Wo bist du?

Gottesdienst am Sonntag, 05.03.2017

Thema: Wo bist du?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Mose 3,9, Psalm 22,1-6 und Matthäus 27,46

Liebe Gemeinde,

wo bist du? Pro Tag gehen in Deutschland bis zu 250 Vermisstenanzeigen bei der Polizei ein. Unglaublich! Immer wieder die Frage: Wo bist du? Die meisten Fälle lassen sich innerhalb kurzer Zeit von allein klären – jemand hat keinen Strom mehr auf seinem Handy oder musste irgendwo seinen Rausch ausschlafen. In einigen Fällen aber bleiben Menschen einfach verschwunden.

Wo bist du? –

Wo bist du, Mensch?

Wo bist du? – Diese Vermisstenanzeige wurde auch an einem ganz ungewöhnlichen Ort aufgegeben. Wo man sie nicht vermutet hätte. Im Paradies. Im Garten Eden. Noch ungewöhnlicher ist, wer diese Anzeige aufgegeben hat: Gott selbst. “Wo bist du?” fragt Gott. Und zwar den Menschen. Interessant: Die allererste Frage, die Gott dem Menschen stellt, nachdem er ihn erschaffen hat, lautet: Wo bist du? Adam, wo bist du? Mensch, wo bist du? Weil sich der Mensch vor Gott versteckt. Seltsam: Gott, der den Menschen selber ins Dasein gerufen hat, der nicht nur die Zukunft und den Ursprung kennt, sondern auch in die tiefsten Tiefen der Seele schaut, er fragt: Wo bist du? – Als ob er es nicht wüsste!
Warum fragt Gott? Und fragt Gott auch heute noch: Wo bist du, Mensch? Fragt er dich: Wo bist du?

Allerdings, vielleicht denkst du: Gott, wenn du mich schon so fragst, darf ich dich auch mal was fragen? Wo bist eigentlich du?

Wo bist du, Gott?

Das ist die Frage unserer Zeit.

Es war nach dem 2. Weltkrieg. Genau vor 70 Jahren, als im Februar 1947 zum ersten Mal das Hörspiel “Draußen vor der Tür” von Wolfgang Borchert ausgestrahlt wurde und seitdem Nachkriegsdeutschland mächtig aufgerüttelt hat. Mit genau dieser Frage: Wo bist du, Gott? Wo warst du Gott? “Oh, wir haben dich gesucht, Gott, in jeder Ruine, in jedem Granattrichter, in jeder Nacht. Wir haben dich gerufen. Gott! Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! Wo warst du da, lieber Gott? …Hast du dich ganz in deine schönen alten Kirchen eingemauert, Gott? Hörst du unser Geschrei nicht durch die zerklirrten Fenster, Gott? Wo bist du?”

Und diese Frage hat doch seitdem nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Und wenn heute die Passionszeit beginnt, so denken wir ja besonders an den Leidensweg Jesu und an das Leid in dieser Welt, und wir fragen angesichts von so viel Leid: Wo bist du, Gott?

Einer der sich über diese beiden Fragen Gedanken gemacht – Wo bist du, Mensch? und: Wo bist du, Gott? ist Marco Michalzik. Er hat einen Poetry Slam, eine moderne Dichtung dazu gestaltet. Marco Michalzik ist Christ. Und trotzdem stellt er diese Frage: Wo bist du, Gott? Oder sollte man eher sagen: Gerade weil er Christ  ist, stellt er die Frage? Denn wenn einem Gott egal ist, dann fragt man ihn auch nicht. Aber wenn du glaubst, dann macht es dir schon zu schaffen, dass Gott manchmal so weit weg scheint, so fern, so irgendwie nicht da. Wo  bist du, Gott?

Was hat er zum Schluss gesagt: “Die Frage ist nicht, wo ist ER, wo ist Gott? Sondern, wo sind wir? Wo bist du, Mensch? Was am Ende bleibt, ist die Frage: Wo du bist?!” Also steht am Ende genau diese Frage vom Anfang. Von damals. Aus dem Garten Eden. Adam, wo bist du? Wir kommen also um diese Frage einfach nicht herum. Gott lässt nicht locker.

