Feindesliebe

Gottesdienst am Sonntag, 05.11.2017

Thema: Feindesliebe

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Matthäus 5,43-48

 

William James Durant und seine Frau Ariel forschten und schrieben 40 Jahre lang an einem monumentalen Werk: The Story of Civilization. In Deutsch: “Kulturgeschichte der Menschheit”, 18 fette Bände, 10.000 Seiten! Unglaublich! Sie bekamen auch den begehrten Pulitzerpreis dafür.

Und dann sagten sie als Fazit nach der lebenslangen Beschäftigung mit 5000 Jahren Kulturgeschichte:

  1. Leben bedeutet Wettkampf, und
  2. Frieden ist unnatürlich. Feindschaft dagegen der “Normalzustand”.

Feindschaft, die nicht immer in Krieg und Totschlag gipfeln

muss, was allerdings in der Menschheitsgeschichte nicht selten der Fall ist. Aber auch in scheinbar ruhigen Zeiten gibt es scheinbar doch  immer eine unterschwellige Feindschaft und Hass im ständigen Konkurrenzkampf. Gegen Arbeitskollegen, gegen Mitbewerber, gegen Mitschüler… Spüren wir nicht auch – gerade in unsere Zeit – wie in den sozialen Netzwerken oft rücksichtslos schlimmste Hasskommentare hemmungslos gepostet werden. Und es scheint eine permanente unterschwellige Feindschaft unser Land zu durchziehen. Zwischen Arm und Reich, zwischen Mann und Frau, zwischen Rechts und Links, zwischen Alt und Jung, zwischen Borussia-Dortmund-Fans und RedBull-Leipzig-Fans usw. Beim Aufeinandertreffen der beiden Vereine im Februar zeigte sich das: Da wurden Leipzig-Fans attackiert mit Dosen, Eiern und Steinen. Sogar Frauen und Kinder attackiert! Auf riesigen Transparenten im Stadion stand “Bullen schlachten”, “Pflastersteine auf Bullen” usw.  Der Einsatzleiter der Polizei Dortmund sagte danach:  “Es war eine aggressive, gewalttätige und hasserfüllte Stimmung. Ich habe in hasserfüllte Fratzen geschaut.” Mitten in Deutschland!

Der englische Philosoph Thomas Hobbes  hatte es mal so gesagt: „Homo homini lupus est“ – „Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ 

Und da sagt nun einer: Liebt eure Feinde! – Das kann doch nicht wahr sein! Ist das nicht ein Widerspruch in sich – “Feind” und “Liebe” in einem Wort? Wie soll das gehen?

Ich finde: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist schon genug Herausforderung, oder? Jesus, das hätte doch gereicht! Damit sind wir gut beschäftigt! Und so finden wir es auch im Alten Testament.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

“…und deinen Feind hassen.” steht übrigens nicht im AltenTestament. Aber das war eine damals im Judentum übliche Auslegung. Den Nächsten lieben – der Nächste, das war z.B. der Volksgenosse. Aber den Feind, den Römer, den Besatzer, den konnte, nein, den musste man doch hassen! Und Jesus sagt: Ihr habt dann den tieferen Sinn von diesem Gebot noch nicht verstanden. Es geht um eine Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Eine Liebe, die nicht von Sympathie abhängig ist. Wenn ihr nur euresgleichen liebt, “wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben” (V.46)? Was ist das denn schon Besonderes? Das machen alle, selbst die schlimmsten Schurken! Selbst die Mafiosi lieben Ihresgleichen. Aber es geht um eine ganz andere, viel tiefere Art von Liebe. Kurz gesagt: Um bedingungsloses Liebe. Deshalb: “Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.” (V.44)

Das ist doch naiv, weltfremd, unrealistisch, purer Idealismus, nicht praktikabel und und und…

Aber Jesus ist kein frommer Spinner, der irgendwas erzählt, was mit unserm Leben nichts zu tun hat.

Warum sagt Jesus denn so etwas: “Liebt eure Feinde!”?

Zunächst müssen wir zwei Missverständnisse ausräumen. Zwei Sichtweisen, wie die Bergpredigt nach meiner Überzeugung immer wieder missverstanden wurde und wird.

 

1) Ist die Bergpredigt ein politisches Programm?

“Frieden schaffen ohne Waffen!” klingt zwar schön, und klingt irgendwie nach Bergpredigt, aber trifft völlig vorbei an dem, worum es Jesus geht. Jesus redet nicht zu Staaten und Nationen. Er sagt nicht: Ihr braucht keine Bundeswehr, stampft euren Verteidigungsetat ein, nehmt der Polizei die Pistolen weg, Verbrecherjagd nur noch mit Kissenschlacht… Und die IS-Terroristen ladet mal auf’n Käffchen ein und sagt ihnen: Jesus loves you!

