Volltreffer

Zeltgottesdienst am Sonntag, 21.08.2016 in Helsinghausen

Thema: Volltreffer

Text: Johannes 1,43-51

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde und heute besonders: Liebe Helsinghäuser!

Einen Volltreffer landen, ins Schwarze treffen, welcher Schütze wollte das nicht! Jetzt gehen die Olympischen Spiele zu Ende. Mit drei Gold- sowie einer Silbermedaille sorgten die deutschen Schützen für ihr bestes Olympia-Abschneiden seit 40 Jahren. Da gab es manchen Volltreffer. Am besten sind die Goldmedaillen, mit denen keiner gerechnet hat! Doch wie traurig ist man, wenn man nicht getroffen hat. Heute Nacht, unser letzter Elfmeterschütze beim Fußball-Finale Deutschland-Brasilien. Der arme Kerl schießt dem Torwart in die Arme! Und der Traum vom Olympiagold war geplatzt. Kein Volltreffer!

Wie ist das eigentlich im Leben? Mal so richtig einen Volltreffer landen! Was könnte das sein? Vielleicht ein Sechser im Lotto? Oder das überraschende Finden von etwas, was lange verloren war? Haben Sie das jetzt in der Zeitung gelesen: Heide Erne hatte vor 33 Jahren ihren Ehering in der Toilette verloren. Und jetzt ist der Ring wieder aufgetaucht – in einem Schrebergarten der Naturfreunde mehrere Kilometer weit entfernt. Und nur weil Ernes zufällig auch bei den Naturfreunden sind, haben sie von diesem Fund zufällig erfahren – sie hätten das ja nie gedacht, dass das ihr Ehering ist! Der irgendwie über Klärschlamm da hin gewandert war. Ein Volltreffer, “das ist wie ein Sechser im Lotto”, sagt die überglückliche 78jährige, während ihr Mann pragmatisch meinte: “Na ja, ich hätte lieber den Sechser im Lotto genommen.”

Ein Volltreffer ist es aber auch, wenn man den richtigen Ehepartner gefunden hat. Den Menschen, mit dem man gemeinsam durch dick und dünn geht und Höhen und Tiefen des Lebens durchsteht. So wie unser Jubelpaar heute, wo die beiden nun schon 50 Jahre gemeinsam unterwegs sind.

Ein Volltreffer wohl auch, wer den Traumjob gefunden hat. Oder einen guten Freund. Oder glückliche, gesunde und vielleicht auch manchmal ein bisschen liebe Kinder!

Nach welchem Volltreffer sehnst du dich?

In der Bibel lesen wir von einem Mann, der auch auf der Jagd nach einem Volltreffer war – und zwar wollte er den Messias treffen. Ein frommer, jüdischer Mann, der aufgrund der alten Prophezeiungen eifrig forschte und suchte nach dem, den Gott verheißen hat, um den Menschen beizustehen, sie zu retten. Interessant, was diesen Mann, diesen Nathanael, wie er heißt, beschäftigt hat. Wir sind ja so oft ganz und gar mit uns selbst und unserm Glück beschäftigt, aber dieser Kerl wollte mehr, der interessierte sich für Gott, und wie man zu diesem Gott kommen kann, wie man das ewige Leben kriegt. Und er merkte, dazu brauche ich jemanden, der selbst von Gott kommt, der mir Gott zeigt, den Messias. Und Nathanael hatte einen Freund, den Philippus, und dem ging es ähnlich. Der war auch auf der Suche. Und dann lesen wir in Johannes 1:

43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und trifft Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
44
 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.
45
 Später trifft Philippus Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den getroffen, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.

Wir können uns ja nur schwer vorstellen, wie begeistert Philippus gewesen sein muss! Da war man jahrelang auf der Suche, vielleicht hatte er schon einige Versuche hinter sich – es gab in der damaligen Zeit einige, die von sich behaupteten, der Messias zu sein; manche von denen scharten Nachfolger um sich, machten Aufstände gegen die Römer, wollten Israel mit Gewalt befreien. So was wussten Philippus und Nathanael. Vielleicht haben sie manches Mal daneben getroffen, sind dem Falschen gefolgt. Und dann, aus heiterem Himmel, als man gar nicht mehr damit gerechnet hat, da landet man den Volltreffer, mitten ins Schwarze. Philippus trifft. Nämlich Jesus, er trifft Jesus, und es war ihm völlig klar: Der ist es! Das ist jetzt die Goldmedaille! Begeistert erzählt er es seinem Kumpel Nathanael. Doch der ist extrem skeptisch! Ach, bestimmt schon wieder so ein Spinner! Wir haben doch schon so viel versucht. Sicher wieder eine Enttäuschung!

