Wenn der König kommt

Gottesdienst am Sonntag, 27.11.2016 (1. Advent)

Thema: Wenn der König kommt

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Sacharja 9,9

 

Liebe Gemeinde,

es war in Rom. Ein paar Jahre ist das nun her. Ich war mit meiner Frau dort. Und dann kam ihr Geburtstag. Ich sagte ihr: “Schatz, für deinen Geburtstag hab ich mir was Besonderes einfallen lassen. Da kommt jemand extra zu dir!” Hm, mitten in Rom. Wer könnte das sein? Da ich an dem Tag für die Programmplanung zuständig war, führte ich sie zum Petersdom. Die Menschenmassen auf dem Vorplatz des Petersdomes hielt Christiane erst mal einfach für eben recht viele Touristen. Ich sagte ihr noch: “Pass auf, gleich kommt jemand zu dir. Extra für deinen Geburtstag!” Und dann war es so weit: Um die Ecke bog – in seinem Papamobil –  der Papst höchstpersönlich, fuhr direkt 2 Meter an uns vorbei und winkte uns zu! Hat er da nicht sogar auch “Happy Birthday, Christiane” gesagt? Christiane war hin und weg. Der Papst kommt zu ihr! Eine dolle Sache. Na ja, ich verriet ihr dann, dass es eben zufällig Mittwoch war und jeden Mittwoch Generalaudienz des Papstes ist und er wahrscheinlich doch nicht nur ihr zugewunken hat.

Aber für einen Moment schon eine erhebende Vorstellung: Der Papst kommt extra zu mir. Könnte mir auch gefallen, der Gedanke: Der Papst kommt zu mir nach Hohnhorst, um sich mit mir ein bisschen über Martin Luther und das Reformationsjubiläum zu unterhalten.

Im heutigen Predigttext ist auch davon die Rede, dass da jemand kommt, ganz persönlich: extra zu mir, zu dir. Der Predigttext ist der Wochenspruch für diese Woche des 1. Advent. Nur ein Satz. Sacharja 9,9:

“Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.”

In diesem kurzen Satz, da steckt so viel drin! Ich will den Satz mal in 4 Teile teilen – passend zu den 4 Adventskerzen auf dem Adventskranz.

1) Siehe,
2) dein König
3) kommt zu dir,
4) ein Gerechter und ein Helfer.

 

1) Siehe!

 Die erste Kerze, der 1. Advent, dazu gehört das Wort “Siehe!” Das ist ein Wort, das wir ganz oft finden in der Bibel. Es wird immer dann benutzt, wenn etwas besonders wichtig ist, wenn etwas unsere ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Wenn Gott zu Josua sagt: “Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist.” Oder Johannes der Täufer zeigt auf Jesus und sagt: “Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Und Jesus sagt zu uns: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” Oder die Verheißung Gottes: “Siehe, ich mache alles neu.” Man könnte sagen, es heißt so viel wie “Achtung! Pass auf, jetzt geht es um dich.” So also wird die Adventszeit eingeläutet – mit einem Weckruf! Achtung! Bleib achtsam! Bei all dem Trubel und in aller Geschäftigkeit der Vorweihnachtszeit – übersieh nicht das Wesentliche! Sondern: Siehe! Schau genauer hin! Der Sinn von Advent und Weihnachtszeit besteht nicht nur in Plätzchen backen, Geschenke kaufen und Glühwein trinken. Sondern es gibt noch Wichtigeres: Du bekommst hohen Besuch: “Siehe, dein König kommt zu dir!”

 

2) Dein König

Das ist die zweite Kerze, die in diesem Vers entzündet wird. “Dein König”. Das ist vom Propheten eine Umschreibung für den Messias, also für Jesus. In der Advents- und Weihnachtszeit, da kann uns Jesus bei all den lieblichen und niedlichen Weihnachtsliedern ein wenig verniedlicht erscheinen. “Holder Knabe in lockigem Haar”. Da sollten wir mal aufgerüttelt werden: Jesus ist nicht nur das kleine, niedliche Kind in der Krippe.

