Farbe bekennen

Gottesdienst am Sonntag, dem 07.04.2019

Thema: Jetzt mal ehrlich (Teil 5) – Farbe bekennen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 22,54-62

Liebe Gemeinde,

Kartenspielen, das ist nicht so mein Ding. In der Schule haben meine Kumpels vergeblich versucht, mir Skat beizubringen. Es hat gerade mal für Mau-Mau gereicht. Aber doch hab ich mir sagen lassen, dass zum Beispiel bei Doppelkopf oder Skat beim Anspielen einer Karte die Mitspieler eine Karte der gleichen Farbe spielen, „bedienen“, oder diese mit einem Trumpf stechen. Die Mitspieler müssen also bekennen, ob sie diese Farbe auf der Hand haben oder nicht. Daher die Ausdrucksweise “Farbe bekennen”.  Man bekennt also, zu wem man gehört!

Ich finde, das passt auch gut zum Glauben. Wie ist das bei uns? Können wir Farbe bekennen? Bekennen, zu wem wir gehören, bekennen, dass wir zu Jesus gehören?

Von jedem Fußballfan können wir lernen. Die sind ganz groß im Farbe bekennen. Zum Beispiel, wenn man zu Bayern München gehört (vor allem nach dem gestrigen Tag). Und selbst wenn man Hannover 96-Fan ist… Irgendwie bekennt man sich selbst dazu… Vielleicht etwas weniger stolz, aber nicht minder tapfer.

Jetzt mal ehrlich – Zu dieser Themenreihe gehört eben auch: Ehrlich bekennen, zu wem wir gehören, wem wir folgen!

Wir befinden uns in der Passionszeit.  Wir denken an den Leidensweg Jesu, der schließlich bis zum Tod am Kreuz führte.  Und zu diesem Leidensweg gehört auch die Erfahrung, von den besten Freunden verraten, verlassen und verleugnet zu werden. Dreimal verleugnet Petrus seinen Herrn und Freund Jesus. Dreimal lügt er. So begegnet uns zum Abschluss unserer Themenreihe “Jetzt mal ehrlich” ausgerechnet ein großer Lügner. Petrus.

Doch selbst diese Geschichte kann uns Mut machen. Denn sie berichtet nicht nur von einer großen Lüge, sondern auch von einer noch größeren Liebe.

1) Die große Lüge

Die Geschichte von der Verleugnung des Petrus ist so bekannt, und so schnell erhebt man sich über dieses Großmaul, der zuerst eine so große Klappe hatte, der sich selbst so sehr überschätzt hat! Der groß geprahlt hat: “Und wenn alle dich verlassen, Jesus, ich bleibe bei dir! Ich bin bereit, mit dir in den Tod zu gehen.” (vgl. Luk. 22,33f). Und dann dreimal hintereinander die Lüge, die Verleugnung, bis der Hahn kräht. Und auf unzähligen Kirchtürmen ist bis heute kein Kreuz, sondern ein Hahn zu sehen, der an dieses Versagen des Petrus erinnert. Doch ich denke, wir sollten es uns nicht zu leicht machen, wir sollten nicht vorschnell urteilen. Sondern vielmehr sehen, was Gott uns durch diese Geschichte sagen möchte.

54 Sie ergriffen Jesus aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne.

Was mir hierbei auffällt: Während alle anderen Jünger eiligst das Weite suchten und flohen, folgte Petrus Jesus. Wenn auch “von ferne”. Also mit einem gewissen Sicherheitsabstand. Aber immerhin: Er folgte ihm! Immerhin: Er suchte noch die Nähe zu seinem Herrn. Wenn auch nicht zu nah, aber doch ihm folgen… Petrus ist für mich ein Beispiel für Christen, die es ernst meinen im Glauben, die aber auch immer wieder in ihrem Leben auf die Nase fallen. Können wir uns nicht darin auch selber wiederfinden? Man macht einen Fehler, und ganz schnell sagen andere: “Und du willst Christ sein?” Ich erinnere mich an ein Mädchen in dieser Gemeinde, es ist schon ein paar Jahre her, sie kam zum Glauben, besuchte regelmäßige die Knautschzone, während ihre Familie von “dem ganzen Quatsch” überhaupt nichts hielt. Sie musste zuhause viel Spott ertragen. Aber das Schlimmste für sie war, wenn sie eben auch mal Fehler machte oder sich blöd verhielt, wie dann die Sprüche der Eltern kamen: “Ha, und du willst Christ sein?!”, “So also sieht dein Glaube aus?”

