Geheimnisvoll

Gottesdienst am Sonntag, dem 14.01.2018

Thema: Geheimnisvoll

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Korinther 2,1-10

 

Liebe Gemeinde,

“Aus der ‘Geheimbutze'” – so lautet eine Überschrift gestern in den Schaumburger Nachrichten. Das fand ich spannend. Geheimnisse sind immer spannend. Eben geheimnisvoll. Beim Lesen des Artikels wurde klar: Es geht um ein geheimnisvolles Pulver. Ein Pulver, das heute in jedem Haushalt zu finden ist. Das Backpulver! Erforscht, als Massenware neu erfunden und produziert von Dr. August Oetker. Dr. Oetker – jeder kennt ihn, letzte Woche war sein 100. Todestag. Was ich noch nicht wusste: Er stammt aus unserm Kirchenkreis, aus Obernkirchen nämlich! Das Laboratorium seiner Bielefelder Apotheke nannte er liebevoll “Meine ‘Geheimbutze'”. Es war offenbar etwas Geheimnisvolles mit diesem Pulver, das auf geheimnisvolle Weise den Teig aufgehen ließ und jeden Rührteigkuchen so luftig und locker werden lässt!

“Geheimnisvoll” lautet heute Morgen uns Thema. Und Paulus lädt uns heute ein in seine “Geheimbutze”. Denn was er da schreibt, erinnert mich schon ein wenig an das Geheimnis von Dr. Oetker. Das war einerseits ganz geheim, andererseits sollte es aber unzähligen Menschen zugutekommen. Paulus spricht heute Morgen auch von einem Geheimnis, dem “Geheimnis Gottes”. Ein Geheimnis allerdings, das man nie richtig verstehen wird, das aber unzähligen Menschen zugutekommt.

Hören wir den Predigttext vom Geheimnis Gottes aus 1. Korinther 2,1-10:
1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.
2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;
4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,
5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Als Paulus diese Zeilen schreibt, kommen in ihm Erinnerungen hoch an seinen Besuch in Korinth. Und er denkt daran, dass er bei seinen öffentlichen Reden dort wirklich viel Angst gehabt hat. So viel Angst, dass Gott selber ihm in der Nacht eine Ermutigungsvision schenken musste: “Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.” (Apostelgeschichte 18,9b-10a). Was war denn da losgewesen in Korinth? Nun, Paulus war unmittelbar davor in Athen, wo die gelehrtesten Köpfe der damaligen Zeit zu Hause waren, die Wiege der Philosophie und Hochburg menschlicher Weisheit. Und als Paulus da mit schlichten Worten von der Auferstehung der Toten sprach, da wurde er nicht etwa bedrängt oder bedroht – dann hätte man ihn wenigstens ernstgenommen! – nein, er wurde einfach ausgelacht! Bitter!

Vielleicht haben wir auch schon mal so eine Erfahrung gemacht? Da wird gar nicht mehr ernsthaft über den Glauben diskutiert, sondern die Leute nehmen einen gar nicht mehr ernst! Man gilt irgendwie als Spinner, als Witzfigur! Und nun in Korinth, dieser berühmten kosmopolitischen Hafenstadt ging es weiter damit. Wir lesen, dass die Leute da über Paulus’ Worte lästerten. Und sich empörten und ihn schließlich vor den Statthalter schleppten. Und daran erinnert er sich.

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.

1) Das Geheimnis von Gottes Kraft in Schwachheit
Als er sich an seine Schwachheit erinnert, wird ihm auf einmal das Geheimnis von Gottes Kraft neu bewusst! Gottes Kraft zeigt sich eben nicht nur in seiner unfassbaren Schöpfermacht, in dem majestätischen Anblick gewaltiger schneebedeckter Berge oder unzähliger Sterne und Galaxien, sondern Gottes Kraft wird auf geheimnisvolle Weise besonders in unserer menschlichen Schwachheit spürbar. Das erlebt Paulus am eigenen Leibe. Er war bei weitem nicht der geniale, strahlende, mitreißende Redner, der begeisternde, feurige Rhetoriker, der die Zuhörer mit tollen Sprüchen, fesselnden Bildern und kreativen Ideen bei Laune hielt. Nein, seine Ausführungen waren – wie man auch in den Briefen sehen kann – eher etwas trocken und langatmig. Und bei seiner Predigt passierte sogar das, was für jeden Prediger ein Albtraum ist: Es kam auch schon mal vor, dass Zuhörer einschliefen (nachzulesen Apostelgeschichte 20!). Ich kann verstehen, dass er mit Furcht und Zittern in diese Weltstadt Korinth kam. Mir wäre es nicht anders gegangen. Aber – und das ist das Geniale! – gerade diesen Paulus mit seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Begabungen und Begrenzungen, den gebraucht Gott, um das ganze römische Weltreich mit dem Evangelium zu durchdringen! Wenn das nicht geheimnisvoll ist! Das ist doch eine große Ermutigung für jeden von uns, der sich manchmal schwach und ungeeignet fühlt. Und das Geheimnis geht noch weiter: Gott gebraucht Paulus nicht nur trotz seiner menschlichen Schwachheit, sondern gerade wegen seiner menschlichen Schwachheit!

