Stolz und Vorurteil

Gottesdienst am Sonntag, 07.08.2016

Thema: Stolz und Vorurteil

Text: Lukas 18,9-15

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

»Stolz«, bemerkte Mary, die sich etwas auf ihretiefgründigen Einsichten zugutehielt, »ist, glaube ich, einweitverbreiteter Fehler. Durch meine Lektüre bin ich sogar überzeugt, sehr weit verbreitet. Die menschliche Natur ist besonders anfällig dafür, und nur wenige von uns hegen nicht aufgrund des einen oder anderen eingebildeten oder wirklichen Vorzugs ein Gefühl der Selbstgefälligkeit.«

Aus dem berühmten Roman “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen, deren Todestag sich nächstes Jahr zum 200. Mal jährt.

 

Liebe Gemeinde,

eine Liebesgeschichte, die recht holprig anfängt. Jane Austen beschreibt, wie die beiden Hauptfiguren, die arme, aber kluge Elisabeth, und der reiche, aber überaus arrogante Darcy, nicht zueinander finden können. Beide haben gedacht, sie hätten das Leben im Griff. Beide waren der Meinung: Wir wissen, wie das alles funktioniert. Beide waren sie überaus stolz und selbstsicher: sie wegen ihrer Schlagfertigkeit und ihres blitzgescheiten Kopfes, er wegen seiner Herkunft und seines Geldes. Und beide waren voll von Vorurteilen über den andern.

Was macht diesen Roman, der schon über 10 Mal verfilmt wurde und sogar zu einem Musical wurde, bis heute so erfolgreich? Vielleicht ist es das, dass man sich selbst ertappt, wie schnell man selber andere mit Vorurteilen bedenkt, sie in vorgefertigte Schubladen stopft, und sich selbst hält man dabei meist für – zwar nicht perfekt, aber schon ganz okay. Die menschliche Natur ist besonders anfällig dafür, und nur wenige von uns hegen nicht aufgrund des einen oder anderen eingebildeten oder wirklichen Vorzugs ein Gefühl der Selbstgefälligkeit.”

Der Roman zeigt, wie viel ein falscher, krankmachender Stolz kaputt machen kann. Und das Evangelium heute Morgen zeigt uns, wie es auch einen gefährlichen geistlichen Stolz gibt.

Dieses Gleichnis vom stolzen Pharisäer und dem Zöllner. Man könnte ihm denselben Titel geben wie dem Roman: Stolz und Vorurteil.

Der Pharisäer macht da in seiner frommen Überheblichkeit und seinen abfälligen Gedanken über andere wirklich keine sehr gute Figur! Und schnell ist man dabei zu denken: “Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer.” Wie Eugen Roth es so schön auf den Punkt gebracht hat:

Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Wie leicht fällen wir Urteile über uns selbst und über andere! Und wie oft liegen wir in beidem damit gründlich daneben!

Lernen wir die beiden Kandidaten doch ein bisschen näher kennen. Den Pharisäer und den Zolleinnehmer. Und uns selbst.

 

Fehlurteile über sich selbst

Pharisäer gelten bei uns als Inbegriff der Heuchelei! Im nordfriesischen Nordstrand gab es im 19. Jahrhundert einen besonderes asketischen und strengen Pastor Bleyer. In seiner Gegenwart trauten sich die Bauern nicht, auch nur einen Tropfen Alkohol zu trinken. Doch bei der Taufe vom 7. Kind von Bauer Peter Johannsen kam ihnen die pfiffige Idee, den Rum in den Kaffee zu kippen.  Und damit er nicht verdunstet und man ihn womöglich riechen könnte, gab’s ein Sahnehäubchen drauf. Der Pastor bekam natürlich nur den Kaffee mit Sahne, aber ohne Rum. Doch irgendwann flog der Schwindel auf und Pastor Bleyer schrie: “Ihr Pharisäer!” Seitdem hat dieses friesische Getränk den Namen “Pharisäer”. (Nebenbei: Mein Freund Pastor Wiese ist Pastor von Nordstrand, und der hat recherchiert, dass der Hof von Familie Johannsen später dem Alkohol zum Opfer fiel.)

So verstehen wir Pharisäer: Nach außen immer alles in bester Ordnung, Kaffee mit Sahne, aber innendrin sieht’s finster aus! Heuchelei und Täuschung.

