Die da oben – Christsein und Politik

Gottesdienst am Sonntag, dem 04.11.2018

Thema: “Die da oben…” – Christsein und Politik

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Römer 13, 1-7

 

Liebe Gemeinde,

dieses Jahr war er ja nicht so oft zu hören, aber sonst gefühlt jedes Jahr. Eben bei jedem verregneten Sommer erklingt im Radio dieser alte Hit von Rudi Carell aus dem Jahr 1975:

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Und dann heißt es: Der Winter war der Reinfall des Jahrhunderts,
nur über tausend Meter gab es Schnee.
Mein Milchmann sagt: “Dies Klima hier, wen wundert’s?
Denn schuld daran ist nur die SPD!“

So einfach kann man es sich machen! An allem ist die Politik schuld, nein, eigentlich die Politiker! Die Regierung! Die da oben!

Politikverdrossenheit hin oder her – jeder von uns hat mit Politik, mit dem Staat, mit der Regierung zu tun, und wenn er auch nur drüber schimpft. Wenn die Bibel Gottes Wort für unser Leben ist, und wenn die Bibel Orientierungshilfe für alle Lebensbereiche ist, dann ist es für uns Christen wichtig zu fragen: Was sagt Gott dazu?

Paulus schreibt im Römerbrief einige sehr herausfordernde Sätze darüber. Wir haben sie eben gehört.

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.

Staatsgewalt – Gottes (Not-)Ordnung für diese Welt

Jede Obrigkeit, jede Regierung ist von Gott? Der Paulus hat doch keine Ahnung! Was weiß der denn von einem Hitler, von einem Stalin, von Diktatoren und Tyrannen! (Ihr Konfis denkt beim Stichwort Tyrannen vielleicht eher an euern Englischlehrer oder so…). Alle Obrigkeit von Gott? All diese schrecklichen Leute von Gott? Soll man denen untertan sein?

So könnte man im ersten Moment meinen. Doch bevor wir Paulus als ahnungslosen Spinner abstempeln, der keine Ahnung von schlimmen Regierungen hat, sollten wir uns bewusst machen: Paulus lebt keineswegs in einer heilen Welt, in der nur Recht und Ordnung herrschen. Er lebt im römischen Kaiserreich. Wo wirklich geisteskranke Typen wie Kaiser Nero in Willkür und Schrecken herrschten. Und wo er selbst mehrfach völlig ungerechtfertigt in den Knast kam, gefoltert und Opfer der Staatsgewalt wurde. Wieso ermutigt Paulus nicht zur Revolution? Zum Aufstand gegen das Unrecht? Zum Putsch? – Hat er Angst? Ist er ein Duckmäuser? Meint er, Religion ist Privatsache? Wer Paulus kennt, weiß: Nichts davon ist wahr. Er war so mutig, hat sein eigenes Leben riskiert, und er war der festen Überzeugung: Glaube durchzieht alle Lebensbereiche. Warum also sagt Paulus so brav: Seid untertan der Obrigkeit?

Nun wenn wir diese Worte genau lesen, dann geht es Paulus nicht um eine ganz konkrete Regierung, einen konkreten Herrscher. Ich glaube nicht, dass er bei jedem Bösewicht auf dem Thron meint: Gott wollte den da haben! Und tut alles, was die euch sagen. Egal, ob Nero oder Hitler.

Nein, das wäre ein gewaltiges Missverständnis. Es geht Paulus vielmehr um etwas anderes. Um etwas Grundsätzliches. Er weiß: Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt ohne Gott. Eine Welt, wo Menschen in der Regel sich selbst die Nächsten sind und vor allem ihren Vorteil suchen. Und darum hat Gott sozusagen als Notordnung für diese gefallene Schöpfung gewollt, dass es Staatsgewalt gibt, die wenigstens ein Stück weit für Recht und Ordnung sorgen soll. Im griechischen Urtext ist allein in diesem einen Vers zweimal der Begriff “ordnen” verwendet: sich der Obrigkeit unterordnen, und die Obrigkeit ist von Gott angeordnet, also eine Ordnung Gottes. Gott ist ein Freund der Ordnung! In einem anderen Zusammenhang sagt Paulus die Worte (für mich auch immer eine Mahnung, wenn ich meinen Schreibtisch anschaue): “Gott ist nicht ein Gott der Unordnung. – Sondern des Friedens.” (1. Kor. 14,33) Gott möchte das Chaos eindämmen. Dazu braucht es in dieser Welt auch Staatsgewalt. Die Kriminalität und Terror eindämmen soll. Obrigkeit meint hier nicht den einzelnen Herrscher, sondern die Grundstrukturen in einem Staat: Dass es Polizei und Militär geben muss, um das Böse in Schach zu halten, notfalls auch mit dem Schwert, wie Paulus sagt (V.4), also mit Gewalt.

