Du bereitest vor mir einen Tisch

Gottesdienst am Sonntag, dem 19.08.2018

Thema: Du bereitest vor mir einen Tisch

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 23,5 u.a. (Abendmahl)

Liebe Gemeinde,

vom früheren Landesbischof Lilje wird berichtet, wie er einmal bei einem wahrhaft opulenten Abendessen mit den feinsten und leckersten Köstlichkeiten sagte: „Verehrte Gäste, heute bin ich geneigt, statt ‚unser tägliches Brot gib uns heute’ zu beten: ‚unser heutiges Brot gib uns täglich.’“

Ein gutes Essen – das ist etwas Köstliches, etwas Wunderbares. Auch in unsrer Familie kommt ein gutes Essen immer gut an. Ich erinnere mich, als Christiane und ich gerade erst frisch befreundet waren, da waren wir auch bei einem leckeren Essen, ich glaub auf einer Kinderfreizeit, und da wurde nach dem Tischgebet der bekannte Tischspruch gegrölt: “Jeder esse, was er kann, nur nicht seinen Nebenmann, hat er dennoch ihn gegessen, Zähneputzen nicht vergessen.” Soweit bekannt. Zu meinem Erstaunen führte Christiane mit einem für mich ganz unbekannten Sätzlein fort: “Und wenn sich Tisch und Bänke biegen, wir werd’n das Zeug schon runterkriegen!” – Da dacht ich: Upps, die hat Appetit! Das passt.
Heute Morgen fragen wir: Essen – was hat das mit dem Glauben zu tun? Was sagt Gott zum Essen? In der Bibel spielt Essen eine große Rolle. Wie viele Episoden im Leben Jesu, die in den Evangelien berichtet werden, spielen sich beim Essen ab! Ja, seine Gegner nannten ihn sogar spöttisch einen „Fresser und Weinsäufer“.

Und immer wieder wird Gott selbst als Gastgeber beschrieben, der zum großen Gastmahl einlädt.
Wenn wir der Bedeutung des Abendmahls auf die Spur kommen wollen, dann ist es wichtig, uns erst mal grundsätzlich klar zu machen: Gott lädt uns ein! Er ist unser Gastgeber, wir dürfen seine Gäste sein. Er tischt auf.

1) Gott lädt uns ein – Gott isst mit uns
Den Satz “Gott ist mit uns” kennen wir ja. Aber die Schreibweise “Gott isst mit uns” ist vielleicht doch etwas befremdlich. Und doch: Es ist die Botschaft der Bibel. Gott lädt uns ein – zum Essen!
Der bekannteste Psalm der Bibel, der Psalm 23, wird ja meist unter der Überschrift “Der gute Hirte” gesehen. Das ist aber eigentlich ein bisschen ungenau. Denn das Bild des Hirten bezieht sich nur auf die 1. Hälfte. Im 2. Teil wird Gott als Gastgeber beschrieben. Man könnte sagen: Psalm 23, Teil 1: “Der gute Hirt”, Teil 2: “Der gute Wirt”.

“Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.”

Und dazu passt auch Psalm 34,9: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“

Und: Kennen Sie das 1. Gebot? Ich meine jetzt nicht das 1. Gebot von den 10 Geboten, sondern das 1. Gebot, das Gott dem Menschen überhaupt gegeben hat. Das ist eine dolle Sache: Das 1. Gebot heißt nämlich: Du sollst essen! 1. Mose 2,7: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: „Du sollst essen von allen Bäumen im Garten, aber vom Baum der Erkenntnis sollst du nicht essen usw.“ Interessant: Der allererste Satz Gottes, den Gott zu Adam spricht, zeigt Gott als Gastgeber: “Du sollst essen”. Das heißt doch auch für uns: Genieße die guten Gaben Gottes, die Gott dir gibt. Greif zu! Offensichtlich gehört das Essen so elementar zum Menschsein dazu. Und zwar nicht nur zu unserm Leib, sondern auch zu unserer Seele. Auch zum Glauben. Das hebräische Wort für Seele, „Nefesch“, heißt in seiner ursprünglichsten Bedeutung: Kehle. Was durch unsere Kehle geht: der Atem – die Nahrung. Ich hab ja nun schon 4 Geburten miterlebt. Und das ist ja schon bezeichnend: Das ist ja, das erste, was die Kleinen machen wollen, und was sie meist laut schreiend einfordern: essen! Und wie zufrieden, glücklich und friedlich sie dann sind, wenn sie ihre Speise aus der Brust der Mutter bekommen. Atmen und Essen und Liebe. Das brauchen wir. Das will Gott uns schenken! Weil er uns liebt wie eine Mutter sein Kind.
Wenn wir Abendmahl feiern und dabei essen und trinken, werden wir auch an dieses elementare Grundbedürfnis unseres Lebens erinnert: Gott nährt uns und liebt uns.

