Auf die Perspektive kommt es an

Gottesdienst zur Silbernen Konfirmation am Sonntag, 22.10.2017

Thema: Auf die Perspektive kommt es an

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Matthäus 16,13-18a

 

Liebe Gemeinde,

es war während der Fußball-WM 2010. Wie haben ein paar Tage Familienurlaub in Berlin gemacht. Und da kamen wir gerade an in unserm kleinen Hotel – mitten im Achtelfinalspiel Deutschland – England, das gerade in der Hotellobby übertragen wurde. Normalerweise sind wir nun nicht so die hochemotionalen Fußballfans. Aber das hier war schon eine dolle Sache! Nach 20 Minuten Tor für Deutschland! 1:0! Unsere Familie im kollektiven Torjubel! Und kurz danach 2:0 – grenzenlose Begeisterung. Komisch nur, dass die andern Leute so still waren. Böse Blicke waren auf uns gerichtet. Dann der Anschlusstreffer, 2:1 – großer Jubel brandet in der Lobby auf. Ups, jetzt hatten wir es kapiert: Die anderen Gäste da waren alles Engländer… Als es am Ende 4:1 für uns hieß, haben wir unsern Jubel mal lieber ein wenig gedämpfter zum Ausdruck gebracht. Begeisterung oder Frust – aus welcher Perspektive schau ich mir das Spiel an? Deutschland oder England? Auf die Perspektive kommt es an! Das merkt man wohl am meisten beim Fußball!

Auf die Perspektive kommt es an – das ist auch sonst im Alltag öfter so. Es gibt ja tolle Fotos, wo die Perspektive zu erstaunlichen Eindrücken führt [Bilder]:

Wie hier, dieser Mann, der auf der Wasserflasche tanzt. Oder wie wär’s mit dem? Guten Appetit! Oder hier: Ein Radfahrer in höchster Not, klammert sich da mit letzter Kraft an eine Hauswand. Och nö, der liegt da ja nur ganz entspannt auf dem Boden…

Und hier? Ja, ist denn der kleine Manuel auf einmal viel größer als die große Anna? Alles, nur eine optische Täuschung. Die sitzt viel weiter weg. Auf die Perspektive kommt es an.

Was für den Alltag gilt, gilt erst recht für den Glauben. Aus welcher Perspektive schauen wir auf Jesus?
Das ist die Frage, die sich stellte, als Jesus seine Jünger fragte: Wer bin ich für die Leute? Wer bin ich für euch? Hören wir den Predigttext aus Matthäus 16,13-18a:

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.

 

1) Perspektiven auf Jesus

Meinungsumfragen sind ja wirklich in. Gerade jetzt, wo wir die beiden großen Wahlen in unserm Land hatten. Ständig gab es Umfragen. Ständig wird gefragt: Was meinen die Leute? Und Jesus macht auch eine Meinungsumfrage. Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Für wen halten mich die Leute? Aber Jesus will keine Wahlen gewinnen. Er will nicht Präsident werden. Ihm kommt es drauf an, aus welcher Perspektive ihn die Leute sehen. Und aus welcher Perspektive wir ihn sehen. Und nun ist es interessant, was die Ergebnisse sind. Wie so oft gehen die Umfragen etwas auseinander. Ein Jünger berichtet: Infratest-Dimap sagt: Die Leute halten dich für Johannes den Täufer. Ein anderer sagt: Nach den neusten Umfragewerten von Forsa meinen sie, du bist der zurückgekehrte Elia. Das Allensbach-Institut hält dich für Jeremia.

Merkwürdig. Was sind das für Sichtweisen auf Jesus? Nun, diese Jesusbilder und Jesusvorstellungen sind eher Wunschbilder, die die Leute haben und in ihren Jesus hineinprojizieren. Und so ist das bis heute mit den Gottesbildern, die wir Menschen haben. Und so ist das mit der Religion bis in unsere Zeit. Man will sich selber das zusammenbasteln, was man braucht, was man will.