Der englische Philosoph Thomas Hobbes hatte es mal so auf den Punkt gebracht: Homo homini lupus est! Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wenn es keine Polizei, keine Strafe, keine Staatsgewalt gäbe, würde gnadenlos das Recht des Stärkeren gelten. Der Schwache wär dem Starken schutzlos ausgeliefert. Chaos und Anarchie würden herrschen.

Und die Erfahrungen bei vielen Revolutionen zeigen, dass keine Regierung mitunter noch viel schlimmer sein kann als eine schlechte Regierung. Denken wir an die Oktoberrevolution und den Bürgerkrieg in Russland vor 100 Jahren, wo in nur 4 Jahren fast 13 Millionen Menschen umkamen. Wo sich die Menschen erbarmungslos gegenseitig niedermetzelten. Es gab keine funktionierende Obrigkeit. George Orwell hat in seinem berühmten Werk “Animal Farm” – Die Farm der Tiere – beschrieben, wie die Tiere den tyrannischen Bauern verjagen und am Ende unter die noch viel schlimmere Herrschaft der Schweine geraten. „Die Tiere blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war.“

Darum sagt Paulus: Es ist gut, dass es Obrigkeit gibt. Und auch wenn euch die Regierung nicht passt. Im Grundsätzlichen gilt es, sich unterzuordnen und die Gesetze zu achten. Genauso hat auch Jesus geredet. Auf die Frage: Ist es Recht, diesem römischen Besatzungsregime, das uns unterdrückt und versklavt, das die Welt unter seine Füße tritt, auch noch Steuern zu zahlen? Da sagt er: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. (Matthäus 22,21).

Für die Obrigkeit beten und sich engagieren

Und dann fügt Paulus noch etwas Ungeheures zu. Im Brief an Timotheus: Betet für die Könige und für alle Obrigkeit! (1. Tim. 2,1) Das ist unser Auftrag im Hinblick auf die Regierung. Und schon im Alten Testament mahnt der Prophet Jeremia: “Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.” (Jeremia 29,7). Diese Stadt war nicht Jerusalem, es war Babylon! Dort waren die Juden im Exil, in Gefangenschaft. In einer heidnischen, gottlosen, gewaltstrotzenden Gesellschaft. Und da sagt Jeremia: Suchet der Stadt Bestes! Engagiert euch! Mit euren Mitteln und Möglichkeiten. Ihr könnt vielleicht nicht die ganze Stadt verändern oder die gesamte Gesellschaft, das ganze Land in seiner heidnischen gottlosen Grundausrichtung. Aber in eurem Umfeld, wo Gott euch hingestellt hat, könnt ihr viel bewirken! Bringt euch ein mit euren Kräften – zum Wohl der Gesellschaft, schaut, ob ihr die Gabe habt, politische Verantwortung übernehmen könnt. So wie Daniel und seine Freunde es getan haben am Hof Nebukadnezars. Und vergesst vor allem eins nicht: zu beten für die Regierung und Politiker. Das gilt auch für uns. Wie ist das bei uns? Beten wir für unsere Politiker? Oder sind wir auch nur am meckern und motzen?

Ein Kollege von mir berichtete letzte Woche Folgendes: Zu seinem Gemeindeverband gehört ein verdientes Mitglied, das seinen 105. Geburtstag feierte! 105 Jahre alt! Das fand er sehr staunenswert. Er hat überlegt: Vor 105 Jahren, das war 1913! Und – um die Geschichtskenntnisse seines Kindes zu testen, fragte er: “Na, weißt du, wer 1913 in Deutschland regiert hat?” Antwort: “Äh, Merkel?” – Manch einer wundert sich, wie lange sie schon Bundeskanzlerin ist. Aber wer betet für sie? Wer betet für unsern Bürgermeister vor Ort? Für unseren Samtgemeindebürgermeister? Für den Ministerpräsidenten? Wer betet für die, die als Christen in der Politik arbeiten? Und für die, die noch keine Christen sind, dass sie es werden?