Ein Pastor hat eine Kirchenrenovierung hinter sich. Zu Weihnachten soll alles fertig sein. Da bekommt er noch eine Spende für ein kleines Kunstwerk. An der Vorderseite der Kirche will er einen Bibelspruch anbringen lassen, und zwar holzgeschnitzt, handgearbeitet. Er fährt ins Erzgebirge zu einem Holzschnitzer, überredet ihn, so kurz vor Weihnachten den Auftrag noch anzunehmen. Der Pfarrer fährt nach Hause. Kaum ist er da, kommt ein Fax vom Holzschnitzer: „Hauptsache vergessen: Wie heißt der Bibelspruch? Wie sind die Maße?“ Der Pfarrer faxt zurück, und als der Holzschnitzer das Fax liest, traut er seinen Augen nicht. Da steht: „Der Spruch lautet: Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, drei Meter lang und einen halben Meter breit.“ Stellen Sie sich das einmal vor: Ein 3m großes Kind in der Krippe — Das wäre eine Sensation! Doch so ist Jesus nicht gekommen. Vielmehr klein, als hilfloses Kind. Und als er Jahre später in Jerusalem einzieht – wir haben es vorhin gehört, reitet er nicht stolz hoch zu Ross, sondern auf einem Esel! Genau das hat Sacharja auch vorhergesagt: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. So kommt Gott in diese Welt. So kommt Jesus: Unscheinbar, demütig, ganz anders als die Mächtigen dieser Erde. Und doch: wir dürfen darüber nicht vergessen, dass er der König ist! Jesus ist nicht nur das Kind in der Krippe, sondern zugleich der große König!

Der König, majestätisch, herrlich, großartig. Als solcher hat auch unser Leben in seiner Hand, unsere Zukunft, unser Schicksal. Was immer dich gerade bekümmert, denk dran: Jesus ist König! Wenn du ihn als Freund hast, hast du die größte Macht der Welt auf deiner Seite. Und er wird dich mitnehmen in seine Herrlichkeit! Und wenn diese Herrlichkeit auch in dieser Welt oft verborgen ist wie das Kind in Windeln gewickelt im Dreck und Mist des Stalls von Bethlehem, verborgen unter Leiden, Krankheit und Sterben, darfst du doch wissen: Jesus ist der König, der den Tod besiegt hat und dich mitnimmt in sein Königreich, wo er allein regiert.

 

3) Kommt zu dir

Das ist für mich der schönste Teil von diesem Satz. “Kommt zu dir” – hier wird es ganz persönlich. Schon, wenn es heißt: “dein König kommt” ist es ja was völlig anderes, als wenn es nur heißen würde: ein König kommt, oder: der König kommt. Nein, es ist dein König. Und dann auch noch: er kommt nicht nur irgendwohin in einen großen Palast, in eine Hauptstadt, in eine geschlossene Gesellschaft, in einen Staatsempfang. Sondern: zu dir. Dein König kommt zu dir nach Hause! Nun, ich denke, das ist wohl der Kernpunkt eines lebendigen Glaubens. Viele Menschen sagen ja: Doch, ich glaube schon, dass es irgendwie einen Gott gibt. Irgendwo muss ja alles herkommen. Auch ein Urknall kann ja nicht aus dem Nichts entstehen. Also: Gott – das geht schon in Ordnung…  – Aber das ist noch kein Glaube im biblischen Sinn. Da heißt es nicht: “Gott” oder “ein Gott” – sondern: Mein Gott. Gott möchte eine persönliche Beziehung zu uns haben. Er sagt es ja selber so: Ich bin der Herr, dein Gott. Und ich möchte zu dir kommen. Bei dir einkehren. Und für Jesus, Gottes Sohn, gilt das Gleiche: Dass es einen Jesus mal gegeben hat – das bringt uns nichts. Der Dichter Angelus Silesius sagt es sehr treffend: “Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch verloren.”

