Freiheit, die ich meine

Gottesdienst am Sonntag, 03.09.2017

Thema: LLL – Luthers Leben und Lehre 3 – Freiheit, die ich meine

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Galater 5,1 u.a.

 

Liebe Gemeinde,

“Freiheit die ich meine…” so ist der Titel eines früher sehr bekannten alten Volkslieds. Geschrieben wurde es 1815 – nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Eine Freiheit wird dort besungen, frei von fremden Besatzern, Freiheit, die es wert ist, dafür zu sterben!

Das ist rechtes Glühen
Frisch und rosenroth:
Heldenwangen blühen
Schöner auf im Tod.

“Freiheit, die ich meine” – Auch die Nazis schnappten sich dieses Lied und sangen es auf ihre Weise. Merkwürdige Vorstellung von Freiheit!

Freiheit, die ich meine… Juliane Werding macht 1977 einen Schlager dazu:
Ein Parkplatz, auf dem Kinder spielen,
Ein altes Auto, bunt bemalt,
Ein Polizist mit langen Haaren
Und Löwenzahn auf dem Asphalt.
Das Ist Die Freiheit, Die Ich Meine,
Für die ich gern alles geb’.
Sie ist kostbar wie Gold.

Die Musikgruppe “Münchener Freiheit” benennt gleich ein ganzes Album so: “Freiheit, die ich meine”. Und die Automarke Renault hatte das mal als Werbeslogan. “Freiheit, die ich meine” ist dann wohl: Renault fahren. Wer’s mag…

Wenn Peter Maffay die “Freiheit, die ich meine” besingt, dann heißt das so:
Freiheit, die ich meine
ist wie ein neuer Tag.
Freiheit, die ich meine
ist, was man wirklich mag.
Und führt dann aus, dass zur Freiheit auch Liebe gehört. Die Freiheit, die er meint, heißt nicht, nur den eigenen Vorteil zu suchen:
Jeder kämpft für sich allein,
will der erste sein.
Gehn wir weg von hier.
Hier gibts nur Ich statt Wir.

Er ahnt, dass Freiheit auch Beziehung braucht, dass echte Freiheit auch Bindung braucht…
Freiheit, die ich meine… Offensichtlich hat jeder so seine eigene Meinung von Freiheit.

Im Jahr des Reformationsjubiläums wollen wir mal fragen, was war für Martin Luther Freiheit? Welche Freiheit meint er? Und was sagt Gott selber in seinem Wort. Freiheit, die ich meine – ja, welche Freiheit meint Gott eigentlich? Wir haben vorhin im Evangelium gehört, dass Jesus sagt: Ich bin gekommen, “zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen” und im Galaterbrief lesen wir: “Zur Freiheit hat uns Christus befreit!” (Galater 5,1) Welche Freiheit ist damit gemeint? Wie hilft uns das heute?

Für Martin Luther und die Reformation war Freiheit der vielleicht wichtigste Begriff überhaupt! Ich hatte es ja schon einmal erzählt, dass er seinen ursprünglichen Familiennamen Luder verändert hat in Luther. Denn Luther hat er vom griechischen Wort “Eleutheros” abgeleitet, und das heißt: “Der Befreite!” “Der Freie”. So nannte er sich. Und auch die Menschen seiner Zeit im ausgehenden Mittelalter hatten einen Hunger nach Freiheit, den wir uns heute – für die Freiheit so selbstverständlich geworden ist – kaum noch vorstellen können! Man schätzt, dass die Flugblätter und Schriften von Luther und anderen zum Thema Freiheit im Jahre 1524 eine Auflage von 2 bis 3 Millionen hatten!

Umso wichtiger war es für Luther klarzustellen: Um welche Freiheit geht es denn? Und wie können wir sie bekommen? Können wir mit Gewalt für Freiheit kämpfen? In unserer kleinen Lutherreihe haben wir uns schon zweimal vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn Dr. Martinus hier in die Martins-Kirche kommen würde und einfach selber aus seinem Leben und von seiner Lehre erzählen könnte. Vielleicht könnte er auch so manches böse Zitat von ihm erklären, was uns heute fremd und abstoßend wirkt, oder was aus dem Zusammenhang gerissen wird und man es darum nicht verstehen kann.