Als Christ in der Politik?

Aber wie soll das gehen, sich in einer Gesellschaft, die weithin nicht nach Gott fragt, politisch zu engagieren – als Christ? Christsein und Politik – geht das überhaupt? Kann ich denn nach den Maßstäben der Bibel politisch handeln? Nun, hier hat Martin Luther sehr hilfreiche Gedanken entwickelt. Anhand der Bibel zeigt er auf, dass ein Christ sozusagen eine “doppelte Staatsbürgerschaft” hat und Bürger zweier Reiche ist. Er ist zum einen Gottes Kind und lebt im Glauben und in der Gemeinde. Das ist das “geistliche Reich”. Und sein Handeln soll in diesem Bereich, in seinem persönlichen Leben, ganz vom Evangelium bestimmt sein, wie es uns etwa die Bergpredigt vor Augen malt: Liebe, Barmherzigkeit, Verzeihen, Vergeben, Gnade vor Recht ergehen lassen… Wie leben wir unser Christsein in unserem Umfeld? Sind wir als Christen erkennbar? Zum anderen lebt auch ein Christ mit beiden Beinen auf dieser Erde und ist somit auch Bürger des “weltlichen Reichs”. Und hier hat Gott – wie wir gesehen haben – sozusagen als Notordnung gegen Gewalt, Chaos und Anarchie – mitunter andere Formen des Handelns. Eine andere Regierweise. Beispiel: Wenn ein Christ Richter ist, dann muss er Recht sprechen und den Schuldigen bestrafen. Selbst wenn er persönlich ihm verzeihen würde. Er kann doch nicht als Richter in der Urteilsverkündung sagen: “Du hast zwar die Oma überfallen und halbtot geschlagen, aber ich bin gläubiger Christ, und ich vergebe dir, wie auch Christus mir vergeben hat. Du bist frei.” Nein, er muss das Urteil sprechen. Und ein Polizist muss die Bürger schützen, notfalls mit Waffengewalt, auch wenn er Christ ist. Und ein Land, das angegriffen wird von Terroristen oder anderen Staaten, muss sich verteidigen, notfalls auch mit Waffengewalt. Und da gehören auch Christen dazu, die bereit sind, diesen so schweren Dienst zu tun.

Ich weiß: Das kann im Einzelfall sehr schwierige Gewissenskonflikte bedeuten. Und so habe ich ganz hohen Respekt vor Christen, die sich in der Politik engagieren. Die es oft nicht leicht haben in dem ständigen Machtkampf, im Gerangel mit dem politischen Gegner, oft sogar in der eigenen Partei.

Der erkrankte Parlamentarier bekommt eine Genesungskarte: “Wir wünschen gute Besserung – mit 75:63 Stimmen! Die Fraktionskollegen.“

Aber wie gut, wenn es Christen gibt, die Mut haben, sich das anzutun und ihrem Land zu dienen! “Christliche Politik” in dem Anspruch, dass die eigene – und nur die eigene – Position christlich sei, halte ich für problematisch. Denn solange wir hier auf dieser Erde sind, ist unsere Erkenntnis und unser Wissen “Stückwerk”, wie Paulus sagt (1. Kor. 13,8f). Das bedeutet: Wir können sehr wohl eine Überzeugung haben, die wir für christlich halten, aber ein anderer Christ mag vielleicht zu anderen, ja, auch gegensätzlichen Überzeugungen kommen. Darum gibt es ja auch in den unterschiedlichsten Parteien Christen. Wer soll da bestimmen, was “christliche Politik” ist? Wohl aber Christsein in der Politik! Und Christen in der Politik. Menschen, die ihre politischen Überzeugungen am Maßstab der Gebote Gottes überprüfen, und die durch Gebet in Verbindung mit Gott stehen und daraus Kraft schöpfen für ihren oftmals sehr stressigen Alltag und Gott um Weisheit für ihre Entscheidungen bitten. Vor solchen Menschen, Christen in der Politik, habe ich große Hochachtung und höchsten Respekt!