Aber warum Brot und Wein? Das ist nicht beliebig. Was für ein grober Unfug, vermutlich einfach Unwissen, wenn junge Christen schon Abendmahl mit Chips und Cola gefeiert haben! Sondern beide Teile des Abendmahls sind auf ihre Weise ein wichtiges Zeichen:

Brot steht als Grundnahrungsmittel für den Alltag: “Unser tägliches Brot gib uns heute!” Und wenn Jesus sagt: “Ich bin das Brot des Lebens”, dann meint er: Ich bin dein Grundnahrungsmittel. Ohne mich kannst du nicht leben. Ich gehöre in deinen Alltag hinein. Ich will dir nicht nur ab und zu mal in einem Gottesdienst begegnen, sondern täglich! So wie du dir Zeit zum Essen nimmst, so nimm dir Zeit für die Beziehung mit mir. Er sagt nicht: “Ich bin das Sahnehäubchen des Lebens.” Er sagt nicht: Es reicht mir völlig, wenn du mich in besonderen, feierlichen Momenten noch als schmackhafte Deko in dein Leben dazu nimmst, so zur Hochzeit, zu Weihnachten und eben so ab und zu mal, wenn dir danach ist. Sondern: “Brot” heißt: Lebe mit mir jeden Tag!

Und Wein? Wein – oder “die Frucht des Weinstocks” – steht dann für das Besondere. Für das Feiern, die Freude, die Fülle! Wein war im Alten Orient kein Grundnahrungsmittel, sondern etwas Wertvolles, Kostbares. So sehr der Glaube und die Beziehung zu Gott und Jesus etwas Alltägliches ist, es ist zugleich auch ein Fest, wenn Gott uns einlädt! Christsein – und auch die Feier des Abendmahls – sollte diese Freude widerspiegeln! Der große Christentumsverächter Friedrich Nietzsche sagte: “Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben soll.” Es heißt Feier, Fest! Denken wir an die Hochzeit zu Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt. Und ganz wichtig: Der Himmel wird mit einem riesigen Fest verglichen, ein Hochzeitsfest, ein königliches Gastmahl! Und da gehört der Wein dazu. Und Gott lädt uns ein dazu. Der Glaube an Jesus Christus ist die Eintrittskarte! Wie dumm wäre es, solch eine Einladung auszuschlagen.

Wein ist im Alten Orient übrigens auch ein Heilmittel, mit dem Wunden gereinigt und desinfiziert wurden. Der barmherzige Samariter gießt dem Zerschlagenen Wein und Öl auf die Wunde. Wenn Jesus für uns Wein ist – “Ich bin der wahre Weinstock” – dann heißt das: durch ihn haben wir das Fest des Himmels, aber auch Heilung für die Wunden unserer Seele. Reinigung. Vergebung.
Gott lädt uns ein zu Brot und Wein!

Bevor wir nun noch tiefer in die Bedeutung des Abendmahls einsteigen, singen wir ein Lied, in dem es so schön heißt: “An deinem Tisch wird mein Hunger gestillt.”

