Wie ein Blitz

Gottesdienst am Sonntag, 05.02.2017

Thema: LLL – Luthers Leben und Lehre 1 – Wie ein Blitz

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Offenbarung 1,9-18 und Römer 1,16 u. 17

 

Liebe Gemeinde,

Ein Pastor hat in seinem Garten einen großen Apfelbaum.  Erntezeit, wunderschöne knackige Äpfel. Doch andauernd werden Äpfel vom Baum geklaut.

Der Pastor wird ärgerlich, hängt ein großes Schild auf: „Achtung, Gott sieht alles!“ Am nächsten Morgen marschiert er gespannt zum Apfelbaum. Nein! Wieder fehlten einige schöne Äpfel! Und unter dem Schild „Gott sieht alles“ steht: „Ja, aber er petzt nicht!“

“Gott sieht alles!”, liebe Gemeinde, dieser Satz kann doppelt verstanden werden. Er kann ein unglaublicher Trost sein. Wo ich auch bin, Gott sieht mich! Wenn ich frag nach dem Sinn, Gott sieht mich. Wie es mir auch geht, Gott sieht mich! Wie es um mich steht, Gott sieht mich. Wenn andere mich verspotten, verlachen, verletzen, Gott sieht mich. Meine Enttäuschung, mein Entsetzen, Gott sieht mich. Gott sieht alles!
Doch genau dieser selbe Satz kann auch Angst machen. Gott sieht alles! Jedes kleinste Versagen, jede Anflug von Neid, und jeder kleine Streit, Gott sieht alles. Jeder schmutzige Gedanke, jede Überschreitung einer Schranke, Gott sieht alles.
Wenn wir uns in die Zeit von Martin Luther hineinversetzen, dann war es genau dieses zweite Art, wie man den Satz “Gott sieht alles” verstanden hat. Als Bedrohung, als Erschrecken. Eine Vorstellung, die Angst macht. Weil man wusste: Wenn Gott alles sieht – wer kann dann vor ihm bestehen?

Und genauso ging es Martin Luther. Wie wäre es, wenn Martin Luther selber hier wäre, wenn er selber erzählen könnte! Stellen wir uns das mal vor…

Ja, liebes Volk zu Hohnhorst. Es ist mir eine Ehre, in eurer Kirche zu euch zu sprechen!

Dr. Martinus Luther, nein, was für eine Ehre für uns, dass du hier bist! Es passt so gut, sind wir doch in einer Martins-Kirche! Allerdings benannt nicht nach Euch, lieber Martinus. Martins-Kirche. In diesen Tagen denken manche vielleicht: Jetzt benennen die schon ihre Kirche nach einem Kanzlerkandidaten! Doch auch das ist falsch. Es ist St. Martin, Bischof von Tours, nachdem die Martins-Kirche benannt ist.

Oh, das trifft sich gütlich! Nach selbigem bin auch ich benannt. Schließlich bin ich am 11. November 1983 in Eisleben getauft worden, dem Namenstag von St. Martin, Martins-Tag. Ach ja, die Heiligen! Die waren so wichtig in meiner Zeit! An wen sollten wir uns sonst wenden? An Gott doch nicht! Vor dem hatten wir Angst! An Christus auch nicht! Vor dem hatten wir ebensolche Angst. Daher die Heiligen.

Doch der Reihe nach. Ich will euch berichten in drei Etappen, wie ich aus der Dunkelheit der Angst zum Licht des Evangeliums gefunden habe.

