Brannte nicht unser Herz?

Gottesdienst am Ostersonntag, dem 01.04.2018

Thema: Brannte nicht unser Herz?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 24,13-35

 

Liebe Gemeinde,

Haben Sie es gelesen? “Jesus beendet deutsche Erfolgsserie” – so die fette Überschrift auf der Titelseite der Schaumburger Nachrichten am vergangenen Mittwoch. Eine andere Schlagzeile: “Jesus sorgt für große Enttäuschung”. Ich war erst mal etwas irritiert. Aber Fußballkenner wissen sofort, was gemeint ist. Der brasilianische Nationalspieler Gabriel Jesus schießt das 1:0 gegen die deutsche Nationalmannschaft und bereitet Jogis Jungs nach 22 Spielen die erste Niederlage.

“Jesus sorgt für große Enttäuschung!” Wenn dies in der Jerusalemer Morgenpost gestanden hätte, damals vor fast 2000 Jahren, wohl kaum eine Schlagzeile würde sich besser eignen für das, was da in Jerusalem passiert war. Als Jesus und mit ihm all die Hoffnungen seiner Anhänger ans Kreuz geschlagen wurden.

Doch heute feiern wir Ostern! Damit ist doch alle Enttäuschung vorbei! Wir feiern doch einen Sieg und keine Niederlage – oder? In den Osterjubel mischt sich bei mir auch ein bisschen die ernüchternde Frage: Warum merke ich im Alltag manchmal so wenig vom Sieg Jesu, von Ostern, davon, dass Jesus lebt? Warum scheint mir Jesus manchmal weit weg? Wenn ich Menschen begleite, die an Krankheit leiden, oder wenn man lange für ein wichtiges Anliegen betet, und nichts geschieht. Jesus lebt – aber warum spüre ich es nicht? Geht es Ihnen auch mitunter so? Geht es dir auch so?

Ach, wie wäre das doch einfach, wenn man den auferstandenen Jesus mal so direkt sichtbar neben sich erleben und sehen und hören könnte! Dann ist für uns die Geschichte der Emmausjünger genau das richtige an diesem Ostermorgen. Das waren zwei, die nicht zum engsten Jüngerkreis Jesu, also nicht zu den 12 Aposteln gehörten, die aber dennoch Jesus nachfolgten, ihre ganze Hoffnung auf diesen Jesus gesetzt hatten. Begleiten wir sie auf ihrem Weg, beobachten wir sie dabei, hören ihnen zu.

 

1) Ausgebrannt

13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus.
14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.
15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.
16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.
17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.
18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk;
20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.
21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.

Ein Bild vor uns (https://abtei-kornelimuenster.de/spirituelles/bilder-brooks-gerloff.html?view=article&id=81:brooks-gerloff-unterwegs-nach-emmaus&catid=48):

Zwei dunkle Gestalten, die da durch diese ockerbraune Wüstenlandschaft wandern. Schwarz sind ihre Gewänder, ein Zeichen von Trauer, von Leid, von Enttäuschung. Und da! Bei dem Mann auf der linken Seite, das Gesicht! Das ist ja genauso dunkel, voller Bitterkeit und Trauer. V. 17: “Da blieben sie traurig stehen.” Man kann auch übersetzen: “finster”, niedergeschlagen”.

Halt, halt! Schluss mit diesen dunklen Gedanken! Heute ist doch nicht Karfreitag, heute ist Ostern!

Richtig! Und doch – wann findet diese Begebenheit statt? Wann gehen diese Freunde ihren Weg nach Emmaus? Es ist nicht Karfreitag, es ist direkt am Ostersonntag! “Zwei von ihnen gingen an demselben Tage…” Und das steht unmittelbar nach dem Bericht über Jesu Auferstehung! Und ich finde das bemerkenswert und sehr hilfreich! Denn es zeigt uns: Für uns Christen bedeutet Ostern und die Auferstehung Jesu nicht immer automatisch, dass alles klar ist, dass es keine Zweifel und keine Enttäuschung mehr gibt, dass wir nur noch auf Wolke 7 schweben und immer nur noch Halleluja singen!

