Ein feste Burg

Gottesdienst zu den Konfirmationsjubiläen am Sonntag, dem 11.06.2017

Thema: Ein feste Burg

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 46 und EG 362

Liebe Gemeinde,

heute ist der Tag der Jubiläen. Das Goldene, Diamantene, Eiserne, Gnaden-Konfirmationsjubiläum… Herzlichen Glückwunsch! Und, liebe Jubilarinnen und Jubilare, Ihr Konfirmationsjubiläum fällt nun auch noch in das Jahr des Reformationsjubiläums! Und da passt es sehr gut, wenn wir uns heute mal diesem bekannten Reformationslied: “Ein feste Burg” widmen.

In einer kleinen Gemeinde im südlichen Oldenburger Land hat es einmal eine Phase gegeben, da gab es für Katholiken und Protestanten am Ort nur ein Kirchengebäude. Das war ja in Hohnhorst bis zum Bau der katholischen Kirche auch einige Jahre üblich. Aber in jener kleinen Gemeinde gab es auch nur einen Gottesdienst für beide. Ein katholischer Priester amtierte dort und als Ausgleich ein evangelischer Kantor. Man erzählt, man sei damit ganz gut zurechtgekommen. Wenn der Priester aber nach Ansicht der Gemeindeglieder in seiner Predigt ein bisschen zu katholisch wurde, dann habe der Kantor plötzlich mitten in der Predigt in die Tasten seiner Orgel gegriffen und die evangelischen Gemeindeglieder hätten sich von ihren Plätzen erhoben – und lauthals gesungen: „Ein feste Burg ist unser Gott.“

Schon zu Zeiten Luthers, 1532, soll eine lutherisch gesinnte Gemeinde in Schweinfurt gegen den Willen des Pfarrers den Choral “Ein feste Burg” so lange und so kräftig und so oft gesungen haben, dass kurz darauf die Reformation eingeführt wurde, schon allein, damit die endlich wieder ihren Mund halten.

Also: Es ist vielleicht so etwas wie eine evangelische Hymne.

Es strahlt eine große Zuversicht und Geborgenheit aus – allerdings, das muss man zugeben, die Sprache, die Worte, die Bilder muten uns sehr fremd an. Kann man das überhaupt in der heutigen Zeit noch singen? Kann man in einer Zeit, in der durch den islamistischen Terror Religion viel zu oft mit Waffengewalt in Verbindung gebracht wird, noch singen: “ein gute Wehr und Waffen”?

Doch auch in der Geschichte wurde es oft missverstanden und missbraucht. Man vereinnahmte es politisch, nationalistisch oder militaristisch. Zum Beispiel 1870 vor dem sich abzeichnenden Krieg gegen Frankreich hieß die 2. Strophe im Soldatenliederbuch dann plötzlich: “Mit deiner Hülfe wollen wir / auf Tod und Leben ringen; / zu deiner Ehre wollen wir / den Erbfeind niederzwingen. / Bis er um Gnade fleht,/und Deutschland glänzend steht! /So sende, HERR, den Krieg, / mit Ruhm, Ehr’ und Sieg, und schenk uns ew’gen Frieden.”

1942 musste die Melodie im Film “Der große König” für Nazi-Propaganda herhalten: “Das Reich muss uns doch bleiben” – mit Hitler als “der rechte Mann” an der Spitze, “den Gott hat fest erkoren”. Dreister ließ sich das Lied kaum missbrauchen.

Und in den 80er Jahren sangen Demonstranten gegen das geplante Atommüll-Endlager in Gorleben: “Ein feste Burg das Wendland ist, / voll Polizei in Waffen.”

Doch was ist die eigentliche Botschaft von Luthers Lied? Und was bedeutet es für uns?

Luther dichtet dieses Lied nach einem Psalm, der ihm in schwerer Zeit ganz viel Trost gegeben hat. Es ist Psalm 46. Hören wir einmal einige Ausschnitte daraus:

2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,
4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.
[…]
11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden.
12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsere Burg.

