Felsenfest

Gottesdienst am Sonntag, dem 11.02.2018

Thema: Felsenfest

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 31

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich an unsere erste große Jugendfreizeit hier in der Gemeinde 2004. Es ging nach Südfrankreich in die Tarnschlucht. Kanufahren war das Ziel. Nun ist der Tarn schon etwas anderes als die Leine. Er ist über einige Strecken ein richtiger Wildwasserfluss und Kentern nicht ausgeschlossen. Aus der Kanu-Einweisung, die wir von unserer Betreuerin bekamen, ist mir noch eine Erklärung besonders in Erinnerung. Sie sagte immer wieder: “Der Fels ist dein Freund!” Was meinte sie damit? Nun, im Fluss lagen immer wieder größere Felsblöcke. Und häufig ist es so: Wenn nun unerfahrene Kanupaddler von der Strömung an einen Felsen heran geschoben werden, dann versuchen sie oft ängstlich, sich mit Körper und Boot vom Felsen abzuwenden. Doch dabei drückt das Wasser zwischen Felsen und Boot, sie verlieren das Gleichgewicht und kentern. Das Gegenteil ist richtig, so erklärte sie: “Wende dich dem Felsen zu! Halte dich ganz dicht am Felsen, desto geringer ist die Gefahr des Kenterns. Vergiss nie: der Fels ist dein Freund!” Werde ich nie vergessen, zumal wir die Mahnung dann beim Paddeln doch nicht immer beachtet haben und die meisten aus der Gruppe mal gekentert sind – der Pastor eingeschlossen.

“Der Fels ist dein Freund!” Eine schönes Wort zum heutigen Thema “Felsenfest”.
Wir alle fahren auf dem gewaltigen Strom des Lebens. Und auch dieser Strom hat viele gefährliche Stellen, Stromschnellen. Doch es gibt einen Felsen! Einen Felsen, der im Strom der Zeit felsenfest steht und für den gilt: Der Fels ist dein Freund! Ein Fels, der nicht wankt und nicht weggespült wird von Zweifeln und Unglaube. Es ist der Fels mit dem Namen “Jesus Christus“.

Esto mihi. Dieses Zitat aus Psalm 31 hat dem Sonntag seinen Namen gegeben: Sei mir ein starker Fels!

Es ist der letzte Sonntag vor der Passionszeit, wir bedenken das Leiden und Sterben Jesu und wir denken auch daran, was es bedeuten kann Jesus nachzufolgen. Das dies für Jesu Nachfolger auch mitunter eine Passionszeit sein kann, eine Zeit des Leidens und der Anfechtungen. Und darum haben die Alten – sozusagen als Ermutigung diesen Psalm vor die Passionszeit gesetzt: Sei mir ein starker Fels!

David machte diese Erfahrung. Er erlebte, dass Gott ihm so ein starker Fels war. Und was hat er im Laufe seines Lebens für reißende Ströme erlebt! Das Bild von dem strahlenden Sieger, der einst als kleiner Mann den Riesen Goliath besiegte, der Held, dem das Volk zujubelte und der am Ende die Königskrone davon trug, ist ja nur ein kleiner Ausschnitt seines Lebens. Er kannte nicht nur Triumpfe, Siege und Erfolge – nein, das andere war noch viel häufiger in seinem Leben: bittere Niederlagen. Verfolgung, Verachtung und Verzweiflung, Versagen und Verzagen. Und unser Psalm 31 ist ein Spiegel all dessen. Und dadurch so lebensnah! Dadurch auch uns so nah, wo bei vielen von uns im Leben eben auch nicht alles so glatt und geradeaus läuft. Nein, David kennt – wie wir – beides: Höhen und Tiefen, Sonnenschein und Stürme. So möchte ich unseren 1. Punkt überschreiben:

1) Verzagen und Vertrauen
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen.
2 HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!
3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

Das ist ja schon auffällig, wie unterschiedlich hier die Redeart Davids ist. Eben noch fleht er in einem leidenschaftlichen Bittgebet zu Gott: Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Da ist ein Mensch am Verzagen und Verzweifeln. Es ist für ihn 5 vor 12. Das Wasser steht ihm bis zum Hals. Und er wartet auf die Hilfe Gottes. Gott, wann, wann kommst du zu mir? Wann endlich lässt du mich deine Hilfe erfahren?? Doch schon im nächsten Satz schlägt das Flehen und Bitten abrupt um in eine Gewissheit, in eine Zuversicht:

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg!

