Wie aus Fremden Freunde werden

Gottesdienst am Sonntag, 05.06.2016

Thema: Wie aus Fremden Freunde werden

Text: Epheser 2,17-22

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

Wir waren in der Fremde. Christiane und ich. Ziemlich weit in der Fremde sogar, nämlich in Afrika, wo wir unterwegs waren. In Malawi und Tansania. Sicher, wenn man eine Pauschalreise gebucht hätte, mit Hotels und Transfers – kein Problem! Aber so war es bei uns nicht. Mit Bussen und Pickup-Jeeps ging’s auf eigene Faust quer durch die Lande. Und am Morgen wussten wir noch nicht, ob und wo wir in der Nacht ein Dach über dem Kopf finden würden. Und so kamen wir auch nach Mikumi, einem kleinen Dorf mitten in der Pampa. Wir stiegen aus dem klapprigen Überlandbus bei Sonnenuntergang. Allein. In der Fremde. Ein bisschen mulmig war uns schon. Wir fragten ein paar Leute, ob’s hier eine Kirche gibt und einen Pastor, und wo der wohnt. Hilfsbereit wies man uns den Weg. Und dann, beim Pastor, da waren gerade ein paar Gemeindemitglieder beisammen, darunter Joram. Sofort lud Joram uns zu sich nach Hause ein. “Kommt mit! Seid unsre Gäste!” Da haben wir gestaunt! Ein Mensch, der uns bis dahin völlig fremd war, und dem wir völlig fremd waren, öffnet uns sein Haus, nein, noch mehr: sein Herz. Und wir konnten nicht nur bei Joram und seiner Familie übernachten, sondern er organisierte sogar noch am nächsten Tag ein geniales Ausflugsprogramm, besorgte von einem Freund einen Jeep und fuhr mit uns in einen Nationalpark und sagte mit breitem Grinsen immer wieder: “You are my friends!” Ihr seid meine Freunde. Und noch Jahre später hatten wir gelegentlich Brief- oder Emailkontakt. Wie aus Fremden Freunde werden: Joram ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Wie aus Fremden Freunde werden, das lässt sich allerdings nicht nur auf die Begegnung zwischen Menschen beziehen. Nein, es ist auch eine Frage nach dem Verhältnis zwischen uns Menschen und Gott oder Jesus. Sind wir Freunde? Oder sind wir Gott fremd, oder ist Gott uns mitunter fremd?

 

1) Fremde

Den Predigttext haben wir vorhin gehört. Und da schreibt Paulus: Im Hinblick auf den Glauben wart ihr mal Fremde gewesen, wart ihr mal fern. Hören wir nochmals:

17 Und Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,

Was meint Paulus hier? Zu wem redet er hier?

Es ist hier nötig, einen Blick in die Heilsgeschichte zu werfen, also in den großen Plan Gottes für die Welt, wie ihn die Bibel uns zeigt. Gott liebt die ganze Welt, jeden Menschen. Doch weil Liebe und Freundschaft nicht funktioniert, wenn man davon nur so im Allgemeinen weiß, sondern persönlich, individuell erfahrbar sein muss, beginnt Gott damit, seine Liebe und Freundschaft ganz persönlich einem Menschen zu zeigen: Abraham. Und dann geht sein Plan weiter. Und wir lesen in Jakobus 2,23: “Abraham wurde ein ‘Freund Gottes’ genannt.” Und dann weitet sich die Freundschaft Gottes aus: auf seinen Sohn Isaak, dessen Jakob, aus dem wird Israel.

Und so erwählt sich Gott ein einziges Volk als sein Volk, als Gottes Volk. Um diesem Volk beispielhaft in besonderer Weise seine Freundschaft zu zeigen, indem er sich ihnen offenbart, sie begleitet durch Dick und Dünn. Wie gut passt auf dieses Volk Israel, das so oft gegen Gott rebelliert, so oft Gott untreu geworden ist, das Lied, das wir vorhin gesungen habe: “Du stehst zu unserer Freundschaft. Obwohl ich schwierig bin, hältst du mir die Treue, gehst mit mir durch dick und dünn” Aber dennoch hat Gott sich dieses Volk Israel auerwählt, obwohl es so widerspenstig war, oder vielleicht gerade deshalb, um ihm Freund zu sein. Das ist auch für uns so ermutigend, weil es zeigt, wie belastbar die Freundschaft mit Gott ist. “Unerschütterlich hält deine Treue mich.”