 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen!

So sagt er es. Nazareth – das konnte doch nicht die Heimat des Messias sein! Denn Nazareth – wie ganz Galiläa war nicht jüdisches Kernland. Das war von vielen Heiden und Ausländern bevölkert. Für fromme Juden undenkbar, dass von dort der Messias kommt. Vorurteile! Manch einer denkt auch heute mit gewissen Vorurteilen über Jesus und die Christen. Jesus? Ja, klar, das war ein frommer und guter Mensch, ein Vorbild, ein Kämpfer für das Gute und Gerechtigkeit. Aber der Sohn Gottes? Einer, der heute noch lebt? Das ist wohl ein bisschen übertrieben. Jeder soll ja seinen Glauben haben, aber bleibt doch bitte ein bisschen normal! Man muss es doch nicht übertreiben! So im Alltag einfach mit Jesus reden, die Sorgen und Probleme im Gebet mit Jesus besprechen? Das klingt doch ein wenig abgedreht… Womöglich sich noch in seiner freien Zeit mit andern treffen, um in einem Gemeindekreis oder Hauskreis – wie die das nennen – über Glaubensdinge zu reden? Das muss man doch nicht haben… — Vorurteile.

Wie reagiert Philippus auf die Vorurteile von Nathanael? Er macht es richtig: Er versucht gar nicht lange, ihn zu überreden und zu überzeugen. Wir können eh nicht selber andere zum Glauben an Jesus bringen. Das kann nur Gott. Aber Philippus macht das einzig richtige:

Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!

Pass auf, Kumpel, du kannst gerne deine eigene Meinung über Jesus haben, aber probier es wenigstens mal aus. Komm einfach mal mit und sieh es. Du musst diesen Jesus einfach mal treffen. Dich mal drauf einlassen. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob der was für dich ist oder nicht. Und Nathanael lässt sich darauf ein, seinem Freund zuliebe. Das find ich klasse! Was passiert?

Als Jesus Nathanael erblickte, sagte er: “Hier kommt ein aufrichtiger Mensch, ein wahrer Israelit!”

48 Nathanael staunte: “Woher kennst du mich?” Jesus erwiderte: “Noch bevor Philippus dich rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.”
49 “Meister, du bist wirklich Gottes Sohn!”, rief Nathanael. “Du bist der König Israels!”
50 Jesus sagte: “Das glaubst du, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich unter dem Feigenbaum sah. Aber du wirst größere Dinge zu sehen bekommen.”
51 Und er fuhr fort: “Ich sage euch die Wahrheit: Ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes hinauf- und herabsteigen sehen zwischen Gott und dem Menschensohn!”

Nathanael spürt: Dieser Jesus, der kennt mich ja! Der weiß alles über mich. Der sieht auch das Verborgene.

Denn diese komische Sache mit dem Feigenbaum – was bedeutet das? Nun, der Feigenbaum erinnert an das berühmte Feigenblatt aus der Geschichte von Adam und Eva. Sie wollten sich hinter Feigenblättern verstecken, weil sie sich schämten für ihren Ungehorsam. Wir können vermuten, dass der Nathanael unter seinem Feigenbaum saß, als er ganz allein sein wollte. Vielleicht hat er sich auch geschämt für Dinge in seinem Leben, die einfach nicht gepasst haben zu seiner Fassade als frommer Israelit. Heimliche Fehltritte, schmutzige Gedanken oder einfach verborgene Tränen über Enttäuschungen seines Lebens. Da gibt es viel. Vielleicht ist die Liebe deines Lebens zu Ende. Oder ihr Konfis in der Schule: Vielleicht gibt es jemanden, der euch ständig ärgert (ich mein jetzt nicht den Lehrer), ein Mitschüler oder mehrere, die dich immer auslachen, über dich lästern. Du willst das einfach abschütteln, aber wenn du allein bist, kommen dir die Tränen. Was auch immer den Nathanael unter seinem Feigenbaum beschäftigt hat: Jesus hat ihn da gesehen. In seiner Einsamkeit, in seiner Scham, in seiner Verzweiflung, in seiner Enttäuschung, in seiner Wut. Und er sieht ihn an mit Augen der Liebe. Er sieht, dass Nathanael es eigentlich aufrecht und gut meint. Dass er auf der Suche ist. Und so sieht Jesus auch uns an. Jeden von uns unter unserm ganz persönlichen Feigenbaum. Und dann kommt es gar nicht mehr so sehr darauf an, ob wir den Volltreffer landen, sondern dass Jesus trifft.

