Das große Einmaleins

Festgottesdienst zur Verabschiedung des bisherigen und Einführung des neuen Kirchenvorstandes am Sonntag, dem 17.06.2018

Thema: Das große Einmaleins

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 Text: Epheser 4,1-6

Liebe Gemeinde,

das kleine Einmaleins ist ja wirklich eine absolut grundlegende Sache in der Mathematik. Damit sollte man früh anfangen. Ich werde nie vergessen, als wir vor Jahren mal im Hause Gümmer, bei unserm lieben Kirchenvorsteher Jens, eingeladen waren. Der kleine Hannes Gümmer war vielleicht gerade mal 2 Jahre alt oder noch nicht mal. Jedenfalls hatte er gerade sprechen gelernt. Da sagte die stolze Mama Margit doch allen Ernstes zu dem Kleinen: “So, Hannes, jetzt sag doch mal dem Pastor: Wie viel ist 4:2?” Die Antwort kam prompt: “2”. Christiane und ich waren perplex. Doch es kam noch besser. “Wie viel ist 25:5?” – “5”. Unglaublich! So ein kleiner Bengel beherrscht das Einmaleins? Bis wir gecheckt hatten, dass er einfach immer nur das letzte Wort wiederholt hat.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht, das kleine Einmaleins. Noch schwieriger ist das große Einmaleins.
Besonders schwierig ist das Einmaleins des Paulus, das er uns heute Morgen vorlegt und das wir vorhin gehört haben. Wieso eigentlich “Einmaleins”? Keine Angst, es geht heute nicht um Mathe. Es ist vor allem dieses Wörtchen “eins”, das heute im Fokus ist. Und genau genommen müsste man sagen: Es geht um das große “Siebenmaleins”. 7 mal kommt die Eins hier vor: Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater…

Offensichtlich ist dem Paulus die Einheit der Gemeinde ein ganz besonderes Anliegen. Und er sagt: Das müsst ihr lernen. Das ist das Einmaleins der Gemeinde. Auch für uns in Hohnhorst, auch für den Kirchenvorstand.

Paulus wählt 7 zentrale Begriffe, die die Einheit zum Ausdruck bringen. 7 ist in der Bibel häufig die Symbolzahl der Vollkommenheit. Offensichtlich ist die Grundlage für die Einheit der Gemeinde vollkommen.

Aber in der Realität sieht man diese Einheit oft nicht. Da gibt es auch unter Christen viel Streit. Man hat unterschiedliche Ansichten und Prägungen. Soll man lieber Kleinkinder taufen oder nur Menschen, die ihren Glauben schon selber bekennen können? Kann man als Christ Soldat sein oder nicht? Wie sind die Aussagen der Bibel zur Ehe und Sexualität für uns heute zu verstehen? Wie modern sollen unsere Gottesdienste sein? Welchen Raum sollen in der Verkündigung auch unbequeme Themen wie “Sünde”, “Gericht Gottes” und “das Verlorensein ohne Christus” haben? Gewichtige Fragen, über die die Meinungen auseinander gehen. Natürlich nichts gegen die alles entscheidende Frage: Welche Farbe sollen die neue Vorhänge im Gemeindehaussaal haben? Ach, und so vieles würde uns noch einfallen – wo von Einheit der Christen nichts zu sehen ist. Weder in einem Kirchenvorstand noch in der großen Christenheit mit den unzähligen Spaltungen und Konfessionen. Katholiken, Altkatholiken, Lutheraner, Reformierte, Pfingstler, Baptisten, Methodisten, Adventisten und und und.

Mir kommt die Christenheit vor wie ein riesiges Puzzle, das man auspackt. Man weiß: Irgendwie soll es ein großes Ganzes ergeben. Ein einziges schönes Bild. Diese vielen Teile sollen einmal eins sein. Aber im Moment sieht man nur ein riesiges Durcheinander. Unzählige kleine Teilchen. Wie sollen die nur alle zusammen passen!

Die Mama von der 12jährigen Claudia ist ganz stolz und gibt bei ihren Kolleginnen an: “Meine Tochter Claudia ist ja so ein gescheites Kind! Die hat jetzt nach 4 Monaten ein Puzzle fertig bekommen!” – Die andern: “Na und?” Die Mama: “Ja, hört mal! Das ist unglaublich! Auf der Packung stand drauf: 3-4 Jahre!”
Aber beim Puzzle “Christenheit” ist man schon seit 2000 Jahren am puzzeln. Und die Einheit ist immer noch nicht zu erkennen. Zur Zeit des Paulus war es nicht viel anders. Auch damals gab es Konflikte, Krisen, Katastrophen in den noch jungen Gemeinden. Spannungen und Spaltungen. Was sagt uns Gottes Wort dazu? Wie werden wir eins? Folgende Aspekte dazu:

Was ist meins? Was ist seins? Das macht eins!

