Gott ja, aber wozu Kirche?

Gottesdienst am Pfingstsonntag, dem 20.05.2018

Thema: Gott ja, aber wozu Kirche?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 Text: 1. Petrus 2, 9-10 u.a.

 

Liebe Gemeinde,
der französische Theologe Alfred Loisy sagte einmal: “Jesus hat das Kommen des Reiches Gottes verkündet, aber gekommen ist nur: die Kirche.” Da schwingt Enttäuschung mit. Ernüchterung. Gekommen ist nicht das Reich Gottes, sondern – nur! – die Kirche…

Ein Gedankenexperiment: “Kirche” – Woran denken Sie zuerst, wenn Sie dieses Wort hören? – Kommt Ihnen in den Sinn: ein Gebäude? Glocken? Missbrauchsvorfälle, Kreuzzüge, Hexenverbrennung, verstaubt, langweilig, überholt…? In einem Wörterbuch der Jugendsprache ist “Kirche” übersetzt mit “Murmelschuppen” – klingt nicht sehr einladend, oder? Also wirklich: Kirche hat in unserm Land kein gutes Image. Gott ja. Dass es irgendwie so etwas wie Gott gibt, das glauben ja durchaus viele noch. Aber Kirche? Wozu brauchen wir Kirche?

Das Online-Portal des STERN hatte genau diese Frage gestellt: „Wozu brauchen wir die Kirche?“ Viele Antworten sind da zu lesen. Unter anderem antwortete Sibbi78: “‘Wir’ brauchen weder die Kirche noch andere klerikale Sekten. Diese Institutionen dienen nur noch dem Macht- und damit Selbsterhalt. Es ist unstrittig, dass einige Mitmenschen dennoch die Kirche benötigen, da sie unfähig sind, ohne Anleitung und “Händchen halten” durch die immer hektischer werdende Zeit zu kommen. Leider werden diese armen Menschen oftmals vom Klerus einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen und somit missbraucht. Menschen mit einem gesunden Menschenverstand und ausreichendem Selbstvertrauen brauchen keine Ewiggestrigen, sie benötigen auch keine 2000 Jahre alten, oftmals verfälschten Informationen, an die sie sich halten sollen. Im Übrigen: Ich glaube an Gott – frecherweise so ganz ohne ‘Kirche’.”

Ich denke, dass dies die Meinung vieler widerspiegelt. Wie oft höre ich – etwa bei Trauergesprächen – : “Ach, Herr Pastor, mein Mann, war schon gläubig, aber er war wirklich kein Kirchgänger. Glauben ja, aber mit Kirche, da hatte er es nicht so…” Und manch einer sagt: Ich gehe am Sonntagmorgen lieber in den Wald, da finde ich eher Gott! Manche Kollegen antworten darauf ein bisschen bissig: Wer sonntags Gott im Wald sucht, kann sich auch vom Förster beerdigen lassen! Doch im Ernst: Glaube ohne Kirche, Christsein ohne Kirche – warum eigentlich nicht? Brauchen wir so was wie die Kirche zum “Händchen halten” in schwieriger Zeit? Was sagt uns Gott selber in seinem Wort dazu?

1) Wozu Kirche? Weil sie Gottes gute Idee ist
Ja, Kirche ist Gottes Idee! Überraschend ist allerdings, dass das Wort “Kirche” im Neuen Testament gar nicht vorkommt. Und doch, die Sache “Kirche” kommt ständig vor, meist unter dem Namen “Gemeinde”. Das Wort “Kirche” entstand später und kommt vom griechischen “kyriakón” und bedeutet “zum Herrn gehörend” oder auch “Haus des Herrn”, “Haus Gottes”. Und das ist eine ganz biblische Bezeichnung für Gemeinde. So sagt Paulus: “Wir sind der Tempel, also das Haus des lebendigen Gottes, wie denn Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen” (2. Kor. 6,16), und Petrus ergänzt: ” Lasst auch ihr euch als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus aufbauen.” (1. Petrus 2,5) Gott will die Kirche, die Gemeinde! Und mit “Kirche” meint Gott nicht ein totes Kirchengebäude aus Stein oder Holz, sondern ein lebendiges Gebäude aus Menschen! Menschen, die sich zusammenfügen als lebendige Steine zu einem großen lebendigen Haus, in dem er wohnen will. Das ist sein Plan! So, und nun nochmal die Frage: Kann man auch Christ sein ohne Kirche, ohne Gemeinde? Die Antwort ist einfach: Kann ein einzelner Stein ein Haus sein? Wie sollte das gehen??? Das klappt nicht! Ein Gebäude besteht immer aus mehreren, ja, aus vielen Steinen. Und wenn du ein Christ bist, wenn du zu Gott gehörst, dann bist du ein Baustein im Haus Gottes, dann gehörst du zur Kirche – anders geht es gar nicht. Aber bitte jetzt keine Missverständnisse: Es heißt nicht: Dann gehörst zur Martins-Kirche, zur Landeskirche, zur xy-Kirche, zu dieser oder jener Konfession… Nein, zu welcher konkret sichtbaren Gemeinde oder Kirche du dich hältst, ist zweitrangig. Aber es ist klar: Es geht nicht ohne Kirche, ohne Gemeinde, ohne Gemeinschaft, ohne Gottesdienst, ohne andere Christen! Weil es Gottes Idee ist! Gott ist der Erfinder von Kirche! Es macht wirklich nicht viel Sinn zu sagen: Ich glaube an dich, Gott, aber nicht an deine Idee Kirche, das war keine gute Idee, lieber Gott, das musst du mir glauben…
– Allerdings: was Menschen aus Gottes Idee von Kirche gemacht haben, das war oft keine gute Idee! Da kann man in der Tat viel kritisieren! Da gab es und gibt es viel himmelschreiendes Unrecht, Irrtum, Versagen, Dummheit. Aber das hebt doch nicht auf, dass Kirche eine gute Idee Gottes ist! Und wir wollen als Gemeinde darauf achten, uns Mühe geben und Gott bitten, dass er uns dabei hilft, dass wir dicht dran sind an seiner Idee von Kirche.

