Bei Jesus in die Schule gehen

Gottesdienst am Palmsonntag, dem 25.03.2018

Thema: Bei Jesus in die Schule gehen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Jesaja 50,4-9

Liebe Gemeinde,

Micha wird von seiner Mutter geweckt. “Aufstehen! Es ist wieder soweit! Du musst in die Schule.”
“Och nö, Mama, heute gehe ich nicht!”
“Aber natürlich gehst du zur Schule.” – “Nein, ich will nicht.” – “Aber, Junge, warum denn nicht?”
“1. Ich bin noch so müde. 2. Ich habe keine Lust, und 3. Die Kinder in meiner Klasse ärgern mich immer!”
“Doch, du gehst!” sagt die Mutter. – “Warum denn?”- “1. Die Kinder in deiner Klasse warten auf dich, 2. du bist 42 Jahre alt, und 3. du bist der Lehrer!”

Geweckt werden und in die Schule gehen? Das ist nicht jedermanns Geschmack! Und noch dazu jetzt in den Ferien! Und doch wollen wir heute in die Schule gehen. Bei Jesus in die Schule gehen! Wie damals die Jünger. Nun muss man dazu sagen: Der Begriff Jünger heißt wörtlich übersetzt “Schüler”. Und Jesus war tatsächlich so etwas wie ein Lehrer. “Rabbi” nannten ihn die Leute. Das heißt Lehrer. Der Predigttext heute ist allerdings ein paar Hundert Jahre vor Jesus verfasst. Doch da ist auch von Jüngern, Schülern die Rede. Und es ist in geheimnisvoller Weise auch von Jesus die Rede. Hören wir auf Gottes Wort. Hören wir wie ein Jünger hört. Jesaja 50,4-9:

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Zwei Gedankengänge dazu. Das zweite nenne ich schlicht “Der Jünger Jesu” – was gehört dazu, ein Jünger Jesu zu sein? Was macht mich zu einem Jünger, einem Schüler Jesu? “Der Jünger Jesu.” Das ist das zweite. Die erste Überschrift ist sicher noch ein bisschen überraschender: “Der Jünger Jesus”. Moment! Jesus hatte Jünger – aber war er selber auch Jünger? Wie ist das zu verstehen?

1) Der Jünger Jesus
Unsere Verse sind im Hebräischen wie ein Lied komponiert. Und dieses Lied gehört zu 4 Liedern, im Jesajabuch, die als Gottesknechtslieder bezeichnet werden, weil in diesen Liedern oft von einem Knecht Gottes, einem Jünger Gottes, die Rede ist. Diese Lieder sind sehr geheimnisvoll, weil die Ausleger seit Jahrtausenden rätseln, wer nun genau mit diesem Gottesknecht gemeint ist. Ist es der Prophet Jesaja selbst? Immerhin sind einige Verse in Ichform geschrieben. Ist es ein anderer Prophet? Ist es womöglich gar keine einzelne Person, sondern das Volk Israel, das hier als Knecht Gottes bezeichnet wird? Oder ist es ein gläubiger Mensch, wir vielleicht, die wir uns darin wiederfinden sollen? Oder aber ist es Jesus, der hier in prophetischer Eingebung als Knecht Gottes beschrieben wird? Auf alle genannten Deutungen treffen einzelne Aussagen zu. Letztlich ist es ein geheimnisvolles Ineinanderverwobensein von allem.

Das Geheimnis alttestamentlicher Prophetie ist, dass oft verschiedene Dinge in eins zusammengeschaut werden. Im Urlaub im letzten Jahr waren wir am Mont Blanc in den Alpen. Wir standen sehr hoch auf der Bergstation, über 3.800 Meter hoch. und dann hast du einen fantastischen Weitblick. Und da siehst du dann dieses gewaltige Alpenpanorama ringsum. Und es ist so, dass da Berggipfel neben Berggipfel ist. Dicht an dicht! Die verschmelzen zu einer einzigen Bergkette. Aber in Wirklichkeit sind dazwischen riesige Entfernungen, große Täler liegen zwischen ihnen. Zig Kilometer. Aber es sieht so aus, als ob da alles dicht an dicht ist. Genauso ist es in der Prophetie des AltenTestaments. Da werden oftmals Dinge in eins gesehen und beschrieben, die doch ganz verschieden sind, und wo oftmals Jahrhunderte dazwischen liegen. Und so auch hier. Jesaja spricht hier von sich selbst, von Israel, auch von uns, aber unzweifelhaft auch von Jesus. Am deutlichsten wird das in dem berühmten Kapitel Jesaja 53, wo so deutlich Jesu Tod beschrieben wird, dass es nur auf Jesus passt – und auf niemanden sonst: Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Ich erinnere mich, als ich in Israel war, wie im jüdischen Viertel in Jerusalem orthodoxe Juden Traktate verteilt haben, die vor diesen Versen gewarnt haben, weil sie ja so deutlich auf Jesus weisen. Nein, so hieß es darin, damit sei keinesfalls Jesus gemeint! Aber – wer denn sonst? Wer trägt die Sünde der Welt? Wer stirbt für uns am Kreuz? Durch wen allein haben wir Frieden? Da ist kein andrer Name sonst unter dem Himmel, durch den wir gerettet werden, als nur der Name Jesus (Apg. 4,12)!