Einige wünschen sich so jemanden wie Johannes den Täufer. Das war einer, der als Asket auftrat, im rauen Kamelhaarmantel, der aß Heuschrecken und wilden Honig. Ein echter Aussteiger, einer, der nicht nur zur Buße und Umkehr aufgerufen hat, sondern auch den Mächtigen die Leviten las. Einer, der gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung laut den Mund aufmachte. Einer der mutig und unerschrocken war, sogar dem König den Marsch blies und dafür mit seinem Kopf bezahlte. Manche hielten ihn für eine Art Che Guevara, an dessen 50. Todestag ja vor 2 Wochen gedacht wurde, und der für viele Menschen auch wie so ein Messias galt, dessen Antlitz als Popikone auf unzähligen T-Shirts und Fahnen noch immer herumgetragen wird, obwohl er für sein Ziel der Weltrevolution auch Krieg und Terror für legitim hielt.
Und dann sagen die Leute: Ja, Jesus, so einer sollst du sein! Ein Weltveränderer, den wir verehren können. Einer, der mal mit der Faust auf den Tisch haut, einer der die Kleinen groß und die Großen klein macht. Doch Jesus ist nicht so. Er ist nicht Che Guevara und nicht Johannes der Täufer. Ja, auch Jesus will Gerechtigkeit, auch er ist gegen die Unterdrückung und Ausbeutung, die es ja auch in unserer Zeit noch mehr als genug gibt. Er will, dass wir uns einsetzen, wo Menschen unterdrückt werden, dass wir aufschreien gegen Ungerechtigkeit und uns für die Schwachen einsetzen, soweit es in unseren Kräften steht. Aber Jesus ist mehr.

Andere hatten die Elia-Perspektive. Elia war im Alten Testament ein großer Prophet, ein Wundertäter, ein Helfer in Not. Der Witwe, die kein Mehl und kein Öl mehr hatte, hat er durch ein Wunder geholfen, dass sie genug hatte. Und ein totes Kind hat er auferweckt! Und Jesus, der kann doch noch viel mehr! So einen wünscht man sich! Einen der einem im Alltag hilft, der einem Wünsche erfüllt, der einem in Not beisteht. Wäre das nicht auch unser Wunsch-Jesus? Ich denke, dass das für viele Menschen wirklich ein Zugang zum Glauben ist: Dass sie in Notlagen und in Lebenskrisen fragen: Ist da jemand? Und sich dann an Gott oder an Jesus wenden, und sie erfahren: Ja, da ist wirklich einer, der hilft, der Kraft gibt, der tröstet, der mir neue Perspektiven schenkt. Und mancher macht die Erfahrung, dass es tatsächlich Wunder gibt! Und der Herr tut heute noch Wunder, Stunde um Stunde, Tag für Tag.

Und wenn heute Silberne Konfirmation ist, dann ist das auch ein Grund, einmal innezuhalten, zurück zu schauen. Wo hat Gott mir in meinem Leben schon geholfen? Wo habe ich in schweren Zeiten Trost erfahren? Wo habe ich Erfolge feiern können? Habe ich da die dankbare Perspektive auf Gott?
Ich glaube, ein Geheimnis von Glück und Zufriedenheit ist die Dankbarkeit. Wer dankt, erlebt einen Perspektivwechsel.

Denn wer dankt, schaut nicht auf das, was er nicht hat, sondern auf das, was er hat!
Hilfe in diesem Leben, das hatte Elia gegeben, und das gibt uns auch Jesus. Das ist die Elia-Perspektive. Aber Jesus ist noch mehr.

Denn wir machen auch die Erfahrung: Wunder gibt es nicht auf Bestellung. Und auch mit Gebet und Glaube erleben wir Niederlagen, erleben wir Scheitern und Leid. Bis hin zu Krankheit oder Tod. Jesus als Wundertäter? Jesus als Glücksbringer? Jesus als Lebensversicherung? Nein, Jesus ist mehr!
Und wieder andere hatten die Jeremia-Perspektive auf Jesus! Jeremia war ein Prophet, der viel leiden musste, er wurde einfach nicht gehört! Seine Worte verhallten scheinbar ohne Wirkung. Nichts schien sich zu ändern. Er war zwar ein guter Mann, aber der große sichtbare Erfolg blieb aus. Ist Jesus so? Ja, auch Jesus musste ja viel leiden. Und – mal ehrlich – was hat sich eigentlich in den letzten 2000 Jahren geändert? Wenn man ehrlich ist: Okay, es gibt auch “Erfolge”, viel Gutes ist seitdem passiert, und es ist schon erstaunlich, wie sich der christliche Glaube von diesen 11, 12 Hanseln aus der hintersten Provinz Juda über die ganze Welt ausgebreitet hat. Das könnte man ja schon “Erfolg” nennen. Aber dagegen steht doch: Es gibt noch immer Krieg, Leid, Terror, Angst. Jesus – ein erfolgloser Jeremia?