Dr. Martinus Luther, du hast dir ein paar Monate Pause hier gegönnt. Nun bist du also wieder hier. Und heute wollen wir dich fragen: Was ist die Freiheit, die du meinst? Du hast ja mehrere Schriften zum Thema Freiheit verfasst, z.B. 1520 deine berühmte Freiheitsschrift “Von der Freiheit eines Christenmenschen”.

Seid gegrüßt, ihr Brüder und Schwestern zu Hohnhorst! Ja, nun stehe ich hier, ich bin so frei… Von der Freiheit eines Christenmenschen. Das ist sicher eine meiner liebsten Schriften, sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Darüber steht kaum etwas, außer vielleicht meine liebe Käthe daheim. Wobei – daheim, da hört’s mit meiner Freiheit auch schon wieder schnell auf… Also darum zurück zu dieser Schrift.
Wie ihr wisst: In meiner Zeit gab’s viel Unterdrückung durch die Obrigkeit. Es gab Leibeigene, Bauern, die versklavt waren, Menschen, die zu Unrecht im Kerker waren, es gab eine Kirche, die die Menschen mit unsinnigen Vorschriften klein hielt und knechtete wie die Schweine im Stall und selbst den Ärmsten der Armen mit Abgaben und Steuern noch das letzte Geld aus der Tasche zog.
Dagegen wandte ich mich, keine Frage. Aber, ihr Lieben, das war mir nicht das wichtigste! Im Glauben geht es nicht zuerst um die Freiheit von äußerer Unterdrückung! Das haben meine Freunde oft nicht begriffen. Und so habe ich geschrieben:
“Was hilft es denn der Seele, wenn der Leib frei und ungefangen, frisch und gesund ist, isst, trinkt, lebt wie er will? Wiederum, was schadet es der Seele, wenn der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert und dürstet und leider, wie er’s nicht gern will?”
Meine lieben Hohnhorster Freunde: Es gibt eine innere Freiheit, die mich frei macht von äußeren Umständen, von allen Widrigkeiten meiner Lebenslage! Das ist die Freiheit, die ich meine: Dass ich mich geliebt weiß vom Herrn der Welt, dass ich mich angenommen weiß, trotz meiner Fehler, weil mir mein Herr meine Sünden vergibt, das macht mich frei, selbst wenn es mir ansonsten dreckig geht und ich im Misthaufen von Häme, Verfolgung, Hass oder Krankheit sitze! Ich weiß, wovon ich rede! Mensch, was haben mich Freunde enttäuscht und verraten, was hat mich mein Steinleiden geplagt! Was hab ich geschimpft und gejammert und geheult und gebrüllt – und doch hat mir der Herr immer wieder neuen Mut gegeben und eine Freiheit, die mir niemand nehmen konnte! Und wenn du dich gefesselt fühlst in deiner Arbeit, in deiner Familie, in deiner Schule… Die Freiheit, die ich meine, heißt nicht: weglaufen, abhauen, fliehen, sondern: auf Jesus schauen, der dir beisteht und dich stark macht.

