Das Geheimnis der Heiligen Nacht

Gottesdienst zur Christnacht am Montag, dem 24.12.2018

Thema: Das Geheimnis der Heiligen Nacht

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Timotheus 3,16

Liebe Gemeinde,

das “Geheimnis der Heiligen Nacht” – so die Überschrift über diesem Gottesdienst zur Christnacht. Geheimnisse sind ja immer spannend und faszinieren Menschen von jeher. Heute Abend wurde so manches Geheimnis gelüftet. Bei uns z.B. wurde in der Adventszeit in der Familie gewichtelt. Jeder hat einen Namen gezogen und heimlich hat man sich dann immer wieder kleine Überraschungen geschenkt. Aber keiner wusste, von wem er bewichtelt wurde. Das war ein großes Geheimnis, das nun endlich gelüftet wurde.

Doch haben wir auch das eigentliche, tiefste Geheimnis der Heiligen Nacht entdeckt?

Das Wort “Geheimnis” hat übrigens Martin Luther in die deutsche Sprache eingebracht. Und zwar bei der Übersetzung einer Mini-Weihnachtsgeschichte, die Paulus an seinen Freund Timotheus schreibt: Eigentlich sind es nur 2 Sätze. In 1. Tim. 3,16 steht: Groß ist das Geheimnis des Glaubens: Jesus Christus ist offenbart im Fleisch, anders gesagt: In Jesus Christus ist Gott in die Welt gekommen als ein Mensch. Punkt. Fertig ist die kurze Weihnachtsgeschichte des Paulus. Das also ist das Geheimnis der Heiligen Nacht! Dieses Geheimnis wollen wir noch besser entdecken, verstehen, erleben, spüren, mitnehmen. Dazu schlagen wir erst mal nach, was das Wort “Geheimnis” eigentlich bedeutet und finden  folgende Erklärungen:

1.: etwas, was geheim bleiben soll (“ein ängstlich gehütetes Geheimnis”) – Das kann ja überhaupt nicht zutreffen! Denn  das Geschehen von Weihnachten soll ja überall bekannt werden und wird ja auch auf der ganzen Welt gefeiert. Die Hirten haben ja gleich allen weitererzählt, was sie erlebt haben: Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.”

2. “Geheimnis”: etwas, was nur Eingeweihten bekannt ist (z.B. “jemanden in die Geheimnisse des Schachspiels einweihen”). Das passt vielleicht schon besser. Denn beim Glauben muss man schon eingeweiht werden. Dazu gibt es ja die Bibel, dazu schenkt Gott uns auch seinen Heiligen Geist, dazu ist es gut, sich mit anderen Christen auszutauschen. Man sagt so: Jeder hat seinen Glauben! Ja, das stimmt zwar. Aber wer sagt uns denn, dass dieser Glaube zu dem passt, woran wir glauben – zu Gott? Dass wir uns nicht irgendwas einbilden? Und dann heißt es nicht mehr wie in der Schöpfungsgeschichte: “Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde”, sondern: “Und der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bilde.”Nein: Gott muss uns schon einweihen, was Glaube ist. Die Bibel sagt dazu: offenbaren.

Aber auch die letzte Bedeutung passt wirklich gut:

3. “Geheimnis” heißt: etwas Unerforschtes oder Unerforschbares, z.B. “das Geheimnis des Lebens, des Glaubens”.

Ja, was da an Weihnachten geschieht, ist wirklich unbegreiflich, unerforschlich! Einfach nur zum Staunen. Wir können uns nur ein bisschen herantasten. Vielleicht mit dieser Bildcollage hier von Christel Holl.

Hoppla, was ist das? Eine heruntergekommene Seitengasse in irgendeiner Stadt? Mit vollen Müllcontainern? Da gucken noch die hässlichen Plastikmüllsäcke raus. Die Farben: kalt, dunkel, trist. Ein bisschen blauer Himmel schimmert zwischen den Hausfassaden, von denen schon der Putz abblättert, durch. Vielleicht doch noch ein bisschen Hoffnung, aber nur, wenn man zum Himmel guckt.

Warum dieses Bild heute Nacht? So gar nicht weihnachtlich, so gar nicht gemütlich, so gar nicht romantisch, kein Tannenbaum, kein Kerzenschein, kein Festtagsbraten. In den Müllcontainern vielleicht die Reste von Weihnachten? Aber das wäre doch ein bisschen wenig, wenn von Weihnachten nur Müll übrigbleibt und Tristesse?

Was soll die Provokation heute Nacht? Es gehört zur Wahrheit von Heiligabend dazu, dass dieser Abend für viele kein schönes Erlebnis ist. Heute Morgen erst habe ich in den Schaumburger Nachrichten eine Reportage gelesen unter der Überschrift: “Rohe Weihnachten”, über eine junge Frau Patricia, die  vor 5 Jahren am Heiligabend die Entscheidung traf, von zu Hause abzuhauen. Da war sie 16. Als Patricia , ihr Bruder und ihr Vater vom Heiligabendgottesdienst nach Hause kommen, stehen Tiefkühlflammkuchen auf dem Tisch. Nicht das übliche festliche Weihnachtsessen mit Ente und allem Pipapo. Das würde es erst später geben, aber nicht für sie. Die Ente würden Vater, Stiefmutter und Stiefschwester allein essen, während Patricia und ihr Bruder in ihren Zimmern sitzen. Nur einmal würden sie noch runterkommen dürfen, fix die Geschenke holen, dann wieder hoch. So will es die Stiefmutter: unten die neue Familie, oben die Schuldigen, die weinen, weil sie nicht  wissen, warum sie schuldig sind. Für Patricia war der Heiligabend seit Jahren der Schreckenstag schlechthin. Sie wächst behütet auf, bis ihre Mutter an Krebs stirbt. Der Vater findet eine neue Freundin. Patricia bekommt eine Stiefmutter, da ist sie 5 Jahre alt. Es gibt in den nächsten Jahren allmählich immer mehr Stress zu Hause. Denn irgendwas macht sie für die neue Mutter immer falsch. Dann muss sie allein im Zimmer sitzen und selber überlegen, wofür sie wohl bestraft wurde und das aufschreiben. Als sie 8 Jahre alt ist, sitzt sie mal allein da und schreibt mögliche Sünden auf, bis 1 Uhr in der Nacht. Errät sie ihre Schuld nicht, muss sie am nächsten Tag weiterraten. Und nun, Heiligabend 2013, mit 16, hält sie es nicht mehr aus. Sie haut ab.