So nicht! Jesus hat den römischen Soldaten keineswegs gesagt: Army, go home!

Wir leben hier auf der Erde noch nicht im Himmel. Und Gewalt kann mitunter nur durch Gewalt gestoppt werden. Und muss durch Gewaalt gestoppt werden! Aus Liebe zum Mitmenschen, aus Liebe zum Nächsten. In der Bergpredigt geht es nicht um Politik, sondern um das ganz persönliche Leben eines Christen. Zu wem redet Jesus? Zu seinen Jüngern! Zu Menschen, die ihm nachfolgen, mit ihm leben möchten.

 

2) Ist die Bergpredigt unerfüllbar?

So lautet ein zweites Missverständnis. Da wird gesagt: Was Jesus da von uns fordert, das kann ja kein Mensch erfüllen. Es dient nur dazu, uns die Augen zu öffnen, dafür, dass wir verlorene Sünder sind. Wir sollen lediglich erkennen, wie Gott sich unser Leben vorstellt und dass wir das niemals schaffen können und darum die Erlösung brauchen. Die Bergpredigt hält uns einen Spiegel vor, in dem wir erkennen können, wie weit wir von Gott weg sind.

Diese Sichtweise der Bergpredigt ist gar nicht so ganz falsch. Denn in der Tat: Wer könnte von sich behaupten, dass er ganz nach der Bergpredigt lebt? “Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen.” Oder: “Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig.” Oder: “Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.” Wer würde denn da sagen: “Jau, kein Problem, mach ich! Geht klar, Jesus!” Also, wir merken: Die Bergpredigt malt uns ein Ziel vor Augen, dass nicht unbedingt in greifbarer Nähe liegt. Aber daraus den Schluss zu ziehen: Okay, dann war’s das. Ich schaff’s ja eh nicht, also betrifft mich das nicht – das wäre ein fataler Irrtum! Damit machen wir es uns zu leicht.

Denn ja doch, Jesus meint es ernst mit dem, was er sagt! Da gibt es ein reales Ziel für unser Leben als Christ. Und dem gilt es “nachzujagen”, wie Paulus sagt: “Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach!” (Philipper 3,12). Also selbst ein Paulus weiß, dass er noch nicht perfekt ist. Wir wollen kein Idealbild vermitteln, das man eh nicht erreichen kann. Aber wir wollen doch ein Ziel haben, an dem wir uns orientieren. Und dieses Ziel ist sehr real. Jesus pustet doch keine Seifenblasen in die Luft, die eh zerplatzen. Nein, er möchte in der Tat, dass wir so leben. Auch wenn wir schwach sind, auch wenn wir scheitern. Er lässt uns dann nicht fallen, er hilft uns auf. Dass wir weitermachen und dennoch so leben wollen. Und dann gilt uns eben doch dieses “Liebet eure Feinde!” Das können wir nicht einfach abschütteln und sagen: “Geht mich nix an, ist nur was für besonders Heilige”! Sondern “Liebet eure Feinde!” ist für uns Christen eine Herausforderung im Alltag.

Geht nicht, gibt’s nicht! Es gibt viele ermutigende Beispiele von Menschen, die uns tatsächlich so etwas vorleben. Ich glaube, dass Gott uns solche Beispiele schenkt, um uns anzuspornen. Manchmal sind es sogar Nichtchristen, die uns ein Vorbild in der Feindesliebe sein können.

Wenn man Beispiele für tief verwurzelte Feindschaft und grenzenlos Hass sehen will, bekommt man bekanntlich einiges im Nahen Osten geliefert. Der jahrzehntelange Konflikt zwischen Israel und Palästinensern verursacht unermessliches Leid auf beiden Seiten. Umso erstaunlicher, dass es gerade dort auch bewegende Beispiele für Feindesliebe gibt!

Es ist schon ein paar Jahre her: Der 11jährige Palästinenser Achmed al-Khatib aus Jenin geriet in ein Feuergefecht zwischen palästinensischen Terroristen und der israelischen Armee. Dabei wurde er von israelischen Soldaten lebensgefährlich verletzt und erlag seinen Wunden. Doch seine Familie entschied sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: er wurde zum Organspender. Und zwar – so war es der Wille der Eltern – sollten seine Organe sowohl jüdischen als auch arabischen Kindern zukommen. Und so konnten dadurch 6 Kinder leben, darunter ein siebenmonatiges jüdisches Baby und ein 4jähriges jüdisches Mädchen. Viele der Freunde des Vaters waren fassungslos: “Du schenkst die Organe, das Herz deines Sohnes unseren Todfeinden? Du schenkst es einem Judenkind?” Daraufhin sagte er: “Ich schenke es nicht einem Judenkind,  ich schenke es einem Menschenkind!” Feindesliebe!

Paulus sagt: “Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” Übrigens der Wochenspruch für diese neue Woche!