Es ist ja so einfach, von außen die Politik zu kritisieren, alles besser zu wissen und der Politik Vorschläge zu machen, wie sie dieses und jenes entscheiden sollte! Und ich hab den Eindruck, manchmal tut sich unsere Kirche, also die Landeskirche oder die EKD, auch damit hervor, sich in viele Detailfragen der Politik einzumischen, ohne dass ich da immer die volle Sachkompetenz dahinter erkennen kann. Und oftmals parteipolitisch gefärbt, und das recht einseitig…

Kirche, die nur noch Politik macht, vergisst ihr Kerngeschäft!

Und darum ist es für uns in Hohnhorst wichtig: Politik ist nicht unser Hauptthema. Sondern als Kirche ist unser Kerngebiet, unser Auftrag: die Verkündigung des Wortes Gottes! Menschen zum Glauben an Jesus Christus einladen und im Glauben zu stärken, darum geht es vorrangig! Dass das natürlich auch Auswirkungen auf politische und gesellschaftliche Themen hat, ist klar.

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen

Und dennoch: Es gibt auch für Christen und für Kirche besondere Situationen und Themen, wo wir nicht mehr schweigen können und dürfen! Und wo man unter Umständen auch im Widerspruch zur Obrigkeit steht. Wo man sich dann doch widersetzen muss. Wir dürfen auch Römer 13 nicht aus dem Gesamtpaket der Bibel herauslösen und isolieren. “Seid untertan der Obrigkeit” – das gilt im Grundsätzlichen, aber es gibt eben auch Grenzen. Und die zeigen uns Petrus und die anderen Apostel in der Apostelgeschichte: “Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!” (Apg. 5,29)

Wenn nämlich ein Staat seine Macht missbraucht, und wenn das, wozu Gott die Regierung und den Staat eingesetzt, das Gute zu belohnen und das Böse zu bestrafen (Röm. 13,3), ins Gegenteil verkehrt wird, pervertiert wird, wie wir es zum Beispiel in Deutschland in der Nazizeit erlebt haben, dann können wir nicht schweigen. Und dann gilt es, sich im Einzelfall auch der Obrigkeit zu widersetzen. Dietrich Bonhoeffer hat das sehr deutlich gesagt. Er hatte schon 1933 im Hinblick auf den Staat ein Bild vor Augen, dass ein Verrückter mit dem Wagen oder Rad auf Menschen zufährt, dass es dann nicht reicht, nur daneben zu stehen, zuzuschauen, zu rufen, zu warnen. Sondern man muss auch denen helfen, die unter die Räder gekommen sind. Damals eben den Juden. Und noch mehr: “nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen”, sei die Aufgabe von Christen, sagt Bonhoeffer. Wann solch ein Punkt erreicht ist, und wie das geschehen kann, das ist sehr schwer zu bestimmen. Diese Entscheidung kann nur jeder Christ in der Verantwortung vor Gott und seinem Gewissen selber und für sich treffen. Und dabei kann man immer auch schuldig werden. Wir können Gott dankbar sein, dass wir in einem Land und in einer Zeit leben, wo uns diese extreme Gewissensentscheidung nicht abverlangt ist. Dennoch sind auch wir aufgefordert, uns auch in unserem Land für die Geltung von Gottes Geboten einzusetzen.

Wer regiert in meinem Leben?

Allerdings wissen wir auch darum, dass wir als Christen zwar mitentscheiden können durch unser Wahlrecht, aber letztlich als kleine Minderheit ja nicht allein die Regierung unseres Landes bestimmen können. Da ist es ein Trost zu wissen, dass letztlich einer über allem ist, der diese ganze Welt regiert, auch wenn wir es oft nicht merken! “Jesus Christus herrscht als König” haben wir vorhin gesungen! Was für ein Trost, das letztlich nicht die Mächtigen dieser Welt unser Schicksal bestimmen können. Denn die kommen und gehen. Ob in Amerika, Russland, oder auch bei uns. Christus bleibt. Und er hat alles in seiner Hand, auch die Zukunft! Wir können nicht über die Regierung unseres Landes entscheiden, aber eins können wir: entscheiden, wer die Regierung unseres Lebens haben soll. Ich für mich möchte, dass Jesus in mir regiert. Ich möchte gerne ihm folgen und ihm dienen, auch wenn es oft nicht gelingt. Jesus, leite mich! Hilf mir bei den Entscheidungen des Alltags, gib mir Kraft für die Herausforderungen des Lebens. Geh mit mir, sei du mein Herr, mein Bundeskanzler, mein König und Kaiser!

Amen

 

 

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