Der Kreislauf des Segens

Festgottesdienst zum Erntedankfest am Sonntag, dem 06.10.2019

Thema: Der Kreislauf des Segens

Predigt: Pastor Jürgen Wiegel

Text: Jesaja 58,7-12

Liebe Gemeinde,

der für das heutige Erntedankfest vorgegebene Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja 58, 7 – 12. Ich lade Sie ein, zur Lesung noch einmal aufzustehen: 

7 „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.“

Bitte nehmen Sie wieder Platz.

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer,

seit Menschengedenken hat Gott die Menschen gesegnet.

Nach der Erschaffung der ersten Menschen steht schon auf den ersten Seiten der Bibel: „Und Gott segnete sie“ (1. Mose 1, 28a). Das ist das Allererste, was nach der Schöpfung geschieht. 1. Mose 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Und bereits der nächste Satz lautet: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch“ usw.

Seit Menschengedenken haben Menschen an Gott gedacht und ihn um seinen Segen gebeten. Ich erinnere an Jakob, der am Jabbok mit Gott ringt, die ganze Nacht. Und als es Tag wird und Gott sich davon machen wollte, sagt Jakob zu ihm: „Ich lasse dich nicht,“ – wie geht’s weiter? – „du segnest mich denn“ (1. Mose 32, 27).

Seit Menschengedenken hat Gott sich den Menschen zugewandt und sie gesegnet.

Seit Menschengedenken hat Gott sich von suchenden Menschen finden lassen. Die ersten Brüder, Kain und Abel, haben Gott ihre Opfer dargebracht, gebetet und Gottes Segen erfahren.

Der Kreislauf des Segens ist eine unendliche Geschichte! Und diese Geschichte zeigt zwei Dinge, die zusammengehören wie die zwei Seiten einer Medaille: „Gott segnet gerne“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite: „Menschen sind gerne gesegnet.“

Ob Menschen nun auch gerne segnen, das ist die Frage.

Im alten Israel jedenfalls hat das nicht immer geklappt. Deshalb diese Aufforderung Gottes durch den Propheten Jesaja, wie gerade gelesen: „Brich dem Hungrigen dein Brot.“ Wenn der Segensfluss zu einem Stillstand kommt, gibt es Chaos. Der, der viel hat, ist ein Segensträger für den, der nichts hat oder wenig hat. Und wenn der, der viel hat, immer nur sammelt und in seine Scheunen anhäuft und für sich behält, wird der Segensstrom unterbrochen.

Später in der Geschichte Israels, als es bereits den Tempel in Jerusalem gab, klagte Gott durch die Propheten und ließ ausrichten (ich lese aus Maleachi 3, 10): „Bringt aber die Zehnten in voller Höhe in mein Vorratshaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüft mich hiermit, spricht der HERR Zebaoth, ob ich euch dann nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle.“

Gott legt sich fest auf uns Menschen und auf unser Wohlwollen. Darauf will er reagieren, mit Segen. Wir können ihn darin prüfen. Was wir Gott anvertrauen, ist nie umsonst, ist nie vergebens. Er sieht es an. Und er erkennt es an. Und – Gott lässt Segen daraus erwachsen.

Halten wir doch mal einen kleinen Moment inne und denken über folgende Frage nach:

„Was ist für mich Segen Gottes?“ Oder: „Wo sehe ich Gottes Segen in meinem Leben?“ Jeder kann diese Frage für sich beantworten bzw. darüber nachdenken.

Zweite Frage: „Wofür will ich Gott heute danken, an diesem heutigen Tag, in diesem Moment?“ Bitte schön, denken Sie mal einen kleinen Moment darüber nach.

Noch ne Frage: „Was würden Sie sagen zum Thema „Kreislauf des Segens?“ – Bitte schön, noch eine kleine Denkpause für Sie. Vielleicht machen Sie sich auch eine kleine Notiz, um es nicht zu vergessen. Was fällt Ihnen ein zum Thema „Kreislauf des Segens.“

Was hat Gott denn dem Volk Israel angeboten, was sich ereignen würde, wenn sie mit dem hungrigen ihr Brot teilen würden, wenn sie dem Obdachlosen ein Dach über ihrem Kopf gewähren würden, usw.?

In Vers 8 haben wir es gelesen, ich zitiere noch einmal nach der Übersetzung von Hermann Menge:

  • dann wird dein Licht wie das Morgenrot hervorbrechen
  • und deine Heilung schnelle Fortschritte machen;
  • und vor dir wird deine Gerechtigkeit hergehen
  • und die Herrlichkeit des HERRN deine Nachhut bilden.
  • Wenn du dann rufst, wird der HERR dir antworten;
  • und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: »Siehe, hier bin ich!«

Wir merken in diesen Versen, wie sehr Gott um die Beziehung zu seinem Volk ringt. Wo Taten der Liebe getan werden, im Auftrag Gottes und als Ausdruck unseres Glaubens, unserer Liebe zu Gott, da werden wir von ihm beschenkt. Das wird nicht zu übersehen sein. Dein Wirken für Gott in dieser Welt wird Licht bringen.