2) Wozu Kirche? Weil sie den Glauben stärkt
Heute ist Pfingsten. Wir feiern die Kraft des Heiligen Geistes, die zur Kirche geführt hat. Denn durch diese Kraft des Heiligen Geistes, den Gott an Pfingsten geschenkt hat, wurden die Jünger verwandelt: Aus einem kleinen, frustrierten Haufen von ein paar ängstlichen, verschüchterten Typen wurde die Keimzelle einer weltumspannenden Bewegung, die seit 2.000 Jahren unterwegs ist und Menschen mit einer Botschaft erreicht, die immer noch begeistert. Doch wie ging es los, dieses Pfingsten? Lesen wir noch einmal den Anfang dieser Geschichte:

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren alle, die zu Jesus gehörten, beieinander an einem Ort. (Apostelgeschichte 2,1)

Also: Sie waren beieinander, sie hatten Gemeinschaft, sie trafen sich – und dann, in dieser Gemeinschaft, wurden sie alle erfüllt mit dem Heiligen Geist (V.4). Das ist kein Zufall! Gottes Geist kommt zu ihnen in der Gemeinschaft! Unser Glaube ist zwar eine persönliche Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus. Aber keine private! Persönlich ja, aber nicht privat! “Privat” kommt von lateinisch privatus, und das heißt: abgesondert, beraubt, getrennt, für sich bestehend. Genau das ist Glaube nach biblischer Sichtweise niemals! Niemals abgesondert, getrennt von anderen Christen am Ort. Wenn jemand sagt: “Glaube ist meine Privatangelegenheit”, dann entspricht das leider überhaupt nicht dem, was die Bibel uns als Glauben vorstellt. Persönlich ja, aber eben nicht privat. Warum braucht man andere Christen? Auch wenn wir Jesus in unser Leben eingeladen haben und auch wenn der Heilige Geist in uns wohnt, bleiben wir doch immer noch Menschen, die Fehler haben und sich irren können – und darum brauchen wir auch die Korrektur durch andere Christen, den Austausch, das Gespräch, auch mal den Streit, die Ermutigung, die Begleitung, die Stärkung – und die anderen brauchen genauso auch uns. Ich habe es schon oft erlebt, bei Jugendlichen und bei Erwachsenen: Wenn jemand einen Anfang im Glauben gemacht hat, dann gilt fast immer: Diejenigen, die sich dann zur Gemeinde halten, zur Knautschzone, zu den Gottesdiensten, zu einem Hauskreis, die bleiben in der Regel auch dabei. Und umgekehrt: Wer darauf verzichtet, wer meint, seinen Glauben alleine leben zu können, der hat es sehr schwer, dabei zu bleiben. Manch einer hat sich dann auch wieder nach einer gewissen Zeit vom Glauben verabschiedet. Vom Gründer des riesigen Weltreichs der Mongolen, Dschingis Khan, wird berichtet, wie er die Mongolenstämme einte, und zwar mit einem Beispiel, das er von seiner Mutter gelernt hatte. Sie hatte ihren Söhnen jeweils einen Pfeil in die Hand gegeben und gesagt: “Zerbrecht sie”. Die Söhne nahmen ihren Pfeil, zerbrachen ihn – was sollte sie hindern?- und warfen ihn weg. Nun band die Mutter neun Pfeile zusammen, gab sie ihnen und sprach: ”Zerbrecht sie”. Alle neun Pfeile. Einer nach dem anderen nahm die neun gebündelten Pfeile, aber keiner vermochte sie zu zerbrechen. “Wenn ihr, wie eben die einzelnen Pfeile, jeder für sich allein lebt, könnt ihr gleich jenen Pfeilen von jedermann leicht zerbrochen werden. Bleibt ihr aber in Eintracht zusammen wie jenes Bündel Pfeile, werdet ihr immer stark sein!” So ist es beim Glauben auch. Wenn wir meinen, wir können unsern Glauben alleine leben, dann sind wir zerbrechlich wie ein einzelner Pfeil. Aber wenn wir in der Gemeinschaft miteinander und mit Jesus bleiben, dann macht uns das stark! Dazu brauchen wir Kirche!

