Engel zu Besuch

Gottesdienst am Sonntag, dem 02.09.2018

Thema: Engel zu Besuch

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Mose 18, 1-15

Liebe Gemeinde,

die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft – oft habe ich sie erlebt auf meinen Rucksack-Reisen als Student in Syrien, Ägypten, Jordanien. Aber unvergesslich ist mir jene Nacht im jordanischen Madaba. Zusammen mit einem Freund war ich in Amman gewesen, und noch am Abend fuhren wir mit einem Bus nach Madaba. Als wir dort gegen 22 Uhr ankamen und ausstiegen, merkten wir schon, dass uns die Einheimischen merkwürdig anschauten! “Wo wollt ihr denn übernachten?” Ganz jugendlich-unbeschwert sagte ich nur: “Och, irgendwas wird sich schon finden. Irgendein kleines Hotel oder sowas.” Die Araber fingen an zu lachen: “Nee, hier gibt’s keine Hotels für euch.” Auf einmal wurde es uns Angst und bange. Wir schauten uns um, weit und breit nichts zu entdecken, was auch nur im Entferntesten an ein Hotel erinnerte. Einigermaßen betreten schauten wir uns an. Doch da sagte einer der Einheimischen, der sich als Samir vorstellte, ein Riese, eine Art wandelnder Kleiderschrank, mit breiten Schultern und einem noch breiteren Grinsen: “Kommt doch einfach zu mir! Ihr könnt bei mir übernachten!” Mein Freund und ich schauten uns an. Konnten wir ihm trauen? Wo war der Haken? Es wird doch niemand zwei wildfremde junge Männer einfach mitten in der Nacht zu sich nach Hause einladen? Will er uns ausrauben? Aber mangels Alternativen und mit einer gewissen Mischung aus Leichtsinn und Gottvertrauen gingen wir mit. Am Anfang war es ein bisschen mulmig. Doch dann wurde es immer mulmiger! Er führte uns durch immer dunklere Gassen, schließlich eine Kellertreppe hinunter. Da unten im Keller war eine ganze Gang von Muskelprotzen versammelt. Ich dachte: Jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen. Doch Samir klopfte mir herzhaft auf die Schulter, grinste mich an und sagte nur: “Ich bin Lehrer. Das ist meine Schule für Karate, Kung Fu und Taekwando. Und heute seid ihr unsere Gäste! Und jetzt müsst ihr erst mal was Richtiges essen, ihr abgemagerten Würstchen!” Werden wir jetzt gemästet wie Hänsel und Gretel? Doch mehr und mehr spürten wir: Diese Gastfreundschaft ist echt! Auf einmal lässt der Kerl ein gewaltiges Mitternachtsbüffet auftischen! Wir wildfremde nächtliche Vagabunden waren einfach seine Gäste! Und am nächsten Tag nahm er sich den ganzen Tag frei, um mit uns noch einen Ausflug zu machen!

Samir, der Araber, hat mich wirklich beschämt! Ich frage mich: Wäre ich – als Christ – umgekehrt in der Lage, solch eine Gastfreundschaft zu leben?

Wir haben in den letzten beiden Wochen schon viel über Gastfreundschaft nachgedacht: Gottes Gastfreundschaft zu uns und unsere Gastfreundschaft zum Mitmensch, worin uns Abigajil (1. Samuel 25) ein Vorbild wurde.

Heute wollen wir beide Aspekte vertiefen. Und dazu hilft uns die Geschichte von Abrahams Gastfreundschaft. 1. Mose 18:

1 Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.
2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde
3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.
4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum.
5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.
6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote.
7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu.
8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen.

1) Lade andere ein
Wer das Kloster Loccum besucht, der wird dort schon gleich nach dem Torhäuschen auf einen lateinischen Spruch stoßen: Porta patet – cor magis. Ein Grundmotto der Zisterzienser: “Das Tor steht offen, das Herz noch mehr”. Was Samir in Jordanien vorgelebt hat, das zeigt uns auch Abraham.