Ein Psalm voller Geborgenheit in unruhigen Zeiten. Wir können den historischen Hintergrund des Psalms heute nicht mehr rekonstruieren. Doch wer in die Geschichte Israels zur Zeit des Alten Testaments schaut, der spürt: Ständig war das Volk bedroht. Wieder und wieder wurden Städte erobert, niedergebrannt, kamen feindliche Heerscharen wie die Midianiter, Amalekiter, Philister, Aramäer, Assyrer und und und. Immer wieder Bedrohung und Angst. Und immer wieder erfährt das Volk: Gott ist da! Auf ihn können wir uns verlassen. Er gibt Schutz und Bewahrung und Hilfe. Aber, wo wir doch auch eine Niederlage erleiden, wo unsere Stadt oder unser Leben in Trümmern liegt, da hilft er auch beim Wiederaufbau, beim Neuanfang! Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Dieser Psalm war für Martin Luther das reinste Mutmachprogramm. Das Lied entstand wohl in der Zeit zwischen 1527 und 29, als es für ihn mehrmals schien, dass “die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,

4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.”.

Was war da los?

In Wittenberg wütete die Pest, und viele Menschen starben, auch von Luthers Freunden und Bekannten. Hinzu kam, dass er zwei Freunde verlor, die aufgrund ihres Glaubens getötet wurden. Für Martin Luther war dies eine Zeit, in der er schwere innere Anfechtungen zu erleiden hatte. Er war ja keineswegs der strahlende Glaubensheld, als den wir ihn uns oft vorstellen. Nein, er hatte auch Zweifel und war oft im Ringen mit seinem Gott. Wiederholt war er sehr krank, musste teilweise unsägliche Schmerzen aushalten, dass er sich dem Tode nahe fühlte, litt wohl auch zuweilen an Depressionen, wie wir heute sagen würden. Und dann kam die Bedrohung Europas durch die Türken hinzu. 1529 lag Suleiman mit seinen Truppen – rund 150.000 Leute! – vor Wien, wo es zur Verteidigung gerade mal 17.000 Soldaten hatte. Das war wahrlich eine notvolle Zeit! Da passt doch dieser Psalm: Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Und wenn man bedenkt, wie das damals ausgegangen ist, dann kann man schon ins Grübeln kommen, ob da nicht auch göttliche Hilfe in dieser großen Not im Spiel war. Es hatte nämlich heftige Regenfälle gegeben, so dass sämtliche Straßen um Wien völlig aufgeweicht waren. Die schweren Geschütze der Türken blieben stecken, den Transport des Nachschubs funktionierte nicht, und das Heer musste letztlich erfolglos abziehen.

Wenn wir unsere Zeit mit damals vergleichen? Dann können wir froh und dankbar sein, dass es uns doch vergleichsweise gut und friedvoll geht! Und doch: Auch bei uns gibt es Ängste und Sorgen, wie es mit der Welt weitergeht? Wird der islamistische Terror sich noch weiter ausbreiten, noch näher zu uns kommen? Und was wird dieser unberechenbare Kerl in Amerika noch anrichten? Wie sicher sind eigentlich Rente und Ersparnisse? Welche Naturkatastrophen stehen uns bevor, wenn das mit dem Klimawandel so weitergeht? Und wie sieht es im persönlichen Leben aus? Gerade unter den Jubilarinnen und Jubilaren sind sicher manche, die mit Luther mitfühlen können, die selber ihr Paket an Krankheit und Schmerzen zu tragen haben. Die vielleicht im engsten Umfeld auch schon liebe Menschen verloren haben, zu Grabe tragen mussten, vielleicht sogar den eigenen Ehepartner. Und vielleicht gibt es auch manche, die wie Luther mit Gott ringen und hadern. Die fragen: Gott, wo bist du eigentlich? Wo ist deine Hilfe? Wenn der Glaube angefochten ist.

Wir haben von Luther viele Briefe aus dieser Zeit erhalten, die zeugen davon, dass auch der Reformator die Erfahrung von Schwäche und starken Zweifeln machen musste. Aber er klammert sich trotzdem immer wieder an das Wort Gottes und an Jesus Christus. So schreibt er z.B. an seinen Freund Nikolaus Amsdorf:

„Um eins bete mit mir, dass Christus nach seinem Wohlgefallen mit mir tun möge und nur davor mich bewahren möge, dass ich nicht undankbar und sein Feind werde. Draußen sind Kämpfe, inwendig in mir Schrecken, und zwar herbe. Ein Trost ist, den wir der Wut des Satans entgegenstellen, nämlich, dass wir Gottes Wort haben, das die Seelen rettet, wenn jener auch die Leiber verschlingt.“

Mitten in aller Not klammert sich Martin Luther an die Zusagen Gottes. Etwa Jesaja 43: “Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!” Oder eben gerade hier der Psalm 46, wo es von der “Stadt Gottes” und damit von jedem Menschen, der sich auf Gott verlässt, heißt: Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.

