100 Rosinenkuchen

Gottesdienst am Sonntag, dem 26.08.2018

Thema: 100 Rosinenkuchen

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Samuel 25

Liebe Gemeinde,

die Wochen der Gastfreundschaft laufen. Wir haben zwei verschiedenfarbige Zettel. Die gelben kann man ausfüllen unter der Überschrift: “Ich/Wir möchten Gastgeber sein”.

Die grünen stehen unter der Überschrift “Ich/wir möchten Gast sein”. Nun ist ja hilfreich, dass man auch angeben kann mit wie viel Personen man gedenkt zu kommen.

Hier habe ich einen entdeckt, der machte mich wirklich neugierig. “Wir möchten gerne Gast sein”. Name: David. Und dann kommt’s: Wir kommen mit – wie bitte??? -mit 600 (!) Personen! Upps. Das ist aber happig. Telefonnummer und Emailadresse sind nicht angegeben. Stattdessen als Kontakthinweis: 1. Samuel 25.

Da lädt sich jemand ein mit 600 Leutchen. Da wird Gastfreundschaft auf eine harte Probe gestellt. Und doch: wirklich passiert. Eine faszinierende Geschichte über Gastfreundschaft, die wir da in der Bibel im 1. Samuelbuch lesen. Voller Lebensweisheit und Glaubenshilfe. Wir werden heute 3 höchst unterschiedliche Leute kennen lernen: David – diesmal alles andere als ein Glaubensheld. Und ein merkwürdiges Ehepaar: der reiche, aber dumme und boshafte Nabal und Abigajil, seine hübsche und kluge Frau, die heute die Hauptperson ist!

Vorgeschichte:
1 Und Samuel starb, und ganz Israel versammelte sich und hielt ihm die Totenklage. Und sie begruben ihn in seinem Hause zu Rama. David aber machte sich auf und zog hinab in die Wüste Paran.

Samuel, der Prophet, der Gottesmann, für David eine ganz wichtige Person. Das war sein Mentor, sein Freund, sein Vorbild, sein Glaubensvater. Dass er starb, war für David eine Katastrophe. Und er war ohnehin in einer bescheidenen Lage. Er war seit Jahren auf der Flucht vor König Saul, der ihn umbringen wollte. Er hatte viele raue Gesellen bei sich, Verschuldete, Verarmte, Verbitterte. Mit der Zeit 600 Leute. So wie bei Robin Hood. David war meistens ein Mann voller Glauben und Gottvertrauen. Er dichtete Lieder von erhabener Schönheit. Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte. Und dennoch machte er Fehler, fiel in Sünde, erlebte er so viel Schweres, auf seinem Lebensweg wanderte er manches Mal durchs finstere Tal. David – wir kennen ihn. Nun die andern beiden Protagonisten dieses Dramas:

2 Und es war ein Mann in Maon, der hatte sein Gut in Karmel, und der Mann hatte sehr großes Vermögen und besaß dreitausend Schafe und tausend Ziegen. Und es begab sich, dass er eben seine Schafe schor in Karmel.
3 Der Mann hieß Nabal, seine Frau aber hieß Abigajil. Und sie war eine Frau von Verstand und schön von Angesicht, der Mann aber war hart und boshaft in seinem Tun und war ein Kalebiter.

Was für ein Ehepaar! Der Mann stinkreich. Ein großer Geschäftsmann. Ein Millionär der Antike, aber ein äußerst mieser Charakter. “Hart und boshaft in seinem Tun.” Die Frau: schön und klug – immerhin hatte er einen guten Geschmack. Die Schöne und das Biest! Man kann davon ausgehen, dass diese Ehe alles andere als eine glückliche Ehe war. Ob das schon immer so war? Oder hat sich Nabal verändert? Hat der Reichtum ihn in seiner Seele arm gemacht? Von Abigajil erfahren wir später, dass sie eine gläubige Frau war. Wie oft war sie wohl traurig, hat Gott um Hilfe angerufen! Ich weiß es nicht. Aber es ist so ermutigend zu sehen, dass sie trotz ihres Eheelends nicht verbittert, den Glauben nicht verliert, auch ihre Schönheit nicht verliert, weder die des Angesichts noch die des Herzens! Gott hat ihr Kraft gegeben, diesen schwierigen Mann auszuhalten.

