Geduld

Gottesdienst am Sonntag, dem 25.02.2018

Thema: Geduld

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Römer 5,1-5

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch!
Amen

Liebe Gemeinde,

[45 Sek. Pause]

sind Sie ungeduldig geworden? Es war nicht mal 1 Minute, in der nichts passiert ist! Und doch – man kann es kaum aushalten! Ich habe das selber so erlebt beim Willow-Creek-Kongress in Hannover vor 2 Jahren. Ein Redner, Johannes Hartl, machte es genauso. Er begann ungefähr so: “Ich habe euch jetzt etwas Wichtiges zu sagen.” Und dann folgte: Nichts. Die Leute wurden wirklich ungeduldig. Und ich selber auch. Bald schon ein Räuspern hier, ein Kichern dort. 10.000 Leute in der großen TUI-Arena. Irgendwo ein Zwischenruf: “Langweilig!” Wieder Kichern… Man wartet, dass etwas passiert – und nichts passiert! Irgendwann macht Johannes Hartl weiter und redet über — das Nichts!

Das heutige Thema Geduld hat mich sofort daran erinnert. Denn das ist doch genau unsere Erfahrung, oft, im Leben und im Glauben: Wir erwarten etwas und warten auf etwas, und es kommt: —nichts! Wir beten, und es passiert — nichts! Wir werden auf eine Geduldsprobe gestellt. In unserem Predigttext, den wir vorhin gehört haben, spricht Paulus auch von Geduld: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden;

Das klingt ja fast so, als ob selbst harte Geduldsproben noch zu etwas gut sein können. Aber wie soll einer, der gerade mittendrin steckt, das ertragen können?

Ich glaube, dass uns diese Gottesworte aus dem Römerbrief wirklich sehr helfen können. Ich möchte ihnen in 2 Gedankengängen nachspüren: 1) Wenn wir warten und 2) Was uns erwartet.

 

1) Wenn wir warten
Geduld hat ja immer was mit Warten zu tun. Und Warten braucht immer Geduld. Angefangen im Wartezimmer beim Arzt. Aber schlimm ist es, wenn das “Wartezimmer des Lebens” eine unerträgliche Situation ist, in der wir uns befinden!

Paulus spricht davon, dass zum Leben als Christ auch Bedrängnis gehören kann. “Bedrängnis”, in anderen Übersetzungen heißt es: “Nöte” oder “Leiden”. Wenn wir dann warten müssen! Wir warten auf eine Veränderung, eine Verbesserung. Und das Warten kann manchmal sehr lange dauern. Das ist eine Erfahrung, die viele von uns kennen. Und es ist ein Irrtum zu meinen: Weil ich Christ bin und Gott mein Freund ist, geht’s mir immer gut, werde ich vor Krankheit und Unfall und Schicksalsschlägen bewahrt. Nein, das ist uns nicht versprochen im Glauben. Es gibt viele gläubige Menschen, die viel Schweres durchmachen! Genauso wie ungläubige Menschen. Der Glaube ist da keine Schutzimpfung und auch keine Zusatzversicherung.

Aber was Paulus da noch sagt, ist dann doch eine Zumutung: wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt.

Das ist ein starkes Stück! Das klingt ja so wie: Wir sind sogar stolz drauf, wenn es uns dreckig geht! So heißt es etwa in der Basis-Bibel: “Wir dürfen auch auf das stolz sein, was wir gegenwärtig erleiden müssen.” Oder noch krasser: “Wir freuen uns auch über die Nöte, die wir jetzt durchmachen.” (Neue Genfer Übersetzung). Dir geht’s schlecht? Na prima, sei stolz drauf, freu dich, das tut dir gut! ??? – Nein, liebe Gemeinde, so nicht!! So ist es nicht gemeint! Das verlangt Gott nicht von uns. Wenn wir ganz genau nachschauen, steht da wörtlich nicht: “Wir rühmen uns der Bedrängnisse.” Sondern: “Wir rühmen uns in den Bedrängnissen.” Also, nicht die Bedrängnisse, das Leid, die Not sind etwas, worüber wir uns freuen sollen. Sondern: Es gibt etwas, worüber wir uns freuen können, selbst mitten in der Not und in allem Elend. Das ist mit “wir rühmen uns inmitten der Bedrängnisse” gemeint. Weil wir darauf vertrauen, dass Gott da ist, dass er mit uns geht, dass er uns nicht im Stich lässt – selbst wenn wir ihn gar nicht spüren. Und weil das uns Geduld gibt! Es überrascht nicht, dass dieser Text für die Passionszeit vorgegeben ist: Denn wenn wir uns daran erinnern, was Jesus gelitten hat, als er den qualvollen Weg ans Kreuz gegangen ist, dann können wir sehen: Im Weg Jesu geht Gott den Weg menschlichen Leidens mit.