1) Was ist meins?
Es ist auffällig, dass die Einheit der Gemeinde in diesen Versen eigentlich von zwei verschiedenen Perspektiven her betrachtet wird: Was ist unser Part? Was ist Gottes Part? Und Paulus beginnt diesen Abschnitt mit der menschlichen Seite. Mit unserm Beitrag. Was ist meins? Was ist meine Aufgabe, mein Anteil an der Einheit? Er beginnt mit einem Wort, dass wir alle nicht gern hören: “So ermahne ich euch nun…” Nicht nur Kinder finden das doof. Und wenn in einer Predigt irgendwas in diese Richtung geht, dass etwas von uns gefordert wird, dass Gott etwas von uns will, dass sich was ändern muss… Dann kommt sehr schnell der Verdacht: Oh, das ist aber gesetzlich! Das hören wir nicht gern. Und doch: gehört es zur Liebe Gottes dazu! Stellt euch Eltern vor, die ihre Kinder niemals ermahnen würden, die alles durchgehen lassen, keine Grenzen setzen… Grausam. Weil so lieblos! Wir Menschen und auch wir Christen brauchen auch mal Ermahnung, liebevolle Ermahnung. Weil eben nicht alles so toll läuft bei uns. Allerdings ist das griechische Wort für Ermahnung hier sehr spannend. Es bedeutet zugleich auch “Ermutigung”. Es kann sogar “trösten” meinen.

Paulus nun ermahnt die Christen zur Einheit. Und er sagt dies sogar mit einem besonderen Nachdruck: Er tue dies als “Gefangener im Herrn”, als jemand, der gerade für Jesus im Knast sitzt. Der selber seinen Glauben mit ganzer Hingabe lebt. Alles für Jesus gibt. Was ist uns der Glaube wert?

Und dann führt er den Inhalt der Ermahnung aus. Bevor er auf den Punkt des Einsseins kommt, sagt er erst mal: “Ich ermahne euch, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid.” Er erinnert uns daran, was wir als Christen sind: Nämlich geliebte Kinder Gottes! Das ist unsere Berufung! Das ist unsere Würde, das ist unser Programm! Und nun – so sagt er – nun lebt auch so! Das also ist mein Auftrag, meine Aufgabe! Das ist meins: Mich an meine Berufung erinnern zu lassen. Mein Leben, mein Bemühen macht mich nicht zu einem Kind Gottes. Sondern Gott macht mich dazu. Aber wenn ich ein Kind Gottes bin, dann will ich auch versuchen dementsprechend zu leben. Und wie sieht das aus? Paulus wird ganz konkret: in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe. Puh! Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe! Das ist herausfordernd. Im normalen Leben genauso wie in einem Kirchenvorstand. Auch ihr Kirchenvorsteher habt eine Berufung erfahren. Und auch hier ist die Frage: Was ist meins? Demut? Mir selber fällt Demut besonders dann schwer, wenn ich von einer Sache, von einer Meinung zutiefst überzeugt bin und es nicht verstehen kann, wie ein anderer das anders sehen kann. Dann meine ich: Das muss der doch kapieren! So blöd kann man doch nicht sein! Und schon erhebe ich mich und komme ins Urteilen oder Verurteilen. Halt! So nicht! Lebt Demut. Das bedeutet: Erkennt, dass eure Erkenntnisse vorläufig sind. Bedenkt, dass ihr irren könnt. Und selbst, wenn ihr euch auf die Bibel oder den Heiligen Geist beruft, bedenkt: Ihr seid immer noch Menschen, die sowohl die Bibel als auch die Stimme des Heiligen Geistes womöglich auch mal falsch verstehen können. Und oft genug gewinnen wir unsere Überzeugung ja gar nicht aus der Bibel, sondern lassen uns vielmehr von unserm Geschmack oder unserer Prägung leiten. Das ist meins: Demut lernen! Und in einem Atemzug kommt Sanftmut. Selbst wenn du Recht hast und dein Argument richtig ist – bleibe ruhig, sanftmütig, freundlich! Am Ende des Kapitels sagt Paulus ganz konkret: “Mit Bitterkeit, Wutausbrüchen und Zorn sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Schreit einander nicht an, redet nicht schlecht über andere und vermeidet jede Feindseligkeit.” (V.31) Wenn ich so auf unsere Kirchenvorstandssitzungen der letzten Jahre zurückschaue, muss ich selbstkritisch feststellen: Manchmal ist uns das nicht gelungen. Und ich möchte euch Kirchenvorsteher auch um Vergebung bitten, wo auch ich womöglich unbewusst jemanden verletzt habe. Geduld brauchen wir, sagt Paulus. Hier steht wörtlich: Einen langen Atem haben! Ja, das braucht man schon in diesem Amt. Einen langen Atem. Sei es beim Gemeindehausrenovieren, sei es bei Veränderungen, die wir uns wünschen. Sei es einfach im Umgang miteinander. Wir sind so verschieden und darum ergänzt Paulus: Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.

