Außer Thesen nix gewesen?

Gottesdienst am Sonntag, 29.10.2017

Thema: LLL – Luther Leben und Lehre Teil V – Außer Thesen nix gewesen?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 2. Korinther 4,5-10

 

Liebe Gemeinde,

“Der schlechteste Mensch, der je geboren wurde”, “verhurter Stier”, “garstiger Bock und unreiner Beelzebub”, “feistes Schwein und saufrecher lausiger Bettelbruder” – Nette Komplimente, oder? Zumindest war das eine kleine Auswahl an Kosenamen von Luthers Gegnern aus den vergangenen Jahrhunderten. Inzwischen sind die Deutschen gnädiger mit ihrem Reformator. Immerhin schaffte er es einmal beim SPIEGEL-Magazin unter die Top 10 der wichtigsten Deutschen. Auf Platz 8. Gegen Albert Einstein, Karl Marx, Bismarck oder Willy Brandt hatte er allerdings keine Chance. Bei einem ZDF-Ranking der “100 größten Deutschen” vor etlichen Jahren musste er sich dagegen nur Konrad Adenauer geschlagen geben. Doch jetzt im großen Jubiläumsjahr “500 Jahre Reformation” – da hat Luther voll zugeschlagen. Da hat er es noch mal allen gezeigt! Vielleicht ist das das bedeutendste und bahnbrechendste Ergebnis des Jubiläumsjahrs: Luther hat es geschafft! Er ist die meistverkaufte Playmobil-Figur aller Zeiten! Schon im Juni wurde die 1-Millionen-Stückzahl geknackt.

Und sonst noch was? Was bleibt? Die Erinnerung an das Anschlagen von 95 Thesen. Mehr nicht? Außer Thesen nix gewesen?

I. Nicht mein Name, sondern Jesu Name!
Ganz ehrlich: Wenn unser Reformator vom Himmel aus irgendwas mitbekommen sollte von diesem ganzen Luther-Trubel – ich glaube, er wäre froh, dass das Jubiläumsjahr jetzt vorbei ist. Denn es ging ihm um nichts weniger als um seinen Namen. Und wenn er wüsste, dass sich unsere Kirche nach ihm benennt: “Evangelisch-lutherische Kirche” – er würde sich im Grab umdrehen. (Und erst recht bei dem, was in dieser nach ihm benannten Kirche heute manchmal für ein Zeug gelehrt wird…) Er selbst hat einmal gesagt:

Höre und lass es dir sagen: Zuerst bitte ich, man wolle meinen Namen weglassen und sich nicht lutherisch, sondern Christ nennen. Was ist Luther? Die Lehre ist doch nicht von mir. Ich bin auch für niemanden gekreuzigt worden. […] Wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi nach meinem heillosen Namen nennen sollte?
Dieser Wunsch ist ihm nicht erfüllt worden.

Wenn wir heute fragen wollen, was bleibt?, dann ist eins schon gleich am Anfang ganz klar: Nicht Menschenworte bleiben am Ende, sondern allein Gottes Wort. Jesus sagt: “Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.” (Matthäus 24,35) Luther wusste: Nicht mein Name, sondern Jesu Name zählt!

II. Der himmlische Schatz in irdenen Gefäßen
Und doch: Gott gebraucht auch uns Menschen, unsere menschlichen Worte, ja unser ganzes menschliches Leben, das oft so zwiespältig, das so zerbrechlich, das so zweifelhaft ist, um seine Worte und seine Botschaft zu transportieren, weiterzugeben. Unsere Worte, unser Leben ist wie ein Gefäß, wie ein Krug, in dem das lebendige Wasser des Evangeliums weitergetragen wird. Oder noch anders gesagt – mit den Worten des Paulus, die wir vorhin in der Epistel gehört haben: “Wir haben diesen Schatz, nämlich das hell strahlende Evangelium, in irdenen, in tönernen Gefäßen”. So ist es! Und nichts anderes war Luther und wollte es sein: so ein Gefäß, mit dem der Schatz von Gottes Wort, von Gottes Liebe und Gnade, vom Evangelium transportiert, weitergegeben werden sollte! Der Krug ist unwichtig, der Inhalt ist entscheidend! Was bleibt, ist der Inhalt, die Botschaft. Was bleibt von uns?

