Dankbar

Gottesdienst am Sonntag, dem 22.04.2018

Thema: Dankbar

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 92

 

Liebe Gemeinde,

kennen Sie Herrn Fischer? Nein, ich meine nicht Dr. Harry Fischer, sondern Artur Fischer, den großen schwäbischen Erfinder, Tüftler und Unternehmer. Vor 2 Jahren ist er gestorben. Und er ist trotzdem in jedem Haus. Nicht er selber, sondern seine Erfindung. Der Dübel! Aber der Dübel ist nicht alles. In seinem Leben hat er mehr als 1.100 Patente angemeldet. Viele erinnern sich z.B. auch noch an ihre Kindheitserlebnisse mit Fischertechnik-Baukästen. Weniger bekannt als seine vielen Erfindungen sind die 8 Lebensgrundsätze von Artur Fischer: “Wer bin ich?”, “Was kann ich?” und als letztes und Wichtigstes nennt er: “Wem habe ich zu danken?” Und dazu sagt er: “Was wir uns in vielen Fällen selbst zuschreiben, ist gesteuert durch die Schöpfungskraft unserer Seele und kommt von Gott.”

Für Artur Fischer war klar: 1) Nichts ist selbstverständlich, 2) Auch alles, was ich durch menschliche Leistung, Erfindungsreichtum, Kreativität, Kraftanstrengung, Willen zum Erfolg, Klugheit erreiche, ist letztlich nicht mir selbst zu verdanken, sondern kommt von Gott. Und ihm gilt es dafür zu danken.

Und damit ist er ganz auf einer Linie mit unserem Psalm 92. Hören wir nochmals den Anfang.
2 Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

So heißt es in der Lutherübersetzung. Und ich finde das klasse, dieses “ein köstlich Ding” – Denn “köstlich”, so sagen wir ja, wenn uns was richtig gut schmeckt! Hm, dieses Schnitzel mit dem frischen Spargel in hausgemachter Sauce Hollandaise – einfach köstlich! Diese leckere Torte mit Stachelbeeren, Sahne und Baiser – einfach köstlich! Ich hör jetzt lieber auf damit, sonst kann kein Mensch mehr zuhören, weil einem das Wasser im Mund zusammenläuft. (Nachher gibt’s auch leckere Sachen…) Aber so köstlich sieht unser Psalmbeter es an, Gott zu danken! Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken.
Für ihn ist Dank keine reine Pflichterfüllung. So wie ein Kind lernen muss: gib die Hand, schau dem andern in die Augen, sag schön Danke! – Also, sei ein braver Christ, sag schön Danke an Gott! Okay, abgehakt: Tischgebet, Gute-Nacht-Gebet, fromme Pflicht erfüllt.

Nein, für den Psalmbeter ist Dank ein Genuss. Es ist köstlich! Ein köstlich Ding! Etwas, was richtig gut tut.
Das find ich spannend. Warum ist der Dank an Gott gut? Und zwar nicht nur gut, weil Gott Freude an unserem Dank hat, sondern auch für uns selbst gut, köstlich – warum? Antwort: Dankbar sein hat wunderbare Auswirkungen! 4 Auswirkungen sind direkt in diesem Psalm zu entdecken.

1) Dankbar sein führt zum Lobpreis
2 Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

Danken und singen gehört einfach zusammen. “Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht dankbar sein?” haben wir gerade gesungen. Das Singen für Gott, Lieder des Glaubens, Lobpreis, Musik ist schon immer ein wichtiger Bestandteil des Glaubens gewesen.

Wenn man dankbar ist, möchte man seinem Dank Ausdruck verleihen – und das geht manchmal am besten durch ein Loblied und durch Musik. Denn Musik berührt Bereiche in unserer Seele, die bloße Worte nicht erreichen. Und so ist Musik eine geniale Gabe Gottes, mit der wir ihn loben und selber dabei Freude haben können. “Eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes ist die Musik, damit man viel Anfechtung und böse Gedanken vertreibt”, sagt Martin Luther. Nun gibt es Leute, die singen einfach nicht so gern, oder treffen nicht immer den richtigen Ton, das geht mir zum Beispiel manchmal so, aber das macht beim Lobpreis für Gott nichts. Paul Gerhardt sagt mal: “Ich singe dir mit Herz und Mund.” Also, noch wichtiger als das, was aus dem Munde klingt, ist das, was im Herzen singt!

Dankbar sein führt zum Lobpreis. Warum? Weil mein Dank ein Gegenüber braucht. Wie Artur Fischer es ausgedrückt hat: “Wem habe ich zu danken?”.

Johann Sebastian Bach, der von vielen, besonders von Musikern, als das größte Musikgenie aller Zeiten angesehen wird, er hat fast alle seine Werke signiert mit S.D.G. Soli Deo Gloria: Allein Gott die Ehre. Er war so dankbar in seinem Herzen, dass alle seine Musik ein einziger Lobgesang zur Ehre Gotte sein sollte.