Einer den andern ertragen, aushalten. Das kann schwer fallen, wenn uns jemand so nervt, wenn uns jemand wütend macht! Aber mir hilft dabei immer wieder zu unterscheiden zwischen Person und Sache. Es heißt nicht, dass wir alles widerspruchslos hinnehmen sollen, was andere sagen und meinen. Nein! Wir dürfen auch diskutieren, streiten, ringen. Es heißt aber, den andern in seiner Person achten, ertragen. Das ist anstrengend. Aber das weiß Paulus auch. Er sagt: “Seid darauf bedacht!” Wörtlich: “Bringt allen Fleiß dafür auf”, das zu leben, was eure Berufung ist: Einheit im Geist. Aha, und jetzt schimmert durch, dass letztlich bei allem Bemühen, bei allem, was meins ist, letztlich ein anderer der Garant der Einheit ist: Gottes Geist.

2) Was ist seins?
Jetzt entfaltet Paulus, was schon lange da ist! Nachdem wir bislang den Haufen Puzzleteile gesehen haben, zeigt er uns nun das fertige Bild! Und das ist ja schon da, auf allen Puzzleteilen, auf jedem Einzelnen ist bereits ein Teil des fertigen Bildes aufgeprägt. Das heißt: Auch wenn uns manchmal die Phantasie fehlt, die Einheit zu sehen, sie ist bereits da! Und Paulus zählt sie auf – das große Siebenmaleins:

Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater…

Das alles ist seins! Das hat er der Gemeinde geschenkt!

Ein Leib: Damit erinnert er daran, dass wir alle durch den Glauben zum Leib Christi gehören, in aller Vielfalt und Verschiedenheit – wie die einzelnen Körperteile alle ihre Funktion haben und alle zum Körper gehören, so auch wir. Lernen wir das doch endlich, das auszuhalten und den ganzen Leib zu sehen! Nicht nur unsere Generation, unseren Kreis, unsere Interessen, sondern die ganze Gemeinde! Paulus macht klar: Wir sind ein Leib, ganz gleich, ob wir das sehen oder nicht. Denn wir sind durch einen Geist zum Glauben geführt worden, durch den Heiligen Geist. Und wir haben eine Hoffnung. Wieso nur eine Hoffnung? Wir haben doch viele Hoffnungen und Wünsche – oder? Nachher beim Empfang werden wir auch Hoffnungen der Kirchenvorsteher hören. Aber es geht hier um die eine, zentrale Hoffnung, die unsern Glauben prägt und trägt: die Hoffnung auf die künftige Herrlichkeit, auf das ewige Leben! Die verbindet uns! Denn wir haben einen Herrn. Das ist Jesus Christus! Und hier merken wir schon: Einheit heißt nicht Beliebigkeit. Wir können sicher mit den meisten Menschen gute Gemeinschaft haben, sogar Freundschaften. Mit Atheisten, mit Moslems und mit wem auch immer. Aber geistliche Einheit – das geht nur mit Jesus Christus, mit dem wir durch Glauben und Taufe verbunden sind. Durch den Glauben, dass er für unsre Sünden am Kreuz gestorben und für unsre Rettung auferstanden ist. Diese Inhalte sind nicht verhandelbar. Denn die gehören zum fertigen Bild des Puzzles. Und wenn Puzzleteile im Haufen sind, die dieses Bild nicht tragen, dann mögen das zwar auch schöne Puzzleteile sein, aber sie werden am Ende schlichtweg nicht ins Bild reinpassen. Und nur durch Jesus haben wir auch den einen Gott zum Vater. Wobei wir nie vergessen sollen: Er ist es, der das fertige Bild sieht und kennt und die Puzzleteile legt. Nicht wir. Das größte Puzzle der Welt wurde übrigens 2008 erstellt, mit sage und schreibe 1.034.378 Puzzleteilen. Natürlich in Ravensburg. Das Puzzle der Gemeinde hat noch viel mehrTeile, und es wir seit 2000 Jahren dran gepuzzelt! Aber am Ende wird es ein wunderschönes Bild ergeben, das jetzt schon da ist! Und jedes Teil ist wichtig! Auch du. Auch ich.

Was ist seins? Ich finde: Es ist sehr viel. Es ist genug! All das, was Kinder Gottes gemeinsam haben, was von ihm, von Jesus selbst kommt, reicht aus für eine wunderbare Einheit – ganz gleich, ob wir sie sehen oder nicht. Wir sollten bereit sein, uns von ihm zu diesem Puzzle zusammen setzen zu lassen.

Was ist meins? Das fleißige Bemühen um Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe, Frieden! Was ist seins? Das Entscheidende, das große Siebenmaleins.

So heißt das Ergebnis der höheren Glaubensmathematik:

3) Das macht eins!
Ich schließe mit den weisen Worten von den großen Kirchenvater Augustinus, die auch für unsern künftigen Kirchenvorstand wie ein Leitbild sein können und sollen:

Im Wesentlichen Einheit,
im Unwesentlichen Freiheit,
in allem die Liebe.

Amen.

EPHESER 4
1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,
2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe
3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;
6 ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

 

 

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