III. Geborgenheit selbst im Sterben
Schauen wir einmal auf das Lebensende von Martin Luther, um zu sehen, was ihm am Ende wichtig war.
Luther war im Januar 1546 gesundheitlich recht angeschlagen im Alter von 62 Jahren in seine Heimatstadt Eisleben gereist.

Er sollte Erbstreitigkeiten in der Grafenfamilie von Mansfeld schlichten. Mit seiner lieben Käthe stand er in regem Briefwechsel. Sie machte sich große Sorgen um ihn. Sie meinte, er würde doch noch gebraucht! Da schrieb er zurück: Mach dir doch keine Sorgen! Wer bin ich schon! Was macht’s, wenn ich sterbe? Als ob Gott nicht zehn Doctor Martinus erschaffen könnte, wenn der eine umkäme. Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen! Denn um mich sorgt sich einer, der das noch besser kann als du und alle Engel, der liegt in der Krippe und hängt an einer Jungfrauen Brust, aber sitzt gleichwohl zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters. darum sei zufrieden. Amen.

Was für eine Gelassenheit, was für ein Frieden im Angesicht von Krankheit und Sorgen!
Er wusste zum einen: Mein Leben liegt doch ganz in der Hand Jesu! Und Jesus ist nicht nur das kleine Kind in der Krippe, sondern zugleich der mächtige Herr über alles. Da hat er doch auch meine Zukunft ganz in seiner Hand. Das schenkt mir Frieden und Geborgenheit.

Und er wusste zum andern: Ich bin nicht unersetzbar. Mein Leben hier ist begrenzt. Und wenn mein Tag gekommen ist, dann will ich bereit sein zu gehen. Doch Gottes Sache geht weiter – auch ohne mich.
Und so konnte er dann gleich ein paar Zeilen nach diesen so persönlichen Gedanken über seinen möglichen Tod noch ganz tiefenentspannt und gut geerdet anfügen: “Ach übrigens, der Landwein hier ist gut, und das Naumburgisch Bier ist sehr gut.”

Und obwohl er seinen nahen Tod schon ahnte, ließ er es sich in seinen letzten Lebenstagen nicht nehmen, noch viermal in der Andreaskirche zu Eisleben zu predigen. Denn dafür lebte er bis zum letzten Atemzug: Für Gottes Wort. Das wollte er weitersagen, weitertragen bis zum Ende. Weil das alleine bleibt. Wie hatte es Paulus gesagt: Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. (2. Kor. 4,5)

IV. Wir sind Bettler, das ist wahr!
Am 16. Februar 1546, 2 Tage vor seinem Tod, schrieb er noch einen Zettel. Und das sind Luthers letzte eigenhändig geschriebenen Worte. Darin beschreibt Luther das Geheimnis der Bibel. Und obwohl er sein Leben lang unglaublich viel in der Bibel gelesen, geforscht, entdeckt hat, sieht er sich immer noch am Anfang. Er schreibt: “Die Heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, es sei denn, er habe 100 Jahre lang mit den Propheten wie Elia und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden geleitet.” Meint: Wir können noch so viel die Bibel lesen, wir werden immer nur ein Stückchen davon erkennen und begreifen. Wir stehen nicht über der Heiligen Schrift und suchen uns aus, was uns gefällt und was nicht, sondern wir stehen unter ihr. Sie sagt uns, was Gott gefällt und was nicht. Und dann fährt er fort: “Neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler. Hoc est verum (das ist wahr!)”