Der berühmte Rabbi von Witebsk wurde gefragt, ob er glaube, dass Jesus der Messias ist, der schon gekommen ist. Aus dem Fenster geschaut und gesagt: Es hat sich nichts verändert.

Also die Jeremia-Perspektive scheint auch nicht die richtige auf Jesus zu sein. Doch auf einmal wird es persönlich!

 

2) Perspektiven für dein Leben

Schluss mit den Meinungsumfragen! Schluss mit Prognosen und Vermutungen. Jetzt hast du die Wahl.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
Und dann spricht es Petrus aus, wer Jesus wirklich ist. Wo man aber von allein nicht drauf kommt.
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

Du bist Christus! Der Sohn Gottes. Und im Johannesevangelium lesen wir noch, das Petrus bei einer anderen Gelegenheit ergänzt hat: “Herr, wohin sonst sollen wir gehen, du, nur du, hast Worte des ewigen Lebens!”

Also auf einmal kommt eine ganz neue Perspektive ins Spiel: Die Perspektive Ewigkeit.

“Du bist Christus” – “Christus” – das ist die griechische Übersetzung von Messias. Ja, was ist denn der “Messias”? Die Menschen damals haben gedacht, der Messias, das ist einer, der hier auf der Erde mal für Ordnung sorgt, der die Römer aus dem Land schmeißt und der hier ein Friedensreich in Gerechtigkeit aufbaut. So malt uns die Bibel, und besonders das Neue Testament den Messias nicht vor Augen. “Messias” das ist einer, der uns retten möchte. Retten? Wovor denn retten? Wir sind doch nicht mehr unterdrückt von den Römern! Uns geht es doch gut! Nein, es geht um Rettung für die Ewigkeit! Rettung aus dem ständigen “Auf-sich-selbst-bezogen-sein”, aus unseren eigenen Begrenzungen, Rettung aus dem, was die Bibel “Sünde” nennt, aus dem Verlorensein. Wo wir uns abgewandt haben von Gott und selber unsres Glückes Schmied sein wollen. Und da möchte der Messias in unser Leben treten und uns eine neue Perspektive geben, einen ganz neuen Sinn im Leben. Den Messias haben, heißt also nicht zuerst “Glück im Leben” haben, sondern vielmehr: ewiges Leben haben. Der Sinn des Lebens muss doch größer sein als alles, was dieses Leben selbst zu bieten hat. Denn die irdischen Dinge, worauf wir den Sinn unseres Lebens gründen, die sind doch alle zerbrechlich. Ob es Beziehungen sind, Familie, – natürlich: für viele ist Familie das Allerwichtigste, und es ist etwas Großartiges, ein Geschenk Gottes, wenn man als Familie zusammenhalten kann – aber auch Familie ist zerbrechlich, wir merken das spätestens, wenn jemand aus der Familie durch den Tod von uns gerissen wird. Oder der Job – wie viele leben ganz für den Job! Aber wie sicher ist der? Die Gesundheit? Und wenn die weg ist? Also, wo ist der Sinn des Lebens? Hab jetzt in ‘ner Fernsehzeitung eine Anzeige gesehen: “Der Sinn des Lebens – für nur 1 Euro!” – da dacht ich: Mensch, das ist ja eine dolle Sache! Wo gibt’s denn den Sinn des Lebens für nur 1 Euro? Dann stand drunter: “Fuballbild”. Hm, na ja… Fußball – das kann ja sicher eine schöne Nebensache sein. Aber der Sinn des Lebens?

Was ist denn das, was wirklich hält. Petrus hat erkannt: “Du hast Worte des ewigen Lebens”. Die Beziehung zu Jesus ist etwas, was uns durchträgt, auch in den Krisen des Lebens, wenn unser irdisches Glück zerbricht. “Lebe die Zeit mit Perspektive Ewigkeit!” – so heißt es in einem Lied, das wir nachher noch singen werden.