Na ja, vielleicht wussten die beiden ja noch nichts von der unglaublichen Nachricht, dass Jesus lebt, könnte man einwenden, wir dagegen wissen es doch! Also sollten uns doch diese düsteren Gedanken fremd sein…

Aber nein: Auch die beiden wussten davon. Sie hatten es gehört, dass das Grab leer ist, dass Jesus lebt. Aber die Botschaft hatte noch nicht ihr Herz erreicht!

Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.
22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,
23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Ja, das war doch Ostern! Das war doch die Nachricht: Jesus lebt! Sie wussten es – genau wie wir. Sie hatten diese unglaubliche Botschaft gehört. Allein, es fehlt der Glaube! Es ließ sie kalt. Ihr Glaube war ausgebrannt. Warum? Weil sie sich falsche Vorstellungen vom Glauben und von Jesus gemacht haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.

Sie hatten auf einen irdischen Messias gehofft, der Israel befreien würde von der römischen Besatzermacht, der endlich Schluss macht mit aller Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung. Und diese Diesseits-Hoffnung ist enttäuscht worden! Es gibt Menschen, die haben die Hoffnung, wenn sie Christen werden, dass Jesus ihnen dann ein besseres Leben gibt, dass sie einfach immer Kraft haben für alle Herausforderungen des Alltags, dass sich die Eheprobleme in Luft auflösen, dass es beruflich steil bergauf geht, man von Krankheiten verschont bleibt, die Kinder schulisch voll durchstarten, sich nicht mehr streiten, von alleine ihr Zimmer aufräumen und der Hund stubenrein wird…

Ihr Lieben, ja, das kann es geben! Jesus ist ja auch für unser irdisches Leben da, er will uns helfen, er will uns beistehen. Und er kann in unserm Leben vieles zum Guten wenden. Aber wer seine Glaubenshoffnung ganz auf das irdische Wohlergehen setzt, wird enttäuscht werden! Das ist für Jesus nicht das wichtigste! Ihm geht es zuerst um das ewige Leben!

Doch dieser Blick fehlte den beiden noch. Und so haben sie überlegt: War’s das jetzt? Hat sich der Glaube gelohnt? Sie fühlten sich ausgebrannt, traurig, niedergeschlagen. Trotz Ostern! Ihnen kam alles wie einziger großer Aprilscherz vor! April, April! Alles Einbildung. Alles Täuschung. Und darum “Ent-täuschung”.

Doch es geschieht einiges, was sie dennoch richtig machen und was richtig gut ist in so einer Situation, und was wir lernen können! Das ist echte Lebenshilfe. Das ist Seelsorge.

  1. Zwei von ihnen: Sie sind zu zweit! Wenn es dir richtig dreckig geht, wenn du traurig oder niedergeschlagen bist, es ist so wichtig, dass einer mit dir geht. Zieh dich nicht zurück, verkrieche dich nicht in ein Schneckenhaus, suche dir einen Freund, eine Freundin, einen Menschen, mit dem du reden kannst.
  2. sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Es tut gut, Trauer, Wut, Enttäuschung in Worte zu fassen. Sie diskutieren miteinander. Dabei verarbeiten sie.
  3. Sie sind unterwegs. Sie gehen einen Weg! Das ist unglaublich hilfreich. Bleib nicht zuhause sitzen, macht dich auf den Weg. Wenn man äußerlich in Bewegung ist, kann auch innerlich manches in Bewegung kommen.
  4. Da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Das ist das wichtigste: Jesus ist bei ihnen, obwohl sie es gar nicht merken.

16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

 

2) Glaube – neu entfacht

In diesem Bild von der Künstlerin Janet Brooks-Gerloff wunderbar zum Ausdruck gebracht: Jesus, der Auferstandene ist da,  ganz nah, er geht mit, und doch erkennen sie ihn nicht. Und wie entfacht Jesus neu den Glauben in ihnen?