Jesus, der König, kommt zu dir – und mir. Ohne, dass wir dabei etwas Besonderes vorweisen müssten. Ohne, dass wir besonders fromme Menschen sein müssten. Im Gegenteil: Er kommt besonders gerne zu denen, die wirklich ganz unten sind. Am Boden zerstört, Mist gebaut haben. Der Prophet Sacharja spricht seine Worte ursprünglich zum Volk Israel. Denn direkt vor unserem Satz gibt es die Anrede: “Tochter Zion, freue dich, siehe dein König kommt zu dir…” – Und das Volk Israel war ein Volk, das Gott oft enttäuscht hat. Gott bezeichnet es oftmals nicht sehr schmeichelhaft : halsstarrig, ungehorsam, sündig, elend, treulos, undankbar, verdorben… Und doch: Er hat es lieb! Deshalb soll es sich freuen, denn er kommt zu Israel, weil er es lieb hat. Und für uns gilt das gleiche. Egal wie fern du dich Gott fühlst, wie zweifelnd, wie ungläubig, wie traurig, wie verzweifelt, wie bitter, wie enttäuscht… er kommt zu dir,  – weil er dich liebt! Und Jesus hat einst die kleinste und ärmste Hütte gewählt, einen stinkenden Stall mit Krippe und Stroh, um zu zeigen: Kein Lebenshaus kann so verkommen, so kaputt und elend sein, als dass er, der König, nicht dort einziehen würde. Er kommt zu dir. Die Frage lautet nur: Lassen wir ihn ein? Öffnen wir dem König die Tür? Wir haben es vorhin gesungen: “Er wohnt, wo man ihn einlässt, vor der Tür klopft er an. Wo man ihn den Herrn sein lässt, kommt er an.”

 

4) Ein Gerechter und ein Helfer

Und nun wird der König beschrieben: Ein Gerechter und ein Helfer. Mit diesen beiden Begriffen ist Jesu wirken wunderbar zusammen gefasst. Ein Gerechter – was bedeutet das? Die Bibel sagt deutlich: Vor Gott  ist kein Mensch gerecht (Römer 3). Also wird klar: Jesus ist nicht nur ein Mensch, er kommt von Gott, ist Gottes Sohn, vollkommen gerecht und gut. Ohne Sünde. Er bringt die Gerechtigkeit Gottes zu uns. Und das bedeutet – das war Martin Luthers große Erkenntnis, sein “reformatorischer Durchbruch” – Gott ist nicht nur gerecht, sondern er macht uns gerecht. Er schenkt uns seine Gerechtigkeit. Durch die Vergebung und seine Barmherzigkeit. “Und ein Helfer.” Das bedeutet: Er ist nicht nur für den Himmel zuständig, für das ewige Leben. Sondern schon jetzt und hier hilft uns Jesus. Das ist schon sein Name! Ein Helfer – da steht im Hebräischen das Verb “Jasha” und davon kommt der Name: Jeschua – Jesus. Der Helfer, der Retter. Er hilft dir in deinem manchmal so verrückten Alltag. Er hilft dir bei der Erziehung deiner Kinder. Er schenkt dir Kraft für die Herausforderungen im Job oder in der Schule. Er hilft dir, ein schwieriges Gespräch zu führen. Bitte ihn darum, lade ihn ein. Er hört dich. Er ist dein König. Und wenn er als Gerechter und Helfer zu uns kommt, dann wird uns das verändern. Dann werden auch wir uns für Gerechtigkeit einsetzen, dann werden auch wir versuchen, andern zu helfen, die in Not sind. Dass wir nicht dran vorbeigehen. Haben Sie das mitbekommen vor ein paar Tagen: “Bankkunden lassen sterbenden Mann liegen – und heben Geld ab” – so stand es in der Zeitung. “Die Polizei Essen berichtet von einem erschütternden Todesfall mitten in Borbeck: Dort ignorierten vier Bankkunden nacheinander einen am Boden liegenden Mann im Vorraum einer “Deutsche Bank”-Filiale – einige stiegen über den 82-Jährigen sogar noch hinweg. Dem Rentner wurde so erst nach mehr als 20 Minuten geholfen”, als ein weiterer Kunde einen Notruf abgab. Wenn unser König ein Gerechter und ein Helfer ist, dann ist das auch unser Auftrag. Wir wollen den Menschen helfen, die in Not sind. Und dabei wird uns der König selber helfen! Er steht uns bei, er hört uns.

Der Papst hat einmal in der Woche für ein paar Minuten seine Generalaudienz.

Aber unser König hat jeden Tag – rund um die Uhr – Privataudienz. Audienz heißt: Anhören. Er hört uns an, er hört uns zu. Und wir dürfen ihm zuhören. So wünsche ich uns allen in dieser Adventszeit diese Erfahrung, diese Freude, die einst auch Israel – die Tochter Zion – machen durfte: “Tochter Zion, freue dich! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!”  – Da bricht sich die Freude Bahn, wenn der König kommt.

Amen.

 

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