Auf Adlerflügeln getragen

Gottesdienst am Sonntag, dem 01.07.2018

Thema: Adlerperspektiven I: Auf Adlerflügeln getragen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 5. Mose 32, 9-12 u.a.

Liebe Gemeinde,

hier habe ich ihn einmal mitgebracht, einen Adler. Aus Holz geschnitzt. Der König der Lüfte! Wie majestätisch! Ich liebe es, wie diese Tiere ihre mächtigen Schwingen ausbreiten und nahezu schwerelos am Himmel zu schweben scheinen. Diese Freiheit, diese Kraft, diese Majestät! Die Bibel benutzt sehr oft Bilder, um geistliche Wahrheiten zu veranschaulichen. Denken wir an den Psalm 23, Gott als Hirte, wir seine Schafe… Und nun also das Bild des Adlers. So lesen wir in Hesekiel 1, wie der Prophet in einer Vision die Herrlichkeit Gottes sieht. Und da sieht er am Thron Gottes vier seltsame Wesen und da schreibt er:

“Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren und zur linken Seite gleich einem Stier bei allen vieren und hinten gleich einem Adler bei allen vieren.” Vier Wesen, die Eigenschaften Gottes bildhaft, symbolisch beschreiben. Heute und nächste Woche wollen wir uns speziell mit dem Adler beschäftigen.

[Videoclip]

Beeindruckend, solch ein Adlerflug, oder?

Dass die Bibel das Bild des Adlers für Gottes Herrlichkeit verwendet, hat sicher mehrere Gründe.

Die Anmut und Schönheit und Majestät des Adlerfluges, wie wir es eben gesehen haben, gehören sicher dazu. Aber es gehört noch mehr dazu.

Da ist zum einen das sprichwörtliche Adlerauge.

 

1) Mit Adleraugen gesehen

Ein Adler ist ein Meister im Sehen. Ein Adler sieht 8mal schärfer mit seinen Augen als wir Menschen mit unsern Augen sehen. Noch aus 3 Kilometern Entfernung, so habe ich gelesen, kann er ein Mäuschen am Boden erkennen. Einige Greifvögel haben sogar ein „eingebautes Fernglas“ in ihrem Auge. Das heißt, ein Teil ihres Blickfeldes vergrößert die Objekte. Gott, der große Adler, sieht mit Adleraugen. Wir Menschenkinder werden von ihm mit Adleraugen gesehen. Er sieht uns wie kein anderer uns sieht. Schauen wir in die Erfahrung des Volkes Israel, wie sie Mose in seinem Lied besungen hat.

Denn des HERRN Teil ist sein Volk,
Jakob ist sein Erbe.
Er fand ihn in der Wüste,
in der dürren Einöde sah er ihn.
Er umfing ihn und hatte Acht auf ihn.

Da ist das Volk Israel. Ein störrisches, verfolgtes Volk in der Wüste. Bedroht von außen. Seine Feinde, die Ägypter, sind ihm auf den Fersen. Bedroht von innen: Zweifel, Murren, Kleinglaube, Undankbarkeit drohen es aufzureiben. Einsam und verirrt in der Wüste des Lebens. Und da ist jemand, der dieses Volk sieht, der es fokussiert, in den Blick nimmt. Wie mit Adleraugen gesehen. “Gott fand ihn in der Wüste, in der dürren Einöde sah er ihn. Er umfing ihn und hatte Acht auf ihn.” Während sich andere vielleicht eher wie Geier auf Israel stürzen und in der Geschichte auch immer wieder gestürzt haben, sind es bei Gott Adleraugen der Liebe, des Erbarmens. Vielleicht geht es dir manchmal wie dem Volk Israel: Du fühlst dich bedroht und einsam, umherirrend in einer Wüste und fragst dich: Wer sieht mich eigentlich? Wer sieht meine tiefsten Bedürfnisse und Sehnsüchte?

Kommt ein Patient zum Psychiater: “Ich habe ein Problem: Ich werde immer übersehen.”
Der Psychiater: “Der Nächste bitte!”

So geht es tatsächlich vielen Menschen. Sie haben den Eindruck, sie werden einfach nicht ernstgenommen.