Wir Christen sind doch nicht fehlerlos! Wir kennen auch Probleme und Versagen, wo wir durch unser Verhalten Jesus verleugnen, manchmal mehr als durch unsere Worte. Oft leben wir nicht so, wie es unserm Glauben entspricht: in unserer Ehe, im Umgang mit unseren Kindern, oder mit den Klassenkameraden. Manchmal kommen wir Christen arrogant und besserwisserisch rüber – so wie Petrus mitunter auf die Mitjünger gewirkt haben muss, manchmal aber auch feige, manchmal träge, manchmal egoistisch, manchmal streitsüchtig, manchmal kleingläubig. Aber wir lernen an der Geschichte von Petrus, dass Jesus vergibt, dass er solche schwachen Typen wie Petrus – und wie uns – gebrauchen kann. Und dass er Menschen verändert. Also sehen wir doch nicht nur das Versagen des Petrus, sondern auch dass er trotz seiner Angst, trotz seiner Unsicherheit Jesus überhaupt noch folgte. Wenn auch von ferne. Vielleicht fühlen wir uns auch manchmal fern von Jesus, aber es ist doch großartig, wenn wir uns überhaupt noch dazu halten. Wenn wir überhaupt noch folgen.

Und dann wagt er sich sogar mitten rein in die Höhle des Löwen. In den Innenhof des Hauses des Hohenpriesters, wo Jesus verhört wurde.

55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie.
56 Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm.

Bei Matthäus werden diese Worte noch deutlicher wiedergegeben: “Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. ” Gemeint als ein Vorwurf, eine Beschuldigung! Verächtlich sagt sie “Dieser da!” Du gehörst auch dazu! Aber, liebe Gemeinde, dieser Vorwurf ist eigentlich das größte Kompliment! Was gibt es Größeres, als wenn man über einen Menschen sagen kann: “Dieser oder diese ist auch mit dem Jesus von Nazareth!” – Das ist ein Zeugnis!

Ich denke an den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau. Er hat seinen christlichen Glauben nicht verschwiegen. Er hat es in Kauf genommen, dass man ihn oft verspottet hat als “Bruder Johannes”. Er war sich nicht zu schade, Bibelworte aus den Herrnhuter Losungen zu zitieren. Aber das schönste, das schlichteste und das klarste Zeugnis seines Glaubens ist wohl auf seinem ganz schlichten Grabstein zu lesen. Auf einem Friedhof in Berlin. Und da steht genau dieser Satz aus der Petrusgeschichte: “Dieser war auch mit dem Jesus aus Nazareth.”

Wenn Petrus das Bekenntnis selber auch nicht über die Lippen bringt, aus dem Munde der Magd hört man es: Dieser war auch mit ihm.

Es ist eine Ermutigung für uns, dass wir uns doch zu Jesus bekennen. In Matthäus 10,32 sagt Jesus: “Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.”

Farbe bekennen.

Ein aktuelles Beispiel für ein mutiges Bekennen für Jesus habe ich aus China gehört, wo derzeit die Verfolgung von Christen wieder zunimmt. Schwester Jing aus China, die für die Ausbildung von Sonntagsschullehrern, also Kindergottesdienstverantwortlichen, zuständig ist, berichtet:

In einem Dorf war die Sonntagsschule in vollem Gang, als mehrere Autos im Schulhof vorfuhren. Bevor die rund 30 Kinder ihre Bücher verstecken konnten, stürmten Beamte der Sicherheitspolizei ins Klassenzimmer und umzingelten Lehrer und Schüler. Sie beschlagnahmten das ‘belastende Material’, trieben Kinder zusammen und verfrachteten sie auf einem Lieferwagen. Nun begriffen sie, was hier vorging. Die Lehrer hatten sie davor gewarnt, dass ihnen das eines Tages passieren könnte. Jetzt also war der Moment gekommen, ihren Glauben unter Beweis zu stellen, Farbe zu bekennen. Auf dem Lieferwagen, der in rasendem Tempo zur Polizeiwache fuhr, klammerten sich die Kinder aneinander fest. Eines stimmte auf einmal ein Lied an, nach und nach fielen die anderen ein. Schließlich sangen alle aus voller Kehle, zum Ärger des Fahrers und seines Kollegen. Die Kinder betraten unermüdlich singend das Polizeigebäude: “Im Namen Jesus werden wir siegen…”

Der Vernehmungsbeamte betrat den Verhörraum in der Gewissheit, eine Schar vor Angst zitternder Kinder anzutreffen, mit denen er ein leichtes Spiel haben würde. Doch diese hier brachten ihn aus der Fassung. Er verlangte von ihnen, die Sonntagsschule aufzugeben und befahl: “Schreibt hundert Mal: Ich glaube nicht an Jesus, und ihr werdet freigelassen!” Stattdessen schrieben die Kinder trotzig: “Ich glaube an Jesus. Ich werde immer an Jesus glauben.” – Damit hatten die Polizeibeamten nicht gerechnet. Alle Einschüchterungsversuche scheiterten. Am Ende wurden die Kinder wieder freigelassen. (Nach einem Bericht von OpenDoors).

Bekennermut von Kindern!

Aber was ist denn nun mit dem, der nicht bekennt? Was ist mit dem Verleugnen des Petrus, mit seiner Lüge?

57 Petrus aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht.

Dreimal leugnet er, und jedes Mal stärker:

Mensch, ich bin’s nicht.

Mensch, ich weiß nicht, was du sagst.

Heißt das nun, das war’s mit dem Glauben? So einen Versager kann Jesus nicht mehr gebrauchen? Hatte Jesus nicht selber gesagt: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater?

