Vom Himmel hoch

Gottesdienst am Sonntag, dem 16.12.2018

Thema: Vom Himmel hoch

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Jesaja 63,15-16.19

Liebe Gemeinde,

“Vom Himmel hoch…” So haben wir es eben gesungen. So lautet das Thema heute. “Vom Himmel hoch” hat man sicher eine ganz andere Perspektive auf diese Welt. Ich denke an ein Ereignis, was vor genau 50 Jahren die Welt bewegt hat. Im Dezember 1968 startete mit der Apollo-8-Mission der erste bemannte Flug zum Mond. Und dann – direkt an Heiligabend, am 24. Dezember 1968 wurde live eine Botschaft der Crew an die Erde gesandt. Atemlos lauschte die ganze Welt diesen Worten. Es war der Anfang der Schöpfungsgeschichte, der da vorgelesen wurde [Video 1]:

“Und für alle Menschen unten auf der Erde hat die Besatzung der Apollo 8 eine Botschaft, die wir euch senden möchten: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser, und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. …Und von der Besatzung der Apollo 8: Wir schließen mit einem Gute Nacht, Viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.”

Viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle. – Grüße im wahrsten Sinn des Wortes vom Himmel hoch!

Vom Himmel hoch, – es muss ja nicht gleich der Mond sein!, sieht die Welt ganz anders aus.

So wie bei dem Bilder-Quiz im Martins-Boten. Jemand, der sich wirklich gut in unseren Ortschaften auskennt, hatte ein wenig Mühe, diese Bilder zuzuordnen und sagte dann nur: “Aus der Luft sieht alles ganz anders aus.”

Hier sind einfach mal ein paar kleine Impressionen aus der Luft.

[Video 2]

Vom Himmel hoch… einen Blick auf diese Erde werfen. Das ist doch auch so eine uralte Sehnsucht. “Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein”, dichtet Reinhard Mey, “alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.”

Ehrlich gesagt: Manchmal geht es mir auch so: Da würde ich am liebsten einfach aufsteigen, weg von dem ganzen Gewusel und Stress, der an manchen Tagen da ist. Wenn ein Termin den andern jagt. Über den Wolken…Vom Himmel hoch eine ganz andere Perspektive gewinnen. Gerade die Adventszeit, die doch eigentlich eine Zeit der Besinnung, der freudigen Erwartung sein soll, ist ja so oft so hektisch. Und irgendwie scheint’s mir dies Jahr, wo die Adventszeit so kurz ist, besonders hektisch zu sein. Also, zumindest geht’s meiner Frau und mir so, dass wir noch nicht so richtig in der Adventsstimmung angekommen sind.

Mir geht es tatsächlich so, wie bei diesem Adventstext, den wir vorhin gehört haben. Am Anfang, wo der Text zuerst gelesen wurde, hieß es ja:

“Advent heißt Warten. Nein, die Wahrheit ist, dass der Advent nur laut und schrill ist. Ich glaube nicht, dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann… “

Wir sehnen uns manchmal danach zu fliegen, weg zu kommen, völlig losgelöst von der Erde, von allen Problemen, Sorgen und Stress. Völlig schwerelos. Alles Schwere los. Von unten nach oben. Aber an Weihnachten passiert genau das umgekehrte: Gott kommt vom Himmel hoch herunter in unseren Schlamassel. Von oben nach unten.

Unser Problem ist nur: Wie und wo wird das erfahrbar? Die uralten Worte aus dem Volk Israel, die wir bei Jesaja finden, die wir vorhin gehört haben, die zeigen uns die Situation von Menschen, für die der Himmel weit weg ist. Und Gott noch weiter. Verborgen. Fremd. Fern. Die Worte gehören zu einer schlimmen Zeit der Bedrohung durch Feinde, vielleicht auch schon auf die Zeit, in der Israel nach Babylon verschleppt war. Aber es sind genau die Worte, die auch Menschen unserer Zeit haben können in schwierigen Lebenssituationen. In einer schlimmen Krankheit, oder wenn eine Beziehung, um die man lange gekämpft hat, doch in die Brüche gegangen ist, oder wenn ein Kind sich ganz anders entwickelt, als man es sich vorgestellt hatte. Es sind Worte voller Zweifel und Verzweiflung, wenn Gebete nicht erhört wurden:

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Was für ein Schrei! Gott, wo bist du denn? Du in deinem Himmel, der so weit weg von meiner Lebensrealität ist. Deine heilige, herrliche Wohnung, irgendwo hinterm Sternenzelt, wie Schiller dichtet in der Ode an die Freude: “Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.” Irgendwo, weit weg.

Wo ist nun deine Macht? fragt Jesaja. Das hab ich mich auch schon oft gefragt, wenn Gebete nicht erhört werden. Warum greifst du denn nicht ein?

Und die “große, herzliche Barmherzigkeit”, von der der Beter hier spricht – die ist für ihn gar nicht erfahrbar. “Sie stellt sich hart gegen mich.” Sie scheint nur blanke Theorie. Eine fromme Phrase, oft gehört, der “liebe Gott im Himmel”.

Aber der Himmel scheint so weit weg, weiter als der Mond, den immerhin Apollo 8 erreicht hat.

Ich finde schon mal tröstlich, dass die Bibel uns nicht irgendwelche Glaubenshelden vor Augen malt, die immer unerschütterlich an ihrem Gott festhalten.  Sondern Menschen, die mit Gott ringen und hadern. So wie Arne Kopfermann, der ja vor einiger Zeit in unserer Gemeinde war und in Liedern und Texten davon erzählt hat, was der Tod seiner Tochter mit seinem Glauben gemacht hat. Letzte Woche erst las ich in der christlichen Zeitschrift “Pro” einen Bericht über Arne Kopfermann. Darin hieß es einleitend: “Ein Autounfall veränderte Arne Kopfermanns Leben. Seit seine kleine Tochter dabei starb, gibt es für ihn keinen ‘guten Kumpel Gott’ mehr.” Und Kopfermann bekennt ehrlich: “Der nahbare Gott ist phasenweise in weite Ferne gerückt.”