Doch da! Der Adler! Gott! Er sieht mich, auch wenn ich ihn noch gar nicht sehe, weil er mir viel zu weit weg vorkommt, in großer Höhe zu schweben scheint, aber er hat mich längst gesehen. Und wenn wir Gottes Kinder sind, sollten wir doch auch versuchen, ein bisschen was von den Adleraugen Gottes zu bekommen. Und genauer hinzusehen. Gerade auf die, die übersehen werden. Es hat mich sehr bewegt, wie eine junge Teamerin mal bei einer Konfirmandenfreizeit erzählt hat, wie sie zum Glauben gekommen war. Sie sagte, dass sie früher immer das Gefühl hatte, übersehen zu werden. In ihrer Klasse hatte sie nicht wirklich Freunde, man nahm sie gar nicht richtig wahr. Und zuhause bei den Eltern waren auch andere Dinge wichtiger, so schien es ihr. Und dann erlebte sie auf einmal in der Gemeinde, dass sich andere für sie interessierten. Dass sie nicht mehr übersehen wurde. Sie spürte, dass Gott sie sah und liebte und ihr Menschen schickte, die ihr das zeigen sollten. Sie fand Freunde und den Glauben.

In Jesaja 43,4 sagt Gott: “Du bist in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich und ich habe dich lieb.”

Was für ein Trost, dass Gott uns immer sieht, alle unsere Wege, wie Jeremia es sagt: “Deine Augen stehen offen über allen Wegen der Menschenkinder.” (Jer. 32,19). Gott entgeht nichts.

Hm, ich frage mich: Ist das nur Trost, oder erschreckt mich das auch? Flößt mir das Angst ein? – Ist Gott der große Aufpasser, nach dem Motto “Big Brother is watching you”, vor dessen Adleraugen sich keiner verstecken kann, dem nichts von unseren Fehlern entgeht… Der lauert, der sich ins Fäustchen lacht, wenn wir mal wieder Mist gebaut haben! Ha, hab ich dich erwischt! – Nein! So ist Gott nicht! Er lauert uns nicht auf. Doch es ist auch wahr, dass ihm nichts entgeht. Psalm 11,4: “Seine Augen sehen herab, seine Blicke prüfen die Menschenkinder.”

So liegt auch ein heiliger Ernst in den Adleraugen Gottes. Keiner kann ihm entfliehen. Er ist eben nicht der alte Opa, halbblind und taub, der mal fünfe gerade sein lässt. Ob das Adlerauge Gottes mich tröstet oder erschrickt, hängt von meiner Beziehung zu ihm ab. Für das Beutetier bedeutet der Blick des Adlers Erschrecken, für das Adlerküken bedeutet er Rettung und Trost. Bist du Gottes Adlerküken? Gehörst du ihm? Kinder Gottes brauchen keine Angst zu haben vor Gottes Blick. Ich finde es unglaublich entlastend, dass Gott ohnehin alles weiß und alles sieht und ich ihm nichts vorspielen muss. Er sieht mich, kennt mich und liebt mich trotzdem, mich sein Küken! Er verdammt mich nicht. Nein, er kommt vom Himmel herab auf die Erde – in Jesus! – um mich anzunehmen, aufzunehmen, zu tragen auf seinen Flügeln, von der Erde zum Himmel.

 

2) Auf Adlerflügeln getragen

Wie ein Adler ausführt seine Jungen
und über ihnen schwebt,
so breitete er seine Fittiche auf
und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.

Gott trägt sein Volk Israel. So hat er sie aus der Sklaverei Ägyptens befreit, herausgeholt. Sie sind seine Küken. In 2. Mose 19,4 sagt Gott: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Das Tragen ist das Eine, das Andere ist: “…und euch zu mir gebracht.” Beides ist gleich wichtig. Manch einer sieht den Glauben und Gott nur als Hilfe in Lebensnöten an. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann kommt das Stoßgebet. Dann will man sich ein Stück weit tragen lassen. Durch Krankheits- oder Trauerzeiten. Doch dann will manch einer wieder absteigen und seinen eigenen Weg gehen. Aber Gott hat einen anderen Plan: Er will uns zu ihm bringen! Er will uns ans Ziel bringen. Er will, dass wir bei ihm bleiben und er bei uns bleibt. Er will uns nicht nur aus der Patsche helfen, sondern ein neues Leben schenken. Er will uns überallhin begleiten. Der Taufspruch von Lina Knoke lautet: Sei mutig und stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst. (Josua 1,9). Das passt sehr gut! Denn was könnte einen mutiger und getroster machen, als zu wissen: Gott, der große Adler, ist immer bei mir, und trägt mich.

