Der Tag des Herrn

Gottesdienst am Sonntag, dem 29.07.2018

Thema: Der Tag des Herrn oder: Die Sehnsucht nach dem Himmel

Predigt: Pastor Jürgen Wiegel

Text: 1. Thessalonicher 5,1-11 u.a.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

warten ist ja oft ein Geduldsspiel. In einer Schlange stehen und warten kann ziemlich nervig sein, oder auch nicht. Das hängt dann vielleicht davon ab, worauf man wartet. Neulich haben wir in Bad Nenndorf an der Eistheke gestanden und mussten ein bißchen warten, nicht lange. Aber bei heißem Wetter auf ein leckeres Eis warten, das fällt bestimmt nicht schwer.

Warten müssen kann auch eine Gelegenheit sein, für die Menschen, auf die man wartet, zu beten. Ich weiß noch, als ich unsere Telefonrechnungen in Bujumbura bezahlen musste, und das war im Bürgerkriegszustand des Landes ziemlich wichtig, da gab es oft ziemlich lange Schlangen an der Kasse. Mit Überweisung bzw. Lastschrifteinzug lief schon mal gar nichts. Ich habe die Telefonrechnung also in bar bezahlt bei einer gewissen Bank. Und dann standen da an dem Schalter oftmals so viele Leute vor mir. Nun, es blieb mir nichts anderes übrig, als mich anzustellen und meine Tour zum Bezahlen abzuwarten. Und oft habe ich dann für die Leute vor mir gebetet. „Gott, ich danke dir für die Kassiererin. Bitte segne sie doch, gib ihr die Kraft für diesen Job. Schenk auch ihr die Nerven, die sie braucht. Und die siehst die Leute hier in der Schlange. Du hast sie alle lieb und kennst sie. Gib ihnen und uns allen Geduld und lass sie auch gesegnet sein. Amen.“ Und damit habe ich mir schon das Ärgern über diese zeitraubende und nicht so interessante Aufgabe gespart. Mit der Quittung musste man dann noch zur Telekom Burundi gehen, damit sie in ihrer Buchführung die Bezahlung handschriftlich auf unsere Karte eintragen konnten, um damit dann eine etwaige Telefonsperre zu vermeiden. Das konnte nämlich ziemlich schnell passieren. Und wir wollten doch kommunizieren können, Handys gabs damals noch nicht.

Warten, worauf können Sie, könnt ihr mit Geduld warten? Wann lohnt sich das Warten?

In unserm Predigttext geht es um den Tag des Herrn. Was ist gemeint und worauf wartet man da eigentlich? Ich lese uns aus dem 1. Thessalonicherbrief 5,1-11 und lade Sie ein, zur Ehre Gottes noch einmal aufzustehen.

1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.
4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.
5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern [a]lasst uns wachen und nüchtern sein.
7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus,
10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11 Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Bitte nehmen Sie wieder Platz!