Wir sind Bettler! Das heißt: Vor Gott haben wir leere Hände! Das sagt so ein Großer der Weltgeschichte, der sich selbst als einen Kleinen sieht vor Gott. Wir sind Bettler. Das heißt: Gott, wir haben nichts zu bringen. Warum heute im westlichen Kulturkreis sich so wenige Menschen für den christlichen Glauben interessieren, liegt vielleicht daran, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass wir vor Gott Bettler sind. Sondern, dass wir uns für reich und gut halten.

Vor ein paar Jahren erbeutete in London eine Bande von Gangstern die Rekordsumme von 75 Millionen Pfund. Die Gauner kaperten einen Geldtransporter, der auf dem Weg zum Flughafen Heathrow war. Der Coup gelang, die Freude war groß – bis, ja bis die Geldkisten geöffnet wurden. Es war alles wertloses Spielgeld! Monopoly-Geld!! Diese Phantasie-Geldnoten waren für den Dreh eines neuen Werbespots gedacht, was die Bande nicht wusste! Und nun dachten sie: endlich reich! Statt dessen hatte die Polizei sie geschnappt. Und die hatte keine “Du kommst aus dem Gefängnis frei!”-Karte dabei.

Ich denke mir, das ist ein Bild für viele Menschen unserer Zeit in unserm reichen Land. Wir meinen, dass wir so reich sind, alles haben. Nicht nur materiell! Sondern auch sonst: wir werden mit einem überreichen Angebot an Wellness-, Fitness-, Gesundheits-, Freizeit-, Spaß- und Unterhaltungsprogrammen übersättigt, dass wir uns einreden: Wir brauchen nichts mehr. Wir sind reich.

Doch aus Gottes Perspektive betrachtet ist das alles wertloses Spielgeld. Ist das nichts, was in der Ewigkeit zählt. Da ist es gut, die Haltung Luthers anzunehmen: Wir sind Bettler, das ist wahr.

Nichts hab ich zu bringen, Gott! Nichts, Geld und Gut sowie so nicht – das ist Gott egal, aber auch all unser eigener Glaube, unser guten Werke, unsere Frömmigkeit, unser Bemühungen um ein anständiges Leben, unser Bibellesen, unsere Kirchgänge, unsere Gebete… Es ist wie nichts vor dir. Aber du beschenkst uns! Du füllst uns die Hände! Mit deinem Reichtum, mit deiner Gnade, mit dem Glauben, den du uns schenkst! Und auch mit den guten und leckeren irdischen Gaben, die du uns schenkst. Ja, vor Gott sind wir Bettler, aber wir bleiben es nicht! Wir werden unendlich reich beschenkt! Doch um etwas von Gott empfangen zu können, müssen wir erst mal loslassen, woran wir uns klammern, damit unsere Hände frei werden. Dass wir so wenig vom Gottes Wundern und seinem Eingreifen in unserm Leben spüren – liegt es vielleicht daran, dass unsere Hände viel zu voll sind, mit dem, was wir selber fassen und erfassen, greifen und begreifen wollen und dass wir alle Hände voll zu tun haben, statt einfach mal Bettler mit leeren Händen zu sein?

Und Mission, also andern von Jesus weitersagen, ist dann mit Luthers Worten ausgedrückt, nichts anderes als: Ein Bettler zeigt dem andern, wo es was zu essen gibt.

Das wünsch ich mir, dass wir auf Augenhöhe mit anderen Menschen über unsern Glauben sprechen. Wir sind doch keine besseren Menschen, die das Recht hätten, von oben herab auf Menschen herabzusehen, die für ihr Leben Jesus bislang gar nicht vermissen! Sondern Bettler sind wir, mit leeren Händen. Bettler, die Gott reich macht, Bettler, die eingeladen sind zum himmlischen Festmahl. Wie lieblos wäre es, andere nicht mitzunehmen zu diesem wunderbaren Lebensziel!