Zum Ersten: Das Donnerwetter des Jüngsten Gerichts

In meiner Zeit war alles streng. Die Eltern waren streng, die Schule war streng, die Kirche war streng, der Glaube war streng, am strengsten war Gott selbst. So gehörte die Angst von Anfang an zu meinem Leben. Mutter und Vater – versteht mich nicht falsch, sie meinten es wirklich gut mit mir, sie wollten das Beste für mich – aber ich werde es nie vergessen, wie ich als Kind einmal aus einer Schale mit Nüssen eine Nuss herausgenommen hatte, ohne vorher zu fragen. Daraufhin setzte es Schläge von Muttern, bis ich blutete! Ein richtiges Donnerwetter! Und einmal schlug mich mein Vater so sehr, dass ich abgehauen bin. Mit 5 Jahren kam ich dann in die Schule von Mansfeld. Latein pauken! Bei jedem Fehler gab’s die Rute auf die Finger. An einem einzigen Vormittag völlig zu Unrecht 15 Mal! Weil ich was aufsagen sollte, was wir noch gar nicht gelernt hatten! Und dann suchte der Lehrer einen Schüler aus, der war der “Wolf”. Der musste immer aufpassen, ob sich jemand schlecht benahm. Und am Ende der Woche gab’s die Strafe. Man bekam den “hölzernen Esel” umgehängt. Und Gott? Er war für mich der strengste aller Lehrer, der strengste aller Väter. Denn das Jüngste Gericht, diesem Donnerwetter würde keiner entrinnen! Und Christus? Er war ja selber der Weltenrichter. So war er auf allen Bildern zu sehen. So hat ihn doch die Heilige Schrift beschrieben. Habt ihr es nicht vorhin gelesen? Aus der Offenbarung St. Johannis: “und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert” (Offb. 1,16) Das Schwert des Richters! Als ich später in Wittenberg wohnte, da sah ich ihn täglich vor mir, auf jenem Grabstein: Den Weltenrichter, aus dessen Munde das scharfe, zweischneidige Schwert kommt, mit dem er sein Urteil über mich sprechen würde. Und ich wusste: Ich würde niemals bestehen können. Ich hatte Angst. Angst vor dem Verlorensein, Angst vor dem Teufel, der wie ein Wolf um mich herschleicht und mich bei meinen Fehlern packt, Angst vor Gott, Angst vor der Hölle, eine Höllenangst. Später habe ich es im Lied so gedichtet:

„Die Angst mich zu verzweifeln trieb,
Dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
Zur Höllen musst ich sinken…“

Und ich fragte immer wieder: “Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?” – Mich dünkt, euch in eurer Zeit ist dieser Gedanke sehr fremd! So viele glauben ja überhaupt nicht mehr an einen Gott. Mir scheint, dass bei euch Gott betteln muss, dass wenigstens ein paar noch an ihn glauben. Heißt es bei euch womöglich: “Wie bekommt Gott gnädige Menschen?” Menschen, die sich in ihrer Güte gnädig herablassen, hin und wieder einen Gedanken an ihn zu verschwenden? Ob das wirklich besser ist? Gott macht man zum “Ach-Gottchen”, und Jesus ist der liebe Kumpel, der auch mal Fünfe grade sein lässt?  Haben wir nicht gehört, wie majestätisch und würdig und heilig unser Herr Jesus Christus beschrieben wird?
“seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen”.

Und sagt nicht der Herr Jesus selbst:

28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Liebe Freunde, ich glaube, es ist nicht falsch, Angst vor der Hölle zu haben. Aber falsch ist es, dabei stehen zu bleiben! So wie es bei mir damals war.

Zum Zweiten: Wie vom Blitz getroffen

Es ist schon seltsam: Obwohl wir damals alle in Angst und Schrecken vor Gott, dem Teufel und den Jüngsten Gericht lebten, war der Alltag dann doch nicht viel anders als bei euch: Es drehte sich viel um Arbeit, Erfolg, Geld, Ansehen, Aufstieg, Ehre.

Mein Vater Hans Luder hatte sich mit viel Fleiß emporgearbeitet! Als Bergmann zählte er zu den angesehensten Hüttenmeistern in der Grafschaft Mansfeld. Und er wurde auch Gemeindevertreter. Und war stolz auf das, was er erreicht hat. So wollte er, dass auch ich etwas aus meinem Leben mache! Und das bedeutete für ihn: reich werden, Erfolg haben, Ansehen bekommen. Ich sollte Jura studieren und Karriere machen. Sicher, ein lohnendes irdisches Ziel. Aber ist es das alles, wofür es sich zu leben lohnt? Geld, Arbeit, Ansehen? Lohnt es sich, darauf sein Leben zu bauen? Worauf baust du dein Leben? Wofür lebst du? Was sind deine Ziele?