  1. Er geht erst mal nur mit, hört zu. Das können wir von Jesus lernen. Erst mal nur da sein.
  2. Dann fragt er nach. Er hat Interesse an ihnen. Er weiß ja selber, was alles passiert ist, aber er will es von ihnen wissen, aus ihrer Sicht. Das ist ein Ausdruck der Wertschätzung! Erzählt mal, was ist passiert? Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?
  3. Und dann führt er sie zum Wort Gottes. Er legt ihnen die Bibel aus:

25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!
26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.
28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.
29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Jesus erzählt ihnen also nicht irgendwelche Allerweltsweisheiten. Er bringt keine platten Sprüche wie “Kopf hoch, wird schon wieder!” oder: “Lasst erst mal ein bisschen Gras drüber wachsen.” oder “Das Leben geht schon irgendwie weiter…” Nein, er zeigt ihnen, wo wirklich Trost zu finden ist. Im Wort Gottes. Denn da ist von Christus die Rede, das ist Gottes Plan zu entdecken. Wie Jesus sterben musste für unsere Sünden, aber eben auch, wie er wieder auferstanden ist! Wie er den Tod besiegt hat! Wie er in die Herrlichkeit Gottes eingeht, um uns den Weg zu bereiten! Damit auch wir in Gottes Herrlichkeit eingehen können, wenn wir einmal von dieser Erde abberufen werden. Das ist Trost, der trägt, wenn alles zerbricht, wenn der Tag sich neigt. Das ist die wahre Osterbotschaft! Und so ist da oben rechts im Bild, am Horizont ein helles Licht zu sehen! Gleich neben dem dunklen, trüben Himmel. Das helle Licht der Osterfreude!

Und so noch

 

3) Feuer und Flamme für den Auferstandenen

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.
31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?
33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren;
34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen.
35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Beim Brotbrechen, bei der Gemeinschaft, die sie plötzlich spürten. Sie merkten: Es ist Jesus! Er ist doch bei uns, auch wenn wir ihn nicht gleich erkennen. Er lebt! Er ist hier! Brannte nicht unser Herz? fragen sie. Ist Jesus nicht so groß, so mächtig, dass er ein Feuer in uns entzündet? Das Feuer von Glaube, Liebe, Hoffnung! Dass er Leidenschaft und Begeisterung schenkt. Auch das ist Ostern! Begeistert zu sein für Jesus. Bei den beiden Emmausjüngern drückt sich die Begeisterung ganz unmittelbar dadurch aus, dass sie einfach wieder loslaufen. Zu Fuß. Zurück nach Jerusalem! Zwei Stunden Fußmarsch. Und das nach Sonnenuntergang! Aber in ihnen war so viel Begeisterung über diese Erkenntnis: Jesus lebt, und er geht unsere Wege mit, er bricht mit uns das Brot… das konnten sie nicht für sich behalten, das mussten sie einfach weitererzählen. Ich wünsch mir dieses Ostererlebnis, dass der Auferstandene meinen Glauben auch immer wieder neu entfacht und dass ich Feuer und Flamme für ihn bin. Weil ich weiß, er ist hier, auch wenn ich ihn nicht sehe.

Ich habe ein sehr nettes, passendes Schild gefunden. Auf Englisch heißt es: “Jesusisnowhere”. Jesus is nowhere. So sagen manche. Jesus ist nirgendwo. Gott ist nirgendwo.

Der berühmte Physiker Stephen Hawking, der vor kurzem verstoben ist und gestern beigesetzt wurde, hat genau diese These vertreten: Gott gibt es nicht. Und mit dem Tod ist alles aus. Er sagt: “Es gibt kein Leben nach dem Tod […]; das ist ein Märchen für Leute, die Angst im Dunkeln haben.”

Jesus is nowhere. Jesus ist nirgendwo – so haben die Emmausjünger auch erst gedacht. Aber dann haben sie die Welt mit neuen Augen gesehen. Und auch diesen Satz.

Und auf einmal gibt er einen ganz anderen Sinn: “Jesus is now here!” – Jesus ist jetzt hier! Das haben sie erlebt, das können wir auch erleben.

Übrigens: An diesem Tag mit dem Fußballspiel in der letzten Woche, da hatte die Berliner Morgenpost eine etwas andere Schlagzeile gewählt. “Jesus ist Brasiliens große Hoffnung.”

Da könnte man doch statt Brasilien auch sagen: “Jesus ist die große Hoffnung der Welt.”

Amen.

 

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