1. Der Tag des Herrn ist kein Fremdwort

Paulus stellt den Christen in Thessaloniki ein klasse Zeugnis aus. „Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht“ (Vers 1 + 2). Der sogenannte „Tag des Herrn“ war schon in der Urgemeinde Christi ein Tagesthema. Ihr selbst wisst genau Bescheid über den Tag des Herrn. Wir brauchen euch aus der Ferne keine neuen Erkenntnisse und keine neuen Einzelheiten über den Tag des Herrn zu schreiben. Ihr wisst genau Bescheid. Meine Lieben, ich habe den Eindruck, dass die Gemeinde Christi heute ganz anders tickt. Darüber wird doch am wenigstens gesprochen, über den Tag des Herrn. Was ist das denn? So würde man heute vermutlich fragen. Mir scheint, dass diese Begrifflichkeit und auch diese Erwartung des Tages des Herrn weit weit weg sind. Der Tag des Herrn ist fast ein Fremdwort, wo man sogar nachschlagen muss, was er denn wohl bedeutet. Für die ersten Christen war dieses Stichwort ganz oben auf auf der Agenda des Gemeindelebens. Mit diesem Tag hat man gerechnet. Dieser Tag wurde erwartet – mehr eigentlich: Der Herr dieses Tages wurde erwartet. Es ist einfach zu wenig, wenn wir dieses bevorstehende Ereignis bzw. diese bevorstehende Phase auf einen Sonntag im Jahr reduzieren. Es ist zu wenig, wenn der Tag des Herrn bzw. die Wiederkunft des Herrn und alles, was damit zusammenhängt, beschränken auf den sogenannten „Ewigkeitssonntag“, der Sonntag vor dem 1. Advent. In der Gemeinde in Thessaloniki, die ja von Paulus und Silas auf ihrer zweiten Missionsreise gegründet wurde, war dieses Thema jedenfalls oben auf.
Vielleicht müssen wir uns neu vergegenwärtigen, was denn gemeint ist mit diesem „Tag des Herrn.“ Nun, er kommt schon im Alten Testament vor und ist in der Sprache und in den Reden der Propheten hier und dort zu hören. Theodor Haarbeck schreibt dazu: „Die Bezeichnung „Tag des Herrn“ wird von den Propheten bald in engerem, bald in weiterem Sinne gebraucht; aber immer versteht die prophetische Sprache darunter nicht einen Tag von 24 Stunden, sondern die Zeit oder Zeitperiode, wo der Herr sich in besonderer Weise offenbart, und zwar in Gericht und Gnade.“ Hier zwei Beispiele:

Jesaja 2, 12: „Denn der Tag des HERRN Zebaoth wird kommen über alles Hoffärtige und Hohe und über alles Erhabene, dass es erniedrigt werde.“ Hier haben wir ein Gerichtswort im Zusammenhang mit der Rede von dem Tag des Herrn.
Maleachi 3, 19+20: „Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der kommende Tag wird sie anzünden, spricht der HERR Zebaoth, und er wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen. 20 Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber.“ Hier wird das Stichwort „Tag des Herrn“ im Zusammenhang mit Gericht über die Gottlosen und im Zusammenhang mit Gnade für die Glaubenden gebraucht.

Wir merken also: Gott tritt aus seiner Verborgenheit heraus und Menschen merken, dass es ihn gibt, dass ihr Leben ihm bekannt ist und dass ihr Leben, ja sie selbst, auf der Waagschale Gottes liegen, wo gewogen wird. Ob zu wenig, oder ob zu viel auf der Waagschale Gottes angezeigt wird. Und entsprechend fallen die Konsequenzen aus.
Jesus Christus sprach von diesem Tag als dem Tag des Menschensohnes, womit er sich selbst meinte. In seinen Endzeitreden sagte er in Lukas 17, 24 z.B.: „Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“
Dieses Ereignis wird also auch für alle Menschen sichtbar sein. Alle werden IHN sehen. Ob nun zu ihm gehörend und an ihn glaubend oder ob sie ihn ganz und gar nicht kennen. Für alle wird dieses Ereignis sichtbar sein.

Und Jesus mahnt seine Nachfolger zur Wachsamkeit, wie wir in der Evangeliumslesung gehört haben: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (Matthäus 24, 42).

Der Apostel Paulus hat ebenso von diesem Tag gesprochen, wie z.B. in 1. Korinther 1, 4 – 8. „4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis. 6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. 8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.“

Der Apostel Paulus macht den Christen in Korinth Mut, dass Jesus Christus selbst sie bis zu diesem seinem Tag die Kraft geben würde, fest zu bleiben.
Hier ist der Tag des Herrn also schon ein gewisser Zeitpunkt, doch kann man nach dem Sprachgebrauch der Apostel den Tag des Herrn auch als die gesamte sogenannte Endzeit verstehen, die mit dem Tag der Erscheinung Christi ihren Höhepunkt erreicht.