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,
5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Denn gerade darin, dass die Worte und der Auftritt des Paulus so unspektakulär waren, gerade darin beweist Gott seine Kraft, wenn nämlich dann Menschen zum Glauben kommen, dann liegt es eben nicht an Psychotricks und glänzender Rhetorik, die Leute einfach in ihren Bann zieht, sondern da wirkt Gottes Geist und Gottes Kraft!

Ihr wisst sicher oder ahnt es, dass ich gerne predige. Und ich möchte mich gründlich vorbereiten, und ich mag es, wenn man die Botschaft originell verpackt oder wenn ein kreativer Gedanke etwas veranschaulichen kann. Aber dennoch bin ich sehr skeptisch, wenn bei Gottesdiensten und Predigten – wie ich es in manchen Gemeinden schon erlebt habe, besonderes in Amerika – am Ende die Verpackung und das ganze Drumrum, ein Riesenbrimborium, ein großes Event, wichtiger wird als die Botschaft! Und man den Eindruck hat, man will die Leute auf diese Weise gewinnen, dass sie einfach so beeindruckt sind, so fasziniert von dem, was man auf die Beine stellt! Leute, das ist eine Gefahr! Es geht im Reich Gottes nicht um Perfektionismus oder eine große Show, sondern um Treue. In aller Schwachheit dürfen wir – und das gilt nicht nur für Pastoren und Prediger, sondern für jeden Christen! – das Evangelium weitersagen.
Diese Berufung hast auch du! Ein Satz hat sich mir sehr eingeprägt: Gott beruft nicht die Befähigten, sondern er befähigt die Berufenen! Er will jeden von uns gebrauchen! Davon bin ich überzeugt! Und wenn du dich schwach fühlst und wenn du meinst, dein Glaube sei klein, willkommen im Club! Dann bist du genau richtig bei Gott. Er sagt ja nicht nur zu Paulus, sondern auch zu dir und zu mir: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! (2. Kor. 12,9)

Und es klappt! Ich denke da an einen jungen Mann, der eigentlich von seinen intellektuellen Fähigkeiten wirklich nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Er besuchte die Sonderschule. Aber er hatte Jesus lieb, und davon redete er. Vielleicht würde man meinen: Ausgerechnet der sollte doch lieber ruhig sein! Der ist doch wahrlich kein Aushängeschild für Gottes Reich! Der bestätigt doch jedes Vorurteil: Glaube, das ist nur was für Leute, die ein wenig unterbelichtet sind. Doch ausgerechnet den gebraucht Gott, dass sein eigener Lehrer an der Schule, den er immer wieder von Jesus vollquatscht, irgendwann ins Nachdenken kommt, Gottesdienste besucht und zum Glauben findet! Unglaublich! Das ist das Geheimnis: Gottes Kraft in Schwachheit! Und es gibt noch ein Geheimnis:

2) Das Geheimnis von Gottes Weisheit im Verborgenen
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

Die Weisheit Gottes ist im Verborgenen. Das ist wirklich ein Geheimnis. Was meint Paulus damit? Nun, er sagt es ja selber. Es ist die Weisheit Gottes im Kreuz Jesu Christi! Dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, am Kreuz stirbt, was den Juden ein Ärgernis, ein Skandal ist und den Griechen eine Torheit, ein Blödsinn, das ist Gottes Weisheit, das ist der Kern von Gottes Heilsplan. Ihr Lieben, wir haben vorhin gesehen, wie Paulus in Korinth verkündigt – mit Furcht und Zittern -, und wenn wir jetzt schauen, was er verkündigt hat, dann wird’s ja ganz arm. Sein Hauptinhalt ist nun wahrlich nicht mitreißend:

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Was? Mehr nicht? Keine Lebenshilfe, keine Tipps für berufliche Krisen, keine Trostpflaster für Beziehungskrisen, keine Hilfen zur Persönlichkeitsentwicklung, keine Schulung zur Entfaltung emotionaler Kompetenz? Nur Jesus Christus, den Gekreuzigten? Das ist ja dünn, das ist ja arm und langweilig, würden sicher viele heute dazu sagen.