Und darum hab ich gesagt: 1) Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Das bezieht sich auf die innere Freiheit, auf den Glauben. Da steht außer Gott keiner über dir! Kein Pfaffe, Priester oder Papst. Du bist frei und mündig, selber die Bibel zu lesen, und Gottes Geist erklärt sie dir. Werde frei von kranker Religion und lass dich nicht kaputt machen von dem, was andere über dich denken und sagen. Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht stehen!
Es ist aber eine Freiheit, die wir nicht von selbst haben! Von Natur aus sind wir Menschen nicht frei an Gott zu glauben. Ihr denkt oft: Jeder Mensch hat einen freien Willen, ob er an Gott glauben will oder nicht. Das stimmt nicht ganz. Ich hab später eine Schrift verfasst, die hab ich extra genannt: “Vom unfreien Willen” (De servo arbitrio, 1525). Denn jeder Mensch ist erst einmal unfrei, das heißt: gefangen in Sünde und voll und ganz in sich selbst verliebt. Aber das Wort Gottes, das Evangelium, das uns zum Glauben ruft, befreit uns und ruft uns zur Antwort! So ist deine Entscheidung für den Glauben auch nur Gnade, ein Geschenk von oben! Du kannst dich nur für Christus entscheiden, weil er sich zuvor für dich entschieden hat! Das macht dich frei von allem Stolz! Das schenkt dir Demut.
Darum hab ich euch den andern Brocken gleich hinterher geworfen:

2) Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.
Wenn wir unseren Wert nicht durch die Anerkennung von Menschen und durch unsere Leistung gewinnen, dann müssen nicht mehr um jeden Preis unser Recht durchsetzen, dann können wir auch demütig sein, dann können wir auch mal zurückstecken und dienen! Das ist auch Freiheit, nämlich Freiheit zur Liebe, Freiheit zur Demut, Freiheit zum Dienen. Nicht weil du es musst! Nein, wenn du damit meinen würdest, dich bei Gott einzuschmeicheln, du Schelm, dann bist du wieder in der alten Gesetzlichkeit, unter dem Joch der Knechtschaft. Da kannst du leichter das Meer mit einem Löffel auslöffeln, du Narr. Nein, wir wollen dienen aus Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Dr. Martinus, das klingt wirklich gut. Aber die Liebe zu Gott und dem Nächsten, hattest du die denn selber? Du schreibst mal an die Fürsten, als die Bauern sich gegen ihre Unterdrückung erhoben haben: “Darum, liebe Herren, steche, schlage, würge hier, wer da kann!” Oder: “Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser als andere mit Beten.” Oder: “Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch, so wie man einen tollen Hund totschlagen muss: schlägst du ihn nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.” Sind das wirklich deine Worte? Sind das Worte von Freiheit, von Liebe?

Was du sagst, macht mich zutiefst betrübt. Es ist wahr, diese Worte habe ich geschrieben – und was daraus wurde, tut mir herzlich leid! Doch es ist nicht recht, nicht auch den Zusammenhang zu sehen. Was ging voraus?

Die Bauern hatten viele berechtigte Anliegen: Sie wurden von den Fürsten wirklich unmenschlich ausgebeutet. Und ich habe ihnen Recht gegeben und hab den Fürsten gesagt: Ihr müsst euch ändern, sonst werdet ihr aufgefressen. Und den Bauern habe ich gesagt: Betet, habt Geduld und sucht den Frieden. Und beide Seiten hatten nur Köpfe innen voller Stroh und außen mit Eselsohren! Sie haben nicht auf mich gehört. Und so ging ein Hauen und Stechen los anno 1525. Die Bauern fingen an zu morden und zu brandschatzen ohne Rücksicht. Burgen und Klöster wurden niedergebrannt, Nonnen und Kinder vergewaltigt. In Thüringen bin ich selber dreingefahren in den wilden Haufen und hab geschrien: “Haltet ein! Merkt ihr nicht, wie euch der Teufel reitet!” Und in Kursachsen kam ein Bauernheer mit 35.000 Mann an, und mein armer Kurfürst Friedrich lag alt und krank auf dem Sterbebett und wusste nicht, was er machen sollte. Er wollte dem Herrn Jesus folgen und fragte nun: “Soll ich als Christ die Rotten und wilden Haufen gewähren lassen oder darf ich sie bekämpfen?” Da hab ich gesagt: “Du darfst nicht nur, du musst!” Denn dazu hat Gott die Obrigkeit eingesetzt, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Gott hat zwei Regierweisen: im geistlichen Reich, also in geistlichen Dingen, soll die Liebe regieren. Da gilt die Bergpredigt: Wenn dich einer auf die Wange haut, da halt ihm auch die andere hin. Für sich persönlich soll ein Christ auch mal Unrecht, das ihm zugefügt wird, in Kauf nehmen. Aber wo mein Mitmensch bedroht, wo es um meinen Nächsten geht, da muss ich ihn auch verteidigen, und zwar besonders die Obrigkeit muss das tun. Das ist der andere Bereich, das ist das weltliche Reich. Da braucht es Ordnung und wo nötig eben auch Gewalt. Dazu gibt es Polizei und Soldaten. So ist es. Das ist auch eine Regierweise Gottes. Sonst versinkt die Welt im Chaos. Deswegen hab ich die Fürsten aufgefordert, die Ordnung wieder herzustellen, und eben notfalls auch mit Gewalt.