2) Gedenken und Gemeinschaft

Ein Bild von Sieger Köder hilft uns, das Abendmahl besser zu verstehen:
Was fällt auf? Der Gastgeber ist unsichtbar. Und doch, wer genau hinsieht, sieht ihn doch. Seine Hände. Und sein Antlitz im Kelch sich widerspiegelnd. Wenn wir diesen Kelch trinken, wird sich sein Antlitz auch in uns widerspiegeln. Licht fällt von ihm, von Jesus auf die Jünger, die hier zusammen sind. Doch hier ist nicht nur das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern damals in Jerusalem gemalt. Da war Jesus sichtbar anwesend. Sondern es ist jedes Abendmahl, bei dem Jesus eben unsichtbar dabei ist, und doch gegenwärtig in Brot und Wein. Viele Christen meinen: Das Abendmahl ist nur eine Erinnerung an das, was Jesus damals getan hat, dass er für uns gestorben ist. Doch es ist mehr als das! Als er damals das Brot geteilt hat, sagte er: Dies ist mein Leib! Im Aramäischen: Dies – mein Leib. Damit identifizierte er das Abendmahlsbrot mit seinem Leib. Er machte klar: Es geht um mehr als nur Erinnerung. Immer wenn ihr Abendmahl feiert, bin ich auf geheimnisvolle und besondere Weise in Brot und Wein gegenwärtig. Jesus sagt uns damit: So wie du das Brot kaust und spürst, wie der Wein durch deine Kehle rinnt, du ihn in dich aufnimmst, er ein Teil von dir wird, so möchte ich ein Teil von dir werden, mich mit dir verbinden!
So ist das Abendmahl für mich jedes Mal ein heiliger Moment! Brot und Wein – oder auch ersatzweise Traubensaft, ist ja auch die “Frucht des Weinstocks” – da ist Jesus drin. So wie hier in diesem Bild Jesus im Kelch zu sehen ist und übrigens auch im Brot. Wer genau hinschaut, sieht, dass zwischen den Brotstücken Buchstaben zu sehen sind: Das Christusmonogramm, das aussieht wie ein P und ein X. Das sind die griechischen Buchstaben: Chi und Rho, die sind der Anfang des Namens Christus! Er ist im Abendmahl real und leibhaftig mittendrin in Brot und Wein.

Aber wenn Jesus selber sagt: “Solches tut zu meinem Gedächtnis” – meint das nicht doch nur symbolisch eine Erinnerung? Nein, es ist mehr. Im Judentum bedeutete Gedächtnis mehr als nur Erinnern. Wenn Juden etwa durch das Passahfest des Auszugs aus Ägypten gedenken, sehen sie sich in diesem Augenblick selber als Teil des Geschehens. Es sind nicht mehr nur ihre Vorväter längst vergangener Zeiten, die die Befreiung erleben, sondern sie selbst. Und wenn wir das Abendmahl feiern “zum Gedächtnis”, “zum Gedenken” an Jesus, ist damit gemeint, dieses Geschehen von damals wird lebendig für uns. Jesus vergoss sein Blut für mich ganz persönlich, heute, im Jahr 2018. Das Wort “Erinnerung” passt vielleicht schon, wenn wir es ganz wörtlich nehmen: “Erinnerung” – “Er innen in uns”. Er in unserm Innern!
Das Kreuz wirft seinen Schatten ins Bild. Ja, bei aller Freude, bei allem Feiern: Ein gewisser Ernst liegt also doch über dem Abendmahl. Dass Jesus für unsere Sünden stirbt, darf man nicht vergessen, Jesu schlimmes Leiden um unseretwillen. Darum gehört zu einem Abendmahl auch immer ein Innehalten. Das Erkennen der eigenen Sünden und die Bitte um Vergebung! Doch dann vor allem auch den Zuspruch der Vergebung erleben. Das befreit und erlöst, wir werden hell und rein und leuchtend wie das Tischtuch im Bild. Und dann kommt erst so richtig Freude auf, wenn wir das begreifen: Das Jesus unsere Sünde vergibt, dass er wegnimmt, was die Beziehung zu Gott stört. Aber auch das, was die Beziehung zum Mitmenschen stört.

Und somit wird das Abendmahl auch zum Gemeinschaftsmahl.