Diese besondere Freundschaft zu Israel bedeutete aber zunächst, dass die nichtjüdischen Völker, die Heiden, wie man sie nannte, Fremde waren. Gott hatte sie trotzdem lieb – das steht außer Frage. Und sie konnten auch als Fremde zu Gott finden. Im Alten Testament gibt es Beispiele dafür: z.B. ein nicht nur fremder, sondern feindlicher syrischer General, Naemann, der durch das Glaubenszeugnis eines jungen jüdischen Mädchens zum Glauben an den lebendigen Gott findet. Und das war eigentlich der Auftrag Israels: die Fremden zum Glauben einzuladen, zur Freundschaft mit Gott zu führen, ein Zeugnis für Gott zu sein.

Doch statt dessen wurden die Zäune und Grenzen immer höher. Man wollte die gar nicht, diese Heiden. Und im Tempel gab es eine Schranke mit einem großen Schild – das man bei Ausgrabungen 1871 gefunden hat, darauf steht: “Dass kein Fremder eintrete innerhalb der Schranke des Heiligtums. Wer ergriffen wird, ist für den Tod, der dann folgen wird, selbst verantwortlich.” Was für eine Ausgrenzung!

Und wenn Paulus hier zu den Leuten in Ephesus schreibt, dann waren das überwiegend Nichtjuden, also Heiden gewesen. Deswegen schreibt er: “Ihr wart Fremdlinge.” Und was Luther mit “Gäste” übersetzt, klingt schon fast zu positiv. Da steht: “Randbewohner”. “Bürger 2. Klasse.” Und er schreibt: Ihr wart fern! Das deutsche Wort “fremd” hat übrigens ursprünglich die Bedeutung “fern von”. So ging es den Menschen damals: Sie hatten Sehnsucht nach dem lebendigen Gott, glaubten nicht mehr an die Märchen ihrer Götter, aber sie konnten diesen Gott nicht finden. Sie fühlten sich fern bei dem Gott Israels, fühlten sich fremd.

Und nun möchte ich das mal auf unser Leben, auf das Heute übertragen. Ich glaube, so geht es auch heute vielen Menschen in unserm Land! Dass ihnen der Glaube und die Kirche fremd sind. Sie haben eine tiefe Sehnsucht nach Gott, weil sie merken: Nur Arbeit, Geld, Haus und Hund, Urlaub, Essen und Sex – das kann doch nicht alles sein, was dem Leben Sinn gibt! Aber sie haben nicht den Eindruck, in der Kirche die richtigen Antworten zu finden. Und so irren sie durch die Angebote der Religionen, suchen ihr Heil in Esoterik und stochern im Nebel.

Und da gibt es welche, die Gott nahe sind – vergleichbar mit dem Volk Israel damals – das sind Menschen, die Gott kennen, die Christen sind, aber was machen die? Was machen wir? Wir laden gar nicht ein zur Freundschaft mit Gott! Wir verpassen unsern Auftrag. Sind nur mit uns selbst beschäftigt. Bauen Zäune auf, etwa, wenn unser Verhalten und unser Leben nicht zu unserm Glauben und unseren Worten passt! Etwa, wenn wir uns nicht für die Nöte anderer interessieren. Etwa, wenn wir unseren Glauben verschweigen, nicht sprachfähig sind, Jesus nicht bekennen… Dann sind das unsichtbare Mauern und Zäune, die es den Suchenden schwer machen, Gott zu finden. Und so bleibt für viele Suchende Gott fremd…

Und wie ist es bei uns selbst? Kennen wir nicht auch manchmal dieses Gefühl, ein Fremder im Glauben zu sein? Es gibt Momente, Augenblicke – vielleicht kennen Sie das auch – da sitze ich in einem Gottesdienst, und Gott erscheint mir fremd. Die Predigt erreicht nicht mein Herz, bei den Gebeten kann ich nicht von Herzen mitbeten, die Lieder wirken hohl. Es gibt Phasen im Leben, wo uns Gott weit weg vorkommt, wo es unsichtbare Zäune und Schranken gibt, gebaut aus Zweifeln und Enttäuschungen, Fragen und Sorgen, oder auch eigener Sünde.