Feindesliebe. Jesus darf davon sprechen, denn er hat es vorgemacht, was Feindesliebe heißt! Er hat noch am Kreuz im Todeskampf  für seine Peiniger und Mörder gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Und Paulus sagt: Gott hat uns mit sich versöhnt durch den Tod Jesu, als wir noch Feinde waren! (Römer 5,8-10) Das heißt doch: Gott liebt uns Menschen so sehr, dass er seinen Sohn Jesus Christus gibt, selbst für Menschen, denen er egal ist, die gegen Gott rebellieren, die Feinde Gottes sind. Das ist Feindesliebe!

Und wie ist das jetzt mit uns? Feindesliebe bei uns, im Alltag, wie geht das? Ich möchte dazu 4 konkrete Schritte für den Alltag benennen. Es sind im Grunde 4 neue Sichtweisen, die uns helfen können bei diesem Ziel: “Liebet eure Feinde!”. Wie wir lernen können, den andern, den Feind, oder sagen wir: den Menschen, der uns einfach Mühe macht, über den wir uns ärgern, der uns verletzt hat, den wir nicht abkönnen… neu zu sehen. Und es lohnt sich! Jesus spricht ja vom “Lohn”. Hass macht uns krank, aber der Lohn dieser neuen Sichtweisen ist Friede im Herzen und manchmal auch neuer Friede zwischen Menschen.

 

1) Sieh den Unterschied zwischen Person und Handeln!

Ich glaube, das ist eine große Hilfe, dass wir den anderen nicht mit seinem Tun identifizieren. Es kann sein, dass ich das Handeln eines Menschen verurteilen und ablehnen muss. Auch sein Handeln mir gegenüber, wenn er Unrecht tut, aber dass ich ihn als Menschen trotzdem achte. Auch Gott unterscheidet: Er hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder!

 

2) Sieh den anderen mit den Augen Jesu!

Wenn ich mich nicht mehr blenden lasse von dem schlechten Tun des andern, sondern seine Person sehe, dann möchte ich lernen, diese Person mit den Augen Jesu zu sehen. Da ist ein von Gott geliebter Mensch! Auch für diesen Menschen ist Jesus am Kreuz gestorben! Gottes Liebe und Güte gilt auch ihm! Oder wie Jesus es selber sagt: “Gott lässt seine Sonne scheinen über jeden, über Böse und Gute.”

 

3) Sieh tiefer, sieh hinter die Maske!

Manch ein Feind, manch einer, der Böses tut, versteckt sich hinter einer Maske. Er verletzt, weil er selbst verletzt ist! Er ist voller Hass, weil er selber nie Liebe empfangen hat. Wir hatten ja vor kurzem Michael Stahl hier, der von seinem Vater so oft geschlagen, gedemütigt, misshandelt wurde. Zu seinem 9. Geburtstag fragte er: Papa, was krieg ich zum Geburtstag? Die Antwort: Der Vater spuckte ihm ins Gesicht. Das kriegste! So konnte Michael seinen Vater nicht lieben. Aber viel später hat er entdeckt, warum der Vater so war, wie er war. Dass er selber keine Liebe bekommen hatte. Und so konnte Michael lernen, seinen Vater zu verstehen, ihm zu verzeihen und ihn zu lieben.

 

4) Sieh die Chance der Veränderung!

“Der ändert sich eh’ nie!” – Kennen Sie diesen Satz? Das kann nicht der Satz eines Christen sein. Gott hat die Kraft, jeden Menschen zu verändern. Bete für den andern. Gib die Hoffnung nicht auf. Schau nach vorne, auf das was noch werden kann, und nicht nur auf die Vergangenheit, auf das, was kaputt ist.

Vielleicht geht es dir wie bei jenem König, der seinem Feldherrn den Befehl gab: “Geh, vernichte meine Feinde!” Eine längere Zeit verging, doch der König bekam keine Nachricht. Da schickte er einen Boten, der erkunden sollte, was geschehen war. Als der Bote das feindliche Gebiet erreichte, traf er auf ein Lager, aus dem schon von weitem das fröhliche Treiben eines Festes zu hören war. Da saßen sie gemeinsam am Tisch und feierten: die Soldaten des Königs und die des Feindes. Der Bote ging zum Feldherrn des Königs und stellte ihn zur Rede: “Du hast deinen Befehl nicht ausgeführt. Die Feinde solltest du vernichten. Stattdessen sitzt ihr hier zusammen und feiert.” Der Feldherr sah den Boten an und sagte ruhig: “Den Befehl des Königs habe ich wohl ausgeführt. Ich habe die Feinde vernichtet – ich habe sie zu Freunden gemacht.”

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Amen.

 

Hinweis: Die Audio-Wiedergabe beginnt erst nach ca. 50 Sekunden!

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