Weiß ich den Weg auch nicht

Gottesdienst am Sonntag, 22.05.2016

Thema: Weiß ich den Weg auch nicht

Text: Psalm 16,11

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

bei der Bahn gibt es einen ganz humorvollen Lokführer, der erlaubt sich gelegentlich den Spaß, dass – wenn er mal mit seinem ICE einen außerplanmäßigen Halt in irgendeinem kleinen Kaff machen muss – dass er dann das Fenster runterlässt und die Leute am Bahnsteig fragt: “Entschuldigung, ich hab mich verfahren. Wo geht’s denn hier nach München?”

Nach dem Weg fragen. Manchmal ist das kein Spaß. Vor kurzem war das Ladekabel unseres Navis kaputt, und wir wollten als Familie zu einem Musical nach Minden. Hab mir vorher den Weg angeschaut. Aber dann war es doch etwas kompliziert. Christiane meinte: “Willste nicht mal jemanden fragen?”- “Nö, das krieg ich alleine hin!” Gut sind dann immer die Kreisel. Die kann man dann ein paar Mal fahren, um in Ruhe nachzudenken. Nach der dritten oder vierten Runde sind wir dann doch irgendwie falsch abgebogen. Und schließlich hat sich die Weisheit meiner Frau durchgesetzt, und wir haben dann doch jemanden gefragt und das Ziel erreicht. Vielleicht sind wir Männer manchmal zu stolz, um nach Hilfe zu fragen? Wie ist das im Leben? Ist uns da jeder Weg klar? Oder verirren wir uns nicht auch mal? Wer kennt den Weg, wer zeigt ihn uns? Sind wir nicht auch oft genug zu stolz, nach dem Weg zu fragen? Wollen unser Leben allein in den Griff bekommen? In Psalm 16,11 heißt es:

“Gott, du zeigst mir den Weg, der zum Leben führt. Du beschenkst mich mit Freude, denn du bist bei mir.”

Heute, der 22. Mai, ist der Todestag von Hedwig von Redern. Sie verstarb am 22. Mai 1935. Und ihr Geburtstag war 1866, also vor 150 Jahren. Eine Frau, die genau das geglaubt und erfahren hat: Dass Gott ihren Weg weiß, ihr den Weg zeigt, der zum Leben führt! Sie war Dichterin und hat unzählige mutmachende Gedichte und Glaubenslieder verfasst. Wir wollen ihr heute Morgen ein wenig auf die Spur kommen und dabei für unser eigenes Leben neu Vertrauen und Geborgenheit finden. Drei Gedanken:

1) Du weißt den Weg für mich

2) Du hast einen Platz für mich

3) Du hast ein Ziel für mich

 

1) Du weißt den Weg für mich

Hedwig von Redern hat ein wunderbares Vertrauenslied geschrieben. Singen wir mal die Strophen 1+2 davon:

  1. Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl,
    das macht die Seele still und friedevoll.
    Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
    dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.
  2. Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit,
    dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
    Ich preise dich für deiner Liebe Macht,
    ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

Wer war diese Frau, die hier so voller Vertrauen dichtet und dabei solch einen Frieden ausstrahlt? Und wenn wir auf ihr Leben blicken, mag es sein, dass uns unser eigenes Leben in den Sinn kommt. So ein Jubiläum, Goldene Konfirmation, Diamantene, Eiserne oder noch höher… – da fragt man sich sicher: Wo ist die Zeit geblieben? Welche Wünsche sind in Erfüllung gegangen, welche Träume sind geplatzt? Wo ist mir was gelungen? Und wo habe ich Fehler gemacht?

Hedwig von Redern verlebte ihre Kindheit verlebte sie mit Eltern und Geschwistern auf einem familieneigenen Gutshof in Wandsdorf in der Mark Brandenburg. Schon als Kind schrieb sie die ersten Gedichte. Sie hatte insgesamt eine sehr schöne Kindheit, in der sie besonders an ihrem Vater hing. Wie er so in der hellblauen, silberbestickten Uniform vor ihr stand! Ein preußischer Regimentskommandeur, später sogar Brigadegeneral! Als sie 10 Jahre alt war, bekommt sie vom Vater eine eigene Bibel geschenkt, und er hatte hineingeschrieben: “Meiner geliebten Tochter zum fleißigen, täglichen Gebrauch.” Welche Erinnerungen an unsere Kindheit tragen wir in uns? Auch schöne und helle – oder eher nicht so schöne? Wer hat uns geprägt? Gab es auch schon jemanden, der uns den Glauben nahe gebracht hat?

Die schöne unbeschwerte Kindheit und Jugend ging abrupt zu Ende, als Hedwig während einer Reise plötzlich ein Telegramm erhielt: “Vater plötzlich verstorben!” Sie kapierte nichts. Wessen Vater denn? Doch dann war es, als ob der Blitz in ihr Herz einschlägt: Dein Vater, du bist gemeint! Der Vater, an dem sie so gehangen hat! Den sie geliebt hat. Ein schwerer Schlag für Hedwig. Und sie fängt an, gegen Gott zu rebellieren. Da war in diesem Moment nichts in ihrer “Seele still und friedevoll”. Gott, warum tust du das? Und mancher ist hier, der weiß auch von schweren Schlägen zu berichten. Vielleicht auch von diesen Zweifeln: Gott, wenn es dich gibt, warum das? Und als ob ein schlimmer Schlag nicht genug ist, gab es wenige Wochen später die nächste Katastrophe: der geliebte, väterliche Gutshof in der Mark Brandenburg brannte völlig nieder, der seit 500 Jahren Familienbesitz war.