Das Wesentliche an der Begrifflichkeit „Tag des Herrn“ ist nicht so sehr der Zeitpunkt oder eine bestimmte Zeitperiode. Haarbeck schreibt: „Es ist vielmehr die Zeit, die in besonderer Weise dem Herrn angehört, da er aus dem Verborgenen in die Erscheinung tritt und von seiner Macht und von seinem Recht Gebrauch macht. Die Menschen haben ihre Zeit gehabt, die Finsternis hat ihre Stunde gehabt. Nun hat der Herr seine Zeit; er kommt, um mit seinen Knechten abzurechnen (Matthäus 18,23). Und wenn er das Wort hat, hat es sonst niemand mehr.“

Wenn ich angesichts dieser Auffassung von „Tag des Herrn“ in unsere Welt schaue, dann kann ich mich umso mehr freuen auf diesen Tag. Er, unser Herr, wird das letzte Wort haben, wo doch so viele heutzutage meinen, sie seien die wichtigsten und mächtigsten und müssten das auch durchsetzen und gehen dabei über Leichen. Und mit diesem Glauben will ich auch gerne leben, dass der, der mich in seine Nachfolge gerufen hat, mich auch sicher an dieses große Ziel bringen wird. Wenn meine Kraft auch klein ist, seine reicht aus, um mich bis zu diesem wunderbaren Ereignis zu führen und durchzubringen.

So vieles andere ist ja noch verbunden mit dem Tag des Herrn: In der Gemeinschaft mit Jesus wird es keine Sünde mehr geben. Der Tod wird nicht mehr sein. Gottes neue Welt sprengt unsere Vorstellungskraft, weil sie nur und auschließlich gut sein wird. Gott wird unter den Menschen sein, der Urtraum der Menschenheitsgeschichte nach dem Eintritt der Sünde in diese Welt. Und und und ……… Das alles zu bedenken wäre heute viel zu komplex.

Doch kommen wir noch kurz zu einem zweiten Gedankengang:

2. Der Tag des Herrn wirft seine Schatten voraus durch seine Kinder

Der Apostel Paulus ist fasziniert von den Christen in Thessaloniki. Er adelt sie und findet wunderbare Worte dazu. Ich lese Vers 4 + 5:
4 „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.“

Im Glauben an Jesus haben sie eine neue Identität – sie gehören zu Christus. Wie Jesus eine Lichtgestalt in jeglicher Hinsicht ist, so sind auch die Christen in Thessaloniki und zu allen Zeiten Lichtgestalten für ihre Umwelt. Sie sind Kinder des Lichts, wie Jesus das Licht der Welt ist, wie Jesus selbst Licht ist. Ihr Wesen ist nun anders. Sie gehören zum Lichtglanz Gottes. Sie haben nichts mehr zu tun mit den Werken der Finsternis. Sie leuchten. Jesus sagte in der Bergpredigt schon zu seinen Nachfolgern: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein“ (Matthäus 5, 14).

Wer ganz zu Jesus gehört, gehört ganz und gar nicht zum Wesen dieser Welt. Wer ganz im Glanze von Jesus steht, ganz in seinem Licht, der wirft große Schatten auf die Welt, Schatten der Liebe Gottes. Schatten des Andersseins. Schatten des „es geht auch anders“ im Sinne von „es geht auch im Sinne Christi.“ Kinder des Lichts heißt doch auch: Sie stammen ab von dem Licht. Wie sagen wir so schön im Sprichwort: „Wie der Herr, so das Gescherr,“ hier allerdings im positiven Sinne.

Als Kinder des Lichtes und Kinder des Tages brauchen wir und suchen wir nicht so sehr die Anerkennung durch die Welt, sondern die Anerkennung durch Jesus. Und wenn die stimmt, dann folgt die Anerkennung der Welt von allein – oder überhaupt nicht. Aber davon sind diese Kinder doch nicht abhängig.

Licht für Jesus zu sein gibt es in dieser Welt Gelegenheit genug. Das fängt schon gleich an, wenn wir aus dieser Kirche herausgehen und wenn wir morgen den Wind des Alltags spüren, der uns entgegen weht. Und wo wir als Kinder des Lichts leuchten, da werfen wir Schatten vom Tag des Herrn, ja vom Herrn selbst voraus in unsere Welt, und in diesem Schatten halten sich gerne Menschen auf. Da fühlt man sich wohl. Dazu helfe uns Gott, dass wir Schatten werfen für unseren Herrn.

Amen.

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