Und doch – es ist bewegend, wie er sich dennoch immer wieder an Gott als seinen Vater klammert. So wie Jesaja hier in unserem Predigttext.

16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Er erinnert sich an die alten Erzählungen, an die alte Geschichte, an Vater Abraham, an die Ursprünge Israels. So wie wir uns vielleicht manchmal an alte Zeiten erinnern, im Kindergottesdienst, an unseren alten Kinderglauben. Wo alles so einfach war, so selbstverständlich. Wo die Welt so leicht in schwarz und weiß, in gut und böse aufzuteilen war. Und der liebe Gott einfach immer da war und die Antwort auf alle offenen Fragen. Doch manchmal wird dieser Kinderglaube erschüttert. Und Abraham hilft uns heute auch nicht weiter. Der Glaube der Eltern oder Großeltern reicht dann nicht mehr. Der Glaube “aus der Konserve” macht dann nicht satt, wenn Gott nicht mehr die Antwort ist, sondern selbst die Frage.

Doch wie gut, wenn wir wenigstens unsere Fragen und auch unsere Klagen gen Himmel schreien können! Und so hat es auch Arne Kopfermann erlebt. Und dann fängt er an, den Glauben ganz neu und anders zu lernen. Er sagt: “Meine Hilflosigkeit angesichts der Größe Gottes ist mir sehr bewusst. Ich muss wieder lernen, vertrauensvoll wie ein Kind zu leben, weil mir neu deutlich geworden ist, dass ich die Zusammenhänge auf dieser Welt nicht durchschaue. Gott weiß, ich nicht.”  So wie auch Jesaja trotzig festhält:

Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Und schon im nächsten Moment scheint der Glaube wieder zu wanken:

19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Also, es ist das Gefühl da: Ach, das mit dem Christsein – ist das vielleicht doch nur Einbildung? Was hat sich denn wirklich geändert? Und dann dieser Wunsch, dieser Ausruf, dieser Schrei zum Himmel, der durch Mark und Bein geht.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!

Der Wunsch, dass Gott doch herabkommen möge, hier auf die Erde, hier in unsere Not. Und dann kommt das, wovon ein Jesaja nur träumen konnte: Weihnachten! Der Himmel zerreißt! Der große Gott kommt runter. Weil er sieht, wie oft wir uns danach sehnen, abzuheben, von unten nach oben zu kommen, frei zu werden, alles mal von oben zu sehen. Darum kommt er von oben nach unten, um alles mal von unten zu sehen.

Er wird Mensch in diesem Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes. Vom Himmel hoch da komm ich her. So singt es der Engel in der Weihnachtsgeschichte und in Martin Luthers Weihnachtslied, das wir eben gesungen haben, und beschreibt damit den Weg, den Gott selbst nimmt. Luther hat zu seinem Lied selbst die Melodie komponiert. Und da bringt er es auch klanglich zum Ausdruck: Die ganze Tonleiter steigt der Engel herab. Vom hohen C zum tiefen C. Von der Herrlichkeit des Himmels in den Stallmist von Bethlehem – tiefer kann man nicht sinken! Gott will uns sagen: Du kannst niemals so tief sinken, als dass ich nicht noch bei dir wäre!

Das ist Advent. Advent heißt ja zuerst mal “Ankunft”. Das Gott vom Himmel hoch herabkommt und ankommt. Auf dieser Erde. Aber das war vor über 2000 Jahren. Vielmehr kommt es darauf an, dass er vom Himmel hoch heute ankommt, bei uns. Dass Jesus ankommt bei uns.

Viele Menschen haben kein Problem damit, zu glauben, dass es einen Gott gibt, im Himmel hoch. Neulich erst sagte mir einer bei einem Taufgespräch: Ja, Herr Pastor, das glaub ich schon, dass es irgendein “höheres Wesen” gibt. (Der alte Pastor Kemner sagte da immer: “Die Katze auf dem Dach ist auch ein höheres Wesen.”) Aber dass dieser Gott etwas mit uns zu tun haben will, vom Himmel hoch herabkommt, dass fällt uns oft so schwer zu glauben und zu erleben. Jesaja sagt: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!

Genau diesen Wunsch erfüllt Gott. Wenn wir uns von ihm geliebt wissen, dann reißt der Himmel auf, und die Berge fangen an zu “zerfließen”. Nicht so spektakulär, nicht so für alle Welt sichtbar. Aber diese unsichtbaren Berge, die wir alle kennen. Berge von Sorgen, Berge von Hass und Wut, Berge von Schuld. Das geht nicht so mit Fingerschnipsen. Und manchmal verschwinden diese Berge gar nicht, und dann haben wir nicht den Eindruck, dass der Glaube Berge versetzen kann. Aber im Vertrauen darauf, dass Jesus mit uns geht, dass er uns Kraft gibt, dass er uns beisteht, können wir durchaus auch manchen Berg erklimmen.

Vom Himmel hoch kommt die Kraft in unsere Tiefe.

Die Weihnachtsgrüße von Apollo 8 waren beeindruckend. Die haben daran erinnert, dass Gott aus der Finsternis, die über der Tiefe war, Licht macht. Es werde Licht und es ward Licht. Das geschieht auch heute. Das geschieht auch bei uns, wo Jesus bei uns ankommt.

Darum können wir uns mit der Crew von Apollo 8 wünschen: Fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.

Amen