Da kommt Besuch zu Abraham. Nun ist das ja so: Es gibt Besuche, auf die freut man sich. Da bereitet man sich mit viel Liebe und Engagement vor. Und es gibt Besuche, da hält sich die Vorfreude in Grenzen. Aber am schwierigsten sind Besuche, wenn sie völlig unangemeldet und überraschend geschehen. Und dann auch noch zur völlig unpassenden Zeit. Und so geht es hier dem Abraham und seiner Frau Sara. Noch wissen sie nicht, dass Gott selbst zu Besuch kommt. 3 Männer stehen plötzlich vor der Tür. “Als der Tag am heißesten war.” Also gerade in der Mittagssiesta. Abraham sitzt im Schatten seines Zeltes. Drinnen ist es vor Hitze nicht auszuhalten. Er will einfach nur ein bisschen entspannen, dösen, ausruhen. Und ausgerechnet da klingelt’s an der Tür! Ich kenne solche Situationen! Da sitzt man Sonntagmittag mit der Familie gerade beim Mittagessen, endlich, abschalten, genießen, und dann klingelt’s an der Tür. Die Lust aufzumachen geht gegen Null. Ich schicke eins der Kinder. Na ja, das hätte ich mir schenken können, es kommt zurück: “Papa, da will dich jemand sprechen.” Ich schlurfe zur Tür. Ich sehe gleich: ein Obdachloser, ein Bettler: “Herr Pastor, ich muss mit dem Zug zu meiner schwerkranken Tante nach Heilbronn, ich habe kein Geld…” Usw. Wieder eine dieser allzu oft gehörten Geschichten! Das sind Momente, in denen ich Gott wirklich sehr um Liebe zu diesem Menschen bitten muss. Und nicht immer gelingt es. Als ich diese Predigt vorbereitet habe, kam mir der Gedanke: Warum nicht solch eine arme Seele, die sich so ein Leben sicher nicht ausgesucht hat, einfach mal spontan an den Mittagstisch einladen? Abraham hat es so gemacht.

Drei wildfremde Männer. Wie kommt es dazu?

Nun, da sind kleine Nebenbemerkungen, die sehr lehrreich sind.

In V. 2 heißt es: “Als er seine Augen aufhob…” Gastfreundschaft beginnt mit dem Hinsehen. Es war ja gar nicht so, dass die 3 geklingelt haben. Sondern Abraham hob die Augen auf und sah die Reisenden, sogar als sie noch ein Stück entfernt waren. Er sah und ahnte ihren Durst, ihren Hunger. Er erhob seine Augen, d.h. er sah nicht mehr nur so vor sich hin, auf seine eigenen Bedürfnisse, sondern war bereit, den Kopf zu heben, die Welt um sich herum wahr zu nehmen, hinzuschauen, zu entdecken, wo Menschen seine Hilfe brauchen. Und dann sah er sie vor sich stehen, wie aus heiterem Himmel. Allerdings nicht direkt vor sich. Denn, wie es heißt: Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen.

Sie drängen sich nicht auf, und trotzdem ist es ihm wichtig, zu helfen. Ja, er rennt sogar – in der Mittagshitze! Er, der Patriarch, rennt, das ist im Orient ein Unding! – er rennt hin, um sie einzuladen. Damit sie bloß nicht vorübergehen! Er könnte ja die Gelegenheit verpassen, anderen etwas Gutes zu tun! Das beeindruckt mich. Hier lebt jemand vor: Das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Dann spricht er in großer Untertreibung: Ihr sollt ein wenig Wasser und einen Bissen Brot bekommen. Doch es wurde ein richtiges Festmahl daraus. Er schenkt den Fremden nicht nur ein üppiges, kostspieliges Mahl, sondern auch – was in unserer Zeit vielleicht sogar noch mehr wert ist – er schenkt ihnen auch seine Zeit. Das dauerte Stunden!

Nun, ich glaube nicht, dass Gott uns hier einen moralischen Druck machen will: Mach das jetzt immer so wie Abraham. Und wenn ein Fremder klingelt, dann schlachte gleich das nächstbeste Kalb! Es kommt schon sehr auf die jeweilige Situation an, was möglich ist und was nicht. Aber es geht um unsere Herzenseinstellung gegenüber unserem Mitmenschen! Es geht letztlich um Liebe zum Nächsten. Und wenn wir in diesen Tagen nach Chemnitz schauen, dann merken wir, dass wir in unserem Land diese Liebe bitternötig haben. Und diese Liebe sollte beide einschließen: Die Menschen, die als Fremde und Ausländer bei uns sind – aber auch die Menschen, die sich bedroht fühlen und Sorgen und Ängste haben.