Und dann eine kleine Nebenbemerkung: Nabal war ein Kalebiter. Das ist traurig. Ein Nachkomme Kalebs. Das war einer der 12 Kundschafter, die das Land Kanaan einst unter Mose auskundschaften sollten. Und er war hinterher mit Josua zusammen der einzige, der voller Gottvertrauen, voller Glauben sagte: “Lasst und hinaufziehen und das Land einnehmen” (4. Mose 13,30) – so wie Gott es uns versprochen hat. Lasst uns Gottes Verheißung und Hilfe vertrauen und uns nicht von unserer Angst lähmen lassen. Während alle anderen die Hosen voll hatten und jammerten und meckerten und motzten. Nabal ist also ein Urenkel des frommen Kalebs – und es war nichts mehr vom Glauben da. Es reicht eben nicht, wenn man mal fromme Großeltern hatte, es reicht eben nicht, im Land der Reformation zu leben, es reicht nicht, sich “christliches Abendland” zu nennen. Die Tradition bringt uns nicht in den Himmel! Jeder ist selbst gefragt, wie er zum Glauben steht und wie er sein Leben führt.

4 David hörte nun in der Wüste, dass Nabal seine Schafe schor.

Nun muss man wissen: Die Schafschur damals – das war ein Großereignis, eine Riesenparty. Da wurde tagelang gefeiert, gegessen, getrunken. Immerhin ging es um reichen Ertrag. Da dachte David: Hm, das passt! Meine Männer und ich sind mächtig hungrig, und da wird gefeiert. Vielleicht können wir was abbekommen.

Das klingt ein bisschen dreist, allerdings lesen wir dann auch, dass Davids Männer die Hirten Nabals lange begleitet und beschützt hatten. Dass sie “wie eine Mauer” um Nabals Leute gewesen sind, “Tag und Nacht” (V.16). Ohne Lohn. Da war es schon durchaus angemessen, wenigstens etwas von dem Essen abzubekommen. So

5 sandte David zehn Männer aus und sprach zu ihnen: Geht hinauf nach Karmel, und wenn ihr zu Nabal kommt, so grüßt ihn freundlich in meinem Namen
6 und sprecht: Glück zu! Friede sei mit dir und deinem Hause und mit allem, was du hast!
[…] Und lass meine Männer Gnade finden vor deinen Augen, denn wir sind an einem Festtag gekommen. Gib deinen Knechten und deinem Sohn David, was du zur Hand hast.

Friede sei mit dir und deinem Hause! Was für eine Begrüßung! Mach ich nicht so oft. Könnte man ja mal ausprobieren. Beim Bäcker vielleicht: “Friede sei mit ihnen!” Dem Arbeitskollegen, der uns nicht mag: “Friede sei mit dir.” Dem Mathelehrer: “Friede sei mit Ihnen!” Freundlich und höflich bittet David um Unterstützung. Doch mit dieser Reaktion hätte keiner gerechnet:

9 Und als die Männer Davids hinkamen und in Davids Namen alle diese Worte mit Nabal redeten und ruhig warteten,
10 da antwortete Nabal den Knechten Davids: Wer ist David? Und wer ist der Sohn Isais? Es gibt jetzt viele Knechte, die ihren Herren davongelaufen sind.
11 Sollte ich mein Brot und mein Wasser nehmen und mein Fleisch, das ich für meine Scherer geschlachtet habe, und Leuten geben, von denen ich nicht weiß, wo sie her sind?

Diese Antwort ist mehr als unverschämt! “Wer ist David?” – was für eine Frechheit! Jeder in Israel kannte David, der Goliath besiegt hat, der unzählige Siege für Israel errungen hatte. Aber was Nabal dann sagt, offenbart seinen Charakter: “Sollte ich mein Brot und mein Wasser nehmen und mein Fleisch, das ich für meine Leute geschlachtet habe…” Ich und mein, mein, mein, mein… Letztlich schießt aus jedem Knopfloch der blanke Egoismus. Man hat den Eindruck, dass dem Nabal sein Reichtum, seine Karriere, sein Geschäft das Wichtigste war. Dafür war er bereit, seinen Charakter zu opfern und seine Ehe. Ich glaube, ein Grund für mangelnde Gastfreundschaft ist der Egoismus. Was soll ich? Etwas abgeben von meinem Essen, von meinem Geld, von meiner Zeit? Wir hatten mal vor kurzem für ein paar Tage Besuch von einer Familie aus dem Erzgebirge. Zum Frühstück gab es unter anderem so einen besonderen, etwas teuren Brotaufstrich “Ovomaltine”, den es bei uns selten gibt und den unsere Kinder lieben. Aber auch der Junge der Gäste. Er strich es sich kräftig, zentimeterdick aufs Brot. Und dann passierte am nächsten Morgen etwas Seltsames: Die Ovomaltine war einfach verschwunden. Unauffindbar. Doch noch seltsamer: Als der Besuch wieder weg war, tauchte die Ovomaltine wieder auf. O Wunder! Da hatte doch glatt eins unserer Kinder die Dose versteckt. Gastfreundschaft ist ja schön und gut, aber bitte doch nicht das Beste und Teuerste! Meine Ovomaltine? Es gibt doch genug andres!