V. Gottes Liebe sucht nicht das Liebenswerte, sondern schafft es!
Wie geht es Ihnen damit? Wie geht es Dir damit? Sich als Bettler anzusehen? Ungewohnter Gedanke. Befremdlich. Und deshalb ist es wichtig, noch einen anderen Gedanken Luthers mit dazu zu nehmen. Wir sind Bettler, das ist wahr – Aber wir sind zugleich angesehene Leute. Wie das? Ja, angesehene Leute! Im wahrsten Sinn des Wortes: Von Gott angesehene Leute. Er sieht uns an mit den Augen der Liebe! Und diese Liebe Gottes ist so ganz anders als unsere menschliche Liebe. Und da hat Luther eine wunderschöne Beschreibung gefunden. Er sagt: Die menschliche Liebe sucht das, was liebenswert ist. Gottes Liebe aber sucht nicht das Liebenswerte, sondern schafft es!

Ja, wenn wir einen Menschen lieben, dann entzündet sich unsere Liebe in der Regel daran, dass wir etwas an ihm mögen, dass da was liebenswert ist, dass die Person hübsch, attraktiv, freundlich, nett, schön, eben einfach lieb ist. Aber bei Gott ist das anders: Er schaut uns an mit Augen voller Liebe, selbst wenn da gar nichts Liebenswertes an uns ist, selbst wenn wir am Boden zerstört sind, traurig, schmutzig, ein Häufchen Elend, verletzt oder verletzend, zweifelnd oder verzweifelnd. Kein sehr liebenswürdiger Anblick. Aber eine angesehene Person! Eine von Gott angesehene Person! Und dieser Blick der Liebe Gottes macht uns liebenswert. Menschliche Liebe sucht das Schöne, göttliche Liebe macht schön! Und wenn ein Mensch geliebt wird, wird er anders, verändert er sich, wird er schön. Wenn ein Mensch geliebt wird – das macht ihn schön!

Zwei Tage, nachdem Luther seine letzten schriftlichen Worte verfasst hatte, ging es ihm dann deutlich schlechter. Er spürte starke Schmerzen und Beklemmungen im Brustbereich. Ein erneuter Herzanfall. Er legt sich wieder hin. Seine Freunde sind bei ihm. Er betet Psalm 31,6: “In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.” Und dann betet er: “Danke, Gott allen Trostes, dass du mir deinen Sohn Jesus Christus offenbart hast, den ich geglaubt, den ich geliebt, den ich gepredigt, bekannt und gelobt habe. Wer an Gottes in Liebe dahingegebenen Sohn glaubt, geht nicht verloren, sondern wird das ewige Leben haben. Ich fahr dahin in Fried und Freud. Amen.” So stirbt der Reformator.

VI. Ein Anhängsel Jesu sein – das reicht!
Was bleibt? Was nehmen wir mit für uns?

Wir denken an einen Mensch, den Gott bei allen Fehlern, die er hatte, bei allem Versagen, bei aller Sturheit und manchmal auch Unbarmherzigkeit gebrauchen konnte, um das Evangelium neu zum Leuchten zu bringen. Wir haben eben diesen Schatz in irdenen Gefäßen. Und das macht mir Mut für mich selbst. Gott kann und möchte auch mich gebrauchen – mit all meinen Fehlern und Schwächen. Ich schließe mit Worten von Martin Luther:

Mir ist es bisher wegen meiner Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi Willen mein tägliches Versagen vergebe, so ist’s aus mit mir!

Ich müsste verzweifeln, aber das lasse ich bleiben.
Wie Judas an den Baum mich hängen, nein, das tu’ ich nicht.
Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin.
Auch wenn ich noch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn fest.

Dann spricht Christus zum Vater:
„Dieses Anhängsel muss auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle Deine Gebote übertreten, Vater, aber er hängt sich an mich. Was soll’s! Ich starb auch für ihn. Lass ihn mit durchschlupfen.“

Das soll mein Glaube sein.

Amen.

 

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