2) Dankbar sein führt zur Mission
Das klingt jetzt doch überraschend, oder? Was hat denn Dankbarkeit mit Mission zu tun? Dankbarkeit ist doch so ein schönes Wort – und Mission? Hm, naja, Mission eben, klingt für viele eher als Bedrohung oder als verstaubt. Mir hat mal einer bei einem Erntefest gesagt: “Mensch, Gero, du gibst dir ja schon Mühe, uns immer nette Sachen zu sagen. Aber irgendwie willst du immer missionieren. Das mögen wir nicht.” Das war für ihn irgendwie was Gruseliges. So wie Magen-Darm-Virus. Steck uns bloß nicht an. Bleib am besten im Bett, kurier dich aus.

Doch Mission ist keine ansteckende Krankheit, sondern eher ansteckende Gesundheit! Mission heißt: etwas weitersagen, weitertragen, weitergeben, was man selbst entdeckt und empfangen hat. Etwas Tolles! Wovon man begeistert ist! Wofür man selber dankbar ist. In unserm Psalm geht es so weiter:

2 Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.
3 des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.

Verkündigen! Das bedeutet weitersagen, erzählen! Das ist nicht mehr nur an Gott gerichtet. Das gilt anderen Menschen. Wer also Gott gegenüber dankbar ist, der wird einfach davon erzählen. Jesus hat das so gesagt: “Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über.” (Lukas 6,45). Wer dankbar ist, der will das, was er geschenkt bekommen hat, nicht für sich behalten. Den Glauben weitergeben wird zu einer neuen Lebensbestimmung. Interessant, wie der Psalm das hier formuliert. Es geht darum, Gottes Gnade und seine Wahrheit – man kann auch übersetzen: “seine Treue” – zu verkünden, weiterzuerzählen. Gottes Gnade: das ist doch das größte, wofür wir dankbar sein können! Wenn man mich fragt: Wofür bist du dankbar?, dann würde ich erst mal aufzählen: Meine Frau, meine Familie, Gesundheit, mein Beruf, unser schöner Garten, Reisen, und natürlich: gutes Essen… Aber dieser Beter hier hat kapiert: Das Wichtigste, wofür er dankbar ist, ist Gottes Gnade. Also, dass Gott mir vergibt, mich annimmt als sein Kind, mir ewiges Leben schenkt! Unverdient. Aus Gnade! Und dafür kannst du immer dankbar sein, selbst wenn einiges von den anderen Dingen mal zerbricht. Darin liegt ein tiefes Geheimnis von Dankbarkeit. Zu entdecken, dass ich von Gott geliebt bin, auch wenn irdische Wünsche unerfüllt bleiben. Als wir im Team bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes zusammen saßen, da haben einige erzählt von dankbaren Menschen, die sie kennen. Und das gibt es, dass da Leute viel Schweres erleben, dass sie das Glück, was andere haben, selber nicht erleben, z.B. ihr Leben lang ohne Partner sind, und trotzdem dankbar sind, weil sie sich von Gott geliebt wissen, weil Jesus ihr Freund ist. Und das strahlen sie aus. Das erzählen sie. Das muss nicht immer mit Worten geschehen. Man muss nicht von morgens bis abends von Gott reden. Das kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem für die andern. Aber ich habe Menschen vor Augen, deren Leben erzählt lauter als ihre Worte davon, wie dankbar sie sind – durch eine freundliche und liebevolle Ausstrahlung. Und hier und da das rechte Wort zur rechten Zeit. Das ist auch Mission!

Spannend übrigens, dass hier steht: des Nachts deine Wahrheit verkündigen. Moment mal, “des Nachts”??? Da schläft man doch. Oder mancher kann nicht schlafen vor Sorgen, vor Angst, vor Schmerzen. Aber Gottes Treue verkündigen?? Des Nachts? Nun, dieser Mensch ist so erfüllt von Dankbarkeit, dass ihm auch die Nacht des Lebens nicht davon abbringen kann. Er weiß: Auch im Dunkeln ist Gott bei mir. Und diese Erfahrung muss ich auch weitergeben an die, die in der Nacht ihres Lebens sind.

3) Dankbar sein führt zur Freude
5 Denn, HERR, du lässt mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände.
Oder – sehr schön in der Übersetzung “Hoffnung für alle”:
5 HERR, was du tust, macht mich froh, und ich juble über deine großen Taten.

Das finde ich eine wunderbare Auswirkung von Dankbarkeit: Freude finden! Froh werden. Erleben wir das?

Es ist schon merkwürdig: Obwohl es uns in unserem Land so gut geht, so viel Wohlstand da ist, wo es (trotz mancher Schwächen) ein – verglichen mit den meisten Ländern dieser Erde – doch gut funktionierendes Sozialsystem und Gesundheitssystem gibt, gibt es so viel Unzufriedenheit, so viel Frust, so viel Meckern, Jammern und Klagen. Auf höchstem Niveau. Das geht schon beim Wetter los: Regnet es, dann heißt es: so ein Schiet-Wetter! Scheint die Sonne, heißt es: Oh Mann, viel zu heiß jetzt.