Aber halt! Wir wollen auch nicht locker lassen. Was ist mit unserer Frage: Wo bist du, Gott?

Wo bist du, Gott?

So viele Menschen fragen das. Und wie oft haben wir es auch schon gefragt! Auch ich selbst habe dich das schon gefragt, Gott: Wo bist du? Denn wenn Gebete einfach ins Leere zu gehen scheinen, oder – wie Marco Michalzik es ausgedrückt hat: Ist es so, dass Gebete wirklich was bewegen, oder bleiben die Worte an der Zimmerdecke kleben wie Spinnweben? – dann darf man doch fragen: Wo bist du, Gott? Wenn man schon Jahre darum gebetet hat, dass ein guter Freund, oder ein Familienangehöriger oder der Ehepartner zum Glauben kommt – und nichts bewegt sich… Wenn man schon Jahre betet, dass sich das Kind doch in eine gute Richtung entwickelt – und es scheint eher immer mehr in die falsche zu gehen. Wenn man am Krankenbett um Heilung oder zumindest Besserung betet – und es wird nur schlechter… Wo bist du, Gott?
In der Bibel geht es den Menschen nicht anders. Da lief auch nicht alles glatt im Glauben! David betet ähnlich, wir haben es vorhin mitgebetet. Im Psalm 22, da fragt er auch: Wo bist du, Gott? – Er sagt: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht.”

Und als ob das noch nicht genug ist, dass man sich selber manchmal von Gott verlassen fühlt, dann spotten auch noch andere und verstärken die Zweifel! Wie der Beter in Psalm 42 klagt: Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Und man fühlt sich so ohnmächtig, so hilflos, so allein, so klein.

Und es geht uns so wie dem Volk Israel zu Jesajas Zeiten – Jesaja 63: Da gedachte man wieder an die früheren Zeiten, an Mose und sein Volk: Wo ist denn nun, der sie aus dem Meer heraufführte…? Wo ist, der seinen heiligen Geist in sie gab?

Ja, all die Wunder der Bibel, die großen Taten und wunderbaren Glaubenserfahrungen, von denen andere sprechen – wo ist Gott denn bei mir? Wo kann ich das denn auch mal erleben? – –

Mich tröstet dann, dass sogar Jesus, der als Sohn Gottes ja die allerengste Verbindung zum Vater hatte und sogar sagen konnte: Ich und der Vater sind eins – dass sogar Jesus die Frage stellte: Wo bist du, Gott? oder anders gesagt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matthäus 27,46) Das waren die Worte Jesu am Kreuz! Auch Jesus selbst erlebte den Augenblick der Gottesferne.

Martin Luther, von dem wir ja jetzt in diesem Jahr des Reformationsjubiläums besonders oft etwas hören, er sagte: Es gibt Erfahrungen, da ist Gott uns verborgen und fremd und weit, weit weg. Da können wir ihn einfach nicht verstehen. Aber was können wir da tun? Wir sollen dahin schauen, wo Gott sich offenbart hat, wo wir seine Liebe hell und klar strahlen sehen: Und das ist Jesus Christus! Dort am Kreuz, wo Jesus aus Liebe für uns stirbt, da ist Gott zu finden! Dorthin sollen wir fliehen! Jesus sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater! (Johannes 14,9) Denn Gott ist in Jesus – selbst wenn er sich in diesem Moment von Gott verlassen fühlt! Was für ein Paradox – oder besser: Wunder: In der größten Gottverlassenheit, im größten Leid, da ist Gott!

Das bedeutet doch: Auch da, wo wir uns von Gott verlassen fühlen, auch da, wo er uns verborgen ist, wo wir ihn nicht sehen und verstehen können, da, genau da ist er: bei uns! In Jesus teilt er unser Leid! Wo bist du, Gott? Seine Antwort: Ich bin bei dir! Schau auf Jesus, dann siehst du mich! Wenn wir Jesus nahe sind, dann werden wir auch Gott nahe sein. Vielmehr, dann wird Gott uns nahe sein.

