Gottes Herrlichkeit: versteckt – entdeckt

Gottesdienst am Sonntag, dem 27.01.2019

Thema: Gottes Herrlichkeit: versteckt – entdeckt

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 2. Korinther 4,6-10

Liebe Gemeinde,

in meiner Tübinger Zeit im schönen Schwabenländle habe ich mit meinem damaligen Teeniekreis – der den originellen Namen “FRATZ” trug (“FReitagAbendTeenieZeit”) – ein Schatzsuchspiel gemacht. Die Schatzkiste hatte ich gut versteckt – im Komposthaufen! Richtig schön liebevoll, unter Eierschalen, Würmern und Maden. Schon waren die Teenies ganz dicht dran, da meinte ein Mädchen: „Ha noi! Do im Komposcht, do liegt koi Schatz!“ Im Kompost liegt kein Schatz! So denken wir. Weil Schätze in prächtigen Truhen sind oder und in glänzenden Verpackungen präsentiert werden. Unser Predigttext zeigt uns, dass das bei Gottes Schätzen, mit Gottes Herrlichkeit ganz anders sind. Sie sind tatsächlich oft verborgen, versteckt im Dreck und Kompost dieser Welt. In der Unscheinbarkeit. Da, wo man sie am wenigsten vermutet. Paulus spricht vom Schatz in irdenen, also getöpferten, zerbrechlichen Gefäßen.

2. Korinther 4:

6 Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Gottes Herrlichkeit entdecken:

1) Im Licht Gottes

2) In der Kraft Gottes

1) Im Licht Gottes

Wie wichtig das Sonnenlicht für unser Leben ist, das wissen wir nicht nur aus Biologiebüchern, das können wir vielmehr selber immer wieder neu spüren, wenn es tagelang grau und trüb war wie Anfang Januar und dann plötzlich ein Hochdruckgebiet die Wolken vertreibt und die strahlende Sonne wieder Lebenslust und Freude mit sich bringt. Wir haben das Samstag vor einer Woche erlebt, als das erste richtig schöne, sonnige Wochenende dieses Winters war und wir mit der Familie zum Rodeln in den Harz wollten. Endlich mal raus an die frische Luft und den herrlichen Sonnenschein genießen. Wie wichtig das für die Menschen ist, das merkten wir dann besonders am Ziel in Torfhaus, als wir entdeckten: Wir waren nicht die einzigen Schnee- und Sonnenhungrigen! Der Rodelberg wimmelte so von Menschen, dass man Mühe hatte, überhaupt ein bisschen Schnee zwischen den Leuten zu sehen! Sonnenhungrige! Wir brauchen das Licht, wir brauchen die Sonne. In der Antike wurde die Sonne gar als Gott angebetet! Der Sol Invictus wurde als der unbesiegbare Sonnengott verehrt und angebetet. Und nun erinnert uns Paulus daran, dass alles Licht dieser Welt, also auch die lebensspendende Sonne mit ihrem gleißend hellen Licht und ihrem beinahe unerschöpflichen Energievorrat, so riesig, dass unsere Erde 1,3 Millionen mal reinpassen würde, auch nur ein Geschöpf Gottes ist. Und sie ist sogar nur einer der kleineren Sterne von den rund 100 Milliarden Sternen unserer Galaxie! Wie viel Sonnen, wie viel Licht ist da! Und Gott ist der Urheber, der Schöpfer dieses Lichts.

6 Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten,

So heißt es ja auf der 1. Seite der Bibel: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.   […] Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.

Schon das ist ein staunender Einblick in die Größe und Herrlichkeit unsres Gottes. Aber nun bleibt Paulus nicht bei der Natur stehen. Dass es da irgendeinen Gott geben muss, von dem alles herkommt und nicht alles nur durch Zufall aus Nichts entstanden ist, das glauben ja durchaus viele Menschen. Aber Paulus sagt: Diese Herrlichkeit Gottes, dieses Licht, das können wir Menschen auch selber erleben. Weil Gott nicht nur weit weg und riesig groß ist, sondern uns nahe kommt.

Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben,

Einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben! Was nützen mir 100 Milliarden Sonnen, wenn es in meinem Herzen dunkel und leer und kalt ist! Vielleicht kennst du solche Augenblicke oder auch längere Zeiten im Leben, vielleicht bist du gerade mitten drin: Dass da eine Dunkelheit im Herzen ist. Eine Nacht von Sorgen oder Ängsten, Ratlosigkeit oder Einsamkeit. Wie Adel Tawil es singt:

Ohne Ziel läufst du durch die Straßen
Durch die Nacht, kannst wieder mal nicht schlafen
Auf deinem Weg liegen riesengroße Steine
Und du weißt nicht, wohin du rennst
Wenn der Himmel ohne Farben ist
Schaust du nach oben und manchmal fragst du dich

Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?

Und dann dieses Gefühl, dass es um dich rum ganz anders ist, dass andere irgendwie nur auf der Sonnenseite des Lebens stehn, das Licht haben.

Um dich rum lachende Gesichter
Die Welt ist laut und dein Herz ist taub

Und Paulus ging es ganz genau so. Der war auch gefangen in der Dunkelheit seines Herzens gejagt und getrieben von übertriebenem Ehrgeiz, von der Gier nach Anerkennung bei Menschen, Gott und sich selbst. Doch dann hat er das Licht Gottes entdeckt, den Glauben an Jesus Christus. Und er bezeugt: Gott hat einen hellen Schein in unser Herz gegeben!

Im befreienden Erlebnis, dass er erfahren hat, dass dieser totgeglaubte Jesus lebt, dass er ihm begegnet ist, dass er ihm zugesprochen hat:

Paulus, da ist jemand,

der dein Herz versteht!
Und der mit dir bis ans Ende geht.
Da ist jemand, der noch an dich glaubt.
Der dir den Schatten von der Seele nimmt.
Und dich sicher nach Hause bringt.
Da ist jemand, der dich wirklich braucht.

Dieser Jemand, so sagt Jesus, das bin ich. Ich bin das Licht der Welt. Und ich vergebe dir. Und ich habe dich lieb in deiner Sehnsucht, in deiner Schwäche, in deiner Traurigkeit, aber auch mit all deiner Freude, mit deinen Gaben. “Ich seh dich mit all deinen Farben. Und deinen Narben. Weißt du denn gar nicht, wie schön du bist?!” (Sarah Connor)

Und so hat Paulus die Herrlichkeit Gottes entdeckt im Licht Gottes, im Licht Jesu. Und dann wollte er nichts anderes als andern dieses Licht zeigen. 

dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Das ist eigentlich eine schöne Lebensaufgabe, eine schöne Bestimmung für unser Leben: anderen Gottes Licht zeigen. Nun muss man nicht denken, dass man selber dabei hell strahlen muss. Das kann ein riesiger Druck sein, weil man sich ja auch der eigenen Fehler und Begrenzungen und Schwächen nur zu bewusst ist. Und sollte man die eigenen Fehler mal ein wenig großzügig übersehen oder nicht mehr so recht wahrnehmen, hilft meist ein Gespräch mit dem Partner, und dann weiß man wieder Bescheid. Nein, keiner ist fehlerlos, auch kein Christ, und erst recht nicht die, die so tun. Und manchmal frag ich mich: Wie kann ich denn andern das Licht Gottes zeigen, wenn ich Menschen enttäusche, ungewollt verletze, wehtue, übersehe… Und man denkt dann schnell: Das ist vielleicht nur ein Job für besonders Heilige, deren Heiligenschein 3km weit scheint! Und wie schnell kann so ein Heiligenschein zu Scheinheiligen führen…

Doch nein, Paulus sagt: Alle Christen, alle Kinder Gottes sind Heilige. Wir müssen nicht selber leuchten, Gottes Licht soll leuchten, nicht unseres. 