Patricia ist kein Einzelfall. Viele Menschen, nicht nur Kinder und Jugendliche, auch Erwachsene, fühlen sich unerwünscht, überflüssig, abgelehnt, heimatlos, chancenlos, sinnlos. Wie Müll in der Straßenecke. Und manch einer entdeckt in dunklen Momenten, wie die Fassade einer heilen Welt längst abgeblättert ist. So wie diese alten Häuser auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Irgendwann merkt es der Ehepartner, die Familie, die andern…

Und die vielen unter uns, denen es Gott sei Dank anders geht? Die einen wunderschönen Heiligabend verbracht haben und nun hier sind, um ihn ein wenig besinnlich ausklingen zu lassen? Zu denen ich auch gehöre… Doch manchmal kenne ich auch Situationen, wo ich mich in diesem Bild wiederfinde! Wo ich auch in meinem Leben Müll entdecke, Seelenmüll. Enttäuschung, Erschöpfung, Überforderung, Fehler, Versagen, schlechte Gedanken, Erwartungsdruck, Versäumnisse gegenüber Partner oder Kindern. Kennen Sie das auch?

Und das ist das Geheimnis von Weihnachten? In gewisser Weise ja: Denn genau in diese Welt kommt Gott! Der Stall von Bethlehem, das war auch nicht idyllischer und romantischer und festlicher als diese Seitengasse! Die Hirten auf dem Felde waren auch nicht angesehener als die Gestrandeten und Zerbrochenen unserer Gesellschaft. Und wir sehen schon auf diesem Bild: Da fehlt noch was! Da ist noch ein Geheimnis!

Schauen wir nach, was die Künstlerin sich da gedacht hat…

Was für eine Veränderung! Was für ein Glanz kommt in dieses Bild!

Maria ist da. Und das Kind in ihren Armen. Die Künstlerin verwendet echtes Blattgold. Und wie eine Lichtwolke breitet sich dieser Glanz von diesem Kind, in Windeln gewickelt, durch die ganze Straße aus. Und erleuchtet die Dunkelheit. Und das ganze Gesicht von Maria wird erhellt. Ja, Maria, der ging es doch auch nicht besser als Patricia. Sie war noch keine 16 Jahre alt. Als unverheiratete Schwangere galt sie damals als gesetzlos, und mit Josef war sie in Bethlehem heimatlos. Ganz am Rande, auf dem kalten Kopfsteinpflaster sitzt sie hier. Doch von diesem Kind, diesem Jesus, diesem Heiland der Welt geht eine Liebe, eine Wärme, ein Glanz aus, der sich einfach ausbreitet! Denn nicht nur Maria, auch die Hirten und alle, die zur Krippe kommen, merken es: Gott hat uns nicht vergessen, Gott lässt uns nicht allein, Gott hat uns in sein Herz geschlossen. Darum kommt er in Jesus zu uns. Als Freund, als Bruder, und auch als Mutter für die, die keine Mutter mehr haben, und als Vater, und als Retter.

Und damit er überhaupt Platz in unserm Leben hat, nimmt er uns auch etwas weg. Den Müll unseres Lebens, unsern Seelenmüll. Jesus ist Gottes Müllabfuhr. All die bösen Worte, die gleichgültig unterlassenen Hilfeleistungen, die neidvollen Gedanken, die bittere Wut… Das können wir beim ihm ausleeren. Vielleicht sogar noch heute Nacht in einem Gebet vor dem Schlafen gehen. Damit Platz ist für den göttlichen Glanz des Friedens. Das ist das Geheimnis der Heiligen Nacht!

Noch ein Geheimnis am Schluss: In dem Wort Geheimnis steckt auch das Wort “Geh!”und wenn man anders hinschaut in das Geheimnis, auch das Wort “heim”. Geh heim! Geh heim zum Vater, zu deinem himmlischen Vater. Er wartet schon auf dich.

Patricia übrigens geht auch heute heim. Zum ersten Mal seit 5 Jahren zurück zu ihrer Familie. Aber als eine andere, eine neu gewordene Frau. Sie hatte zwischenzeitlich Heimat im christlich geprägten Strüverhof in Raum Dortmund gefunden, ein Bauernhof mit Wohngruppen für Jugendliche. Konnte sogar ihr Fachabi nachholen mit 1,8. Vielleicht hat sie da schon gespürt, dass Gott sie nicht vergessen hat. Dass Jesus auch ihr Freund sein will. Vielleicht hat sie es entdeckt, das Geheimnis der Heiligen Nacht.

Entdecken wir es, das Geheimnis der Heiligen Nacht?

Amen.