Solange alles gut läuft, du gesund bist, mag das tragen. Aber wehe, wenn die Unwetter des Lebens kommen. Ich weiß, wovon ich rede. Es war der 2. Juli Anno Domini 1505. Ich war auf dem Rückweg vom Besuch meiner Eltern wieder zurück an die Uni in Erfurt. Dann plötzlich dieses furchtbare Gewitter bei Stotternheim. Ein Blitzschlag, ein paar Meter weit von mir, der mich zu Boden warf. Und plötzlich fährt mir der Schreck in die Glieder: Was ist, wenn ich jetzt sterbe? Wenn ich dann vor Gott stehe? Was bringt mir all mein Ansehen, mein Studium, mein Geld, mein Erfolg? Wie vom Blitz getroffen wird mir mit einem Schlag klar: Ich bin verloren. Ich stehe vor Gott mit leeren Händen da! Wie schnell kann unser Leben zu Ende sein! Das wurde mir in dieser Sekunde bewusst! Und dann?

Ich schrie nur laut auf: “Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!” Ein Gelübde aus Todesangst. Mich an direkt Christus zu wenden, hätte ich nie gewagt! Er war doch der strenge Richter! Stattdessen lieber zu den Heiligen, die waren die Zwischenstation. Unsere heilige Anna, die Patronin der Bergleute. Die könnte vielleicht ein gutes Wort für mich bei Gott einlegen. Was für ein grober Unfug! Sagt nicht die Heilige Schrift: “Es ist nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.” (1. Timotheus 2,5) An ihn können und sollen wir uns wenden in aller Not. An ihn allein. Kein Heiliger, kein anderer Mensch, kein Freund, kein Amulett, kein Glücksstein, kein Horoskop – nichts kann uns helfen, wenn wir an der Schwelle des Todes stehen. Nur Christus allein! Das ist mir heute klar. Es ist doch genau dieser Christus, aus dessen Mund dieses scharfe, zweischneidige Schwert geht, der 1 Vers später sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte  und der Lebendige. Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Fürchte dich nicht!!! Und ich Esel war voller Angst.

Doch damals dachte ich: Ich habe nur eine Chance bei Gott, wenn ich mir den Himmel verdiene, mich selber opfere, und das geht wohl am besten als Mönch! Und so klopfte ich gerade mal zwei Wochen später an die Pforte des Erfurter Augustinerklosters.

Zum Dritten: Der Geistesblitz – was mich wirklich frei macht!

Und ich quälte mich. Ich wollte gut sein, aber ich merkte: So gut, wie Gott es von mir haben will, schaff ich es doch nie! Ihn so zu lieben, wie er es will, mit völlig ungeteiltem Herz, das krieg ich nicht hin, so sehr ich mich abmühe! Und so begann ich, Gott dafür zu hassen, dass ich ihn lieben sollte! Ein wahrer Teufelskreis! Wie ein Besessener kämpfte ich, wollte immer der Beste sein, der Frömmste. Wenn es irgendeine Drecksarbeit in unserm Kloster zu tun gab: Kloputzen oder was auch immer: Ich meldete mich sofort! Ich wollte mir Gottes Liebe verdienen. Doch meine Zweifel und Verzweiflung wurden immer größer. Wie gut, dass ich einen guten Seelsorger hatte, den lieben Herrn Staupitz! Der versuchte mir zu helfen und meinen Blick auf Christus zu lenken und nicht immer nur auf mich zu sehen und auf mein Unvermögen! Hast du auch einen guten christlichen Freund oder Freundin, der oder die dich auf Christus weist? Oder kannst du selber für einen anderen Menschen zu solch einem Bruder oder Schwester werden? Einen Glaubensbruder oder -Schwester? Jemand, der dir beisteht, dich ermutigt oder auch mal kritisiert? Doch noch vertraute ich mehr auf meine Anstrengung als auf die Gnade. Ich wollte mir nichts schenken lassen! “Man kriegt doch nichts geschenkt!” Und als Jahre später jemand gesucht wurde, der für unsern Orden die strapaziöse Reise nach Rom fuhr, meldete ich mich sofort! Vielleicht würde ich in Rom Frieden für meine Seele finden. Da war so viel Kirche! Da war der Papst. Da gab es Ablass für die Sündenstrafen. Auch für die meiner Vorfahren. Ich rutschte auf bloßen Knien die Steintreppe der Laterankirche hoch, um Gott gnädig zu stimmen. Doch mehr und mehr merkte ich, wie zwischen Schein und Sein eine breite Lücke klafft. So viel frommer Schein und so wenig echtes Sein! Die Priester, die mit frommen Worten ein tugendhaftes Leben vorgaukelten und mehr oder weniger heimlich das nächste Bordell aufsuchten, ekelten mich an. Ich hätte gar nicht so viel essen können, wie ich kotzen wollte! Und die Frage an jeden Christenmenschen lautet doch: Wie ist das mit dem Schein und Sein? Deckt sich unser Denken, Tun und Handeln mit dem, was wir nach außen scheinen? Wie sieht unser Glaube im Alltag aus, in der Ehe, im Beruf, was sind heimliche Angewohnheiten? Ist die Lücke zwischen Schein und Sein am Ende größer als zwischen Schein und Schwein? Seit der Romreise war ich auf der Suche nach Echtheit im Glauben! Nicht nur irgendwelche alten Traditionen fortführen, sondern selber Glauben leben, Gott erfahren. Herr, hilf uns zu echtem Glauben!

