Ganz nah dran

Gottesdienst zur Christvesper II am Heiligabend, Sonntag, dem 24.12.2017

Thema: Ganz nah dran

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 2,1-11

 

Liebe Gemeinde,

der Dicke ist da! Keine Sorge, hier ist kein Gottesdienstbesucher gemeint. Der Dicke – El Gordo – das ist das große Los! Die spanische Weihnachtslotterie, die größte der Welt. 160 mal gibt’s den “Dicken”, den Hauptgewinn, 4 Millionen Euro! Vorgestern wurde “der Dicke”, “El Gordo” gezogen. Die Spanier sind ja unglaublich heiß auf diese Weihnachtshighlight. Was ich faszinierend finde: Viele wollen bei der Ziehung direkt dabei sein, weil sie meinen – so heißt es – dass sie dann größer Chancen auf den Gewinn haben. Sie wollen ganz nah dran sein, ganz dicht. In den Nachrichten wurde eine Dame interviewt, die aus Almeria mehr als 500 km nach Madrid gefahren ist, um ganz nah dran zu sein, wenn El Gordo gezogen wird.
Mich erinnert das ein wenig an die Weihnachtsgeschichte! Da machen sich auch Menschen auf einen weiten Weg. Die Weisen aus dem Morgenland – die machten sich auf eine weite Reise, um nach Bethlehem zu kommen, um ganz nah dran zu sein. Rund 2000 Kilometer – für ein Kind in einem Stall! Und das teilweise durch Wüsten und karge Landschaft, durch Gefahren und unglaubliche Strapazen! Das muss man sich mal vorstellen! Wie wichtig war ihnen das! Wie fern waren sie gewesen, und wie nah wollten sie kommen! Dieses Kind in der Krippe war offensichtlich für sie der Hauptgewinn, das war El Gordo! Der Dicke war ganz klein und unscheinbar.

Wir lesen im Matthäusevangelium:
1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.

Ich habe darüber nachgedacht, was diese gelehrten Leute angetrieben hat. Wir kennen sie ja als “Heilige Drei Könige”, heute würde man dazu sagen: Fake News. Alles falsch! Denn in der Bibel steht weder etwas davon, dass es drei waren, noch dass es Könige waren, noch dass es Heilige waren. Im Urtext steht “Magier”, das waren damals schlichtweg Sternforscher, Gelehrte, Wissenschaftler. Und damals waren das automatisch auch sehr hochgestellte Personen, oft auch Fürsten, so dass das mit den Königen nicht so ganz falsch ist.

Und warum machen die sich auf den Weg?

Das ist doch nicht nur, dass sie irgendeinem neugeborenen König huldigen wollen. Da gäbe es in der damaligen Zeit zig davon! Die kämen aus dem Umherreisen gar nicht wieder raus. Nein, es muss schon irgendwas ganz Besonderes gewesen sein, dass sie ausgerechnet diesem Kind, diesem neugeborenen König so nahe sein wollten.

Es waren Gelehrte aus dem Zweistromland, das war das alte Babylonien. Und dort waren über 500 Jahre vorher die Juden im Exil. Unter ihnen Daniel. Und Daniel hatte – von Gottes Geist erfüllt – Prophezeiungen ausgesprochen. Er hat gesagt, dass Gott einen Retter senden wird. Einen, der aussieht wie ein Menschensohn (Daniel 7) und doch von Gott selbst kommt! Und irgendwie müssen diese Forscher sich mit diesen alten Schriften beschäftigt haben, und darum haben sie sich auf den Weg gemacht. Weil sie spürten: Wir brauchen das, dass Gott zu uns kommt! Und diese Welt braucht es, dass Gott zu ihr kommt! Wir wollen diesem Retter ganz nah sein.

Mir sind diese Weisen, diese Magier, irgendwie sehr sympathisch. Weil sie so gar nicht in unser Schema passen, sie passen nicht in das Bild, das wir von frommen Gottesleuten haben.