Und dann heißt es: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Das also ist die Perspektive für alle Wartenden. Erinnern sie sich noch an das erste Zitat, was wir am Anfang gehört haben?

“Was Gott in uns tut, während wir warten, ist mindestens so wichtig wie das, worauf wir warten.” Dass wir nicht erst am Ende, sondern schon im Warten darauf vertrauen, dass Gott es gut macht!

Was bedeutet das konkret im Alltag? Es gibt so viele Wartende, Betende, die darauf warten, dass ihre Gebete endlich erhört werden, dass Gott doch endlich eingreift, dass endlich was passiert. Und nicht einfach nur ein “Nichts” passiert – wie vorhin. Und dann warten sie und warten und warten.

Das ist die Frau, die seit Jahren allein in die Gemeinde kommt, weil ihr Mann davon nichts wissen will. Wie sehr wünscht sie sich, dass ihr Mann doch auch zum Glauben findet!

Oder da sind die Eltern, die jahrelang für ihr Kind beten, dass es doch seinen Weg ins Leben findet, zum Glauben kommt, in der Schule besser zurechtkommt. Und das Gegenteil tritt ein, irgendwie scheint alles vergeblich.

Oder da ist die Kranke, die einfach nicht weiß, was aus ihr werden wird. Alles ist möglich: Erfolg in der Therapie und Aussicht auf Genesung – und genauso das Unvorstellbare, dass alles nicht hilft und der Tod vor Augen steht. Und sie ist mittendrin im Warten. Die Ungewissheit, die Angst – das ist nicht zum Aushalten!

Oder das Paar, das sich seit Jahren Kinder wünscht. Und es einfach nicht geschenkt wird.

Und wir denken auch an die Menschen in Syrien, in Ost-Ghouta z.B. und in anderen Orten. Die warten und warten, dass endlich der Bürgerkrieg aufhört. Darunter übrigens auch syrische Christen, die oft zwischen allen Stühlen sitzen. Und man fragt sich: Wie lange noch?? Oder wir denken an die Christen, die verfolgt und unterdrückt werden. Wie viel Geduld wird denen abverlangt! Und doch erleben solche Menschen auch, wie dieses Ausharren, dieses Warten, diese Geduldsproben den Glauben nicht kaputt machen, sondern wie der Glaube darin gestärkt werden kann.

Es hat mich sehr bewegt, als ich gelesen habe, was ein syrischer Pastor mitten im Krieg gesagt hat: “In all meinen Jahren als Pastor habe ich kein kraftvolleres Wirken Gottes gesehen als in dem, was wir gerade erleben. Bitte versteht mich richtig: Natürlich ist dieser Krieg falsch, böse und schlimm. Aber mitten in all dem wird die syrische Kirche verwandelt.” Sie erlebt Wachstum, Menschen spüren, wie der Glaube trägt. Und enttäuschte Muslime wenden sich dem christlichen Glauben zu. Und ein anderer Pastor im syrischen Homs sagte: “Macht euch keine Sorgen um uns, wir haben Frieden im Herzen.” Hier wird erkennbar, dass zur Geduld Vertrauen gehört. Vertrauen, dass Gott regiert. Und dieses Vertrauen gibt uns Frieden und hilft uns zur Geduld.

Und dennoch ist es zermürbend, wenn Gebete nicht erhört werden. Doch gerade dann gilt: Geduld braucht Vertrauen.