Doch es ist gut zu lernen zu teilen, abzugeben von dem, was meins ist, was mir schmeckt. Aber das fällt uns vielleicht schwer. Nabal konnte es nicht mal denken.

12 Da wandten sich die Männer Davids um und gingen ihres Weges. Und als sie zu ihm zurückkamen, sagten sie ihm das alles.
13 Da sprach David zu seinen Männern: Gürte sich ein jeder sein Schwert um! Und jeder gürtete sich sein Schwert um, und auch David gürtete sich sein Schwert um, und etwa vierhundert Mann zogen ihm nach, aber zweihundert blieben bei dem Tross.

Jetzt wird’s brenzlig! Gürte sich ein jeder sein Schwert um! Wie gut, dass wir heute meist kein Schwert so griffbereit haben. Denn wer weiß! Wenn wir wütend, enttäuscht, beleidigt sind, was dann wäre… Aber halt! Vielleicht haben wir doch ein Schwert? Klein und versteckt, und doch so scharf. Im Mund. Unsere Zunge, unsere Worte. Wie verletzend können sie sein! Was wir anderen sagen – oder noch schlimmer: was wir über andere sagen, hinter deren Rücken – kann wehtun, Wunden schlagen, kaputt machen, töten. Aus Rache, aus Bitterkeit. Oder einfach, weil wir dadurch eine gewisse Macht ausüben können. Eine scharfe Zunge, eine spitze Zunge…

David zückt sein Schwert. Er, der Mann Gottes? Ja, das liebe ich an der Bibel: dass sie so ehrlich ist, dass hier keine perfekten, fehlerlosen Menschen gemalt werden. Sondern ehrlich und schonungslos wird offenbar: Auch ein gläubiger Mensch, auch ein Kind Gottes, kann schlimme Fehler machen, kann ausrasten, kennt Momente, wo er sich nicht von Gottes Geist leiten und führen lässt, wo er sich stattdessen zu Jähzorn und Wut hinreißen lässt, selbst seine Ehre in die Hand nehmen will, mit dem Kopf durch die Wand, mit dem Schwert in der Hand. Auch wir Christen brauchen Vergebung!

Und wie gut, dass Gott eingreift! Und er benutzt dabei manchmal andere Menschen. Hier die Klugheit und Besonnenheit von Abigajil, Nabals Frau. Die erfährt, was geschehen ist und wie schlimm sich ihr Mann benommen hat, und dass Gefahr drohen könnte. Und es ist klasse, wie die reagiert. Statt sich über ihren Mann aufzuregen: diese Pfeife, dieser Vollpfosten, dieser Idiot… – uns über die Fehler des andern aufregen, das können wir gut! – doch statt dessen bleibt sie ganz ruhig und besonnen. Aber sie handelt. Sie schaut nicht verbittert und tatenlos zu. Sondern sie ist praktisch, sie tut, was sie kann.

8 Da eilte Abigajil und nahm zweihundert Brote und zwei Krüge Wein und fünf zubereitete Schafe und fünf Scheffel Röstkorn und hundert Rosinenkuchen und zweihundert Feigenkuchen und lud alles auf Esel.

Was fährt diese Frau alles auf! Nabals Hirten hatten ihr ja berichtet, wie viel Gutes David und seine Leute ihnen getan hatten. Und da wollte sie die Fehler ihres Mannes wieder gut machen. Sie wollte sich als dankbar und gastfreundlich zeigen. Und zwar nicht kleckern, sondern klotzen. 100 Rosinenkuchen! Wow! Das war nicht nur das Nötigste, sondern ein Komplettmenü vom Feinsten in 5 Gängen! Sie schaute nicht auf den Preis, sondern ist großzügig! Sie war ja auch reich, Reichtum an sich ist nicht böse, aber im Unterschied zu ihrem Mann klebte sie eben nicht am Reichtum, sondern verstand ihn für andere einzusetzen, zu nutzen, abzugeben, zu teilen.

20 Und als sie auf dem Esel ritt und hinabzog im Schutz des Berges, siehe, da kamen David und seine Männer hinab ihr entgegen, sodass sie auf sie stieß.

Stellen wir uns das vor: Da der Berg, David und seine Leute, mit Schwertern, sie wollen töten, erfüllt von Wut und Rachsucht. Da Abigajil mit ihren Leuten, erfüllt von Güte und Großzügigkeit. Schwerter gegen Rosinenkuchen. Wer da wohl gewinnt? Wo reihen wir uns ein, in den Konflikten unseres Alltags? Sind wir eher auf der Seite derer, die die Messer wetzen, die nicht zu kurz kommen wollen, die es dem andern heimzahlen wollen: den fiesen Mitschülern, dem Chef, dem Ex-Mann. Na warte! Ich werd’ dich… Oder können wir unser Schicksal Gott anvertrauen und bereit sein zur Versöhnung? Abigajil handelt im Geiste Jesu.