Sie waren 1. Heiden, also Leute, die nicht zum Volk Gottes gehörten, 2. Wissenschaftler, Forscher, Denker und 3. Astrologen (- damals war das kein Widerspruch!). Alles beste Voraussetzungen, um nicht gerade gläubig zu sein.

Und genau diese machen sich auf den Weg, und genau diesen leuchtet der Stern! Was bedeutet das?
Keiner kann so weit weg von Gott sein, als dass Gott ihm nicht begegnen könnte! Als dass ihm nicht noch der Stern des Glaubens aufgehen könnte!

Vielleicht fühlst du dich auch eher als Heide, als jemand der weit weg von diesem Jesus ist. Irgendwie feierst du Weihnachten mit, denn es gehört zur Tradition. Aber die Botschaft berührt dich nicht im Innern deines Herzens. Oder vielleicht bist du der Wissenschaftler. Der rationale Denker, der meint: Das mit Gott und der Bibel, das kann doch irgendwie nicht alles wahr sein. Wir sind nichts als Staub im Weltall. Und wenn wir gehen, dann bleibt von uns auch nichts als Staub. Oder du fühlst dich eher zur Kategorie Astrologe hingezogen. Du spürst schon im Herzen: Da muss es mehr geben zwischen Himmel und Erde, mehr als das, was wir mit unseren Sinnen und unserem Verstand wahrnehmen und begreifen können. Aber du suchst es im Aberglaube, in Sternzeichen, in Horoskopen, in Esoterik.

Und nun leuchtet genau diesen Menschen, den fernen Heiden, den rationalen Denkern, den esoterisch angehauchten Astrologen, aber eigentlich doch auch: uns allen! – denen leuchtet dieser Stern! Denen begegnet Gott und lädt sie ein: Macht euch auf den Weg! Macht euch auf den Weg und kommt näher, immer näher. Schritt für Schritt kommt ihr dem Glauben näher!

Und ihnen war kein Weg zu weit, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen! Weil sie spürten: Es lohnt sich. Sie spürten: Wenn das wirklich stimmt, dass Gott zu uns kommt, dann muss uns dieser Gott sehr lieb haben! Dann müssen wir diesem Gott sehr viel bedeuten! Dann müssen wir diesem Jesus sehr wichtig sein! Letztlich war es die Liebe, die sie aus der Ferne in die Nähe rief! Für die Liebe nimmt man weite Wege in Kauf.

Ich denke da an eine Story, die mein Papa mal in jungen Jahren erlebt hat. Bevor er meine Mutter kennen gelernt hat, war er mal in ein anderes Mädel unsterblich verliebt. Und eines Tages erfuhr er, dass seine Flamme in Italien Urlaub macht. Und aus lauter Verliebtsein macht er sich dann mit seinem klapprigen Moped auf den weiten Weg. Von Berlin über die Alpen bis nach Italien. Nur, um sie zu sehen, um sie zu treffen! Nach einer tagelangen strapaziösen Reise kam er in dem Ort an. Und tatsächlich! Er fand sie. Wie sie da in irgend so nem Café saß. Doch – o was für eine Pleite! – da hielt sie Händchen mit einem andern! Alles umsonst! Diese weite Reise. So machte er sich enttäuscht auf den Rückweg.

Die Weisen aus dem Morgenland – ihre Reise war noch weiter und noch anstrengender, aber sie war nicht umsonst! Sie fanden, was sie suchten! Sie fanden die Liebe ihres Lebens: Gottes Liebe! In diesem Jesuskind! Es war der Hauptgewinn. Dort im Stall…

Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut
11 und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Man könnte meinen, da ging ja alles glatt in dieser Geschichte. Gesucht und gefunden. Fast wie im Märchen.

Doch halt! Es war noch ein bisschen anders. Es war eben kein gradliniger Weg der Weisen zum Glauben, zu Jesus. Zwischendurch war es ganz schön verwirrend und chaotisch.