Nun war Hedwig heimatlos. Sie schrieb: “Jetzt fällt alles zusammen, es wird kalt und dunkel.” Und sie kämpfte weiter mit Gott. Sie zog nach Berlin in eine ärmliche Mietswohnung. In Berlin traf sie auf einmal Menschen, die eine starke Anziehungskraft auf sie ausübten. Die zwar keine Antworten auf ihre Fragen an Gott hatten, die aber Frieden und Geborgenheit und Freude ausstrahlten. Sie schrieb später: “Menschen, die Leben hatten und von denen Leben ausging.” Und die brachten sie Gott wieder näher. Schritt für Schritt. Christen, deren Glaube nicht nur in Worten bestand. Etwa der fröhliche und immer aktive Forstmeister von Rothkirch, dem im Krieg ein Bein weggeschossen worden war, und der trotzdem fröhlich blieb. Er hatte in Berlin den CVJM gegründet. Und allmählich öffnete sich ihr Herz wieder für diesen Gott, mit dem sie so sehr haderte. Sie spürte, wie Jesus ihr gerade auch im Leid ein guter Freund sein konnte. Sie legte den Stolz ab und fing an, Gott nach dem Weg zu fragen. Wo geht es hin für mich? Du weißt den Weg für mich! Und so sagte sie ganz neu “Ja” zu Gott. Und kleidete diese Erfahrung gleich in ein Gedicht:

“Herr, du hast mir die Augen aufgetan.
Es war ein Tag, ich werd ihn nie vergessen.
Blind, durstig, innerlich zerrissen, dir zu nah’n
und heimzugehn mit Schätzen unermessen.
Welch Glück, welch ungeahnte Seligkeit!
Es ist alles Licht nun, ich bin dir geweiht!”

Und so wuchs bei ihr allmählich eine Glaubensfreude und Zuversicht, die sie später in einem wunderbaren Lied zum Ausdruck brachte, bei dem es die 1. Strophe schon gab und sie die weiteren Strophen hinzufügte:

1) Wir haben einen Felsen, der unbeweglich steht.
Wir haben eine Wahrheit, die niemals untergeht.
Wir haben Wehr und Waffen in jedem Kampf und Streit.
Wir haben eine Wolke von Gottes Herrlichkeit.

3) Wir haben einen Tröster voll heiliger Geduld,
wir haben einen Helfer von liebevoller Huld.
Wir haben eine Freude, die niemand von uns nimmt,
wir haben eine Harfe, vom König selbst gestimmt.

4) Wir haben eine Zuflucht in jedem Sturm und Not,
wir haben einen Reichtum, der nie zu schwinden droht.
Wir haben eine Gnade, die alle Morgen neu,
wir haben ein Erbarmen, das mächtig ist und treu.

5) Wir haben hier die Fülle, seitdem der Heiland kam,
wir haben dort ein Erbe so reich und wundersam.
Wir haben Glück, das leuchtend und unbeschreiblich ist,
wir haben alles, alles in dir, Herr Jesu Christ.

 

2) Du hast einen Platz für mich

Für Hedwig von Redern begann ein neues Leben. Sie versuchte sich, in ihrer Freizeit mit Freude mit ihren Gaben in die Gemeinde einzubringen, Gott und den Menschen zu dienen. Und dabei fragte sie Gott: “Wo ist mein Platz? Wo willst du mich haben?” Und dann wurde ihr Leben ein Abenteuer. Nicht, dass sie irgendwie als Missionarin in den tiefsten Dschungel Afrikas reiste. Nein, es war vielmehr das Abenteuer des Alltags. Überall taten sich ihr Türen auf, wo sie wirken konnte. Es ging los, dass sie in der Sonntagsschule, also im Kindergottesdienst mithalf. Und plötzlich stand sie da mit etwas zitternden Knien vor einem großen Haufen von frechen Berliner Jungs und erzählte ihnen biblische Geschichten.

Und dann machte sie Besuche bei Kranken. Im Stadtteil Moabit, wo in großen Krankenhausbracken viele hundert Kranke lagen. Sie fasste sich ein Herz und ging los, bewaffnet mit lauter kleinen Blumensträußchen, ging in die Säle, in denen bis zu 30 Patienten zusammengepfercht lagen. Dann sang sie dort Jesuslieder und betete für die Kranken.

Und dann entdeckte sie noch eine ganz spezielle Aufgabe für sich: Sie nahm wahr, dass die vielen Polizisten in der Großstadt Berlin einen wirklich harten Knochenjob hatten und vielen Anfeindungen ausgesetzt waren. Und da dachte sie: Ihr braucht Jesus! Und so begann sie mit Bibelkreisen für die Berliner Polizisten und gründete die sogenannte “Schutzmannstunde”.