Aber das Hauptproblem dieses Pharisäers hier im Gleichnis Jesu war nicht die Heuchelei oder Scheinheiligkeit. Nach außen fromm und im Herzen ein Schweinehund? So war der Typ nicht! Sondern er meinte es wirklich ehrlich! Und ich will mal provokant fragen: Was ist eigentlich so schlimm bei ihm? 11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.

12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Erst mal: Er geht in die Kirche, um zu beten. Bitte – keiner heute Morgen hier denkt doch, dass das irgendwie was Schlimmes ist! Sonst wär er ja nicht da. Und für manche, die nicht kommen, ist das ja eine beliebte Ausrede: “Ach, Herr Pastor, ich muss doch nicht jeden Sonntag zur Kirche rennen zu den ganzen Heuchlern, die sich da zeigen wollen!” Ein bisschen frech, oder? Nein, dass der gute Mann in den Tempel geht um zu beten, war nicht sein Problem.

Dann: Er dankt Gott für sein Leben. Und dass er kein Räuber, Gottloser oder Ehebrecher geworden ist. Was, bitteschön, ist daran schlimm? Wir haben doch allen guten Grund, Gott zu danken, wenn unser Leben halbwegs gelungen ist, wir nicht durch irgendwelche Umstände auf die schiefe Bahn geraten sind. Wir bewahrt geblieben sind. Kann ich nicht dankbar sein, dass ich heute Morgen hier in der Kirche bin und nicht im Knast?

Und dann fastet unser Freund zweimal die Woche und spendet den Zehnten seines Einkommens. – Halleluja! Das ist deutlich mehr als die Kirchensteuer! Wenn das alle machen würden! Bitte, wo ist hier ein Heuchler? Wo ist hier irgendwas falsch?

Pharisäer waren eine Gruppe im Judentum, die es wirklich ernst meinte mit Gott und seinen Geboten. Ihr Name kommt von pharasch – absondern – sie wollten sich absondern, unterscheiden von einer gottlosen Lebensweise. Sie wollten keine Kompromisse machen – wie etwa die Saduzzäer,  die sich gut mit den Römer arrangierten und ihren Glauben gut in die hellenistisch geprägte Antike integrieren konnten. Nein, sie waren die Aufrechten, die Bibeltreuen!

Und trotzdem wird dieser Pharisäer von Jesus nicht gerade als ein Vorbild dargestellt. Der Grund ist nicht Heuchelei, sondern seine völlige Fehleinschätzung über sich selbst. Sein Fehlurteil über sich selbst. Der entscheidende Hinweis steht vor dem Gleichnis:

Luther übersetzt:

9 Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

Eigentlich steht da wörtlich: “Er sprach aber zu einigen, die überzeugt bei sich selbst waren, dass sie gerecht sind.” Also, die sich selbst für gerecht hielten… Selbstgerechte.

Das, liebe Gemeinde ist der Knackpunkt! Nicht das ernsthafte Bemühen um ein gottgefälliges Leben. Nicht die Dankbarkeit für das Gute und Gelingen im eigenen Leben. Und nicht ein gesunder Stolz und Freude über das, was gut gelingt. Natürlich kann man stolz auf seine Kind sein, wenn es mit tollen Leistungen aus der Schule kommt. Natürlich kann ein Sportler stolz sein, wenn er jetzt eine Goldmedaille in Rio gewinnt. Darum geht es nicht. Sondern es geht um einen falschen Stolz, der aus der völligen Fehleinschätzung kommt: Meine eigene Frömmigkeit, mein Bemühen, meine guten Taten – die machen mich gerecht bei Gott. Das war das Fehlurteil! Das war diese unheimliche Selbsttäuschung. Selbstgerechtigkeit.

Es ist gut, wenn du in die Kirche gehst, um zu beten und Gottes Wort zu hören. Gerne jeden Sonntag! Es ist gut, wenn du regelmäßig in der Bibel liest. Und es schadet sicher nichts, wenn du mal fastest, und erst recht nicht, wenn du deinen Zehnten gibst – kann die Martins-Gemeinde gut gebrauchen (einige machen das übrigens!). Aber denke bitte nicht, dass du dadurch gerecht bist, denke nicht, dass du dir damit irgendwas bei Gott verdienen kannst! Das wäre ein gefährlicher, falscher Stolz. Und in dieser Gefahr stehen wir, die wir gerne nach den Glauben ernst nehmen und nach der Bibel leben wollen, vielleicht schon manchmal.