Das Brot ist zwar geteilt, aber seht mal: Es sieht aus wie Puzzleteile, die doch zusammen gehören. Wie die Puzzleteile des Kreuzes vorne am Lesepult.

So ist die Gemeinde. Unterschiedlich groß, vielleicht fühlt man sich so: Ich habe einen kleinen Glauben, ein anderer einen größeren. Spielt keine Rolle, es ist alles das Brot desselben Herrn. Wir gehören zusammen.
Die ersten Christen haben das Abendmahl zumeist verbunden mit einem richtigen Essen, um diese Gemeinschaft zu erleben, zu feiern. Das ist der Grund, warum wir es heute mal genauso machen wollen. Es kann sein, dass wir in unseren Abendmahlsfeiern zwar immer sehr das Gedenken des Todes Jesu und der Sündenvergebung betonen, aber dass vielleicht die Freude über die Vergebung und das Feiern der Gemeinschaft ein bisschen zu kurz kommt! Heute soll es anders sein. Heute wollen wir auch mitten im Gottesdienst, mitten in der Kirche Gemeinschaft feiern, und wollen nach dem Abendmahl auch zusammen essen, trinken, fröhlich sein. Vielleicht für manch einen ein fremder Gedanke: essen in der Kirche? Aber wenn wir in der Bibel sehen, wie Jesus so oft Predigt und Essen miteinander verbunden hat, denken wir nur an die Speisung der 5000 oder an das fröhliche Festessen mit Zachäus, dann müssen wir doch feststellen: Es gibt eigentlich kaum einen besseren Ort, um als Gemeinde miteinander zu essen und Tischgemeinschaft zu erleben als das Gotteshaus!

Übrigens ist es interessant, wie wichtig den ersten Christen der Gedanke der Gemeinschaft beim Abendmahl war. Die älteste Abendmahlsliturgie außerhalb der Bibel stammt aus Syrien ungefähr aus dem Jahr 90 nach Christus (die sog. “Didache”) und enthält ein wunderschönes Gebet: “Wie dies Brot (in seinen Körnern) zerstreut war auf den Bergen und nun, zusammengebracht, eins geworden ist, so werde deine Kirche zur Einheit zusammengebracht von den Enden der Erde in dein Reich.”

So ist das Abendmahl beides: Gedächtnismahl, das uns mit Jesus verbindet, und Gemeinschaftsmahl, das uns untereinander verbindet.

3) Lasst uns feiern!
Wenn die ersten Christen Abendmahl gefeiert haben, haben sie in der Regel auch zusammen richtig gegessen. Haben Gemeinschaft erlebt. Und Jesus? Wie oft saß er mit seinen Jüngern zusammen und hat mit ihnen gegessen! Er saß mit Pharisäern, mit Zöllnern, mit Sündern zusammen und lud sie alle ein! Dabei ging es nicht in erster Linie ums Sattwerden des Körpers, vielmehr ums Sattwerden der Seele. Um die Gemeinschaft mit ihm. Und er wollte damit zum Ausdruck bringen: Gott lädt uns alle ein zu seinem himmlischen Festmahl! Und da wird gefeiert, gelacht, genossen. Da will man nicht fehlen. Und jeder, der ein Kind Gottes ist, der Jesus angenommen hat, wird mitfeiern. Und so sagt schon der Prophet Jesaja (Jesaja 25,6ff): “Hier auf dem Berg Zion wird der HERR, der allmächtige Gott, alle Völker zu einem Festmahl mit köstlichen Speisen und herrlichem Wein einladen, einem Festmahl mit bestem Fleisch und gut gelagertem Wein. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.”

Und so wollen wir jetzt miteinander fröhlich sein und essen und trinken, auch wenn wir aus Rücksicht auf die Konfirmanden und andere auf Wein verzichten wollen.
Und so bleibt mir nur zu sagen:

Guten Appetit, zum Wohl und Amen!

Singen wir nun als Tischgebet den bekannten Chorus: “Komm Herr Jesus, sei du unser Gast” etwas abgewandelt: “Ich komm, Herr Jesus, ich bin dein Gast, drum segne was du uns bescheret hast.”

 

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