Man hat zwar noch nicht oft beobachtet, dass Adler ihre Jungen tragen, aber dieses Bild bringt die Kraft und Stärke Gottes zum Ausdruck. Bedenken wir: Ein Steinadlermännchen wiegt etwa 3,5 kg und kann Lasten von rund 5 kg im Flug tragen, etwas das anderthalbfache seines Körpergewichts. Stell dir vor, du solltest eine 120 kg schwere Last nicht nur heben, sondern damit auch noch fliegen! Und Gott ist noch viel stärker! Vielleicht hast du selber schwer zu tragen. Ich denke an Tante Ilse, eine Art Ersatzoma von mir, als ich klein war. Sie hatte in ihrem Leben schwer zu tragen. Da war zunächst der Kinderwunsch, der immer unerfüllt geblieben ist. Aber dann war da die schwere Krankheit ihres Mannes, der durch eine Diabeteskrankheit erblindete, an den Rollstuhl gefesselt war und den sie über Jahrzehnte liebevoll und geduldig pflegte. Und doch strahlte sie so eine herzliche Gutmütigkeit, Freundlichkeit und Freude und kindliches Gottvertrauen aus, wie ich es selten erlebt habe! Wenn wir telefoniert haben, sagte sie immer wieder: Ach, Gero, weißt du, ich hab schon ganz schön schwer zu tragen. Aber ich spür dabei, dass ich selbst getragen werden. Wenn unser Herr Jesus mir nicht die Kraft geben würde, wäre ich schon längst zusammengebrochen.

Gott spricht: “Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.” (Jesaja 46,4) Auf Adlerflügeln getragen! Lasst uns Küken Gottes werden und uns erinnern, dass er uns trägt durch die Stürme des Lebens hindurch. Und schließlich gibt es noch etwas, was den Adler in alter Zeit kennzeichnete. Er war für die Menschen geheimnisvoll.

 

3) Geheimnisvoll wie Adler

Drei Dinge sind mir zu geheimnisvoll, und vier verstehe ich nicht: des Adlers Weg am Himmel, der Schlange Weg auf dem Felsen, des Schiffes Weg mitten im Meer und des Mannes Weg zu einer jungen Frau. (Sprüche 30,18)

Für die Menschen damals gab es viele geheimnisvolle Dinge. Vieles können wir heute erforschen und erklären (die Liebe zwischen Mann und Frau wird allerdings auch immer geheimnisvoll bleiben…). Aber der Weg es Adlers am Himmel, das war für die Menschen ein besonderes Geheimnis! Aus heiterem Himmel taucht er plötzlich auf, zieht seine Kreise und ist dann aber auch schnell wieder weg, weil er so unglaublich hoch fliegt, dass man ihn nicht sehen kann! 7.500 Meter hoch können Adler fliegen, manche Arten noch viel höher! Und doch sieht er alles, was hier unten geschieht. Und dann, ganz plötzlich ist er zur Stelle! Im Sturzflug mit bis zu 300 km/h saust er herunter! Für mich ist der Weg des Adlers am Himmel das auch ein Bild für Gottes geheimnisvolle Wege. Er sagt: “Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege.” (Jesaja 55,8) Oft können wir seine Wege nicht verstehen! Wenn etwas Schreckliches passiert, wenn wir einen Menschen verlieren, Krankheit oder Tod in unser Leben tritt. Dann scheint Gott manchmal so unendlich weit entfernt. So hoch, so weit weg. Aber wir dürfen wissen: Er ist da! Er sieht dich, und letztlich ist er doch nur ein Gebet weit entfernt! So dass er – wenn du es vielleicht gar nicht mehr erwartest – zur Hilfe eilen kann, dich tröstet und rettet und trägt.

Amen

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