Das Wort “Stolz” hängt übrigens mit dem Wort “Stelzen” zusammen. Das stimmt nachdenklich. Wenn einer auf Stelzen läuft, dann macht er sich größer, höher als er ist. Aber diese Größe ist nicht echt. Wie leicht stürzt man dann hin! Wir können uns nicht selber bei Gott groß machen. Den Himmel gibt’s geschenkt! Den gibt’s gratis! Pastor Heinrich Kemner hat es seinerzeit gut auf den Punkt gebracht: “Wir leben aus dem Geschenkten, nicht aus dem Gewollten!”

Doch nun noch ein Blick auf den andern Burschen. Den Zöllner. Der Pharisäer sah ihn, wie er auch zum Tempel kam.

Und dann kamen gleich die Vorurteile. Stolz und Vorurteil. Fehlurteile über sich selbst, Vorurteile über andere.

 

Vorurteile über andere

Die Gedanken beim Pharisäer beim Anblick des Zöllners waren: Dieser Kerl hat doch keine Chance bei Gott! Der ist unten durch. Der hat sein Leben vergeigt. So schnell sind wir mit unsern Urteilen. Und wenn man mal bei Facebook unterwegs ist, wie vernichtend sind heute die Urteile über andere, die oft in Vorurteilen begründet sind. Wer anders ist, oder eine andere Meinung hat, wird beschimpft und beleidigt.

Warum? Weil wir die Leute gar nicht richtig kennen. Wir urteilen, bevor wir Leute richtig kennen. Vorurteile. Und auch, weil wir uns selbst gar nicht richtig kennen. Im Roman “Stolz und Vorurteil” erkennt die Lizzy, also Elisabeth, irgendwann ihre Vorurteile gegenüber Mr. Darcy. Und so heißt es dann: “Ich habe mich zu Anfang unserer Bekanntschaft zu Vorurteil und Verblendung hinreißen und zu Fehlurteilen über uns beide verleiten lassen. Bis auf den heutigen Tag habe ich mich in mir selbst getäuscht.”

Und wie ist das nun mit dem Zöllner? Was ist das für einer? Ja, in der Tat, er ist ein Sünder, er ist ein Schurke, einer, dem es egal war, andere über den Tisch zu ziehen und auszuplündern, wenn er nur selber seinen Reichtum anhäufen konnte, seine Schäfchen ins Trockene bringen konnte. Wirklich ein schlimmer Kerl! Für die eigene Karriere, den eigenen Erfolg und Gewinn sind ihm die andern egal! So was gibt es auch heute noch. Und das alles will Jesus nicht verharmlosen.

Aber der entscheidende Unterschied zum Pharisäer ist: Er erkennt sich selbst. Er weiß, dass er nicht gerecht ist.

13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Er steht von ferne, damit ist vermutlich der Vorhof des Tempels gemeint. Der Tempel hatte einen Vorhof der Frauen und einen Vorhof der Heiden. Bis zu einem bestimmten Punkt nur durften die Heiden, die Nichtjuden also, gehen. Und bis zu einem bestimmten Punkt nur die Frauen. Und der Zöllner, er gesellt sich zu denen, erniedrigt sich damit. Bringt damit zum Ausdruck: Ich bin es nicht wert, dichter ran zu gehen. Er schlägt sich an die Brust – ein Zeichen der Umkehr und Buße. Und dann ruft er aus: “Gott, sei mir Sünder gnädig!”

Und damit hat er den Knackpunkt erkannt und benannt. Er fängt nämlich nicht an, einzelne Sünden aufzuzählen, einzelne Fehltritte und Verfehlungen. So sehen wir das ja oft mit der Sünde: Na ja, das sind halt ein paar Dinge, die schieflaufen, ein paar Taten, die aus moralischer Sicht nicht so ganz okay sind. Sündigen – so bezeichnen wir es auch, wenn wir ein Stück Torte zu viel essen… Ihr Lieben, das biblische Verständnis von Sünde ist ganz anders: Natürlich gehören auch einzelne Sünden und Verfehlungen dazu, aber es geht in erster Linie nicht um unsere Taten, sondern unser Sein, unsere Person.