Also ohne Zweifel: Der Gottesknecht, den Jesaja in prophetischer Eingebung beschreibt, ist Jesus. Aber dann ist Jesus also auch ein Jünger, ein Schüler. Dann hat Jesus nicht nur Jünger, sondern dann ist er auch selber ein Jünger. Wie kann das sein?

4 Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Ja! Jesus, der Sohn Gottes, der alles kann und alles regiert, ist selber Jünger und Schüler. Denn als Jesus auf diese Erde kam, ist er ganz Mensch geworden, Mensch wie wir, hat seine Göttlichkeit abgelegt, wie es in Philipper 2,7f. heißt: Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich.

Das bedeutet: Auch Jesus musste die Schulbank drücken. Nicht nur als Kind in der Synagoge und im Zimmereibetrieb seines irdischen Vaters Joseph – ihr Konfis: Ist doch tröstlich, wenn euch mal die Schule so richtig nervt: Jesus musste auch zur Schule gehen! -, aber auch im geistlichen Sinn ist Jesus zur Schule gegangen. Der Schüler Jesus. Der Jünger Jesus. Wo? Bei seinem himmlischen Vater! In der Gott-Vater-Schule also.Und so können wir von Jesus lernen, wie er gelernt hat! Und das Lernen beginnt mit dem Hören. Jeden Morgen lässt sich Jesus von Gott selbst das Ohr wecken. Um erst mal hinzuhören.
Wir lesen immer wieder im Evangelium von Jesus so etwas wie in Markus 1,35: “Und am Morgen, noch vor Tage, stand der auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.”
So lässt sich Jesus das Ohr wecken.

Und geht bei Gott in die Schule, um von seinem Vater zu lernen, um zu hören, wie ein Jünger hört. Und nur weil Jesus auf Gott hören konnte, konnte er auch von Gott reden:
“Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.”

Aus der engen Beziehung zu seinem Vater heraus wurde Jesus fähig zu Beziehungen mit den Menschen. Und zwar besonders zu den Müden, den Erschöpften, den Niedergeschlagenen. Er spürte, was das rechte Wort zur rechten Zeit ist. Er erkannte, was er zu tun, aber auch was er zu lassen hatte und ließ sich nicht treiben von den scheinbar dringenden und drängenden Anforderungen des Alltags. Das Markusevangelium berichtet eine wirklich erstaunliche Begebenheit direkt nachdem er am Morgen auf Gott gehört hat:

Markus 1, 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

“Jedermann sucht dich!” – Alle wollen was von ihm. Und dann heißt es schlicht: “Lasst uns woanders hingehen…”.

“Jedermann sucht dich!” Es gibt Momente, da müsste man sich zerteilen. Das kennen wir auch. Jeder will was von dir. Deine Familie, dein Partner, deine Kinder, dein Chef, die Arbeit. Alle wollen was. Und genauso bei Jesus: Alle wollen was von ihm. Doch er – weil er zuvor in der Stille auf Gott gehört hat – lässt er sich nicht zum Sklaven von Erwartungen anderer machen, sondern geht konsequent seiner Berufung nach. Sogar im Risiko, Menschen zu enttäuschen. Das ist eine große Freiheit, die Jesus hier vorlebt. Eine Freiheit, die aus der engen Bindung an Gott kommt.

Man kann auch sagen: Aus dem Gehorsam Gott gegenüber. Wie heißt es in unserem Predigttext:
“5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.”
Und aus dieser engen Verbindung mit Gott bekommt Jesus die Kraft für den schweren Weg, den Weg seiner Passion, den Weg ans Kreuz:
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

All das beschreibt den Weg Jesu ans Kreuz.