Weiß nicht, was dein Platz ist, an den Gott dich gestellt hat. Du brauchst nicht zu denken: “Mich kann Gott nicht gebrauchen”. Keiner ist da zu alt oder zu schwach. Sondern er hat für jeden von uns einen Platz, ob in der Familie, im Dorf, im Verein, in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz. Hedwig von Redern wurde das eines Tages mal so bewusst, dass sie spät am Abend noch folgende Zeilen dichtete:

  1. Du stehst am Platz, den Gott dir gab,
    dem Platz, den Er dir zugedacht;
    nur dort bleibt Er dein Schild und Stab,
    dort gibt Er Frucht, dort wirkt er Macht.

    2. Will Er dich segnen, sucht Er dich
    nicht in der ganzen weiten Welt;
    Er sucht dich nur an deinem Platz
    dem Platz, wo Er dich hingestellt.

    4. Blick auch nicht seufzend rechts und links,
    scheint er verborgen, irdisch, klein;
    auf diesem Platz, den Gott dir gab,
    will Er durch dich gepriesen sein.

    5. Bedenk’s, den Platz, den Gott dir gab,
    kann niemand füllen als nur du;
    es ist nicht gleich, ob du dort stehst,
    denn grade dich braucht Er dazu.

3) Du hast ein Ziel für mich

Obwohl Hedwig von Redern so fröhlich und engagiert ihren Glauben lebte, kannte sie auch finstre Täler. Besonders gegen Ende ihres Lebens, als sie lange und schwere Krankheitsjahre durchleiden musste. Verbunden mit schlimmen Schmerzen. Doch bis zum Schluss wollte sie ihrem Herrn treu bleiben und ihm dienen, und sei es durch ihre Lieder und Gedichte. Das war ihr Ziel für ihr Leben. Sie wollte Menschen für Jesus gewinnen. So dichtete sie ein wunderbares Einladungslied:

Jesus sucht dich, lass dich finden,
lass dich retten, komm herzu!
Lass dich heilen und verbinden,
komm, beim Heiland da ist Ruh!

Jesus sucht dich! Voll Erbarmen,
voller Liebe ist sein Herz,
und er steht mit offnen Armen;
dass du zögerst, macht ihm Schmerz.

Und wirklich: Viele Menschen wurden durch ihre Lieder tief getröstet und ermutigt. Besonders in den baltischen Staaten fanden sie weite Verbreitung. Und als in Lettland nach dem Ende des 1. Weltkriegs mit dem Abzug der deutschen Truppen die “Revolutionären Kriegskomitees” die Herrschaft in der Stadt Riga übernahmen, kam es zu vielen Verhaftungen und schlimmen Gewalttaten an der Zivilbevölkerung, besonders an Christen und an Adligen. In nur 4 Monaten wurden mehr als 3.600 Todesurteile vollstreckt. Die Gefängnisse waren überfüllt. In manch kleine Zelle hatte man 30 Leute gestopft!

Und unter ihnen eine junge, gerade mal 22jährige Deutschbaltin, Marion von Klot, die kannte das Lied von Hedwig von Redern auswendig: “Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll.” Und sie sang es mit ihrer engelsgleichen Stimme. Und wie viele Gefangene wurden dadurch getröstet und gingen tapfer und geborgen ihrem Tod entgegen, nein viel mehr dem Leben entgegen! Auch die junge Marion gehörte zu denen, die noch ermordet wurden. Mit den Worten von Hedwig von Redern auf den Lippen und im Herzen. Singen wir die 3. Strophe:

  1. Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht,
    und du gebietest ihm, kommst nie zu spät.
    Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug,
    du weißt den Weg für mich, das ist genug.

Hedwig von Redern starb nach langer Krankheit heute vor 79 Jahren. Doch sie wusste: Jesus hat ein herrliches Ziel für sie bereit. Das neue Jerusalem, der Himmel, die neue Welt Gottes, ohne Schmerzen und Leiden. Ihr letzter Wunsch wurde ihr erfüllt: Die von vielen verachteten und verhassten “Zigeuner”, wie man sie damals nannte, um die sie sich auch noch rührend gekümmert hatte, die sangen dankbar am Grab das von Hedwig gedichtete Lied über das herrliche Ziel unseres Lebens, das ich auch erreichen möchte:

1) Wenn nach der Erde Leid, Arbeit und Pein
ich in die goldenen Gassen zieh ein,
wird nur das Schaun meines Heilands allein
Grund meiner Freude und Anbetung sein.

Refr.: Das wird allein Herrlichkeit sein,
das wird allein Herrlichkeit sein,
wenn frei von Weh ich sein Angesicht seh!
Wenn frei von Weh ich sein Angesicht seh!

2) Wenn dann die Gnade, mit der ich geliebt,
dort eine Wohnung im Himmel mir gibt,
wird doch nur Jesus und Jesus allein
Grund meiner Freude und Anbetung sein.

Amen.