Schließlich wurde ich Dozent an der Universität zu Wittenberg. Und da fing ich an, mich noch viel intensiver mit der Bibel zu beschäftigen. Sie wurde mein täglich Brot, meine Luft zum Atmen. Ohne die Bibel konnte ich nicht mehr leben. Ich spürte: Sie ist Gottes Wort, und wenn ich Frieden und Freiheit finden kann, dann nur durch sie. Ich hielt Vorlesungen über die Psalmen und über den Römerbrief. Und dabei eines Tages – ich weiß es noch genau – ich saß im Turmzimmer unseres Klosters in Wittenberg, und da las ich Römer 1,17:  “Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Und auf einmal hatte ich den entscheidenden Geistes-Blitz: Der Heilige Geist erleuchtete mir diese Stelle hell wie ein Blitz: Ich merkte: Nicht der Glaube kommt aus der Gerechtigkeit, also: nur wenn ich ein guter, gerechter, ja, perfekter Christ bin, habe ich Glauben und komme in den Himmel. Sondern umgekehrt: Die Gerechtigkeit kommt aus dem Glauben! Wenn ich glaube, dass Jesus Christus für meine Sünden bezahlt hat, als er am Kreuz gestorben ist, wenn ich das im Glauben annehme, dann macht mich Gott durch diesen Glauben gerecht! Dann werde ich aus dem Glauben heraus leben, auf ewig! Das ist Gnade! Wie fühlte ich mich frei. Später schrieb ich das auf. Hört mal: “Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore des Paradieses eingetreten.”

Wenn ich Jesus habe, dann sieht Gott nicht mehr mich alten, stinkenden Madensack Martin Luther an, wenn er mich ansieht, sondern dann sieht er Christus an, wenn er mich ansieht! Und dann kann er nur noch gut von mir denken. Dann bin ich durch seine Gnade befreit. Gott sieht alles. Das stimmt, aber er sieht mich an mit den Augen der Liebe!

Übrigens: Wusstet ihr schon, dass ich eigentlich Martin Luder heiße? Aber als ich kapiert habe, dass mich Gottes Gnade frei macht, habe ich mich kurzerhand umbenannt: auf Griechisch heißt “Befreiter”: eleuteros, klingt doch wie Lutherus oder eben einfach Luther! Und deswegen heiße ich gerne Martin Luther.

Vielen Dank, Dr. Martinus Luther, für dies bewegende Zeugnis aus deinem Leben. Luther – ein schöner Name! Bei uns gab es vor ein paar Jahren mal eine berühmt gewordene Schlagzeile in der Bildzeitung, da stand fett: “Wir sind Papst!” Eigentlich müssten wir jetzt sagen: “Wir sind Luther” – nämlich in der Bedeutung deines Namens: “Luther” = “Befreite”. Oder wie es auf diesem Ansteckbutton hier steht, den mir mal jemand geschenkt hat – und das bin ich gerne -: “Luthersöhnchen”.

Amen.

 

 

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