23 Als nun Abigajil David sah, stieg sie eilends vom Esel und fiel vor David nieder und beugte sich zur Erde
24 und fiel ihm zu Füßen und sprach: Ach, mein Herr, auf mich allein falle die Schuld!

Ach, mein Herr, auf mich allein falle die Schuld. Das ist wirklich krass! Ihr Mann hatte doch die Schuld! Sie erklärt dann noch, dass ihr Mann ein “heilloser Mann” ist. Aber doch nimmt sie die fremde Schuld auf sich. Ein Bild für Jesus. Der nimmt unsere Schuld auf sich. Und wir? Wir wollen oft so unschuldig dastehen, so perfekt. Wie schwer fällt es uns, selbst unsre eigenen Fehler einzugestehen! Und dann kommt ihre Gastfreundschaft ins Spiel. Und sie hat ein wunderschönes Wort für all das leckere Essen, was sie mitgebracht hat:

27 Hier ist die Segensgabe, die deine Magd meinem Herrn gebracht hat.

Segensgabe! Das ist ein wunderbares Wort für solch ein Essen. Für Gastfreundschaft und Tischgemeinschaft. Segensgabe! Wenn du großzügig bist und andere an deinen Tisch einlädst, mit ihnen Gemeinschaft hast, ganz gleich ob Freunde, Fremde, vielleicht sogar mal Feinde, dann wird das zur Segensgabe für den andern – und für dich selbst!

Und auf einmal sagt sie – erfüllt von Gottes Geist – ein prophetisches Wort:

Der HERR wird meinem Herrn ein beständiges Haus bauen.

Der Herr, also Gott, wird meinem Herrn, damit meint sie jetzt David, ein beständiges Haus bauen. 500 Jahre lang werden die Nachkommen Davids ohne Unterbrechung Könige von Juda sein. Aber wahrhaft beständig ist Davids Haus erst durch Jesus, den Sohn Davids und Gottes Sohn, der auf ewig regiert.
Und David, er erkennt, in Abigajil eine Botin Gottes.

32 Da sprach David zu Abigajil: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, der dich heute mir entgegengesandt hat,

Lassen wir uns doch auch von Gott senden, um für andere Boten Gottes zu sein – sei eine Frau oder ein Mann im Dienst Gottes. Botschafter der Liebe, Boten seines Friedens… Und David fährt fort:

33 und gesegnet sei deine Klugheit, und gesegnet seist du, dass du mich heute davon zurückgehalten hast, in Blutschuld zu geraten und mir mit eigener Hand zu helfen.
35 Also nahm David aus ihrer Hand, was sie ihm gebracht hatte, und sprach zu ihr: Zieh mit Frieden hinauf in dein Haus;

David hört auf sie, diese fremde Frau. Und er nimmt das Essen an. 100 Rosinenkuchen und all die andern guten Gaben. Happy End? Nicht ganz. Abigajil muss wieder nach Hause, zurück. Zurück zu diesem furchtbaren Mann, der inzwischen über die Maßen betrunken war, zurück in ihren Alltag, in ihr Elend, in ihre Ehe-Einsamkeit … Wie viele erleben das so oft! Sie sind in der Gemeinde, machen schöne, wertvolle Erfahrungen, spüren Gottes Nähe, feiern Gottesdienst, sind im Herzen berührt. Oder eine schöne Jugendfreizeit. Doch dann geht es wieder zurück. Zurück in dein Haus. Mit den motzenden Eltern, den nervigen Kindern, dem alltäglichen Wahnsinn. Und all denen, die deinen Glauben nicht verstehen. Doch David sagt ihr: Zieh mit Frieden hinauf in dein Haus! Mit Frieden, als Gesegnete! Vergiss nicht: Gott geht mit dir. Wie wir Abigajil kennen gelernt haben, hat sie diese Kraft Gottes wirklich erlebt und gespürt. Denn nur so konnte sie trotz ihrer Einsamkeit, trotz ihrer Not eine so freundliche, tatkräftige, entschlossene, kluge Frau sein. Sie, die an David und seinen Leuten eine so überwältigende Gastfreundschaft übte, erlebte selber täglich, dass Gott sich um sie sorgt, und auch ihr Liebe und Gastfreundschaft schenkt, wie David es gedichtet hat: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Amen.

Dank: Diese Predigt nimmt Einsichten und Gedanken aus einem sehr inspirierenden Bibelvortrag von Noor van Haaften auf.

 

 

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