Abraham zeigt uns mit seiner Gastfreundschaft ein weites Herz. Was der Hebräerbrief, wie wir es vorhin gehört haben, so ausdrückt: “Gastfrei zu sein vergesst nicht.” (Hebr. 13,2) Doch dieser Satz geht ja hochinteressant weiter: “denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.”

Engel, also Boten Gottes, könnten uns im Mitmenschen begegnen. Könnte es sein, dass wir Gott selbst einladen, wenn wir unser Herz für unseren Mitmenschen öffnen?

2) Lade Gott ein
In der Geschichte von Abraham heißt es sehr geheimnisvoll: “Und der Herr erschien ihm im Hain [ein kleines Wäldchen] Mamre” – bei Hebron liegt das. Der HERR erschien ihm. In diesen 3 Männern. Wie das? Gott begegnet ihm in Menschen? In Menschengestalt? Es bleibt in der Geschichte unklar und geheimnisvoll, ob es Gott und 2 Engel als Begleiter sind, oder ob es tatsächlich Gott allein – in Gestalt von 3 Personen ist. Die alten Kirchenväter und besonders auch Martin Luther haben darin einen Hinweis auf die Dreieinigkeit Gottes gesehen. Der eine Gott, der uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist begegnet. Das leuchtet mir ein. Und das ist aufregend! Gott kommt zu Abraham ganz menschlich. Und doch -nichts anderes ist in Jesus geschehen. Da kam Gott als Mensch auf diese Erde. Und wenn wir in der Bibel lesen, dass Jesus auch lange vor seiner Geburt den Menschen begegnet ist, dass er auch im Alten Testament zu entdecken ist, dann ist für mich ganz klar: Hier bei Abraham war Jesus zu Besuch!

Und sagt Jesus nicht selbst (Matthäus 25): “Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen (…). Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? (…) Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

Gott kommt zu uns, Jesus kommt zu uns. Oft, ohne dass wir es gleich erkennen können. Und doch – woran erkennt es denn Abraham schließlich, dass Gott es ist, der ihn besucht? Antwort: Gott redet mit Abraham.
10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes.

Gott redet und hat eine Verheißung, eine gute Botschaft. Man könnte sagen: ein Evangelium! Wir erkennen Gott immer an seinem Wort! Gottes Wort an Abraham und Sara war: Sie werden ein Kind bekommen! Und das in einem Alter, wo es biologisch gar nicht mehr möglich war.

11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.
12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!
13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin?
14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

Auf einmal wird deutlich: Hier geht es um mehr, als um Gastfreundschaft zu Menschen. Hier geht es darum, dass Gott selbst Abraham und Sara und auch uns besucht. Und die Frage an uns ist: Sind wir bereit, auch Gott Tor und Herz zu öffnen? Vielleicht bist du ein bisschen wie Sara. Sie ist hinter der Zeltwand, ein bisschen versteckt, und dort lauscht sie. Sie ist neugierig auf die Gäste. Aber sie kann noch nicht wirklich glauben. Du bist neugierig, aber so richtig glauben kannst du nicht. Wunder? Die gibt es doch nicht! Ich glaube nur, was ich sehe! Was unseren menschlichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht widerspricht. Sie sieht Gott noch nicht, da ist diese Zeltwand der Zweifel und Skepsis dazwischen. Aber Gott sieht sie. Gott sieht dich. Durch die Wand hindurch. Und sagt ihr und dir: Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein! Hab Vertrauen! Ich meine es gut mit dir. Lass deine Vor-Urteile mal beiseite. Lass dich ein auf das Abenteuer Glauben! Ich will dich beschenken.

3) Gott lädt uns ein
Und auf einmal wird Gott, der Gast, selber zum Gastgeber. Er lädt uns ein, dass wir uns von ihm beschenken lassen! Dass wir ihm unsere Lebenssorgen und Nöte anvertrauen. Dass wir seinem Wort, seinem Evangelium vertrauen. Denn auch uns will Gott einen Sohn schenken: seinen Sohn, Jesus! Als Freund, der mit uns geht. Er wird uns nicht alle Wünsche erfüllen – und manche Gebete werden nicht nach unserem Willen erhört. Aber er schenkt uns seine Liebe, Begleitung und Vergebung. Es ist so gut zu wissen, dass er uns einlädt, wir seine Gäste sein dürfen, beim großen himmlischen Festmahl. Das Tor dorthin heißt Jesus. Und so sagt Gott: porta patet, cor magis: Mein Tor steht offen, mein Herz noch viel mehr.

Amen.

 

 

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