Sternstunde der Menschheit

Gottesdienst am Ostersonntag, 27.03.2016

Thema: Sternstunde der Menschheit

Text: 1. Korinther 15,1-10a

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

Sternstunde der Menschheit – so unser Thema an diesem Osterfesttag. Nun, heute Morgen um 2 Uhr war sicher keine Sternstunde – denn da war vielmehr gar keine Stunde – die wurde uns einfach gemopst. Aber was sind die Sternstunden der Menschheit? Der Schriftsteller Stefan Zweig hat in seinem berühmten Werk “Sternstunden der Menschheit” im Vorwort solche Sternstunden eindrücklich charakterisiert:

„Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde […] zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. […] Ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.“

Die wichtigste aller Sternstunden – die Sternstunde schlechthin – hat er dann aber ausgelassen: Die Auferstehung Jesu Christi. Darüber hat ein anderer berichtet: Paulus. 1. Korinther 15:

1 Liebe Brüder und Schwestern! Ich möchte euch an die rettende Botschaft erinnern, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen und darauf euer Leben gegründet.
2 Ganz gewiss werdet ihr durch diese Botschaft gerettet werden, vorausgesetzt, ihr bewahrt sie so, wie ich sie euch überliefert habe. Sonst glaubt ihr vergeblich und erreicht das Ziel nicht.
3 Zuerst habe ich euch weitergegeben, was ich selbst empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben. Das ist das Wichtigste, und so steht es in der Heiligen Schrift.
4 Er wurde begraben und am dritten Tag vom Tod auferweckt, wie es in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist.
5 Er hat sich zuerst Petrus gezeigt und später allen zwölf Jüngern.
6 Dann haben ihn mehr als fünfhundert Brüder zur gleichen Zeit gesehen, von denen die meisten noch heute leben; einige sind inzwischen gestorben.
7 Später ist er Jakobus und schließlich allen Aposteln erschienen.
8 Zuletzt hat er sich auch mir gezeigt, der ich es am wenigsten verdient hatte.
9 Ich bin der unbedeutendste unter den Aposteln und eigentlich nicht wert, Apostel genannt zu werden; denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt.
10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.

 

1) Eine Sternstunde ist keine Sternschnuppe!

Sternschnuppen gibt es viele! In manchen Nächten kann man bis zu hundert Sternschnuppen in einer Stunde sehen. ” Wenn eine Sternschnuppe am Himmel aufleuchtet, darfst du dir ganz schnell etwas wünschen.” – So erzählt der Volksglaube. Doch wie oft verglühen unsere Wünsche so wie die Sternschnuppe am Himmel! Und manche Glücksmomente, die unser Leben hell macht, gleicht Sternschnuppen, die uns einen Augenblick erfreuen -und dann… fort sind sie. Und ich liebe sie auch, diese Glücksmomente im Leben. Und auch Sternschnuppen! “Augenblick, verweile doch, du bist so schön” möchten wir dann manchmal die Worte aus Goethes Faust zitieren. Aber während die Sternschnuppe kurz hell aufleuchtet, verändert die Sternstunde die Welt. Das gilt in gewisser Hinsicht schon für manche Sternstunden der Geschichte, die etwa Stefan Zweig nacherzählt – aber es gilt unvergleichlich mehr noch für die Sternstunde der Auferstehung Jesu. Es geht um ein Ereignis, was Kraft hat, Menschen zu verändern, ja, die Welt zu verändern. Paulus hat das selber erlebt – bei sich selbst. Wie ist er verändert worden! Wir haben es eben gehört: “Ich war ein Verfolger der Gemeinde!” Und dann seine Sternstunde, die alles verändert hat, als er vor Damaskus dem Auferstandenen begegnete. Ein Ereignis, das für ihn die Welt verändert hat. Und bei denen, denen er davon erzählt hat.

Ich möchte euch an die rettende Botschaft erinnern, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen und darauf euer Leben gegründet. 2 Ganz gewiss werdet ihr durch diese Botschaft gerettet werden.

So heißt es in unseren Versen. Ihr habt darauf euer Leben gegründet! So heißt es hier. Man könnte auch übersetzen: Darauf steht ihr fest. Da ist also etwas in euer Leben gekommen, was euch Halt gibt, was ein Fundament ist in den Stürmen des Lebens. Eine Rettung. Was gibt dir Halt in den Stürmen deines Lebens? Ist es dieses Ereignis: “Jesus ist auferstanden!”? Dieses Ereignis verändert die Welt, verändert unser Leben. Davon ist Paulus überzeugt, weil er es selbst erfahren hat.