In einer Gruppe von Menschen, die durch einen großen Dom geführt wurden, war auch ein kleines Mädchen. Während der Reiseführer auf die verschiedenen Sehenswürdigkeiten aufmerksam machte, stand das Kind ganz versunken da und betrachtete die bunt verglasten Kirchenfenster mit verschiedenen Gestalten, die dort abgebildet waren. Ein Abglanz der Farben lag auf ihrem Gesichtchen, als die Nachmittagssonne hell und warm durch die Scheiben leuchtete. Als die Gruppe weitergehen wollte, raffte die Kleine allen Mut zusammen und richtete eine Frage an den Reiseführer: »Wer sind die Leute in den schönen Fenstern?« wollte sie wissen. »Das sind die Heiligen, mein Kind«, antwortete er. Als die Kleine an diesem Abend zu Bett ging, berichtete sie der Mutter voller Stolz: »Ich weiß, wer die Heiligen sind.« »Ja?«, staunte die Mutter. »Wer denn?«

Da antwortete das Kind: »Es sind die Leute, die das Licht durchscheinen lassen!«

Eine wunderbare Antwort! Die leuchten ja nicht selbst, sie lassen nur das Licht durch. Das wünsche ich mir! Wir brauchen nicht selber ein helles Licht sein. Aber ein wenig durchscheinen lassen vom Licht der Liebe Gottes! Ein wenig davon weitergeben, wie hell es ist, wenn wir wissen, dass Jesus unser Freund ist, der mit uns geht.

Gottes Herrlichkeit entdecken wir in seinem Licht. Und in seiner Kraft.

2) In der Kraft Gottes

Vielleicht denkt man: Na ja, der Paulus, der war ja wirklich ein großer Apostel, ein richtiger Heiliger, der glaubensstark und souverän war. Bei dem mag das klappen, dass durch ihn andere zu Gottes Herrlichkeit finden. Aber bei mir nicht. Doch Paulus war überhaupt nicht diese überzeugende kraftvolle Gestalt, die wir uns vielleicht vorstellen. Schon rein äußerlich wirkte er zerbrechlich, sein Auftreten war – trotz seiner Gelehrsamkeit – alles andere als rhetorisch brillant. Keiner, den man heute als begabten Redner bei großen Glaubenskongressen wie Willow Creek oder so einladen würde. Dazu hatte er eine Krankheit, vielleicht ein Augenleiden, jedenfalls etwas, was ihm sehr zu schaffen machte. Und er betete, dass Gott ihn davon heilen möge. Und Gott tat es nicht! Obwohl Gott durch Paulus andere Menschen geheilt hat, er selber wurde aus seinem Leiden nicht befreit! Stattdessen sagte ihm Gott ganz persönlich zu, und auch uns: “Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!” – Bei Paulus war Gottes Herrlichkeit sehr versteckt, innen drin. Und doch erlebte er sie wie einen Schatz. Ein Schatz aber, der nicht gleich offen und sichtbar da liegt, sondern verborgen ist in einem zerbrechlichen Gefäß, dem menschlichen Leben. Die äußeren Umstände waren alles andere als rosig. Aber die Kraft Gottes zeigte sich eben nicht darin, dass Gott alles Leiden, alle Anfechtungen, alle Probleme weggenommen hat, sondern dass geholfen hat, all das Schwere und Unschöne zu ertragen:

8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.

9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Ich denke da an Elisabeth Jurkat in Hamburg, bei der ich vor meinem Studium ein Praktikum in der Kinderarbeit gemacht habe. Sie war so Mitte 50 und hatte ein brennendes Herz für Hamburgs Kinder, und auch für die Obdachlosen, für die Gestrandeten der Gesellschaft. Da stand sie nun bei der Weihnachtsfeier der Heilsarmee auf der Reeperbahn und erzählte den Ärmsten der Armen mit leuchtenden Augen das Evangelium. Was für eine Liebe strahlte aus ihrem Blick und machte sie jugendlich frisch! – Was kaum einer wusste: Ihre Brust und Schulter, der ganze Oberarm waren schon vom Krebsgeschwür zerfressen. Nachts konnte sie vor quälenden Schmerzen nicht schlafen. Wenige Wochen später verstarb sie. Eine schwache, kranke, sterbende Frau – eine starke Frau! Sie war für mich ein Beispiel, wie Gottes Schätze manchmal in sehr irdenen, zerbrechlichen Menschengefäßen stecken.

Der Schatz von Gottes Herrlichkeit liegt manchmal verborgen im Misthaufen, im Kompost unseres Lebens. So wie Jesus, die Herrlichkeit Gottes in Person, zur Welt kam im stinkenden und dreckigen Stall. Da liegt der Schatz, wo es dreckig ist. Aber da können wir ihn auch entdecken. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

AMEN.