Ich denke da an den berühmten englischen Prediger Spurgeon, der einen Opa hatte, der vom Glauben nichts wissen wollte, er war hart, undankbar, ichsüchtig, während die Oma eine treue Beterin war. Und Spurgeon sagte einmal zur Oma: “Großmutter, gib doch dein Beten für den Großvater auf, es hat doch keinen Sinn, er wird ja immer nur noch schlimmer zu dir.” Doch die Oma betete weiter. Nachdem sie 57 Jahre im Gebet für ihren armen Mann durchgehalten hatte, starb sie, ohne die Freude der Bekehrung des Großvaters erlebt zu haben. Aber am Sarg der Großmutter brach der hartherzige Großvater zusammen und übergab sein Leben in die Hände Jesu “unter unbeschreiblichen Reuetränen”, wie Spurgeon schreibt. “Gerade ich,” so sagt er, “der vor sieben Jahren noch der Großmutter den Rat gab, nicht mehr zu beten, durfte mit dem 83jährigen Greis niederknien und seine Umkehr erleben. Der einst so gefürchtete Tyrann wurde zu einem sanften, liebenden, treu betenden Großvater.”

57 Jahre gebetet. Was für eine Geduld! Ein Zitat vorhin lautete: “Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist.” – Gottes Zeit. Obwohl wir Menschen eben Gottes Zeitplan nicht kennen und begreifen.

Aber in diesem Vertrauen wollen wir lernen, auf Gottes Stunde zu warten, auf seinen Plan.

Und dabei ist noch eins ganz wichtig: Die Hände zu falten heißt übrigens nicht: Die Hände in den Schoß legen. Geduld ist nicht eine passive Schicksalsergebenheit, sondern ein aktives Vertrauen auf Gottes Hilfe und Beistand, um das zu ändern, was wir ändern können, und das anzunehmen, was wir nicht ändern können.

Nachdem wir nun viel darüber nachgedacht haben, wie es mit der Geduld ist, wenn wir warten müssen, so ist nun noch die Frage zu stellen, was uns erwartet. Und das stellt Paulus voran. Das ist überhaupt die Basis für Geduld und Gelassenheit im Leben.

 

2) Was uns erwartet
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.

Also, Paulus macht klar: Egal, wie es dir hier im Leben geht, ob es gut läuft oder ob du richtig in der Patsche sitzt, das wichtigste ist es erst mal, Frieden mit Gott zu haben. “Gerecht werden” nennt Paulus das. Also, dass uns unsere Schuld vergeben wird. Und das geht nur durch den Glauben an Jesus Christus. Und dann sagt er: Dann haben wir Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Das ist das ewige Leben! Und diese Hoffnung brauchen wir, wenn uns der Geduldsfaden zu reißen droht, wenn wir warten, warten, warten und Gebete nicht erhört werden, wenn Träume, Lebensträume zerplatzen und Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn Krankheit nicht geheilt wird. Dass wir uns merken: Das Beste kommt noch! Das gibt dann Kraft und Mut, auch hier schon das Beste draus zu machen.

Wir haben ja durch Jesus und durch das Gebet direkten Zugang zu Gottes Herz. Da ist ein großes Bankgebäude. Und ganz oben sitzt der Chef, der Bankdirektor. Und dann kommt da unten in den Eingangsbereich so ein kleiner Knirps und sagt der Dame am Empfang: “Ich muss mal mit dem Direktor sprechen.” Die Dame sagt: “Na, hör mal, du kleiner Junge, das geht nicht! Da kann man nicht einfach so hin. Da braucht man erst einen Termin. Und du schon gar nicht. Du bist nicht wichtig genug.” Und dann sagt der Kleine: “Doch, ich kann da hin.” – “Also, es reicht! Du kannst da nicht hin, der Herr Direktor ist beschäftigt.” “Doch, ich kann. Ich bin wichtig genug. Der Herr Direktor ist nämlich mein Papa.” Und schwupps, hat er freien Zugang.

Und wenn wir Gottes Kinder sind, dann haben wir auch freien Zugang zum Direktor der ganzen Schöpfung und zu seinem Herzen. Dieses Wissen, dieses Vertrauen hilft uns, nicht aufzugeben, wenn wir Geduld brauchen. Geduld braucht Vertrauen.

Und so hilft es uns, wenn wir warten müssen, zu wissen, was uns erwartet.

Amen.

 

 

Zur Druckversion