Doch manchmal können einem Zweifel kommen. Warum ist von dieser verändernden Kraft im Alltag und in unserer Welt oft so wenig zu spüren? Den Korinthern mag es ähnlich gegangen sein. Denn manche zweifelten und sagten: Jesus ist gar nicht leiblich auferstanden. Genau das, was man gerade im Monatsmagazin Chrismon lesen konnte – was sich auch noch “Das evangelische Magazin” nennt. Und darin steht: „Ob das Grab leer war oder nicht, ist zweitrangig.” So eine Aussage ist in meinen Augen wirklich Unsinn! Natürlich war das Grab leer – jeder hätte das damals überprüfen können. Und dann zählt Paulus die Zeugen auf, denen der Auferstandene persönlich, sichtbar erschienen ist. Weit über 500, von denen viele zu seiner Zeit noch lebten und befragt werden konnten. Und diese Zeugen haben für diese Erfahrung alles, wirklich alles eingesetzt. Ihr Leben! Allein von den 12 Aposteln haben bis auf Johannes alle den Märtyrertod erlitten! Die hätten doch in ihr altes Leben zurückkehren können. Das waren ja keine armen Schlucker und Tagelöhner gewesen, sondern mittelständische Unternehmer wie etwa Petrus mit einem eigenen Familienunternehmen in der Fischereibranche. Aber das machen sie nicht, sondern sie folgen weiter diesem Gekreuzigten. So etwas tut man doch nicht für eine Illusion! Oder eine Halluzination! Der Glaube an Jesus Christus – das ist keine Sternschnuppe, die irgendwann verglüht! Sondern nur, weil ihnen der Auferstandene in ihrer persönlichen Sternstunde begegnet ist. Und diese lebensverändernde Kraft ist auch heute noch zu erleben, wo Menschen sich diesem Jesus anvertrauen. Ich denke etwa an einen ehemaligen palästinensischen Terroristen. Und dieser Mann, an dessen Händen Blut klebte, er kommt mit dem christlichen Glauben in Berührung. Und irgendwann war es so weit: Er lag auf den Knien und betete zu diesem Jesus Christus. Während des Gebets wurde eine riesige Last von seinen Schultern genommen, so berichtet er, und eine unbeschreibliche Freude und tiefer Friede durchströmten ihn. Dann sah er – ähnlich wie Paulus – ein Licht, und aus diesem Licht sprach eine Stimme zu ihm: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…”. Seine persönliche Sternstunde! Er lebt jetzt für die Botschaft Jesu von der Versöhnung und er geht mit großer Liebe auf die Menschen zu. So findet er unter Juden und Arabern viele Freunde. Und wer jetzt denkt: Na ja, das ist doch ein bisschen weit weg. Ich bin ja kein Terrorist! Aber dieser Mann erlebt die Kraft der Veränderung auch in Alltagsproblemen, die ihm zu schaffen machten.

Er schreibt: „Die Beschäftigung mit der Bibel gaben mir eine innere Ruhe und Balance, meine schlechten Gedanken änderten sich und endlich konnte ich auch diese grässliche Zigaretten-Qualmerei aufgeben. 120 filterlose Glimmstängel pro Tag können dem Körper ganz schön zusetzen…”

So können wir die verändernde Kraft auch im Alltag erfahren. Bei Dingen, mit denen wir zu kämpfen haben, in Herausforderungen, denen wir uns stellen.

Jagst du noch lediglich den Sternschnuppen des vergänglichen Glücks hinterher – oder hast du schon deine persönliche Sternstunde erlebt: Die Begegnung mit dem Auferstandenen?

 

2) Der helle Morgenstern

In dem Lied vorhin haben wir gesungen: “Meine Seele singe, denn die Nacht ist vorbei. Der wahre Morgenstern, er ist aufgegangen, der Erlöser ist hier. Ich weiß, dass Jesus lebt”

Der auferstandene Jesus Christus ist dieser Morgenstern. Er sagt es selber so: “Ich, Jesus, bin der helle Morgenstern” (Offenbarung 22,16).

Generell wird als Morgenstern das hellste vor Sonnenaufgang hervortretende Gestirn bezeichnet. Es kündigt den neuen Tag an. Dann wenn andere Sterne längst verblasst sind, leuchtet der Morgenstern noch strahlend hell und sagt uns: Bald ist die Nacht vorbei!