Und dieses ständige Wechselbad der Gefühle zieht sich durch den ganzen Psalm. David ist hin- und hergerissen zwischen Verzagen und Vertrauen. Da gibt es Verse, die sind ein einziges Klagelied eines am Boden Zerstörten:

11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat, und meine Gebeine sind verschmachtet.
12 Allen meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden, eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meinen Freunden.
Die mich sehen auf der Gasse, fliehen vor mir.
13 Ich bin vergessen im Herzen wie ein Toter; ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

Doch dann gibt es immer wieder mitten drin ganz andere Töne. Ganz plötzlich erinnert sich David: Moment! Ich bin doch nicht allein! Wie oft habe ich Gottes Hilfe schon erfahren!

Ihr Lieben, diese Umschwünge sind so gewaltig und kontrastreich, dass schlaue Leute und hochgebildete Theologen damit nichts anfangen konnten. Im Theologiestudium lernt man an der Universität die sog. “historisch-kritische Methode”, womit man die Bibel oftmals nach Lust und Laune zerpflückt, womit man die Historizität anzweifelt und sich mit großer Wonne auf die Suche nach den unterschiedlichsten Quellen macht. Weil man meint, man weiß es ja heute alles besser. Und da hat man auch vor diesem schönen Psalm nicht haltgemacht und gesagt: Das kann doch gar nicht aus dem Munde eines einzigen Menschen kommen. Hier wurden verschiedene Psalmen und Psalmengattungen durcheinander gemixt! Hier wurden verschiedene Quellen, ein Klagelied und ein Danklied, Weinen und Loben von irgendeinem Redaktor einfach vermischt. – Ganz ehrlich: Ich halte so etwas für Quatsch! Zum Glück sieht man auch in der Forschung inzwischen: Dieser Text ist gerade in seiner Widersprüchlichkeit, in seinem Hin und Her eine Einheit! Denn gerade das macht doch das Lebens Davids aus! Und gerade das ist doch auch die Erfahrung, die wir in unserm Leben machen. Es gibt dieses Auf und Ab, auch im Glauben. Wir können nicht immer nur Danken und Loben. Und zum Glück müssen wir auch nicht immer Zagen und Klagen. Wir erleben beides: Verzagen und Vertrauen. David packt das in einen einzigen Vers:

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

Was hat der Bursche alles erlebt: Als Kind von seiner Familie wie das fünfte Rad am Wagen behandelt, vergessen und vom eigenen Vater übersehen, von den älteren Geschwistern fertiggemacht, gemobbt. Als der Prophet Samuel zur Familie Isais kam und alle seine Söhne sehen wollte, da hat er den David glatt vergessen! Der blieb auf dem Feld und konnte Kleinvieh hüten. Er war ja selbst der Kleine. Kennst du auch solche Erfahrungen: Mich will irgendwie keiner haben! Ich bin das 5. Rad am Wagen. Ich bin wertlos. David wusste davon manches Lied zu singen. Doch er fand Halt im Glauben an Gott, seinen guten Hirten, seinem Felsen. Dann die Salbung zum König, doch es war nur auf Hoffnung hin. Die Gegenwart war voll von Verfolgungen durch König Saul, von Geduldsproben und Warten.

Auch wir sind von Gott zu Königen und Königinnen bestimmt. Doch auf Hoffnung hin, in Gottes Reich! Hier in der Gegenwart, in diesem Leben ist davon oft wenig zu spüren. Da gilt es, die Spannung auszuhalten, zwischen der Verheißung und der Erfahrung!
Dann die Schuld, die David auf sich lud. Obwohl er ein Mann des Glaubens war, kannte er nicht nur Verzagen, sondern auch Versagen. Er fiel in Sünde, wurde zum Ehebrecher und sogar zum Mörder!

“Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat.”

Doch er erlebt Vergebung und Erlösung, weil er umkehrt und Buße tut. Psalm 51: “Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz!”