Doch leider, leider haben es dann die Fürsten maßlos übertrieben. Denn dann haben sie selber rücksichtslos dreingeschlagen. Dabei hatte ich ihnen doch gesagt: Wer sich ergibt, und wer bereut, dem soll verziehen werden, er soll Gnade bekommen!

Wie viel Blutvergießen wäre verhindert worden, wenn beide Seiten besonnen gewesen und ihrem Herrn Jesus gefolgt wären statt dem Teufel. So wurden meine Worte missbraucht und haben viel Schaden angerichtet. Ich weiß: Auch ich habe meine Fehler und habe Schuld auf mich geladen. Auch ich bin ganz und gar, mit Haut und Haaren, mit Dreck und Speck auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit und auf die Vergebung durch unsern lieben Herrn Jesus Christus angewiesen.

Doch was heißt das für euch Hohnhorster? Ihr lebt ja in euerm Land in einer Zeit des Friedens. Aber vielleicht gibt es den einen oder andern, der sich – wie einst die Bauern – auch gefangen fühlt, unterdrückt, unfrei, dem Unrecht geschehen ist, der sich verletzt fühlt. Durch andere Menschen, durch Umstände… Die “Freiheit, die ich meine”, heißt nicht: Du musst mit Gewalt deine Umstände verändern. Du musst nicht mit dem Kopf durch die Wand. Das gibt nur Kopfschmerzen. Ich hab’s probiert. Und ich hab wahrlich einen dicken Kopf! Es macht dich nicht frei, wenn du von Bitterkeit und Hass regiert für deine Freiheit mit Gewalt kämpfen willst. Denke daran: Die größere Freiheit hast du längst geschenkt bekommen: In deinem Herzen bist du frei, wenn Jesus dich frei gemacht hat!

Und darum kannst du dich in großer Gelassenheit und ohne Gewalt einsetzen auch für äußere Freiheit. Bei dir und besonders auch bei anderen. Erhebe deine Stimme für die Armen und Schwachen, für die Unterdrückten und Entrechteten. Aber bitte: “Sine vi, sed verbo” – wie ich zu sagen pflege: Ohne Gewalt, nur durch das Wort!

Danke, Dr. Martinus! “Freiheit, die ich meine” – ich glaube, wir haben nun ein wenig verstanden, wie du christliche Freiheit gemeint hast.
Da passt zum Abschluss vielleicht ganz gut, nochmals an dieses alte Volkslied zu erinnern: Freiheit, die ich meine. Denn ein Christian Heinrich Zeller hat das ursprüngliche Lied schon im 19. Jahrhundert umgedichtet und auf die Freiheit, Jesus Christus uns schenkt, gedeutet. Damit war er ganz bei Luther.

Freiheit, die ich meine,
Kommt vom Zeitgeist nicht,
Kommt vom Sohn alleine
Und von Seinem Licht.
Knechte des Verderbens
Führen nicht zum Sohn,
Und zur Zeit des Sterbens
Müssen sie davon.
  Wen der Sohn befreiet
Von des Irrtums Nacht,
Wen der Sohn erneuet,
Der wird frei gemacht.
Blutend hat errungen
Freiheit uns der Sohn,
Der sich aufgeschwungen
Auf des Vaters Thron.

 

Amen.

 

 

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