Gestern war in den Schaumburger Nachrichten wieder so ein netter Cartoon von Rabenau. Da geht dieser Rabenau zur Autowerkstatt, um sein Auto abzuholen. Der KFZ-Meister sagt: “Ich habe alles überprüft. Wir sollten das Getriebe und die Bremsen erneuern. – Und den Fahrer.” Ja! Das passt auch gut zum Leben. Wir wollen in unserm Lebensauto gerne mal an dem einen oder anderen Schräubchen drehen, die eine oder andere Sache korrigieren, reparieren, auswechseln. Doch eigentlich müsste der Fahrer ausgewechselt werden! Jesus müsste das Steuer unseres Lebens in die Hand nehmen! Er sollte der Fahrer sein.

Und das hat der Zöllner kapiert: Ich brauche den Fahrerwechsel. Das Problem sind nicht nur ein paar Dinge in meinem Leben, die kaputt sind, das Problem bin ich selbst. Ich habe nicht nur Sünden getan, sondern ich bin ein Sünder! Und das ist das, was uns alle gleichmacht: Ohne Gott sind wir Sünder. Egal ob Pharisäer oder Zöllner, ob Penner oder Pastor. Da sind alle gleich. Alle brauchen die Gnade Gottes. Gott, sei mir Sünder gnädig!

Und das erkennt der Zöllner: Ich brauche Gott! Ich brauche Gnade! Und damit entgeht er einer zweiten großen Gefahr, die es neben dem Stolz gibt: der Gefahr der Verzweiflung. Denn den einen kann sein Stolz daran hindern zu Gott zu kommen, weil er meint, er braucht das nicht! Aber den andern kann auch die Verzweiflung daran hindern zu Gott zu kommen. Wenn wer meint: Ach, ich bin so weit weg von Gott, ich hab eh’ keine Chance! Der Zug des Glaubens ist bei mir abgefahren. Nein! Das stimmt nicht! Der Zöllner zeigt uns: Es gibt nichts, was du getan hast, was so schlimm sein könnte, als dass Gott dir nicht gnädig sein könnte. Der Zöllner ergreift die Chance. Er wendet sich an Gott: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Und so kommt es nach den Fehlurteilen über uns selbst und den Vorurteilen über andere zum Entscheidenden:

 

Das Urteil Jesu

14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.

Ausgerechnet der Zöllner wird freigesprochen, nicht der Pharisäer!

Friedrich der Große ging oft verkleidet auf Reisen, um alle möglichen Sachen selber in Augenschein zu nehmen. Eines Tages, so wird berichtet, ist er in ein Gefängnis gegangen. Er hat Mann für Mann auf dem Gefängnisgang antreten lassen und jeden einzelnen gefragt, warum er denn da sitze. Und jeder habe ihm geantwortet: “Ich bin unschuldig, weil…” Und dann kamen alle möglichen Gründe.

Schließlich hat dann einer vor ihm gestanden, der hat gesagt: “Ich sitze zu Recht hier – ich sitze hier, weil ich das verdient habe.”

Und da ist der Alte Fritz hochgefahren und hat gebrüllt: “Scher er sich raus aus dem Haufen dieser gerechten Leute! Wie kann ich zulassen, dass er diese gerechten Leute hier verderbe! …Raus hier! Er ist frei und möge mir kein Gefängnis mehr betreten!”

Um Gnade zu bekommen, muss man erst mal einsehen, dass man Gnade braucht!

Der große französische Physiker und Mathematiker Blaise Pascal, der selber zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden hat, hat einmal folgendes gesagt:

«Es gibt nur zwei Arten von Menschen: die Gerechten, die wissen, dass sie Sünder sind, und die Sünder, die glauben, Gerechte zu sein.»

Wer erkennt, dass Gott ihm gnädig ist, der wird verändert! Der wird auch falschen Stolz und Vorurteile über andere überwinden können.

In dem Roman “Stolz und Vorurteil” passiert das: Die beiden Hauptfiguren Lizzy und Mr. Darcy verändern sich, indem die Liebe in ihnen immer stärker wird und sie am Schluss sogar heiraten! Liebe überwindet Stolz und Vorurteile. Eine starke Botschaft: Liebe verändert uns. Und das tut vor allem die Liebe Gottes! Sie hilft uns, uns selbst und den andern mit den Augen der Liebe zu sehen, mit den Augen Jesu.

Amen.

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