Und dann noch sein unsägliches Leid in Ehe und Familie. Seine eigene Frau Michal verspottet ihn. Da war nicht mehr viel von Liebe zu spüren. Und sein eigener Sohn Absalom will ihn vom Thron stürzen und beseitigen. Ja, auch in unseren Ehen und Familien gibt es manches Herzeleid. Und David war an seiner Misere durchaus nicht unschuldig, weil er viele große Fehler in Ehe und Familie, in Liebesdingen und Erziehung gemacht hat. Doch Gott hat ihn nicht fallen lassen, hat ihm immer wieder durchgeholfen und auch schöne Momente geschenkt. Augenblicke des Glücks und der Freude.
So war sein Leben wie so manches Leben und wie dieser Psalm 31 immer wieder zwischen Verzagen und Vertrauen, zwischen Flehen und Gewissheit.

“Sei mir ein starker Fels und eine Burg!
Denn du bist mein Fels und meine Burg.”

Noch ein zweiter Gedanke:

2) Festigkeit und Freiheit

Was bedeutet das, wenn Gott – und seit dem Neuen Testament ist es auch Jesus Christus – der Fels unseres Lebens ist? Ein Fels gibt festen Halt unter den Füßen. Ein Fels gibt Standfestigkeit und Schutz! Es ist ja auffällig, dass hier Fels und Burg in einem Atemzug genannt werden. Wir waren im letzten Sommer mit der Familie in den Pyrenäen, und da haben wir uns diese alten Katharerburgen angeschaut. Es ist unglaublich, wie die oft in hohe Felsklüfte hineingebaut wurden, völlig unzugänglich, rings um steile Schluchten. Und tatsächlich: Einige von ihnen wurden niemals erobert!

Und David hat es erlebt: Vieles um mich her geht in Trümmer, sogar meine Ehe, meine Familie wird erschüttert. Meine Karriere ist ein ständiges Auf und Ab. Auch auf Menschen ist nicht Verlass! Freunde können zu Feinden werden. Und selbst mein eigener Glaube kann ins Schwanken kommen.

Was hält denn noch? Nur Gott selbst. Er ist mein Fels und meine Burg! Er macht meinen Glauben fest. Felsenfest. Und diese Festigkeit bedeutet aber nicht Einengung und Starrheit. Sondern zugleich Freiheit!

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Das habe ich in den Pyrenäen gesehen: Wer im Schutz so einer Burg war, der hatte zugleich einen fantastischen Weitblick über die Landschaft. Wer die Burg hatte, der hatte auch die Herrschaft über das Tal und damit Freiheit und Weite!

Gott schafft uns einen weiten Horizont! Wir dürfen mit frohem Mut Neues wagen, er macht uns frei von Menschenfurcht und von Sünden, Sorgen, Süchten.

Der Dichter Heinrich Heine, der eigentlich als Spötter und Verächter des Christenheit bekannt ist, er hat es in seinen späten Jahren erlebt. Er schrieb 1851: “Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig bin, habe ich allen meinen Feinden Amnestie erteilt… Gedichte, die nur halbwegs Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich den Flammen überliefert. Es ist besser, dass die Verse brennen, als der Versemacher.” Und dann hat man ein Gedicht gefunden, das ihm zugeschrieben wird, obwohl das umstritten ist, aber es passt zu seinen letzten Lebensjahren:

“Zerschlagen ist die alte Leier
am Felsen, welcher Christus heißt.
Die Leier, die zur bösen Feier
bewegt ward von dem bösen Geist,
die Leier, die zum Aufruhr klang,
die Zweifel, Spott und Abfall sang.
O Herr, o Herr, ich knie nieder,
vergib, vergib mir meine Lieder. …
Zerschmettert ist die alte Leier
am Felsen, welcher Christus heißt.
Ach, schenk mir eine, neu und mild,
von heil’gem Friedensklang erfüllt,
o, neige segnend dich hernieder
und gib mir neue, neue Lieder!”

Hier hat jemand zunächst den Felsen Christus erlebt. Der fest, aber auch hart ist, der uns Halt gibt, aber an dem auch unsere Selbstgerechtigkeit zerschellt und zerbricht. Und das hat ihn in die Freiheit geführt, in ein neues Leben, das durch nichts zu erschüttern ist, nicht einmal durch den Tod.

Ein betagter Christ wurde von einem Ungläubigen gefragt, ob er sich denn gar nicht vor dem Tod fürchte. Er antwortete: “Ja, manchmal zittere ich; aber ich stehe auf einem Felsen, und der Fels unter mir zittert nicht.“

Der Fels ist dein Freund: Jesus Christus.

Amen

 

 

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