Ich finde das ein großartiges Bild. Ja, Jesus ist zwar auch die Sonne. Er, der sagt: “Ich bin das Licht der Welt”, er ist natürlich die Sonne. Das werden wir erfahren im Himmel, wenn es keine Sonne mehr braucht, weil Jesus die Sonne ist. Aber jetzt, hier, in unserer Welt, da ist ja oft noch Nacht! Da ist noch Dunkelheit. Da sehen wir die Sonne nicht! Da gibt es noch Krankheit, Leid, Terror. Und da brauchen wir Licht, da brauchen wir Hoffnung! Da brauchen wir den hellen Morgenstern, der uns den kommenden Tag ankündigt. Der uns sagt: Es wird nicht immer dunkel bleiben! Bald ist die Nacht vorbei. Das ist der Sinn von Ostern.

Der Name Ostern, liebe Gemeinde, kommt dabei nicht – wie man hin und wieder lesen kann – von irgendeiner germanischen Göttin Ostara. Sondern man geht heute davon aus, dass er (wie auch das englische Easter) vom altgermanischen Austrō „Morgenröte“ abgeleitet ist. Und das ist eine Anspielung auf das Osterevangelium: In Markus 16 lesen wir: “Die Frauen kamen zum Grab, sehr früh, als die Sonne aufging.”

Wie der Morgenstern wird die Morgenröte als Hinweis auf das kommende Licht, den kommenden Tag gesehen! So ist die Auferstehung Jesu die Morgenröte, der Morgenstern, der Hinweis auf das Licht des Himmels, auf das Licht des ewigen Lebens, das jedem geschenkt wird, der an diesen Jesus glaubt.

Und das gibt Hoffnung und Mut, gerade in dieser Zeit.

Und wenn wir in unsere Zeit schauen, liebe Gemeinde, gerade die Ereignisse der letzten Woche vor Augen, diese schrecklichen Terroranschläge von Brüssel, die Angst, die viele von uns erfasst – und man befürchtet: Es ist ja nur eine Frage der Zeit, dass auch Deutschland noch vom Terror erfasst wird – dann braucht es doch einen festen Halt. Und ich bin so dankbar, dass bei all dem Irrelevanten und manchmal auch Blödsinn, was Zeitungen und Magazine in diesen Tagen über die Osterbotschaft schreiben, eine große Tageszeitung, die Frankfurter Allgemeine (FAZ), auf der Titelseite auf das hingewiesen hat, was wirklich Halt gibt, auf die große Sternstunde der Menschheit, auf die Auferstehung Jesu Christi. Unter einem alten Gemälde, das Christus am Kreuz und die Auferstehung der Toten zeigt, steht nach dem Hinweis auf die Schrecken des Terrors der letzten Woche: “Die christliche Botschaft des Friedens hat es nicht leicht. Jesus ist auferstanden. Warum also sollte heute alles verloren sein? Wir wünschen ein frohes und friedliches Osterfest.”

Wow! Was für klare und mutige Worte einer der führenden Tageszeitungen Deutschlands: “Jesus ist auferstanden.” Punkt. Ohne Wenn und Aber. “Warum also sollte heute alles verloren sein?”

Die Auferstehung Jesu – wahrlich nicht nur eine, sondern die Sternstunde der Menschheit. Die Stunde des hellen Morgensterns!

Und doch – ich glaube, für unser Leben reichte es nicht aus, dass damals diese Sternstunde der Menschheit geschehen ist. Sondern es bleibt die Frage: Kommt es auch zur Sternstunde in unserem Leben?

 

3) Die Sternstunde deines Lebens

Ich bin überzeugt: Wenn wir diesem auferstandenen Jesus begegnen, dann ist das nicht nur eine, sondern die Sternstunde unseres Lebens. Dabei ist das in der Regel nicht so ein spektakuläres, hell leuchtendes Ereignis wie bei Paulus oder jenem erwähnten Terroristen. Und wir hören meist auch nicht solch eine Stimme vom Himmel. Sondern oftmals ein langer Prozess, ein allmähliches Hineinwachsen in den Glauben. Aber egal wie – Hauptsache, wir erleben, dass die Auferstehung Jesu auch für uns erfahrbar wird: Die Sternstunde unseres Lebens. Dass wir selber auferstehen – nicht erst nach dem Tod, sondern auch schon mitten im Leben.

