Herzklopfen

Gottesdienst am Buß- und Bettag, Mittwoch, dem 21.11.2018

Thema: Herzklopfen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Offenbarung 3, 14-22

Liebe Gemeinde,

Herzklopfen. Es gibt ja ganz unterschiedliche Lebenssituationen, in denen wir Herzklopfen verspüren. Meistens sind das sehr aufregende Momente.

Ich erinnere mich an die Augenblicke, wo mein Herz sehr geklopft hat.

Damals in Istanbul, wo ich mit meinem Freund nachts in einem Rohbau auf einer Flughafenbaustelle einfach mit Isomatte und Schlafsack heimlich übernachtet habe, und dann, so gegen 4 Uhr morgens plötzlich Schritte sich näherten und direkt auf uns zu kamen. Wir stellten uns schlafen, und ich spürte den Atem eines Mannes, der sich über mich beugte, plötzlich ein heller Lichtschein, ein Feuerzeug. Ich dachte: Das war’s jetzt. Der bringt mich um und raubt mich aus. Da klopfte mein Herz wie ein Presslufthammer. Doch dann entfernte sich die Gestalt in der Dunkelheit. Herzklopfen bei Angst!

Oder als ich als Teenie in einem hohlen Baum ein Feuer gemacht habe und Folienkartoffeln darin backen wollte. Wie dumm man sein kann! Und in der Nacht, ich war schon im Bett, brach das Feuer richtig aus, der halbe Baum stand in Flammen, die Nachbarschaft in heller Aufregung. Und mein Herz klopfte: Hoffentlich kriegt das keiner raus, dass ich das war… Herzklopfen bei Schuld und schlechtem Gewissen.

Oder das Examen. Die mündliche Prüfung. So ganz allein vor 5 strengen Prüfern. Welches Thema? Welche Fragen? Würde man bestehen? Herzklopfen bei einer Prüfung.

Oder jener 27. Juli 2002. Hier in Hohnhorst, dort vor dem Altar. Als ich da mit meiner Liebsten stand, vor uns Pastor Renzelberg und mein Vater. Und die Frage aller Fragen. Dann das Ja-Wort! Ja, mit Gottes Hilfe! Herzklopfen pur. Herzklopfen vor Liebe.

Nicht so richtig einschätzen kann ich das Herzklopfen, immer, wenn beim Autofahren ein Polizeiauto im Rückspiegel zu sehen ist. Kennen Sie das auch? Irgendwie so eine gewisse Unsicherheit… Wollen die was von mir? Hab ich was falsch gemacht? Da klopft das Herz schneller… Immer, wenn ich Rüdiger sehe…

So viele Arten von Herzklopfen. Schwere und schöne Momente. Aber immer besonders.

Unser Predigttext stellt uns auch eine besondere Situation des Herzklopfens vor:

Da ist Jesus! Und er klopft an – an unser Herz. Er steht vor der Herzenstür und bittet um Einlass.

20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

Versuchen wir uns die Menschen und die Gemeinde ein wenig vorzustellen, zu denen Jesus dies zum ersten Mal gesagt hat, vielleicht entdecken wir uns selber darin wieder. Laodizea! Eine Gemeinde in Kleinasien, der heutigen Türkei. Damals eine sehr reiche Stadt. Die Textilindustrie spielte eine große Rolle – aufgrund der großen Schafzucht der Gegend. Zugleich lag Laodizea an wichtigen Handelswegen, so dass es ein wichtiges Handels- und Bankenzentrum der antiken Welt war – mit einigen Goldvorräten. Und schließlich befand sich dort eine berühmte medizinische Schule, besonders für Augenheilkunde. Eine Stadt voller Wohlstand und medizinischem Fortschritt. Kommt uns das bekannt vor? Passt das nicht auch zu unserer Zeit, zu unserem Land?

17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!

Ist das nicht oft unser Denken in unserem Land? Aber vielleicht auch bei uns persönlich, vielleicht auch im Glauben: Ich bin reich. Ich habe meinen Glauben. Es ist alles gut. Gott liebt mich, wie ich bin. Ich brauche nichts. Und die Werbung säuselt uns seit 25 Jahren als Ohrwurm in Herz und Sinn: “Ich will so bleiben, wie ich bin… Du darfst!” Ja, es stimmt ja einerseits. Es ist gut und richtig, sich anzunehmen, wie man ist. Und doch kann es andererseits zur Selbsttäuschung werden, wenn ich darüber vergesse, dass es auch Schattenseiten in meinem Leben gibt. Wenn ich stolz werde und meine: Veränderung? Brauch ich nicht! Vergebung? Brauch ich nicht! Ich bin reich und brauche nichts…

Doch in den Augen Jesu sieht das anders aus:

17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.