Und wenn wir diese Perspektive über den Tod hinaus haben, dann können wir die Jahre hier auf der Erde, die Gott uns schenkt – keiner weiß, wie viele er davon noch hat – auch mit ganz neuer Perspektive leben. In großer Gelassenheit können wir einen ganz neuen Blick auf Gutes und Schlechtes in unserm Leben gewinnen. Und da, wo wir vorher mit unserer begrenzten Perspektive nur Frust und Enttäuschung und Krise gesehen haben, kann uns Gottes Perspektive neue Hoffnung geben. Aus Krisen können Chancen werden. Gott hat die Kraft, Dinge zu verändern, die wir nicht verändern können. Und er gibt die Kraft, Dinge zu verändern, die wir verändern können.

So war das ja bei Petrus! Wie wurde sein Leben verändert! Jesus sagte zu ihm: “Du bist Petrus, der Fels, auf den ich meine Gemeinde baue!” Das war aus Gottes Perspektive gesprochen. Denn Petrus selber, ein Leben sah ganz anders aus: Er kannte ja den Frust, Versagen und Scheitern nur zu gut! Da war nix von einem “Felsen” zu spüren. Etwa als er die ganz Nacht gefischt – und nichts gefangen hatte, so wie wir uns auch manchmal in irgendeiner Angelegenheit vergeblich abmühen und es doch nichts bringt! Er kannte auch die Enttäuschung über sich selbst, als er zuvor mit großer Klappe behauptete: “Jesus, wenn alle dich verlassen, ich bleib dir immer treu!”, und dann hat er seinen besten Freund Jesus dreimal verleugnet! Da war nix von einem “Felsen” zu spüren. Er kannte Niederlagen und Scheitern. Das war seine Perspektive auf sein Leben – Gottes Perspektive auf sein Leben war eine ganz andere. Du bist ein Fels! Das heißt doch: In deinem Leben gibt es einen Halt. Du wirst nicht kaputt gehen, weder an deinen eigenen Fehlern noch an dem, was andere über dich sagen oder dir antun. Der Fels ist deine Verbindung zu Jesus. Und der hält. Und so können wir doch auf unser Leben mit einer neuen Perspektive schauen, gerade da, wo es Frust und Enttäuschung gibt. Vielleicht in unserer Beziehung.

Ich hab mal ein Bild mitgebracht auf ein altes Paar. Die gucken sich nur noch grimmig an. Wer weiß, wie viele Jahre die schon miteinander, nein, eher nebeneinander oder sogar gegeneinander leben! Das ist die menschliche Perspektive. Aber nun kommt das ganz Überraschende: Betrachtet man dieses Bild aus einer anderen Perspektive, nämlich dreht man es mal um um 180°, dann verändert sich alles: Dann lächeln die beiden einander zu. Das könnte ein Symbol dafür sein, dass wir mit Gottes Perspektive lernen, Dinge selber neu zu sehen, neu zu bewerten, Veränderung zu wagen!

Oder da ist der Müll in unserm Leben, Trümmer. Da wo uns Menschen verletzt haben, oder wo wir andere verletzt haben. Wo etwas kaputt gegangen ist. Kann daraus noch etwas werden? Auch hier gilt: Auf die Perspektive kommt es an. Das kann uns Bernard Pras lehren – ein großartiger französischer Künstler. Der schafft es, Müll und Schrott so anzuordnen, dass – aus der richtigen Perspektive betrachtet – ein fantastisches Kunstwerk daraus entsteht!
Zum Anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=a7LCTT7HKzc

Ich finde, das ist ein wirklich geniales Bild dafür, was Gott – der großartigste aller Künstler – aus unserm Leben machen kann aus dem Müll und Schrott unseres Lebens. Aus Gottes Perspektive betrachtet, wird unser Leben zum Kunstwerk, egal, was wir selbst darin sehen.

Möge uns Gott diese Perspektive auch für unser eigenes Leben schenken! “Perspektive” heißt wörtlich übersetzt “Durchblick”. Durchblick durch unsere Grenzen und unsern Horizont hindurch. Lebe die Zeit mit Perspektive Ewigkeit!

Amen.

 

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