Ich glaube, Jesus konnte nur deshalb so konsequent seinen Weg für uns bis ans Kreuz zu Ende gehen, weil er ein so guter Schüler war, ein Jünger seines himmlischen Vaters. Weil er so eng mit ihm verbunden sein. Man könnte sagen: Er war eine Art “Musterschüler”. Musterschüler sagt man ja, wenn ein Schüler ein Vorbild ist für andere. Und so wollen wir nun noch fragen: Was können wir vom Schülersein Jesu lernen? Und so heißt es nun statt “Der Jünger Jesus” etwas anders: “Der Jünger Jesu.”

2) Der Jünger Jesu
Dabei geht es nicht um irgendeinen der zwölf Jünger Jesu, die damals bei Jesus waren, sondern um uns. Willst du ein Jünger Jesu sein? Was bedeutet das? Jemand sagte mal aus Jux: “Egal wie jung deine Freunde sind, Jesu Freunde waren Jünger.” Man könnte ja meinen, “Jünger” – au fein, wenn man Christ wird, bedeutet das eine Art Verjüngungskur. Man wird noch mal ganz jung. In gewisser Weise vielleicht auch das. Aber das Wort Jünger heißt ganz schlicht “Schüler”, “Lernender”.

Aber ein bisschen anders als unser Bild von Schülern. Heute ist ein Schüler oder eine Schülerin meist jemand, der morgens lustlos und müde zur Schule trottet, irgendwie die Unterrichtsstunden überlebt – “wenn alles schläft und einer spricht, das nennt der Mensch dann ‘Unterricht'” – und sich dann nachmittags völlig erschöpft nach Hause schleppt. Und am Wochenende geht das richtige Leben los.
Nein, so war es damals nicht mit den Schülern. Sondern zwischen einem jüdischen Lehrer, Rabbi, und seinen Schülern bzw. Jüngern entwickelte sich ein ganz enges Vertrauens- und Freundschaftsverhältnis. Das war eher so wie eine permanente Klassenfahrt oder Jugendfreizeit. Denn die lebten zusammen, die waren zusammen unterwegs, die wanderten gemeinsam durchs Land. Die haben ihr Leben miteinander geteilt. Man lernte nicht, indem man nur was von der Tafel abschrieb oder vom Whiteboard ins Tablet tippt. Sondern indem man mit dem Lehrer lebte! Die waren gemeinsam unterwegs. Über Wochen. Über Monate, bei Jesus sogar über Jahre.

Und darum geht es, wenn wir bei Jesus in die Schule gehen. Mit ihm zu leben. Mit ihm zu gehen. Zu wissen, auf allen meinen Wegen durch den Sonntag und den Alltag ist er dabei. Im Beruf, in der Familie, in der Freizeit, im Urlaub, durch Freude und Schmerz, durch Feiern oder Trauern.

Und so können wir diese Worte des Jesaja, eben nicht nur auf Jesus beziehen, als Worte Jesu sehen, sondern auch zu unseren eigenen machen, wenn es etwa heißt: 7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Und wenn er immer da ist. Dann gilt das schon ganz früh am Morgen. Der Jünger Jesu weiß: Schon wenn er geweckt wird: Jesus ist da. Schon am Morgen weckt er mir das Ohr und ich will auf ihn hören: Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Ich gebe zu: Mir fällt das oft schwer. Ich werde in der Regel anders geweckt: Vom Radiowecker. Und noch nicht mal wie früher vom Deutschlandfunk, sondern – das sind halt die Kompromisse in einer Ehe – von den eher seichten Klängen des NDR 2. Aber es ist gut, dann doch irgendwann am Morgen innezuhalten und zu “hören wie ein Jünger hört”.

Manfred Siebald hat das in schöne Worte gekleidet, wie das ist, wenn man schon am Morgen, schon beim Aufwachen innehalten kann, auf Gott hören kann “hören, wie ein Jünger hört”, wenn ich zu Gott komme, bevor der Tag zu mir kommt:

Noch rührt das Licht nur sacht an meine Augenlider.
Ich träume noch; ich bin noch gar nicht richtig hier.
Ein erster Blick – ich schließ die Augen wieder.
Bevor der Tag zu mir kommt, komme ich zu dir.

Zu oft ließ ich mich durch die Stunden treiben
und fragte dich erst spät am Tage dann:
Was soll ich tun? Was lass ich lieber bleiben?
Heut fange ich den Morgen mit dir an!
Von draußen hör ich Schritte näher eilen.
Ein trocknes Räuspern, dann klappt eine Wagentür.
Ich werd erst wach, kann noch bei dir verweilen.
Bevor der Tag zu mir kommt, komme ich zu dir.

Du musst mich, Gott, durch diese Stunden führen.
Hilf du mir bitte, dass der Tag gelingt,
dass andre in mir deine Liebe spüren
und dass auch mich der Tag dir näher bringt.

Amen.

 

 

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