Und es wäre fatal, wenn wir in unserer Verkündigung nur die eine Seite weitersagen: “Du bist von Gott geliebt, du bist so gut, wie du bist.” Ja, diese Aussagen sind richtig. Und viele Menschen brauchen erst mal genau diese Wertschätzung, dieses bedingungslose Angenommensein bei Gott, weil sie verletzt und voller Selbstzweifel sind. Doch gefährlich wird es dann, wenn sich diese neue Selbstsicht verselbständigt. Wenn wir meinen: Wir sind in uns selbst perfekte und wunderbare Menschen. Und Jesus brauchen wir dazu gar nicht. Dann geraten wir in den Strudel der Selbsttäuschung von Laodizea. Doch Jesus deckt den Irrtum auf. Das ist der Moment des Herzklopfens. Plötzlich regt sich in uns unser Gewissen. Da klopft es. Und wir merken: Der schöne Schein trügt, der Heiligenschein bröckelt.

Doch Jesus will uns nicht im Regen stehen lassen. Er will uns nicht bloßstellen. Er will uns aus der Patsche helfen. Und so bietet er an:

18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.

Jesus bietet uns Gold an, damit wir reich werden. Damit meint er den Schatz im Himmel. Wenn wir erkennen, dass unsere irdischen Schätze und Leistungen vergänglich sind, dann merken wir: wir brauchen etwas, das hält, das bleibt! Das Gold ist seine Liebe!

Und dann: Weiße Kleider! Peinlich für die Leute in Laodizea mit ihrer Textilindustrie, dass Jesus sie als nackig beschreibt. Dass sie rumlaufen wie in des Kaisers neuen Kleidern. Das heißt: in dem fadenscheinigen Kostüm der Selbstgerechtigkeit. Doch Jesus schenkt echte Vergebung, das sind die weißen Kleider.

Und schließlich bietet Jesus Augensalbe des Glaubens an. Damit wir in Wahrheit sehen, wer wir sind und was wir brauchen. Das “Kaufen” bei Jesus geht ohne Geld. Aber was können wir ihm geben? Unsere leeren Hände, unser Herz. Denn er schenkt uns, was wir brauchen. Wir müssen es nur wollen.

Und so zieht er von Herzenstür zu Herzenstür und klopft an. Auch bei uns: Er klopft an mit all seinen Geschenken. Hören wir sein Klopfen, oder ist all das andere Herzklopfen unseres Alltags zu laut? Das Herzklopfen unserer Angst, unserer Schuld, unserer Prüfungen, unseres Verliebtseins, unserer Wut, unserer Enttäuschungen. Hören wir doch genau hin, öffnen ihm die Tür, lassen ihn ein mit seinen Geschenken: Dem Gold seiner Liebe, dem weißen Kleid der Vergebung, der Augensalbe der Erkenntnis.

Und wenn er drin ist in unserm Herzen, also in unserm Leben, in unsern Gedanken, in unserm Alltag, dann hilft er uns, wenn das Herz sonst klopft. In Situationen voller Angst. Im Prüfungsstress. Wenn wir Mist gebaut haben. In unseren Beziehungen – dass vielleicht das Liebesherzklopfen wieder neu beginnt.

Heute Abend wollen wir neu hinhören, ob wir nicht sein Klopfen an unsere Herzenstür hören können.

Ein Kunstmaler hatte ein Gemälde beendet, auf dem er die Szene aus der Offenbarung des Johannes schildert, wo Christus das Wort sagt: “Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an!”

Der kleine Sohn des Malers sagt zu seinem Vater: “Aber eins hast du falsch gemacht. Es fehlt draußen an der Tür die Klinke. Der Herr Jesus kann ja gar nicht hinein.”

“Doch. Er kann. Er kann es nur”, erklärt der Vater, “wenn man ihm von innen öffnet und wenn man ihn haben will. Darum habe ich die Außenklinke weggelassen. Heißt es doch: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an!”

Amen

 

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