Grenzenloses Erbarmen

Gottesdienst am Sonntag, dem 13.10.2019

Thema: Grenzenloses Erbarmen

Predigt: Pastor Jürgen Wiegel

Text: Matthäus 15,21-28

Liebe Gemeinde,

als Predigttext für den heutigen Sonntag lese ich uns das Evangelium für diesen Sonntag, aus dem Matthäusevangelium 15, 21 – 28. Ich lade sie ein, zur Ehre Gottes bei der Lesung noch einmal aufzustehen:

21 „Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
(Es kann auch übersetzt werden: »Stell sie zufrieden«.)
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

Bitte nehmen Sie wieder Platz!

Liebe Gemeinde,

wenn Sie auf dem Flughafen Hannover in den Flieger einsteigen und nach Marokko reisen, dann überfliegen Sie, ohne Grenzkontrollen, die Staaten Frankreich, evtl. vorher noch die Schweiz und dann Frankreich, Spanien und dann erst kommt Marokko. Man möchte meinen, mit dem Flugzeug reist man grenzenlos. Natürlich kommt die Grenzkontrolle am Zielflughafen. Aber die Länder Schweiz, Frankreich und Spanien werden überflogen, da gibt es kein Stoppschild. Selbstverständlich hat das etwas mit den Überflugrechten jedes Landes zu tun. Aber es gibt keine Grenzen da oben. Grenzenloses Fliegen ist erlaubt.

„Grenzenloses Erbarmen“, das ist unser Thema heute. Für das Erbarmen Gottes in Jesus Christus gibt es keine Grenzen. Jesus war Jude. Seine Eltern waren jüdischer Abstammung und lebten den jüdischen Glauben. Sie beteten, denken wir nur an das von Maria überlieferte Gebet, das Magnificat aus dem Lukasevangelium Kap. 1. Vielleicht klingt Ihnen dieser Vers aus Lukas 1 noch im Ohr: „Meine Seele erhebt den HERRN, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“ (Lukas 1, 46+47).  Sie besuchten die jüdischen Glaubensfeste in Jerusalem im Tempel. Ich denke da an die Beschneidung des kleinen Jesus-Kindes oder die Geschichte mit dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Diese Geschichte wird von dem Evangelienschreiber Lukas so eingeleitet: „Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er (Jesus) zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes“ (Lukas 2, 41+42). Auf dem Rückweg wähnten seine Eltern Jesus bei seinen Freunden und reisten schon mal ein ganzes Stück. Aber sie fanden ihn nicht und kehrten um nach Jerusalem. Drei Tage suchten sie ihn und fanden ihn dann im Tempel bei den Schriftgelehrten sitzen und mit ihnen die Schrift auslegen. Jesus, ein Jude, von Geburt an, von der elterlichen Abstammung an, von Kindheit an, im jüdischen Glauben groß geworden und im jüdischen Glauben gestorben und schließlich auferstanden.

Christen sollten stolz sein auf Jesus als Jude. Er ist der verheißene Messias. Und er war und bleibt Jude, auch wenn er das grenzenlose Erbarmen Gottes für alle Menschen begründet hat. Auch wenn mit ihm das Christentum begründet wurde. Seine Jünger, einer wie der andere, waren zutiefst Juden und verwurzelt im jüdischen Glauben. So nahe sind wir Christen den Juden.

Da ist so eine Bluttat, wie am Mittwoch in Halle geschehen, eine Schande für jeden Christen. Unser Glaube hat seine Wurzeln im jüdischen Glauben und aus dem Volk der Juden ist unser Erlöser Jesus Christus, Jesus, der Messias, hervorgegangen. Es ist dieser Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns verbindet! Das sollten wir nie vergessen. Wer die Juden antastet, tastet Gottes Augapfel an. So steht es schon im Alten Testament. Das haben wir Deutschen leider leider so schlimm und schrecklich mit dem Nazi-Regime verbrochen und das auch von Gott zu spüren bekommen. So kann man die Geschichte auch deuten.

Soviel dazu aus aktuellem Anlass. Uns verbindet mehr mit dem Judentum, als wir denken!

Zurück zu unserm Predigttext: Jesus, als Jude und zusammen mit seinen 12 Jüngern, alles jüdische Männer, verlässt das galiläische Land, seine Heimatregion, und geht in die Gegend von Tyrus und Sidon. Diese beiden Ortschaften liegen nördlich von Israel am Mittelmeer und gehören nicht mehr zum Territorium des damaligen jüdischen Staates. Hier sind sie im puren Heidenland angekommen, wenn man so will. Sie haben den jüdischen Boden verlassen. Jesus wollte sich zurückziehen, wird uns berichtet, Vers 21: „Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.“

Ob Jesus die Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren, um sich mit ihm zu streiten, satt hatte? Sie warfen ihm vor, dass seine Jünger die Satzungen der Ältesten brechen würden, weil sie ihre Hände nicht waschen, bevor sie Brot essen. Jesus hat ihnen darauf hin gesagt, dass nicht das den Menschen unrein macht, was hineingeht in ihn, sprich was er mit dem Essen in sich aufnimmt, sondern dass das, was er sagt, was aus dem Mund herauskommt, den Menschen unrein macht.

Nun sind sie also für sich, die Jünger mit ihrem Herrn. Abgeschieden von der Heimat, im zutiefst heidnischen Land. Ist das nicht ein starkes Stück? Die Schriftgelehrten aus Jerusalem werfen Jesus Unreinheit vor und nach der Diskussion steuert Jesus den Aufenthalt bei den nach jüdischen Glauben Unreinen an.