Und nun passiert etwas Großartiges, was Paulus beschreibt: Gott selber greift ein. Er sendet Jesus in die Welt. Und dann heißt es in V.14: Er ist unser Friede. Er hat den Zaun abgebrochen. Er überwindet die Grenzen. Er geht mitten rein in die Fremde. Und dann ist es die entscheidende Änderung. Dann wird nämlich dieser Buchstabe “m” – der steht jetzt mal für “Mauer” – zerbrochen und die eine Hälfte auf den Kopf gestellt und damit verwandelt in ein “u” und “n”. Und so wird aus “Fremde” “Freunde”.

 

2) Freunde

Auf einmal geschieht etwas ganz Neues. Jesus überwindet die Grenzen und Zäune in den Köpfen.

19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,

Ihr sollt nicht mehr nur Leute sein, die mal als Gast reinschnuppern beim Glauben. Die aber irgendwie nicht richtig dazugehören, die fremd sind. Nein, Jesus lädt uns ein, in seinem Haus zu wohnen, in Gottes Haus zu wohnen. Als allerbeste Freunde, ja als Hausgenossen – das heißt als Familienangehörige! Das ist doch klar: Wenn ich durch den Glauben an Jesus ein Kind Gottes bin, dann wohn ich doch in Gottes Haus! Dann bin ich doch Familienangehöriger!

Jesus hat seinen Jüngern wunderbare Worte gesagt: In Johannes 15 lesen wir:

15 Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid!
13 Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.

Ich glaube, wir haben oft noch ein so distanziertes Verhältnis zu Jesus. Er ist unser Herr. Richtig. Er ist unser Erretter und Erlöser, weil er für unsere Sünden bezahlt hat. Richtig. Aber wir vergessen dabei oft: Er ist unser Freund! Wir sind in seine Familie aufgenommen. Adoptiert. Er ist unser Bruder.

Was für ein Geschenk für uns: Die Freundschaft Jesu! Und das ist eine Freundschaft, die wir uns nicht verdienen müssen. Bei der es nicht drauf ankommt, was wir tun und leisten. Sicher, Jesus sagt auch: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Aber er selber steht uns bei, und unser Tun ist nicht das Entscheidende. Jesus ist ein Freund, der zu uns steht – gerade dann, wenn wir alles andere als liebenswürdig sind. Wenn wir frustriert, am Boden zerstört, genervt sind, wenn es uns schlecht geht – dann ist er und bleibt er immer noch unser Freund. Was für eine Freundschaft! “Du stehst zu unsrer Freundschaft, auch wenn ich schwierig bin” haben wir gesungen.

Joram ist für mich so ein Beispiel für so eine Freundschaft: Wir haben ihm keine Leistung gebracht, wir haben keine Bezahlung angeboten. Wir waren einfach dahergelaufene Fremde: Und er bietet uns seine Freundschaft an. Sein Haus, seine Zeit, sein Herz. So ist Jesus auch: Er nimmt uns an als Fremde und bietet uns an, seine Freunde zu werden.

Wollen wir nicht davon lernen? Dass wir auch auf Fremde zugehen? Ihnen ohne Angst begegnen! Dazu gibt es derzeit ja genügend Gelegenheiten in unserem Land, oder? Fremde gibt es genug. Ich meine nicht, dass Gott will, dass wir gleich alle Fremde zu besten Freunden machen. Aber vielleicht zeigt er uns diesen einen Menschen, der uns fremd ist, und dem wir ein Freund werden könnten. Und vielleicht ist dieser eine Fremde auch gar nicht aus einem anderen Land oder mit einer anderen Sprache, sondern vielleicht ist er auch aus dieser unserer Gemeinde. Wir kennen ihn schon seit Jahren, sehen ihn immer wieder, aber er ist uns fremd, weil uns seine Art zu glauben fremd ist, sein Stil, seine Prägung. Wie wäre es, wenn wir einfach mal die Mauer in unserm Kopf einreißen und auf ihn zugehen?

Dann könnten aus Fremden Freunde werden.

Amen.