Sie kamen erst mal zu König Herodes. Und König Herodes steht für eine Welt in Rebellion gegen Gott. Er wollte selber König sein, da passte es nicht so gut, dass da jemand über ihm sein sollte. So wie der moderne Mensch am liebsten sich selbst an der Spitze sieht! Kein Gott über ihm.

Herodes wollte ihn totschlagen. Heute wollen wir ihn totsagen. Ich möchte mal ein paar Buchstaben hier vorne anpinnen, die zum Nachdenken anregen können. Bei uns gab’s heute Mittag eine Buchstabensuppe. Und aus diesem Buchstabendurcheinander hab ich mal 10 mitgebracht.
das erste :

SAGT IHN TOT
Das könnte so ein Satz sein frei nach König Herodes. Und der ist wirklich sehr aktuell. Von Gott und Jesus ist heute kaum noch die Rede. Und wenn in den Medien von Religion gesprochen wird, dann meist im Zusammenhang mit Fundamentalismus, mit irgendwelchen religiösen Spinnern oder Fanatikern. Und selbst wenn die Kirche sich zu Wort meldet, versucht man auch, möglichst wenig von Gott und Jesus zu sprechen. Man beschränkt sich da manchmal lieber auf gutgemeinte Appelle: Seid nett zueinander! Weihnachten, das Fest der Liebe und Mitmenschlichkeit. Habt euch lieb! Ja, das ist ja auch nicht falsch. Aber Weihnachten ist mehr. Das Entscheidende ist doch, dass Jesus, der Retter, gekommen ist. Und er will erst mal die Beziehung zu Gott in Ordnung bringen. Und dann folgt daraus auch eine neue Beziehung zum Mitmenschen!

“Sagt ihn tot!” Leider haben die Menschen dies oft genug versucht. Und noch mehr, sie haben tatsächlich ein “Schlagt ihn tot!” draus gemacht – und haben ihn ans Kreuz geschlagen.

Der Weg Jesu war offensichtlich noch viel schwerer als der der Weisen aus dem Morgenland. Es war kein Honigschlecken.

Und so finde ich in diesen 10 Buchstaben noch eine Botschaft:

STATT HONIG
Wir lieben es süß und lieblich. Süße Weihnachtsplätzchen, süße Honigkuchen, “Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit!”, doch Gottes Weg führte in die Bitterkeit, in das Leid der Welt. In die Dunkelheit des Stalls. Alles andere als Honig. Statt Honig bitteres Leid. Und so ist nicht auch unser Weg als Christen nicht unbedingt ein Honigschlecken. Uns bleiben auch schwere Erfahrungen nicht erspart. Auch für Christen gibt es Krankheit und Sterben. Und gerade Heiligabend erleben manche auch Einsamkeit und Trauer umso bitterer. Und viele von unseren Glaubensgeschwistern in Nordkorea, Nigeria, Eritrea oder Pakistan werden Weihnachten in Angst feiern, weil sie mit Verfolgung oder Ermordung rechnen müssen. Doch ist das nicht ein Trost, dass Gott in diese Dunkelheit kommt? Dass er eben nicht nur in der großen Freude, im hellen Licht der Engel und im fröhlichen Beisammensein der Familie, bei Geschenken und Festessen dabei ist – da auch, aber eben nicht nur!-, sondern auch in der Armut und im dem Gestank des Stalls! Ja, er ist nah. Und so ist es großartig, dass sich diese 10 Buchstaben noch einmal ganz neu ordnen lassen:

GOTT IST NAH
Das ist wohl die größte Botschaft, die Heiligabend zu bieten hat: Gott ist nah! Das ist der Hauptgewinn! Das ist El Gordo! Wir müssen weder nach Madrid noch nach Bethlehem, um ihm nahe zu sein. Denn auch wenn wir damals nicht nahe an der Krippe in Bethlehem stehen konnten wie Hirten und Könige, er ist uns dennoch nahe. Näher als wir ihm jemals kommen können, kommt er uns. Er ist mit seiner Liebe ganz nah dran. Jedem von uns. Sein Stern leuchtet hell in jeder Nacht! Auch für dich, auch für mich!

Amen.

 

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