht in dem Märchen der Kaiser nackt vor seinen Leuten und keiner traut sich, ihm die Wahrheit zu sagen… Und wenn uns das bewusst wird, dass wir den schönen Schein nicht wahren können, schämen wir uns, und dann wollen wir es nicht wahr haben. Und suchen nach Ausreden. Wir sind unehrlich, weil wir uns schämen. Wir schämen uns vor Gott und auch vor unseren Mitmenschen. Dass ihr Bild von uns Kratzer bekommt, unser Heiligenschein bröckelt, und wir in ihren Augen plötzlich nackt da stehen. Doch wenn wir wissen, dass unser Wert nicht in unserem Vor-Gott-Perfektsein gründet, sondern in unserem Von-Gott-Geliebtsein, dann brauchen wir uns doch nicht zu schämen!  Wie geht denn die Geschichte weiter? In V.21 lesen wir: Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider von Fellen und zog sie ihnen an. Dafür musste jemand sterben. Ein Tier. Und es ist ein Hinweis darauf, dass viele Jahre später jemand anderes sterben muss: Jesus, am Kreuz, nackt, um uns zu bekleiden mit Gerechtigkeit und Vergebung. Wie Zinzendorf dichtet: “Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.”  (EG 350,1)  Darum müssen wir uns nicht mehr schämen. Wie haben wir gerade gesungen? Gott sagt: Lege deine Sünde nieder, gib sie mir mit deiner Scham!

Ausreden aus Scham? Brauchen wir nicht mehr! Adam und Eva hätten ehrlich zugeben können, dass sie schuldig geworden sind, ungehorsam waren. Doch sie tun es nicht. Ausreden aus Angst – und aus Scham. Mit dem einen Ziel:

3) Sich die Schuld ausreden

Wenn wir die Schuld auf andere abwälzen können, dann würden wir selber ja schuldlos dastehen. Einen Versuch ist es wert!, denken die beiden. Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

Darin sind wir wirklich groß: Sich die eigene Schuld ausreden, indem wir sie einfach auf andere schieben. Wie viele Angeklagte in Gerichtsprozessen sagen das: Schuld ist die Gesellschaft! Die ist dafür verantwortlich, dass ich von Hartz IV nicht leben kann und deshalb zum Einbrecher wurde. Schuld sind meine Eltern! Die haben mich nicht geliebt, so dass ich Verbrecher wurde. Oder es sagt einer: Okay, ja, ich bin fremdgegangen. Aber Schuld daran ist meine Frau, die mir nicht mehr das gegeben hat, was ich brauche. Oder: Dass ich Alkoholiker geworden bin, daran ist mein schweres Schicksal schuld! Schuld ist meine schwere Kindheit! Schuld ist mein Mathelehrer, der mir immer eingeredet hat, ich wär ein Versager. (Überhaupt: An schlechten Noten sind eh grundsätzlich die völlig unfähigen Lehrer schuld, fragt man Schüler…). Oder die Politiker, die sind eh immer schuld! Sogar am schlechten Wetter!

Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen. Ich will gar nicht bestreiten, dass uns die Umstände unglaublich stark prägen können! Und die Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen, tatsächlich Auswirklungen auf unser ganzes Leben haben können. Und ich weiß auch, dass mancher Täter selbst noch viel mehr Opfer war, vielleicht in seiner Kindheit. Und für Therapie und Heilungsprozesse kann es sehr hilfreich und wichtig sein, Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen zu kennen. Aber dennoch: eine Erklärung ist keine Ent-Schuldigung! Wir können unsere eigene Schuld nicht einfach auf andere abschieben! Ja, es ist ja wirklich so, dass wir oftmals nicht allein schuld an einer schlimmen Situation, sondern dass auch andere ihren Schuld-Anteil haben. Aber was habe ich denn davon, dass auch andere ihre Schuld haben? Das spricht mich doch nicht frei! Und Adam legt sogar noch einen drauf: Er sagt, letztlich bist du an allem schuld, Gott! “Die Frau, die du mir gegeben hast!” Du warst es doch! So redet man sich seine Schuld aus. Und schiebt sie andern und am Ende Gott in die Schuhe! Gott, du hast mich doch so gemacht! Du hast es zugelassen, dass ich diese Eltern habe! Dass ich meinen Arbeitsplatz verloren habe! Du hast es verbockt!