Würde Jesus nun sagen: Das war’s jetzt! Du bist für mich gestorben! Wir sind jetzt geschiedene Leute! – Nein, nein, nein! Dreimal Nein. Eher umgekehrt: Ich bin für dich gestorben.

2) Die noch größere Liebe

Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt uns deutlich, dass Jesus barmherzig ist. Größer als die große Lüge des Petrus ist die große Liebe von Jesus. Ja, er will, dass wir zu ihm stehen, er will uns auch mutig machen. Aber er gibt dem Petrus noch eine Gelegenheit zu einem ganz anderen Bekennen!

Bekennen hat noch eine andere Bedeutung.

Bekennen heißt nämlich auch: Etwas einsehen, etwas eingestehen, die eigene Schwachheit, das eigene Versagen, die eigene Sünde erkennen und bekennen.

1. Johannes 1,9: “Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns unsere Sünde vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.”

Das ist auch ein Bekennen.

Wir lesen, wie es in der Geschichte weitergeht:

Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn.

61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.

“Und sah Petrus an.” Dieser Blick war kein Blick voller Anklage und Vorwürfe, sondern voller Liebe und Erbarmen. Denn Jesus hätte ja nur ein Wort sagen müssen: Hallo Petrus! Und schon wär der ganze Schwindel aufgeflogen! Jesus sagt kein Wort. Schweigt. Er schützt damit Petrus. Aber er sieht ihn an. Der Blick traf ins Herz. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Dieser Blick Jesu war also auch kein Blick der Enttäuschung, denn Jesus wusste bereits vorher, dass Petrus ihn verleugnen würde. Er hatte es ihm ja vorausgesagt. Jesus kennt ihn, er kennt uns, er kennt unsere Schwächen und hat uns trotzdem lieb. Jesus hatte zuvor Petrus gesagt: “Simon Petrus, ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.” (Lukas 22, 32).  So war dieser Blick war einzig ein Blick voller Liebe.

62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Petrus erkennt sein Versagen und bekennt es. Er bereut es von tiefstem Herzen. Dieses bitterliche Weinen war ein Weinen der Reue.

Und dann – nach der Auferstehung, was geschieht dann? Der auferstandene Jesus begegnet dem Petrus erneut. Auch den anderen Jüngern, aber dann ganz persönlich dem Petrus. Am See Genezareth. Wir lesen davon in Johannes 21. Und dann fragt Jesus den Petrus dreimal. Genau dreimal: “Simon, Sohn des Johannes, Simon Petrus, hast du mich lieb? Hast du mich lieb? Hast du mich lieb? Und jedes Mal antwortet Petrus: Ja! Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Und beim dritten Mal wird Petrus traurig. Er erinnert sich an die dreimalige Verleugnung. Doch Jesus spricht nicht darüber. Er hat ihm vergeben. Sondern vielmehr spricht er über die Zukunft! Dass er einen großen Auftrag für ihn hat, dass er ihn gebrauchen will – trotz seines Versagens, seiner Schwächen. Weide meine Schafe! sagt Jesus zu ihm. Er soll für andere da sein! Für andere Christen, für andere Menschen. Dieser schwache Mensch. Er soll das Evangelium weitertragen, soll Gemeinde bauen, Gemeinde leiten. Großartig! Dieses Vertrauen in einen fehlerhaften Menschen, das setzt eine große Liebe voraus. Petrus hatte die große Lüge. Jesus hatte die noch größere Liebe!

So gilt Petrus genau das, was der Taufspruch von Saphira zum Ausdruck bringt: “Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein” (1. Mose 12,2).

Ich will dich segnen, ich setze dich wieder ein, ich verzeihe dir, ich will dich gebrauchen, weide meine Schafe! Und du sollst ein Segen sein. Das macht Mut auch für uns.

Darum wollen wir auch im Alltag Farbe bekennen für Jesus, weil Jesus Farbe bekennt. Erinnern Sie sich: “Farbe bekennen” kommt eigentlich aus dem Kartenspiel. Da gibt es ja diese 4 “Farben”, wie man sagt. Und da ist eine Farbe, die passt gut dazu, dass Jesus “Farbe bekennt”: Kreuz! Kreuz! Diesen Trumpf spielt Jesus aus. Denn am Kreuz besiegt Jesus unsere Sünde und Versagen. Und den Tod. Und dann hat er noch eine Farbe, die er bekennt: Herz. Jesus zeigt sein Herz für uns. Seine große Liebe.

Und so wollen wir auch diese Farbe bekennen. Unser Herz für Jesus geben. Und zu ihm stellen. Petrus wurde verändert. Er wurde noch sehr mutig. Er wurde vom Verleugner zum Bekenner. Im Jahre 64 nach Christus ist er in der ersten großen Christenverfolgung unter Nero hingerichtet als Märtyrer hingerichtet worden, gekreuzigt worden. Da war er Bekenner, da hat Gott ihm die Kraft gegeben.

Aber größer als das größte Bekenntnis und größer als die größte Lüge – ist die Liebe, in der wir immer gehalten sind.

Amen.