Jesus trifft.
Jesus trifft uns.
Jesus trifft uns ins Herz.
Mit seiner Barmherzigkeit. Mit seiner Vergebung. Mit seiner Liebe.

Bei den Römern gab es die Vorstellung von einem Gott, namens Amor – das heißt: Liebe. Wissen Sie, wie dieser Gott dargestellt wurde? Als Schütze! Mit Pfeil und Bogen. Aber seine Pfeile sollen nicht töten, sondern es sind die Pfeile der Liebe. Und wenn sie einen mitten ins Herz treffen, dann wird man von der Liebe gepackt! Vielleicht ist Jesus so ein Gott Amor, der seine Liebespfeile auf unser Herz zielt. Bei Nathanael hat er einen Volltreffer gelandet. Nathanael erkannte: “Meister, du bist wirklich Gottes Sohn!” Und er ist ihm nachgefolgt.

Auch heute schießt Jesus seine Liebespfeile.

Einer, den es erwischt hat, ist auch selber ein großer Schütze. Er kommt allerdings nicht aus der Schützengilde Helsinghausen, wie man meinen könnte, sondern aus Meißen. Der Internationale Schießsportverband ISSF hat ihn als “All-Time-Champion”, als “Jahrhundertschützen” ausgezeichnet. 7mal war er bei Olympia, zuletzt 2012 in London. Er holte 3x Gold und 2 x Silber, 4 x Weltmeister und 13 Weltcup-Siege für Ralf Schuhmann – wohl einer der besten Sportschützen aller Zeiten! Man könnte sagen: Ein Volltreffer nach dem andern.

Und doch gab es für ihn etwas Größeres als Titel, Ruhm und Ehre und Medaillen. Das passierte während der Olympischen Spiele in Athen 2004. In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel berichtet er darüber.

Da sagt er die seltsamen Worte:

Gewinnen ist Gnade.

Auf den erstaunten Blick des Reporters hin fährt er fort:

Klar muss man sich gut vorbereiten, das ist harte Arbeit. Aber das Gewinnergefühl kann man nicht produzieren, das geht einfach nur über ein gesundes Maß an Training, ein vernünftiges Leben – und eine gesunde Beziehung zu Gott.

Wieder fasst der Reporter überrascht nach:

Gott?

Ja, ich glaube, dass er mir hilft. Dass es ihn gibt, habe ich selbst erlebt. Ich bin ihm begegnet.

Können Sie das näher erklären?

2004 in Athen ist es gewesen. Es war nicht diese Art von Kontakt, dass er leibhaftig vor mir stand. Aber ich habe ihn gespürt. Das war in einer absoluten Lebenskrise. Ich hatte meine Ehe zerstört, meine Familie – bis Gott eingriff. Er hat mich irgendwie im Innern spüren lassen, dass ich Olympiasieger werde. Und mein Gold war für mich der Beweis, dass es ihn gibt. Es war ein Geschenk. Seitdem hat sich mein Leben radikal zum Guten hin verändert.

Ralf Schumann bekannte sich wiederholt öffentlich zu seinem christlichen Glauben. „Jesus lebt“ steht auf der Kappe, die er seit 2005 immer wieder bei Wettbewerben trug. Wichtiger als solche Bekenntnisse ist es ihm allerdings, sich im Leben von Jesus prägen zu lassen. So engagiert er sich etwa ehrenamtlich bei dem christlichen Suchthilfeverein “Blaues Kreuz” oder für Straßenkinder in Südamerika. Dass er 2004 Gott getroffen hat – für Ralf Schumann ein Volltreffer! Letztlich war es aber dabei wohl gar nicht so, dass er Gott oder Jesus getroffen hat. Sondern eher umgekehrt: Gott hatte ihn getroffen. Jesus hatte ihn getroffen. Mitten ins Herz. Mit seiner Liebe.

Das wünsche ich uns allen. Immer wieder neu.

Amen.

 

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