Doch so werden wir mit unserer eigenen Schuld nicht fertig. Darum: Schluss mit der Abschieberitis! Stehen wir doch dazu, wenn wir selber versagt haben! Wenn wir schon etwas schieben wollen, dann schieben wir doch mal lieber das Komma zurück an den richtigen Platz. Sagen wir doch mal statt: “Ich war’s nicht, andere sind schuld” lieber: “Ich war’s, nicht andere sind schuld”.

Das befreit! Ausreden dagegen helfen uns nicht. Was passiert? So wie Adam und Eva die Frucht weggenommen haben und damit die Beziehung zu Gott zerstört haben, so nimmt Gott aus ihren Ausreden auch etwas weg, eigentlich nur einen Buchstaben, das “R”. AUSREDEN: Daraus wird nun “AUS EDEN”. Aus Eden müssen sie raus. Die Beziehung ist kaputt. Wir leben jenseits von Eden. Aber das ist nicht das Ende.  Gott hält an der Beziehung zum Menschen fest. Er kämpft darum. Er liebt uns weiter. Er sagt: Komm, lass uns reden! Auf Augenhöhe. Deshalb kommt er als Mensch zum Menschen. Als Jesus von Nazareth. Und er sagt: Du darfst ehrlich sein vor mir. Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh. 8,32)  Lass deine Ausreden,

4) Du darfst ausreden!

Ich hör dir zu, sagt Gott. Du darfst dich ausreden, oder wor man eher sagt: dich aussprechen. Öffne dein Herz und sag mir, was auf deinem Herzen lastet. Und was schief gegangen ist. “Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann ist Gott treu und gerecht, dass er uns unsere Sünden vergibt und uns reinigt von allem Bösen.” (1. Johannes 1,9)

Jetzt mal ehrlich: Wenn wir nicht mehr Angst vor Gott haben und uns schämen, dann erleben wir, dass Gott so barmherzig ist, so voller Liebe, dass es leicht fällt, ehrlich zu werden. Dass das ganz praktisch werden kann, konnte man gerade letzte Woche in der Zeitung lesen. Die Polizei aus Regensburg teilte etwas Großartiges mit: Da hat sich ein 19jähriger freiwillig der Polizei gestellt. Er hatte vor 3 Jahren – mit gerade mal 16! – eine Tankstelle überfallen und mit einer Pistole bewaffnet Bargeld erbeutet. Der Überfall gelang, der Täter konnte fliehen.  Und nun kommt der Kerl zur Polizei und stellt sich. Das Polizeipräsidium teilte dazu mit:  “Auf die Frage hin, wieso er sich nun nach so langer Zeit melden würde, antwortete er, dass er seine damalige Drogensucht zwischenzeitlich überwunden und zum christlichen Glauben gefunden hätte.” Da haben die Beamten gestaunt! Da hat einer zu Jesus gefunden und konnte nun ehrlich sagen: Ich war’s. Natürlich muss er sich trotzdem dem Strafverfahren stellen. Aber das nimmt er in Kauf. Ich war’s. Vielleicht könnten wir uns bei unseren in der Regel doch viel kleineren Dingen an diesem jungen Mann ein Beispiel nehmen und sagen: Ich war’s! Mir selber fällt sowas auch wirklich schwer. Aber ich will’s neu lernen.

Und wenn wir den Zuspruch der Vergebung bewusst erfahren, vielleicht nachher beim Abendmahl, dann wollen wir versuchen, doch auch gegenüber unserm Mitmenschen ehrlicher zu werden, unsere Ausreden zu lassen, ihn aber ausreden lassen.

Amen.

Hinweis: Wegen technischer Probleme ist die Predigt leider nur bis zur Minute 19:41 zu hören. Wir bitten um Entschuldigung.