Nun, ich glaube nicht, dass Paulus all diese anderen Lebensthemen für unwichtig hält. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass die Bibel und der Glaube zu allen Herausforderungen und Bereichen des Lebens etwas zu sagen hat und wirklich auch echte Lebenshilfe bieten können – und das soll auch in unseren Gottesdiensten und Kreisen nicht zu kurz kommen. Aber entscheidend ist: Was ist das Zentrum, was ist die Mitte unserer Verkündigung und unseres Glaubens?

Um es ganz klar zu sagen: Die Mitte ist nicht: Wie geht es mir besser? Wie fühle ich mich wohl? Wie werde ich glücklich? Sondern die Mitte ist: Jesus Christus, der für meine Sünde starb und für meine Ewigkeit auferstand! Das ist der Kern des Evangeliums. Alles andere ist Zugabe. Und diese Weisheit Gottes – die liegt nicht so offen herum, dass sie jedem einleuchtet. Die ist erst mal verborgen, die ist ein Geheimnis, das nur Gottes Geist uns entdecken lässt.

Der bekannte Essener Jugendpastor Wilhelm Busch – nicht der von Max und Moritz – erzählt mal, wie er zwei Männer am Straßenrand getroffen hat: “Als ich vorbeigehe, grüßt der eine: „Guten Tag, Herr Pastor!” Ich trete auf ihn zu: „Kennen wir uns?” Da lacht er und erklärt dem andern: „Das ist der Pastor Busch! Ein ganz ordentlicher Junge!” „Danke”, sage ich. Und da fährt er fort: „Nur – er hat leider einen Vogel!” Ich fuhr empört auf: „Was habe ich? Einen Vogel? Wieso habe ich einen Vogel?” Und da wiederholt er: „Wirklich,der Pastor ist ein ganz ordentlicher Junge! Nur: Er spricht immer von Jesus!” „Mann!” rief ich erfreut. „Das ist kein Vogel! In hundert Jahren sind Sie in der Ewigkeit. Dann hängt alles daran, ob Sie Jesus kennengelernt haben. Sagen Sie: Kennen Sie Jesus?” „Siehst du”, wendet er sich lachend an den andern, „jetzt fängt er schon wieder an!”

So hätte es dem Paulus auch ergehen können! Doch das ist das Geheimnis von Gottes Weisheit im Verborgenen: Christus der Gekreuzigte!

3) Das Geheimnis von Gottes Herrlichkeit für uns
9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

Ja, diese Worte klingen wirklich nach Geheimnis. Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört… Um was geht es da? Um das, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben! Also um Gottes Geschenk für uns! Und das ist die ewige Herrlichkeit, das ist die Gemeinschaft mit ihm, die den Tod überwindet. Und die schon jetzt, hier in unserm Leben beginnen darf! Schon jetzt können wir in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit diese Gemeinschaft mit Gott, seine Geschenke erleben! Tiefen Frieden im Herzen, Freude im Alltag, Trost im Leiden, Versöhnung im Streit. Ja, oft noch verborgen, oft in Schwachheit – aber Gott ist da. Geheimnisvoll.

Wie war das noch mit dem Backpulver? Es ist so unscheinbar! So schwach. Und doch entfaltet so ein winzig kleines Tütchen von ein paar Gramm seine Kraft und treibt und bewirkt, dass der Teig auf geheimnisvolle Weise aufgeht und wächst und wächst! Im Verborgenen entfaltet sich die Wirkung. So wie die Wirkung von Gottes Geist. Wenn du denkst, dass du’s im Leben oder auch im Glauben nicht gebacken bekommst, dann wirkt er auf geheimnisvolle Weise und entfaltet seine Kraft. Und am Ende hat man beim Backpulver die Herrlichkeit eines leckeren Kuchens. Aber bei Gottes Geist die Herrlichkeit des ewigen Lebens.

Amen.

 

 

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