So hat es einer der ganz Großen unter den Komponisten erlebt: Georg Friedrich Händel. Seine Christusbegegnung hat Stefan Zweig auch aufgenommen in seine Sammlung der “Sternstunden der Menschheit” unter der markanten Überschrift: “Georg Friedrich Händels Auferstehung”

Für Händel war dieses 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs, das wir eben gehört haben, der wichtigste Abschnitt im ganzen Neuen Testament. Hier war von der Auferstehung die Rede, die er selber schon ansatzweise in seinem eigenen Leben erlebt hatte. Was war geschehen? Er hatte dem Tod ins Auge geschaut im Jahre 1737, von einem Hirnschlag getroffen, rechtsseitig gelähmt, seelisch am Boden zerstört, ein einziges Wrack – in dieser Situation erlebte er – für den der Glaube bislang keine besondere Rolle spielte – den Auferstandenen, der ihm sein Leben neu schenkte. Der ihm wieder Mut gab weiterzumachen, nicht aufzugeben. Der ihm Genesung schenkte. Aber nach einer wunderbaren schaffensreichen glücklichen Zeit – ein erneuter Niedergang. Er war verarmt und verschuldet, das Publikum wird gleichgültig. Es wird immer düsterer in seinem Sinn. War seinerzeit der halbe Leib gelähmt, so ist es nun – vier Jahre später – seine Seele. Ein verlorener, verzweifelter Mann, müde seiner selbst, irrt er ruhelos durch die Straßen von London. Kennen wir vielleicht auch, solche Situationen: Wo du dich erschöpft, ausgebrannt, am Boden fühlst.

Dann erreicht ihn ein Brief vom Dichter Charles Jennens, der für Händel schon Texte für erfolgreiche Oratorien verfasst hatte. Doch nun war alles anders. Händel zerfetzte den Brief, warf ihn zerknüllt auf den Boden – so schreibt Zweig. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! Und doch – er nimmt das Textheft dann doch zur Hand nimmt – “The Messiah” stand auf dem Titelblatt, dann schlägt er auf. Die ersten Worte, Worte der Bibel “Comfort ye” – “Sei getrost!”. Und während er diese Worte liest, wird sein Herz berührt, und er hört schon die Musik in seinem Innern. Und in dieser Stunde seiner tiefsten Niedergeschlagenheit erlebt Georg Friedrich Händel seine eigene Sternstunde, es entsteht sein größtes Werk: Der Messias. Er erlebt in der Auferstehung Jesu seine eigene Auferstehung. Er liest im Libretto von Jennens die alten Worte der Bibel – aber sie sind nicht alt und tot, sondern neu und lebendig. Es sind Worte des Lebens für ihn: “Der Herde gleich, vom Hirten fern, so irrten wir zerstreut; doch der Ew’ge warf auf ihn unsere Missetat.” Das ist doch meine Situation! Ich irre ziellos umher! Ich brauche den Hirten! “Durch seine Wunden sind wir geheilt.” Danach sehne ich mich doch! Heilung. Und er hat es doch damals geschafft, meinen Leib zu heilen. Wieso sollte er nicht jetzt auch meine Seele heilen?! “Ich weiß. dass mein Erlöser lebet.” Und dann das große Halleluja – ein Dank für die Auferstehung – und für seine eigene Auferstehung. Wie besessen arbeitet er an diesem unvergleichlichen Meisterwerk. Tag und Nacht! Und in nur 3 Wochen schreibt Händel den ganzen Messias.

Jahre später. Auf seinem Sterbebett lässt er sich von seinem Diener das 15. Kapitel des ersten Korintherbriefs vorlesen. Darauf sagt er: “Das war schön! O das ist Speise, die erquickt!”

Seine letzten Worte waren, bevor er zwischen Karfreitag, und Ostersamstag, 14. April, 1759 starb:

“Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Lass mich mit dir sterben – und auferstehen!”

Hören wir nun dieses großartige Stück – eine Sternstunde in der Musik: Das große Halleluja.

Einspielung: Halleluja

Bei der ersten Londoner Aufführung des „Messias“ soll der König von England, Georg II., anwesend gewesen sein. Beim „Halleluja“, bei dieser Sternstunde, so erzählt man sich, habe er sich von seinem Platz erhoben – und der Musik im Stehen gelauscht. Alle im Theater verstanden dieses Zeichen der Ehrfurcht vor dem wirklich großen König, dem Sieger über den Tod, dessen nie endende Herrschaft das Halleluja besingt – und sind ebenfalls aufgestanden.

Ein Hinweis auf den Auferstandenen, den wir anbeten. Dem unser Halleluja gebührt. O Auferstandener! O Morgenstern!

Und – so haben Sie das Wort Ostern vermutlich noch nie ausgesprochen: O-Stern!

Amen.