„Dein Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte.“ In unserer eletrisierten Welt wissen wir ja kaum noch, was Dunkelheit ist. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Jugendfreizeit in Südfrankreich. Wir waren an dem Fluß Ardèche und haben dort in den Bergen mit Freiwilligen eine Höhlenwanderung gemacht. Wir haben uns zunächst beim Einstieg in die Höhle mit unserer Ausrüstung abgeseilt, unter fachmännischer Leitung des Höhlenführers, versteht sich. Und nach einer ganzen Weile, als wirklich kein Tageslicht mehr um die Ecke scheinen konnte, wir noch tiefer abgestiegen waren und er auch noch seine starke Lampe ausgemacht hatte, war es stockdunkel. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes die Hand vor unseren Augen nicht mehr gesehen. Wir konnten auch nicht mehr erkennen, wer neben uns auf dem Boden saß. Und dann sollten wir auch noch einen Moment still sein. Nichts sehen können und nichts hören können. Das war ein starkes Erlebnis. Diese Stille war fast unheimlich. Und es war stockfinstere Nacht. Wenn dann plötzlich wieder Licht auftaucht, durchflutet es förmlich den ganzen Raum.

„Dein Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte.“ – Mich hat das erinnert an das Wort von Jesus, dass er zu seinen Jüngern sprach: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“ Geht nicht, ist unmöglich. So auch das Licht der Kinder Gottes. Der Nachfolger von Jesus Christus, dem Licht der Welt. Der Apostel Paulus schrieb an die ersten Christen in Ephesus:

„Denn früher seid ihr zwar Finsternis gewesen, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn: führt euren Wandel als Kinder des Lichts – die Frucht des Lichts erweist sich nämlich in lauter Gütigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Epheser 5, 8+9).

Wenn wir den Hungrigen unser Brot brechen: Da strahlt Licht auf. Licht im Leben des Hungernden. Was für ein Licht der Hoffnung! Licht im gesamten Umfeld. Viele werden es sehen und staunen! Und Licht in deinem eigenen Leben, weil der Herr selbst sich zu dir und zu deinen Taten der Liebe stellt. Und wo der Herr ist, da ist Licht.

Wo der Stromkreislauf, in dem eine Lampe eingebaut ist, geschlossen ist und der Strom fließen kann, da wird es hell.

Wo der Kreislauf des Segens Gottes vom Empfangen zum Weiterreichen geschlossen ist, da funktioniert der Kreislauf des Segens. Da werden alle glücklich und da werden alle satt. Da bekommen alle ihr Recht auf Kleidung, Nahrung, Wohnung, Bildung.

Mit den Konfirmanden und Vorkonfirmanden haben wir das eingeübt, in diese Richtung aktiv zu sein. Letztes Wochenende haben wir zusammen mit der Dorfgemeinschaft Rehren Äpfel gesucht und geerntet und Apfelsaft gepresst. Den kann man heute hinten in diesen abgefüllten Beuteln gegen eine Spende für das Baho-Projekt in Burundi/Ostafrika erwerben. Dort werden einkommens-schwache Familien über die Partnerkirche unterstützt, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken können. Denn in Burundi muss man Schulgeld bezahlen, die Schüler müssen eine Schuluniform tragen, die angeschafft werden muss. Und dann sind da noch die Kosten für die Hefte, von Büchern ganz zu schweigen. Schulbücher gibt es nicht. Der Unterrichtsstoff muss von der Tafel abgeschrieben werden. Ein Hoffnungszeichen wollen wir setzen und meine Missionarskollegin Ina Schütte betreut das Projekt vor Ort.

Gottes Segen soll sich ausbreiten in dieser Welt. Und dabei setzt er auch seine Kinder mit ein, dass das geschieht. Dr. Rolf Sons schreibt zu unserm Bibeltext: „Eingeschlossen in diese Segensabsicht Gottes ist allerdings der Gehorsam. Mit der Gerechtigkeit Gottes beschenkt, soll Israel auch ein gerechtes Verhalten an den Tag legen.“ Ich würde übertragen auf uns Christen sagen: „Mit der Liebe Gottes in Jesus Christus beschenkt, sollen wir Taten der Liebe umsetzen.“ So wird auch heute der Kreislauf des Segens geschlossen und kann fließen. Mit dir eingebaut, mit mir ebenso eingebaut. Möge Gott uns die Augen öffnen, vielleicht gerade in der kommenden Woche, Menschen mit seiner Liebe zu erreichen sprich mit unserer Hilfe.

Ich schließe mit einem Psalmwort aus Psalm 50. Psalm 50 ist ja bekannt durch das starke Wort in Vers 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

Und dieser Psalm endet in Vers 23 mit folgenden Worten: „Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.“

Der Kirchenchor wird gleich das Lied singen: „Unser Lob soll laut erschallen, jeden Tag für Gott den Herrn.“ Das ist wie das tägliche Brot eine gute tägliche Übung, Gott zu loben.

Der Kreislauf des Segens Gottes – wir sind eingebaut. Nehmen wir die Herausforderung an und segnen andere – mit den Gaben, die Gott uns schenkt.

Amen.