Das zeigt uns doch, dass Jesus da keine Unterschiede macht, sie sind alle unrein. Und Jesus hat keine Berührungsängste mit den Heiden, mit solchen, die von Geburt aus nicht zum jüdischen Volk gehören. Jesus geht schnurstracks zu ihnen. Das ist seine Mission. Das ist sein Ziel. Messias für alle. Waren es nicht die Heiden, die bei seiner Geburt bereits sich um seine Krippe scharten, die Weisen aus dem Morgenland? Sie kamen aus der zutiefst heidnischen Welt. Und finden sich ein beim Jesus-Kind an der Krippe, weil sie ihren Retter und Erlöser, ihren wahren König anbeten und beschenken wollen.

Denken wir auch noch in diesem Zusammenhang an den Missionsauftrag, den Jesus seinen Jüngern bei der Himmelfahrt gab. Er sagte ihnen und ich zitiere auch aus dem Matthäusevangelium, in dem unsere Geschichte steht: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker …..“ usw.

Für Jesus, den Messias, den Christus, gibt es keine Begrenzung. Seine Mission gilt für die ganze Welt. In unserm Predigttext beginnt er das, was seine Jünger später fortsetzen sollen. Alle Völker mit seiner guten Nachricht erreichen. Sein Erbarmen ist grenzenlos!

Und sein Erbarmen ist noch auf eine andere Weise grenzenlos!

Schauen wir uns das noch an: Jesus spricht mit dieser kanaanäischen Frau. Sie ist Heidin. Sie gehört nicht zum Volk Israel. Und sie macht sich so aufdringlich bemerkbar und lässt nicht locker.

Außerdem sehen wir, dass Jesus so ganz anders reagiert, als wie wir das von ihm kennen und gewöhnt sind. Jesus antwortet sehr schroff und behandelt sie ziemlich derbe. „Wie kann Jesus so etwas überhaupt tun?,“ fragen wir uns. „Wie ist das möglich?“ Zu den Jüngern sagt er: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (V. 24). Und der Frau sagt er: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde“ (V. 26).

Nun, die Frau schreit nach Jesus mit den Worten: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Sie benennt Jesus mit dem Messias-Titel. „Sohn Davids“ ist eine ausdrückliche Messias-Bezeichnung. Woher weiß sie das? Wir müssen annehmen, dass die Kunde von Jesus, von seinen Worten und Taten, bis hierher schon durchgedrungen war. Davon hatte sie bereits erfahren. Aber was andere über Jesus sagen und wie sie ihn bezeichnen, das einfach übernehmen und ausprobieren ist nicht genug. Was denn dann?

Der vorletzte Satz in unserm Predigttext lässt die Antwort aufleuchten: Jesus sagte ihr: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ (V. 28). Jesus sucht den Glauben der Frau. Nicht magische Floskeln, womöglich von anderen übernommen, können helfen. Nicht ein oberflächlicher Versuch nach dem Motto: Man kann es ja mal probieren. Nein. Auf den Glauben kommt es an, bei Juden und Heiden! So auch bei uns und selbst heute. Jesus sucht den Glauben seiner Kinder. Jesus suchte den Glauben dieser kanaanäischen Frau. Und er fand ihn und sah ihn bei ihr, weil sie nicht locker ließ und sagte: Ja, Herr, aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (V. 27). Jesus war ihre letzte Hoffnung und sie hat alles auf diese Karte „Jesus“ gesetzt. Übrigens: Was Jesus bei den Frommen, bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, bei den hochgebildeten Theologen seiner Zeit vermisst hat, das fand er bei dieser kanaanäischen Frau, bei dieser Heidin, bei dieser für die frommen Schriftgelehrten Unreinen, weil aus heidnischem Land.

Jesus tut für die kanaanäische Frau dieses Wunder, weil sie ihm vertraut, weil sie ihm glaubt! Der Glaube an ihn, das Vertrauen zu ihm, zählen bei Jesus, nicht die Herkunft, nicht die Abstammung, nicht die Kultur, nicht die Hautfarbe, nicht das Portemonnaie, ob nun arm oder reich. Jesus will alle und ruft deshalb alle zu sich, auch uns heute. Immer noch, bis heute und darüber hinaus. Sein Erbarmen ist grenzenlos! Weil es für alle gilt!

Das macht mich froh. Und das lässt mich von Jesus begeistert sein und reden. Er kam für alle in die Welt. Sein Erbarmen ist grenzenlos!

Dieser Glaube der kanaanäischen Frau hat mich an den Gefängniswärter, den Kerkermeister von Philippi erinnert. Was sagte Paulus zu ihm? „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig.“ Und so ist es gekommen.

Mach dein Leben bei Jesus fest, sprich ihn an, schenke ihm dein Vertrauen. Sein Erbarmen ist grenzenlos und gilt jedem Menschen. So groß ist er. Und so werden wir ihn gleich feiern, wenn wir Abendmahl feiern. Und was immer du mitgebracht hast, Jesus kommt damit klar, weil sein Erbarmen grenzenlos ist. Das gilt auch für unsere Schuld, die vielleicht manchmal grenzenlos scheint. Doch Jesus ist auch dafür gestorben und hat dafür bezahlt. Er macht uns frei. Sein Erbarmen ist grenzenlos. Ich freue mich drüber. Freuen Sie sich mit.

Amen