Und darum dichtet Martin Luther: Ein feste Burg ist unser Gott! Ein gute Wehr und Waffen. Er dachte sicher an die Wartburg, wo er ja monatelang sicher vor seinen Verfolgern versteckt und geschützt war. Aber er meint mit “Wehr und Waffen” nicht menschliche, irdische Waffen, wie in all den unsäglichen Uminterpretationen seines Liedes, sondern es sind geistliche Waffen. Es ist das, was dann bei Paulus die “Geistliche Waffenrüstung” ist: “Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen” (Epheser 6). Vielleicht denken jetzt manche: Hm, für so einen Festtag redet der aber ganz schön viel von Nöten und Schwierigkeiten! Wenn Sie zurückblicken auf die letzten 50 Jahre seit Ihrer Konfirmation, oder 60 oder mehr… – da gibt es ja auch ganz viel Schönes! Wie viel gute Zeiten hat Gott ihnen geschenkt, wie viel Glück, wie viel Freude! Und auch das wird in dem Psalm deutlich: Trotz allen Schwierigkeiten im Leben gibt es immer wieder Freude und Grund zum Feiern: Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.

Der Vers gefällt mir ganz besonders! Ja, man kann “fein lustig” bleiben im Leben. Man kann feiern und fröhlich sein! Und zwar auch und gerade als Christ. Und der Grund? Da sind Brünnlein in der Burg! Welche Brünnlein? In der Bibel wird das frische Wasser oft als Bild für den Glauben gesehen, für die Beziehung zu Jesus Christus, der sagt: Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das wichtigste bei einer Burg sind nicht die Mauern, sondern das Wasser in der Burg. In unserm Leben ist es die Beziehung zu Jesus Christus. Unsere eigenen Vorräte, unsere Macht, die sind irgendwann erschöpft. “Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ!”

In Jordanien habe ich einmal die Burg Kerak besichtigt. So eine richtig tolle, gut erhaltene Ritterburg. Man schreibt das Jahr 1183, als sie von dem riesigen Heer Saladins belagert wird. Ununterbrochen werden gewaltige Felsblöcke gegen die Burgmauern geschleudert. Doch wie sieht es drinnen aus? Von Angst und Unruhe keine Spur! Im Gegenteil: Es wird gerade eine Hochzeit, ein rauschendes Fest gefeiert. Während die Feinde draußen toben und immer wieder vergeblich anstürmen, geht drinnen Gesang und Tanz munter weiter. Man ist fröhlich und entspannt. Denn man hat genug Vorrat und riesige Wasserzisternen, Wasser ohne Ende. Und, nanu, was ist denn das?! Als es zum Festschmaus übergeht, schickt man sogar einen Boten mit einem fetten Stück Hochzeitstorte zu Saladin hinaus. Schließlich muss dieser frustriert abziehen, statt einer Burg nur eine Torte erbeutet.

Das ist eine tolle Geschichte! Ein schöner Vergleich für “Ein feste Burg ist unser Gott”. Denn so einer Burg kann unser Leben gleichen. Auch wenn es Angriffe von außen gibt, Kämpfe, Nöte, Sorgen. Wenn wir Jesus in uns drin haben, brauchen wir uns nicht so sehr zu fürchten: “Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.” Der schlimmste Feind ist der Tod. Und wenn wir Jesus in uns haben, dann kann selbst der uns nichts mehr anhaben. Denn – da ist die Bibel ganz klar und eindeutig: “Wer Jesus hat, der hat das Leben!”

Das können wir uns nicht selber ausdenken, sondern das steht in Gottes Wort geschrieben. Darum sagt Luther: “Das Wort sie sollen lassen stahn”, also stehen lassen, und kein’ Dank dazu haben, also: keine eigenen Gedanken dazu erfinden. Wenn wir Jesus haben, dann ist das größer als alles andere, was wir irgendwann einmal loslassen müssen, “Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib” sagt Luther, das können wir am Ende eh nicht mitnehmen. Aber: “Das Reich muss uns doch bleiben”, also das Himmelreich, das ewige Leben, das muss uns doch bleiben!

Amen.

 

 

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