Wo bist du, Mensch?

Wenn wir fragen: Wo bist du, Gott? dann ist es also doch auch zugleich die Frage an uns: Wo bist du, Mensch?

Denn ganz am Anfang, da war es doch so: Da war die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ungetrübt. Das war das Paradies. Der Himmel auf Erden. Ohne Sünde, ohne Leid. Doch der Mensch will sein wie Gott. Will sein Leben, sein Schicksal, sein Glück selbst in die Hand nehmen. Auf Gottes Gebote pfeifen, die Frucht des scheinbaren Lebensglückes pflücken.

In Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür” gibt es eine andere, bemerkenswerte Passage, die weit weniger bekannt ist als die Anklage gegen Gott “Wo warst du, Gott…?”. Bei dieser anderen Stelle, da spricht Gott nämlich. Und es sind traurige Worte:

Gott: “Meine Kinder haben sich von mir gewandt, nicht ich von ihnen. Ihr von mir, ihr von mir. Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt. Ihr habt euch von mir gewandt.”

Darum sind wir jenseits von Eden. Der Mensch flieht vor Gott. Adam und Eva schämen sich, verstecken sich, fühlen sich auf einmal nackt, verletzlich, von ihrem eigenen Tun bloßgestellt, die Unschuld verloren. Auf der Flucht. Gott weiß alles, er weiß, wo sie sind. Dennoch – und das ist das Großartige – dennoch fragt er: “Mensch, wo bist du?” – Warum fragt er? Weil sie ihm nicht egal sind! Weil er sie nicht sich selbst überlassen will. Weil er sie liebt! Weil eine Frage eine Antwort sucht. Und Gott dem Menschen dadurch die Würde der Ver-Antwortung gibt. Und darum fragt er mich, darum fragt er dich – auch heute und hier: Wo bist du? Bist du noch auf der Flucht? Willst du noch weglaufen? Willst du dich verstecken? Meine Liebe ist größer! Du denkst vielleicht, ohne mich zu sein. Aber ich will nicht ohne dich sein!, sagt Gott. Wo bist du, Mensch? Ich will doch in dir wohnen! Du fragst: Wo bist du, Gott? Meine Antwort: Ich will bei dir sein, in dir sein! Sei mein Kind!
Und Jesus sagt: “Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.” Ich bin bei euch, auch – und gerade mitten im Leid. Das hab ich ja selber mitgemacht, sagt Jesus.

Wir sind also niemals allein – ganz gleich, ob wir Gott spüren oder nicht.

Er ist bei uns und in uns.  Marco Michalski sagt das wunderschön: “Oh, was für ein tiefes Geheimnis, dass der Schöpfer des Universums in mir, der so klein ist, daheim ist.”

Und wenn das so ist, wenn Gott in uns wohnt, dann ist das Leid dieser Welt nicht mehr nur noch eine Frage nach Gott, sondern eine Frage nach uns. Das hat uns Marco Michalski zurecht ins Gewissen gesprochen. Seine Worte sind eigentlich ein Gebet. Ein Gebet, das uns herausfordert. Können wir es mitbeten? Wollen wir es mitbeten?

“Dass jede Not, die ich seh, mich einlädt, ihr zu begegnen.
Wo bist Du?
Du lebst in mir und willst durch mich Menschen begegnen, Hoffnung sähen, damit sie Hoffnung sehen.
Lass mich mit deinen Augen sehen! Auch wenn das heißt, ich seh oft nichts vor lauter Tränen!
Sind wir nicht dein Leib? Deine Körperteile? Also lass uns doch deine Hände sein, die helfen und die Wunden heilen, Füße die herbeieilen, um Frieden zu verbreiten und Arme, die sich weit öffnen.”

Amen.

 

 
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