3) Wozu Kirche? Weil sie einen Auftrag hat
Petrus beschreibt in seinem Brief, was Kirche ist und wozu Kirche da ist: “Ihr aber seid ein von Gott auserwähltes Volk, seine königlichen Priester, ihr gehört ganz zu ihm und seid sein Eigentum. Deshalb sollt ihr die großen Taten Gottes verkünden, der euch aus der Finsternis befreit und in sein wunderbares Licht geführt hat.” (1. Petrus 2,9)

Das ist ein großartiger Auftrag! Die großen Taten Gottes verkünden! Wir sind Gottes auserwähltes Volk. Seine königlichen Priester! Wieso sind wir “königliche Priester”? Priester sind Menschen, die bei anderen Menschen für Gott einstehen. Die andere Menschen zu Gott bringen! Lateinisch kann Priester pontifex heißen, das heißt wörtlich: “Brückenbauer”. Das ist unser Auftrag als Kirche: Brückenbauer zu sein. Anderen Menschen Brücken bauen zum Glauben. Priester sind zugleich Menschen, die bei Gott für andere Menschen einstehen. Durch Fürbitte. Für andere beten. Andere im Gebet vor Gott bringen. Priester sind wir. Und dann noch königliche Priester, weil wir zu Jesus gehören, der unser König ist. Und dadurch werden wir selber königlich. Und warum können wir nicht allein diesen Auftrag erfüllen? Nur gemeinsam? Weil jeder andere Gaben hat! Und jeder kann seine Gaben einbringen, damit wir als Gemeinde, als Kirche unseren Auftrag erfüllen. Loisy hat mit seinem Satz “Jesus hat das Kommen des Reiches Gottes verkündet, aber gekommen ist nur: die Kirche” einen großen Fehler gemacht. Er hat einen Gegensatz zwischen Reich Gottes und Kirche gesehen. Und dabei hat er nicht gemerkt, dass das Reich Gottes schon mit der Kirche, mit uns Christen anfängt, wenn Jesus bei uns ist. In aller Schwachheit, in aller Vorläufigkeit dürfen wir schon mitbauen am Reich Gottes. Du an deinem Platz, ich an meinem Platz. Und damit kann die Welt verändert werden! Denken wir doch daran, dass die friedliche Revolution in der DDR ihren Anfang in den Friedensgebeten in den Kirchen hatte. Denken wir auch daran, dass Martin Luther King, der vor 50 Jahren ermordet wurde, seinen gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung, Diskriminierung und Rassentrennung als Prediger in den Kirchen begonnen hat.

Jesus hat einen großen Auftrag für uns: Weitersagen, dass Gott aus der Finsternis von Sünde, Sorgen, Süchten, Tod und Teufel ins Licht von Vergebung, Glaube, Hoffnung, Liebe führt! Das können wir nicht aus eigener Kraft. Sondern nur in Gemeinschaft mit Jesus und gemeinsam mit anderen Christen.

4) Wozu Kirche? Weil sie von Jesus geliebt wird
Gestern war ja ein mediales Großereignis für die Welt: Millionen Fernsehzuschauer verfolgten die königliche Hochzeit von Prinz Harry und seiner Meghan. Eine Hochzeit ist ja auch in unserer Zeit immer noch etwas Wunderschönes! Aber dann erst eine königliche Hochzeit! Und alle wollen die Braut in ihrem Brautkleid sehen! Aber was für ein Ereignis erst wird die königliche Hochzeit Jesu sein! Wenn er wiederkommen wird und seine Braut holen wird. Und wer ist seine Braut? Die Kirche! Paulus sagt das im Epheserbrief (Eph. 5,31f):

Erinnert euch an das Wort: »Ein Mann verlässt seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.« 

Das ist ein großes Geheimnis. Ich deute dieses Wort auf die Verbindung zwischen Christus und seiner Gemeinde.

Jesus ist verliebt in seine Kirche. Die wird als seine Braut beschrieben. Zugegeben! Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, 2000 Jahre alt! Und sie hat manchen Bockmist gebaut, ist ganz schön verschrumpelt und runzelig, das Brautkleid beschmutzt und befleckt. Aber Jesus liebt sie, vergibt ihr und reinigt sie! Und darum sagt Paulus: So sorgt Jesus selbst dafür, dass sie zu einer schönen und makellosen Braut für ihn wird, ohne Flecken, Falten oder einen anderen Fehler, weil sie allein Christus gehören soll.

Wenn Jesus seine Kirche als seine Braut so sehr liebt, vielleicht sollten wir dann auch beginnen, die Kirche, die Gemeinde lieb zu gewinnen. Und nicht mehr vorrangig fragen: Was hab ich von meiner Kirche, sondern auch: Was hat meine Kirche von mir? Nicht mehr: Wozu brauche ich die Kirche, sondern auch mal: Wo braucht die Kirche mich?

Amen.

 

 

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