Und wir merken gar nicht, wie wir uns mit unserer Undankbarkeit die Lebensfreude zerstören. Woher kommt nur die Undankbarkeit? Ich glaube, eine große Ursache ist das Vergleichen! Man vergleicht sich mit anderen, die es scheinbar besser haben. Denen es scheinbar besser geht, die dreimal im Jahr in den Urlaub fahren, wo die Kinder lauter Einsen schreiben und freiwillig Klavier üben und der Hund stubenrein ist. Und man vergleicht das mit den eigenen Defiziten. Und da ist ein Blickwechsel nötig. Schau nicht auf das, was du nicht hast, sondern schau auf das, was du hast! Das macht dankbar, und das schenkt Freude! Eine Frau aus der Gemeinde, die in ihrem Leben auch schon manche Tiefen und schwere Zeiten durchgemacht hat, hat mir mal erzählt, dass sie ein “Gute-Laune-Tagebuch” hat. Da schreibt sie von Zeit zu Zeit rein, wofür sie dankbar ist. Sie sagte mir: “Das hilft mir, auf das Gute zu sehen und nicht so sehr auf das Schlechte.” Und dann sagte sie noch was sehr Weises: “Dankbarkeit muss man trainieren, wie man einen Muskel trainiert, dann wächst er.”

Wenn wir diesen Blickwechsel lernen, wegschauen von dem, was andere haben und wir selber nicht haben, und hinschauen auf das, was wir haben, was Gott uns geschenkt hat, ich bin sicher, dass die Dankbarkeit und damit die Freude in unserm Leben wächst.

4) Dankbar sein führt zum Staunen
6 HERR, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind sehr tief.
7 Ein Törichter glaubt das nicht, und ein Narr begreift es nicht.

Wer dankbar ist, lernt neu das Staunen über Gottes Werke! Wie großartig sind Gottes Werke in der Schöpfung, in der Natur! Gerade jetzt in diesen Tagen, wo die Natur geradezu explodiert vor Lebenskraft, wo alles blüht und grünt und sprießt und summt und zwitschert und duftet. Staunen über Gottes Werke, besonders über Gottes größtes Werk: dass er in Jesus zu uns gekommen ist. Dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist, dass er den Tod besiegt hat. Können wir darüber noch staunen? Oder denken wir: Ach, haben wir doch schon tausendmal gehört! Langweilig! – Ich wünsche mir so sehr, dass ich für diese großartigen Werke Gottes immer wieder unendlich dankbar werde! Wenn uns diese Dankbarkeit geschenkt wird, dann können wir auch immer wieder staunen.

Ich möchte euch einladen, diese Dankbarkeit neu zu lernen von, hm, naja, von einem — Pinguin!
Der Brasilianer João Pereira de Souza war im Frühjahr 2011 am Strand unterwegs, als er plötzlich einen Pinguin dort liegen sah, verklebt mit Öl, ein Bein gebrochen, am Rücken verletzt. Dem Tod geweiht. Er nahm ihn mit zu seinem Häuschen und pflegte ihn wieder gesund, er schmierte ihm den Rücken sogar mit seiner eigenen Rückensalbe ein. Ein paar Monate später entließ er den geretteten Pinguin, den er Dindim taufte, in die Freiheit. Der schwamm zurück in seine Heimat nach Patagonien, seine argentinische Heimat. Aber dann folgte das Unglaubliche: 2012 und jedes folgende Jahr stand immer im Juni oder Juli Pinguin Dindim wieder am Zaun seines Retters. Wochenlang ist er geschwommen. Das sind jedes Mal hin und zurück 8.000 Kilometer, die das kleine Kerlchen zurückgelegt hat – aus lauter Dankbarkeit und Freundschaft seinem Retter gegenüber! Ein Pinguin als Vorbild für Dankbarkeit! Jesus ist mein Retter! Er rettet mich davor, für ewig verloren zu gehen, er macht mich zu einem Kind Gottes! Er beschenkt mich mit so viel Gutem. Ich frage mich: Müsste ich nicht noch viel dankbarer sein?!

Eine gute Möglichkeit, Dankbarkeit gegenüber Gott zu üben, ist es, schon mal dankbar gegenüber Menschen zu sein. Einfach mal “Danke” sagen, und zwar nicht nur für besondere Leistungen, sondern auch für das “Normale”, für das Alltägliche, das scheinbar Selbstverständliche… Überleg doch mal, wem du einfach mal “Danke!”, “Merci” sagen könntest. Und dann danke auch Gott für diese Menschen.

Wir hatten es am Anfang vom Fischer-Dübel. Ich glaube, dass Dankbarkeit so ein Dübel sein kann, der uns festen Halt in unserem Glauben und Leben gibt. Der sich in uns fest verankert und dann auch nicht so schnell wieder rausrutschen kann. Und an diesem Dübel kann dann so viel mehr hängen: der Lobpreis Gottes, die Mission als das Weitergeben der frohen Botschaft an andere, die Freude, die uns erfüllt und zufrieden macht, und das Staunen über Gottes große Werke. Das nächste Lied kann uns helfen, Gottes Liebe als guter Vater neu zu entdecken.

Amen

 

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